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Zitatensammlung
Teil 3: Lexikon
Isis
Isis (keilschriftl. Eschtu, kopt. Ese) war ursprünglich wohl die Personifikation des als göttliches Wesen verstandenen Thronsitzes (vgl. Schechinah), Inbegriff der Weisheit (Is-Is), deren Schriftzeichen sie auf ihrem Haupt trägt. Ihr Mythos erzählt, dass sie den toten Bruder und Gatten Osiris gesucht und von ihm den Sohn Horus empfangen hat, ihn danach beerdigt und mit ihrer Schwester Nephthys betrauert hat (vgl. Plutarchos: «De Iside et Osiride»). Später galt jeder Verstorbene als Osiris, weshalb sie ebenfalls die Toten behütet. Als Urthekau (Zauberreiche) fand sie Eingang in die Magie. Ab dem neuen Reich taucht ihr Sonnenaspekt als „Auge des ” auf, aber auch als Herrin des Sirius, obschon griechische Autoren wie Plutarch sie als Mondgöttin interpretierten. In hellenistischer Zeit wurde Isis zudem Patronin der Seefahrer; als Hafengöttin von Alexandria trug sie den Beinamen Pharia. Auch verschmolz sie mit der Erntegöttin Thermuthis (Renenutet). Universell wurden auf sie auch Züge der Liebes- und der Schicksalsgöttin übertragen. Ihr Hauptkultort in ptolemäisch-römischer Zeit lag auf der Nilinsel Philæ.
ABGEBILDET ist sie auf Sarkophagen, wie sie mit ausgebreiteten Flügeln Lebensluft und Schutz spendet. In Gleichsetzung mit der Himmelsgöttin Hathor wurde Isis mit auf dem Haupt getragenen Kuhhörnern samt Sonnenscheibe dargestellt, manchmal mit dem Horuskind auf dem Schoß.
Ihre ATTRIBUTE sind Füllhorn (Fruchtbarkeit) und in hellenistischer Zeit ein Steuerruder.
nach «Lexikon der Götter und Dämonen»
und «Geschichte der religiösen Ideen Bd.1»; S.97ff
Isis Die ägyptische Göttin mit den geflügelten Armen, die erstgeborene Tochter von → Nut, dem sich über alles wölbenden Himmel, und dem kleinen Erdgott Geb, wurde in den Sümpfen des Nils geboren, und zwar am Tag zwischen dem ersten und dem zweiten Jahr der Schöpfung. Von Anfang an blickte Isis mit freundlichen Augen auf die Menschen, lehrte die Frauen, das Korn zu mahlen, Flachs zu spinnen, Kleider zu weben und die Männer so zu zähmen, daß man mit ihnen leben konnte. Die Göttin selbst lebte mit ihrem Bruder Osiris zusammen, dem Gott der Wasser des Nils und der Vegetation, die hervorbricht, sooft der Fluß über seine Ufer tritt. Nachdem der geliebte Bruder von ihrem bösen Bruder Seth (→ Nephthys) getötet worden war, schnitt sich Isis vor Kummer das Haar ab und riß ihre Kleider in Fetzen. Dann machte sie sich auf, um die Leiche ihres Bruders zu suchen.
Schließlich erreichte Isis Phönizien, wo die Königin Astarte die jammervolle Göttin bemitleidete, aber nicht erkannte, und sie als Kindermädchen für den kleinen Prinzen anstellte. Isis wollte für den Knaben besonders gut sorgen und legte ihn deshalb wie ein Holzscheit ins Herdfeuer, wo die entsetzte Mutter ihn glühend fand. Sie holte das Kind aus dem Feuer - und machte so den Zauber der Unsterblichkeit unwirksam, den Isis dem Kind gerade verleihen wollte. (Eine ähnliche Geschichte wird von der trauernden → Demeter erzählt.)
Isis wurde gerufen, um ihre Handlungsweise zu erklären. Sie gab sich als Göttin zu erkennen, und die überraschte Königin verriet ihr, daß Osiris unter der duftenden Tamariske im Garten des Palastes begraben sei. Isis brachte den durch die Wunderkraft des Baumes nicht verwesten Leichnam nach Ägypten zurück, um ihn dort zu begraben. Doch der böse Seth fand den Körper, stahl ihn und zerstückelte ihn.
So begann Isis' Suche von neuem, dieses mal nach einem Dutzend Leichenteilen, die gefunden und wieder zusammengesetzt werden mußten. Die Göttin entdeckte die Arme und Beine, den Kopf und den Rumpf ihres Geliebten, aber sie konnte seinen Penis nicht finden und ersetzte ihn durch ein Stück geformtes Gold. Dann ersann Isis die Kunst des Mumifizierens, die für die Ägypter von nun an eine außerordentlich wichtige Rolle spielen sollte, und vollzog am Körper des Osiris zum ersten Mal das später berühmte Balsamierungsritual. Der Gott erhob sich danach «so lebendig wie das Korn nach der Frühjahrsflut». Durch den goldenen Phallus des wiederbelebten Osiris empfing Isis auf wundersame Weise ein Kind und gebar den Sonnengott Horus.
Von der Zauberin Isis wird noch eine andere Geschichte erzählt: Entschlossen, Macht über alle Götter zu gewinnen, formte sie eine Schlange und schickte sie aus, um Re, den höchsten aller Götter, zu beißen. Krank und immer schwächer werdend, rief er nach Isis, damit diese ihre berühmten Heilkräfte auf diese Wunde anwende. Doch die Göttin behauptete, sie habe nicht die Macht, ihn vom Gift zu reinigen, solange sie nicht den geheimen Namen des Gottes, den Inbegriff seiner Macht, kenne. Re zögerte eine Weile, wobei ihm die letzten Kräfte zu schwinden schienen. Schließlich war er in seiner Verzweiflung bereit, ihr das gewünschte Wort zuzuflüstern. Isis heilte ihn, aber Re hatte ihr dafür bis in alle Ewigkeit seine Macht übergeben. (Ähnliches wird von → Lilith und Jahwe erzählt.)
Als Isis geboren wurde, war der Name der Göttin Au-Set, was «Mehr als Königin» bedeutet oder auch «Geist». Die Griechen veränderten die Aussprache jedoch so, daß das Wort «Isis» herauskam. Unter diesem Namen wurde die Göttin vom Nildelta bis an die Ufer des Rheins bekannt - und verehrt. Wie → Ishtar (von der eine ähnliche Geschichte vom Verlust und der Wiederherstellung des Geliebten überliefert ist) nahm Isis die Persönlichkeiten unbedeutenderer Göttinnen in sich auf, bis sie als die universale Göttin der Ägypter und auch anderer Völker galt, als die personifizierte vollkommene Weiblichkeit, von der andere Göttinnen nur einzelne Aspekte repräsentierten: Sie wurde die «Herrin der zehntausend Namen», deren wahrer Name Isis war; und sie wurde zu Isis Panthea («Isis die All-Göttin»). Sie war der Mond und die Mutter der Sonne; sie war die trauernde Frau und die liebende Schwester, die Kulturbringerin und Spenderin der Gesundheit. Sie war der «Thron» und die «Göttin Fünfzehn». Sie ersetzte → Hathor, die Himmels- und Unterweltsgöttin, Meri, die Göttin des Meeres, Sochit, die für das Korn Sorgende, und verschmolz mit → Sothis zu Isisothis.
Für Millionen Anhänger des Isis-Kults war sie die Göttin, die «Alle Dinge in einem» ist und die versprach: «Ihr sollt meiner Gnade teilhaftig werden und unter meinem Schutz in Herrlichkeit leben. Und wenn ihr die euch zugewiesene Lebensspanne vollendet habt und zur Unterwelt hinabsteigt, werdet ihr mich auch dort leuchten sehen, wie ihr mich jetzt seht ... Und wenn ihr euch meiner Göttlichkeit gehorsam erweist, werde ich - als Einzige, die dies vermag - euch erlauben, euer Leben über die euch vom Schicksal zugewiesene Spanne auszudehnen.»
Die Göttin, die den Tod überwand, um ihren Geliebten wieder ins Leben zurückzurufen, vermochte ebenso leicht den Tod von ihren aufrichtigen Gefolgsleuten fernzuhalten. Nur eine unter den ägyptischen Gottheiten, die allmächtige Isis, konnte sich rühmen: «Ich werde das Schicksal überwinden.»
Siehe auch → Kybele.
aus «Lexikon der Göttinnen»; S.141ff