zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 3: Lexikon
Demeter
Deméter Δημήτηρ (Kurzform Déo, lat. Ceres), Tochter der 'Ρεία (Rheía) und des Κρόνος (Krónos), ist die altgriechische Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin. Ihr Beiname Μέλισσα (Mélíssa ~ Biene) weist auf die nährende, mütterliche Funktion. Die homerische Hymne berichtet, dass sie auf der neuntägigen Suche nach Persephóne, ihrer vom Unterweltsgott entführten Tochter, in Attika freundlich aufgenommen wurde; dafür lehrte sie den Königssohn Τριπτόλημος (Triptólemos) das Feldbestellen. In Megara und in Selinus wurde die Göttin als Μαλόφορος (Malóphoros ~ Apfeltragende) angebetet. Hesiod erzählte, dass sie mit Ιάσιον (Iásion), dem ersten Sämann, Πλούτος (Plútos) zeugte, den Gott des Reichtums und Inbegriff aller Erdengaben. Ihr Beiname Θησμόφορος (Thesmóphoros ~ Trägerin der Satzung) bezog sich zunächst auf die gesetzte Ordnung im häuslichen und damit ehelichen Leben. Bei den Thesmophorien, ihrem nur für Frauen offenen Hauptfest, überwog jedoch der Fruchtbarkeitscharakter; dabei wurden Pinienzapfen (in phallischer Bedeutung), Schlangen und sogar lebendige Ferkel zur Förderung der irdischen Wachstumskräfte in die Demeter-Höhle geworfen. Ihre berühmten initiatischen Mysterien zu Eleusis wurden allerdings in einem nur verschwiegenen Eingeweihten zugänglichen Kultraum abgehalten.
ABGEBILDET ist sie oft auf einem Thron.
Ihre ATTRIBUTE sind Zepter, Diadem und ein Bündel Ähren oder Mohn.
nach «Lexikon der Götter und Dämonen»
und «Geschichte der religiösen Ideen Bd.1»; S.268ff
Demeter Das Wesen dieser großen griechischen Göttin, Tochter der → Rheia, kommt in dem psychologisch interessanten Verhältnis zu ihrer eigenen Tocher → Persephone zum Ausdruck: Als diese plötzlich verschwunden war - geraubt von Hades, dem Gott der Unterwelt -, durchsuchte Demeter wehklagend immer wieder die Felder und rief nach ihrer Tochter, die ihr so nahestand wie ihr eigenes Selbst; denn sie empfand Persephone als Abbild ihrer eigenen Kindheit und Jugend. Nervös packte Demeter ihren blaugrünen Umhang und zerpflückte ihn in Gedanken in kleine Stücke, die sie als Kornblumen im Gras verteilte. Aber die Blumen und das Gras verblaßten bald. Demeter war die Quelle allen Wachstums, doch in ihrer Trauer entzog die Göttin den Pflanzen alle Energie, und diese begannen zu welken. Auf diese Weise, heißt es, habe sich Demeter in Gestalt der Chloe («Die Grüne»), der glücklichen grünen Erde, zum ersten Mal in die goldgelbe, herbstliche Demeter verwandelt.
Die Göttin wanderte über die sterbende Erde, bis sie zu einer Stadt in der Nähe von Athen kam. Dort nahm sie eine Arbeit als Kindermädchen bei → Metaneira, der Königin von Eleusis, an, deren Sohn Triptolemos sie unsterblich machen wollte, indem sie ihn wie ein Scheit im Kamin räucherte (siehe dazu auch → Isis). Als die vor Wut rasende Königin sie fand, gab sich die verkleidete Göttin zu erkennen. Demeter blieb aber dennoch in Eleusis, wo sie oft traurig an einem Brunnen saß und um den Verlust ihrer geliebten Tochter weinte.
Eines Tages sah → Baubo (oder → Iambe), die Tochter der Königin, die traurige Göttin am Brunnen und versuchte sie zu trösten. Demeter war nicht zugänglich für ihre tröstenden Worte, und so, um die Göttin zum Lächeln zu bringen, entblößte Baubo obszön ihre Scheide [vgl. Sheila-na-Gig]. Überrascht kicherte Demeter. Es war das erste Lachen seit langem, das die hungernde Erde von der Göttin hörte. Kurz danach wurde Persephone der Mutter zurückgegeben, und sogleich kehrten Frühling und Wachstum wieder zurück. Als Dank für die Gastfreundschaft der Eleusinier lehrte Demeter den Prinzen Triptolemos die Kunst der Landwirtschaft und begründete danach ihre geheimnisvollen Riten in Eleusis.
Diese Mythe über die traurige Demeter ist offensichtlich eine Erklärung für die Entstehung und den Wandel der Jahreszeiten. Sie enthält außerdem ein wunderbar zartes Urbild des Bandes zwischen Müttern und Töchtern und stellt eine Variante dar zu jener im östlichen Mittelmeerraum verbreiteten Sage, die erklärt, wie die Erde ihr eigenes grünes Wachstum liebt und verschlingt (siehe → Ishtar und → Kybele).
Andererseits war Persephone, die Symbolgestalt der Erde zur Frühlingszeit, in Wirklichkeit nur eine andere Erscheinung der Demeter selbst. In Sizilien war die Identität von Demeter und Persephone offizielle Lehre, man nannte sie zusammen Damatres («Mütter»), und sie wurden auf Bildnissen wie Zwillinge dargestellt. Doch die verbreitetste Form der großen Demeter war eher eine Dreiheit statt eines Göttinnenpaares, und viele Gelehrte haben die berühmten Demeter-Mythen durchforscht in der Hoffnung, den dritten Teil dieser weiblichen Triade zu finden, nämlich die Wintererde, das alte Weib oder die überwinternde Saat. Vermutungen haben sich auf → Hekate konzentriert, die von den in Frage kommenden Göttinnen diejenige ist, deren Erscheinung einem alten Weib am nächsten kommt. Darüber hinaus erscheint sie in wichtigen Augenblicken der Demeter-Geschichte: Beispielsweise war sie die einzige Zeugin bei Persephones Verschwinden. Da der allwissenden Erde Demeter kaum Geschehnisse auf ihrem Antlitz entgehen konnten, sieht es so aus, als wäre Hekate ein Aspekt von Demeter, der «Erdmutter», in ihren düsteren Tagen.
Aber «Erdmutter» ist nur eine der möglichen Bedeutungen von Demeters Namen. Der zweite Teil des Wortes bedeutet unstreitig mater («Mutter»), doch der erste kann ebenso mit «Getreide» übersetzt werden wie mit «Erde», was sie statt zur Göttin der Erdoberfläche nur zur Göttin der kultivierten, nahrungsspendenden Pflanzen machen würde, vergleichbar mit der römischen → Ceres. Falls mit Demeter wirklich die Mutter der Erde gemeint war, wäre sie eine andere Ausprägung der → Gaia, das heißt, dem mythologischen Stammbaum nach, ihrer eigenen Großmutter. Ob Demeter nun die ganze Erde symbolisierte oder nur die der Ernährung von Menschen und Tieren dienenden Pflanzen - auf jeden Fall wurde Demeter mit feuerlosen Opfern verehrt, denn sie forderte alle Gaben in ihrem natürlichen Zustand. Honigwaben, ungesponnene Wolle, ungepreßte Trauben und ungekochtes Getreide wurden auf ihre Altäre gelegt. Gaben wie Wein, Met, Kuchen und Tuch waren nichts für sie, denn Demeter vertrat allein das Prinzip der natürlichen Gaben und nicht das der weiterverarbeitenden Produktion.
Die größte Feier ihr - und gleichzeitig Persephone - zu Ehren fand in Eleusis statt, wo die Griechen jährlich geheime Zeremonien abhielten, Eleusinische Mysterien genannt. Bei den drei Tage währenden Feiern ahmten die mystai, besonders erfahrene Anhänger des Demeter-Kults, und deren Eleven die suchende Demeter nach und brachen in Jubel aus, wenn die Göttin endlich wieder mit ihrer Tochter vereint war. In diesem Mysterienspiel verkörperten die Mitwirkenden zuerst Demeter Erynes («Die Wütende»), aufgebracht und traurig über den Verlust von Persephone. Dann spielten sie die Rolle der glücklichen Demeter Louisa («Die Liebenswürdige»), die durch die Wiedervereinigung verwandelte Mutter. An anderen Orten und zu anderen Zeiten trug Demeter andere Beinamen: → Anesidora («Die Gaben Heraufsendende»), → Chamaine («Boden»), → Hippia («Pferdeköpfige»), Kidaria («Maske») und schließlich Thesmophoros («Gesetzgeberin»), die mächtige Befehlshaberin der Jahreszeiten wie auch des menschlichen Lebens (→ Megäre).
aus «Lexikon der Göttinnen»; S.74ff
Dâ war ein uralter Name für Ga, Gaia. De-meter oder Da-mater trug wahrscheinlich in ihrer Eigenschaft als «Erd-Mutter» diesen Namen, und in derselben Eigenschaft hatte sie Poseidon zum Gatten. Beide Gottheiten standen einer bestimmten Form des Lebens in Griechenland und seinen Produkten nahe, und nahe auch den Gegebenheiten, die jene Lebensform beherrschten und zum Teil auch hervorgebracht hatten: die Göttin dem Korn - [...] - der Gott dem Roß, seitdem es in Griechenland gezüchtet wurde. In ihrer hochzeitlichen Verbindung mit Zeus war Demeter eher das Alterego der Großen Mutter Rhea, die mit ihrem eigenen Sohn die Persephone zeugte und in ihr sich wiedergebar - ein Mysterium, von dem nicht viel offen erzählt wurde -; in der Verbindung mit Poseidon war sie die Pflanzen und Tiere gebärende Erde und konnte daher auch die Gestalt einer Kornähre oder einer Stute annehmen.
aus KERÉNYI, K.: «Die Mythologie der Griechen»; S.181f