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Merkblatt-
Beilage 26:
Der Januskopf des Darwinismus
Andreas Suchantke
Rudolf Steiner erfasst unmittelbar die Bedeutung von Darwins [a] epochaler Tat, der Idee der Evolution zum Durchbruch zu verhelfen. Ein bisher geschlossenes Tor wird geöffnet, wodurch Steiner Freiräume für seine eigene Forschung sieht. Diese hat mit Darwinismus nichts mehr zu tun, umso mehr, als Darwin Entwicklungen der frühindustriellen Gesellschaft auf die Biologie überträgt: ‹der Kampf ums Dasein› wird zum unausrottbaren Synonym für Evolution - und doch verbaut er den Zugang zu ihrer Wirklichkeit.
Für viele ist immer noch unverständlich, wie sich Rudolf Steiner für den ‹platten› Materialismus eines Darwin oder Haeckel seinerzeit so enthusiastisch einsetzen konnte! Sie verkennen dabei, dass Darwin eine kulturgeschichtliche Tat ersten Ranges vollbrachte: er stürzte das seit alters her unhinterfragt selbstverständliche Weltbild einer einmaligen unveränderlichen göttlichen Schöpfung, in dem es für ‹Entwicklung›, das heißt ‹Veränderung›, keinen Platz gab - das wäre schließlich Blasphemie gewesen, als wollte man behaupten, am Anfang wäre die Schöpfung noch unvollkommen und der Schöpfer lerne allmählich hinzu! Und nun wurde plötzlich dieser Stillstand aufgebrochen und behauptet, die Welt - der Kosmos, die Natur und vor allem der Mensch - habe sich aus früheren (und einfacheren) Zusammenhängen allmählich zu höheren entwickelt und entwickle sich weiter!
Steiner - ein begeisterter Darwinist?
Das aber ist eine tiefgreifende Revolution und Erschütterung alles Hergebrachten, was von den damaligen - und heutigen - Gegnern sofort erkannt wird: es ist nicht mehr der göttliche Schöpfer, der den Fortgang der Welt, der Menschheit, der Natur in der Hand hat, sondern der in seine grandiose (und schreckliche) Freiheit entlassene Mensch!
Rudolf Steiner erfasst sofort die Bedeutung des Evolutionsgedankens, genauer: der Bewusstwerdung des Evolutionsgedankens und der damit verbundenen Möglichkeit seiner Lenkung - durch den Menschen. Der Mensch als Demiurg![b] Und er erkennt die welthistorische Bedeutung Darwins als desjenigen, der diese Tür geöffnet hat! Und wird sofort zum begeisterten Darwinisten: «Ich empfinde ein Höheres, Herrlicheres, wenn ich die Offenbarungen der ‹Natürlichen Schöpfungsgeschichte› [Haeckels, des Propageten Darwins im deutschen Sprachraum] auf mich wirken lasse, als wenn die übernatürlichen Wundergeschichten der Glaubensbekenntnisse auf mich eindringen. Ich kenne in keinem ‹heiligen› Buche etwas, das so Erhabenes mir enthüllt, wie die ‹nüchterne› Tatsache, dass jeder Menschenkeim im Mutterleibe aufeinander folgend in Kürze diejenigen Tierformen wiederholt, die seine tierischen Vorfahren durchgemacht haben. Erfüllen wir unser Gemüt mit der Herrlichkeit der Tatsachen, die unsere Sinne schauen, dann werden wir wenig übrig haben für die ‹Wunder›, die nicht im Kreislaufe der Natur liegen. Erleben wir den Geist in uns, dann brauchen wir keinen draußen in der Natur.»¹
Erstaunlich, wie Steiner hier in die Haut des Drachen schlüpft und im Darwinismus buchstäblich untertaucht! Das aber ist gerade die bewusst aufgesuchte entscheidende Erfahrung: die Gedanken nicht von außen kritisch registrieren, sondern innerlich mitvollziehen, im eigenen Denken selbst erfahren: «Studieren Sie heute [...] den Haeckelismus mit all seinem Materialismus [...] und lassen Sie sich durchdringen von dem, was Erkenntnismethoden sind nach ‹Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?›[c]: Was Sie in Haeckels ‹Anthropogenie› über die menschlichen Vorfahren in einer Sie vielleicht abstoßenden Weise lernen, lernen Sie es in dieser abstoßenden Weise, lernen Sie alles dasjenige darüber, was man durch äußere Naturwissenschaft lernen kann, und tragen Sie das dann den Göttern entgegen, und Sie bekommen dasjenige, was in meinem Buche ‹Geheimwissenschaft›[d] über die Evolution erzählt ist.»²
Darwins Einfluss auf die Kulturentwicklung
Geht man solcherart offen auf Darwins Gedanken ein, dann zeigen sich bei diesem Forscher in krasser Widersprüchlichkeit zwei in höchstem Maße gegensätzliche und letztlich unvereinbare Seiten. Zeugt die eine von gründlichster und lebenslanger Erfahrung auf der Basis eines genialen Beobachtungsvermögens, so gründet die andere, gänzlich unwissenschaftlich und naiv rein assoziativ auf der Übernahme sachfremder Begriffe aus gänzlich anderen Bereichen, wie beispielsweise der ‹Kampf ums Dasein›. Wir werden darauf zurückkommen.
Die Lebenszeit Darwins fällt noch voll hinein in die Phase der großen Entdeckungen der Welt und ihrer naturkundlichen Wunder und Reichtümer, geprägt von Namen wie Alexander von Humboldt [e], Spix und Martius und vielen anderen. Zunächst war es das Verlangen, alles kennen zu lernen und zu katalogisieren (Linné![f]), und erst allmählich tauchte das Bedürfnis auf, verstehend einzudringen in die unerhört komplexen Beziehungen der Lebewesen untereinander - der Blüten und ihrer Bestäuber, der Reaktionen der Pflanzenwelt auf unterschiedliche klimatische Bedingungen und so fort.
Darwin war sein ganzes Leben erfüllt vom Wissensdurst des geborenen Forschers, von Fragen, die ihn beispielsweise dazu brachten, die Lebensweise der Regenwürmer durch intensives Beobachten und Experimentieren zu erforschen und dabei deren fundamentale Bedeutung für die Bodenfruchtbarkeit zu entdecken (1881 niedergelegt in dem Werk ‹Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer›, das noch heute unvermindert aktuell ist und in die Hand jedes Landwirtes und Lehrers gehört!). Alle diese und viele andere Fragen erhielten durch die fünfjährige Weltreise, zu der Darwin eingeladen wurde und die ihn zu den wichtigsten ‹hot spots› biologischer (und geologischer) Vielfalt führten, immer neue Nahrung und drängten allesamt in eine bestimmte Richtung: Wie hat es zur Bildung all der unglaublichen, vielfältigen Anpassungen an die jeweiligen höchst unterschiedlichen Lebensbedingungen kommen können?
Eine uns heute selbstverständliche Fragestellung der Entwicklung, für die die damalige Zeit jedoch, die auf dem Boden einer einmaligen Erschaffung der Welt und aller ihrer Bewohner durch einen aller menschlichen Intelligenz weit überlegenen Schöpfer stand, überflüssige und ketzerische (und die eigene gesellschaftliche Stellung gefährdende!) Haltung. Mit Fragen solcher Art, den Menschen und die gesamte Schöpfung betreffend, mit Fragen grundsätzlicher existenzieller Natur brach ein neues Zeitalter jenseits aller Autoritäten und Dogmen an. Und es war Darwin, der die Tür öffnete. Damit wurde er, so erstaunlich das klingen mag, zu einer der einflussreichsten Gestalten der Kulturgeschichte, besser - der Kulturentwicklung!
Verhängnisvoller ‹Kampf ums Dasein›
Über Jahre beschäftigte er sich mit der Frage nach den bewirkenden Faktoren der Evolution, dem Entstehen und der Umbildung der Arten. Dabei kamen ihm Erfahrungen zugute, die er ebenso bei seinen akribischen Beobachtungen der heimischen Pflanzenwelt wie bei seinen Experimenten mit Kulturpflanzen machte. Ein Ergebnis kehrte dabei immer wieder: Keine zwei Exemplare einer Art gleichen sich in allen Details, irgendwelche individuellen Abweichungen gibt es immer, und viele erweisen sich als weiter vererbbar! Diese auszulesen, zu vermehren und durch weitere Selektion wenn möglich zu verstärken, war ja seit alters her das Ziel aller Züchter.
Und in der Natur - wer züchtet da? Offensichtlich zunächst der Zufall! Wer oder was entscheidet darüber, welche Variante (heute: Mutante) überlebt und sich durchsetzt?
Darwin war so lange ratlos, bis ihm ein in seiner Zeit berühmtes Buch in die Hände geriet, das genau diese Frage zu beantworten schien, allerdings nicht aufgrund von Beobachtungen in der Natur, sondern der menschlichen Gesellschaft: ‹An Essay on the Principles of Population›.³ Das Werk, das mit der Sphäre der Natur nicht das Geringste zu tun hatte, war längst zu einer ‹Bibel› des englischen Frühkapitalismus geworden, weil es sich mit der Frage beschäftigte, wohin das zunehmende Wachstum der Weltbevölkerung zwangsläufig führen müsste - ein zunehmend erbitterter ‹Kampf ums Dasein› würde sich abspielen, in dem sich dann die Tüchtigsten und Stärksten durchsetzten! Dieses Werk, das gewissermaßen die Legitimation der antisozialen Phase der modernen Kulturentwicklung darstellte und nicht nur den Sozialdarwinismus rechtfertigte, sondern als Antwort auch dem Marxisten den (theoretischen) Boden bereitete, wies nun Darwin in die entscheidende Richtung: «Oktober 1838 las ich zur Entspannung das Buch von Thomas Robert Malthus ‹An Essay on the Principles of Population› und, gut darauf vorbereitet, den [Begriff des] ‹Kampf ums Dasein› zu akzeptieren, überzeugte es mich, dass unter diesen Umständen begünstigte Arten erhalten blieben und weniger begünstigte ausgerottet würden. [...] Damit hatte ich endlich eine Theorie, mit der ich arbeiten konnte!»⁴
Folgerungen
Damit gibt Darwín offen zu, dass die von ihm als entscheidend angesehenen Evolutionsfaktoren gar nicht aus Beobachtungen der Natur stammen, sondern unreflektiert aus der menschlichen Sozial- und Zivilisationssphäre auf die Natur übertragen werden.[g] Seine Theorie, so sagt er ganz offen, sei «die Doktrin von Malthus, angewendet auf das Tier- und Pflanzenreich».⁵
Es ist nun erstaunlich zu sehen, wie der Un-Begriff des Kampfes ums Dasein zum Schlagwort wird, das bis heute unausrottbar jede Erwähnung der Evolution begleitet - taucht irgendwo der Begriff der Evolution auf, ist sofort der ‹Kampf ums Dasein› da -, obwohl er damit nicht das Geringste zu tun hat! Der unerbittliche Kampf, der sich überall abspielen soll - Nonsens! Die Raubtiere als ‹Feinde› - welch ein Unsinn! - ihrer Beutetiere, obwohl sie in Wirklichkeit, wie längst allbekannt, deren Regulatoren sind, die bei ihrer Ausrottung durch den (jagenden) Menschen ersetzt werden müssen. Die zunehmende Gewissheit, dass Symbiosen eine grundlegende evolutionsermöglichende Rolle spielen - Pilze und Baumwurzeln, Chloroplasten als (unterzellige) Symbionten in Zellen, die damit die Evolution des Pflanzenreiches ermöglichen und so weiter. Der anthropomorphe [h], aus einer zeitbedingten, besonders antisozialen historischen Situation abgeleitete Un-Begriff des ‹Kampfes ums Dasein› sollte dringend aus jeder Evolutionsdiskussion verschwinden - besonders aus den Schulen, mit Ausnahme der obersten Klassen, in denen er wegen seiner historischen Bedingtheit natürlich diskutiert werden muss.
Was bleibt?
Im Menschen individualisiert sich die Evolution und erwacht zum Bewusstsein ihrer selbst. Sie ist damit nicht mehr auf biologischer Ebene wirksames erbliches Gruppenmerkmal der jeweiligen Arten (Spezies), sondern wird individuell erreichbare aktive Leistung des Ich. Folge: Kontinuität des evolutiven Impulses findet sich nicht mehr in der physischen Leiblichkeit des Artkollektivs, sondern des geistigen Wesenkernes des Individuums im Durchgang durch die Inkarnationen.[i] Davon betroffen ist auch die außermenschliche Natur, die nun den individuellen Ich-Impulsen (oder kollektiven Abirrungen davon) des Menschen erwartungsoffen (und schutzlos) ausgeliefert ist.
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¹ Rudolf Steiner (1901): Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung (GA 7).
² Rudolf Steiner (1924): Mysterienstätten des Mittelalters (GA 233a).
³ Thomas R. Malthus (1798): An Essay on the Principles of Population.
⁴ Charles Darwin (1887): Life and Letters of Darwin.
⁵ Charles Darwin (1859): The Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favored Races in the Struggle for Life (Erstauflage).
in »das Goetheanum« 5/2009; S.11f
Nicht Selektion, sondern Opfer
Johannes Wirz
Nur ein Jahr später [1912] nimmt Steiner auch für das Prinzip der Selektion [k] eine geisteswissenschaftliche Umdeutung vor. Unter dem Titel »Was ist der Sinn des Lebens?« spricht er über die unendlich vielen Pflanzen- und Tierkeime, die nie zur vollen Entfaltung kommen, ja, nicht kommen dürfen.¹³ Es braucht kein allzu großes Vorstellungsvermögen, um sich auszumalen, was geschehen würde, wenn alle Weizenkörner einer Ernte oder alle Eier im Froschlaich sich Jahr für Jahr zu ausgewachsenen Pflanzen oder geschlechtsreifen Tieren entwickeln würden. Innert kürzester Zeit gäbe es auf der Erde keinen Platz mehr für andere Lebewesen. Das Leben müsste ersterben und die Evolution zum Stillstand kommen.
¹³ Rudolf Steiner: Über den Sinn des Lebens, Vortrag vom 24.5.1912, in: Christus und die menschliche Seele (GA 155), Donach 1994, S.35ff.
Die Vernichtung der vielen Lebenskeime ist aus spiritueller Sicht nicht die Folge des Kampfs ums Dasein, sondern Opfer. Es schafft die Grundlage für die Entwicklung anderer Lebewesen auf der Erde und stellt mit dem geistigen Potenzial, das die nicht ausgeschöpften Bildekräfte [l] der Keime bilden, »Nahrung« für andere geistige Wesen bereit. Offensichtlich gibt es, wie beim zweifachen Ursprung des Menschen in der Evolution, eine Parallele einer spirituellen zu einer materiellen »Ökologie« - ohne Überfluss kein Leben weder in der Sinnes- noch in der Geisteswelt.
in »die Drei« 2/2009; S.54f
Unsere Anmerkungen
a] Charles Robert Darwin war von Kindheit an lebhaft an der Natur interessiert, nicht aber an Philosophie. Deshalb muss seine Ideenwelt vom pseudophilosophischen Darwinismus unterschieden werden. Im Alter zeigte Darwin sich als Agnostiker, nicht jedoch als Atheist.
b] Der Demiurg gilt der Gnosis als Baumeister des Kosmos.
c] GA 10
d] GA 13
e] Humboldt war weltreisender Naturforscher.
f] Carl v.Linné hat als Botaniker die Nomenklatur biologischer Arten erfunden.
g] „Unabhängig voneinander übertrugen Darwin und Wallace Malthus' Überbevölkerungslogik auf die Natur, wo demnach ein »Kampf ums Dasein« (struggle for existence) herrsche. (Darwin verwendete dafür auch den Ausdruck struggle for life). »Dieser Begriff ist durch einen bis heute nicht korrigierten Übersetzungsfehler falsch interpretiert worden«, erklärt [der Kasseler Evolutionsbiologe Ulrich] Kutschera. Der Daseinswettbewerb - so die treffendere Übersetzung - bezieht sich demnach vor allem auf den Fortpflanzungserfolg der einzelnen Individuen im Vergleich zueinander in ein- und derselben Population.” Christoph Marty in »Spektrum der Wissenschaft« 2/2009; S.51 - siehe auch MblB.E: Anm.54, KÜHLEWIND, G.: «Vom Normalen zum Gesunden»; S.83f u. M.SPRINGER in »Spektrum der Wissenschaft« 9/2012; S.53f
h] vgl. »TzN Jän.2009«
i] vgl. Mbl.8
k] „Ed[ward O.Wilson] und ich sind uns einig, dass eine reine Gen-Perspektive der Evolution nicht reicht, um die Entstehung der komplexen Organisationen der hoch entwickelten Ameisensozietäten zu verstehen. Unsere »Multilevel Selection Theory« ist dafür der bessere Ansatz. Das heißt aber nicht, dass die Gen-Perspektive, die vor allem der Verwandtenselektion zu Grunde liegt, falsch ist. Mathematisch kann man beide Theorien ineinander überführen.” Bert Hölldobler in »Spektrum der Wissenschaft« 3/2009; S.52 - siehe auch MblB.35
„In dem Artikel [„Missverständnisse um Darwin” 2/2009] wird das Prinzip der Selektion als die Hauptkraft der Evolution bezeichnet. Eine Hauptkraft ist sie sicher; selektieren kann die Umwelt aber nur zwischen bereits vorliegenden Varianten, die innerhalb einer Spezies durch Mutation entstehen. Zur Erklärung der Evolution braucht man also zwei Prinzipien oder Kräfte, die Mutation und die Selektion, die in ihrem antagonistischen Zusammenspiel gleichwertig als Motor [Antrieb] der Evolution wirken. Mutation ist die schöpferische Fantasie, die die Ideen liefert, und Selektion das rationale Prinzip, nach dem die Umwelt aus diesen Ideen wählt. Wo keine Ideen, da gibt es auch nichts auszuwählen; wo keine Mutation, da auch keine Selektion.” Leserbrief von Dr.Gunter Berauer, München, in »Spektrum der Wissenschaft« 5/2009; S.8
l] vgl. Mbl.6: Anm.)))