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Zitatensammlung
Teil 3: Lexikon
Gnosis
Die späthellenistische Gnosis (γνῶσις ~ Erkenntnis) teilte sich in den rigideren iranischen Typus und den subtileren syrisch-ägyptischen. Dem Mazdaismus entspringend setzte der erste voraus, dass sich etwas Licht in die Finsternis gemischt habe, woraus die Schöpfung entstanden sei. Der zweite wiederum hielt den Kosmos für von widergöttlichen Dämonen oder einem demiurgós (δημιουργός ~ Weltbaumeister; in Platons «Timaios» mit verzerrten Zügen des biblischen Jehowah) geschaffen. Beide Typen vertraten im Wesentlichen die folgenden streng dualistischen Grundlehren.
Anthropologisch: Der ánthropos (ἄνϑρωπος ~ Mensch) ist ausserweltlichen (akosmischen) sowie weltlichen (kosmischen) Ursprungs und besteht aus sárx (σάρξ ~ Fleisch), psýche (ψύχη ~ Seele) und pneúma (πνεύμα ~ Geist). Sárx ist das Werk kosmischer Mächte, den sie nach einem archétypos (ἀρχέτυπος ~ Urbild) formen und dem sie je nach ihrer Sphärenart Triebe, Leidenschaften und Sehnsüchte als seine psýche einhauchen, wodurch der Mensch der heimarméne (εἱμαρμένη ~ bis ins Naturgesetzliche universelles Schicksal) unterworfen ist. Das akosmische pneúma findet sich in der psýche als ein Funken oder Lichtteil eingeschlossen. Wie der ánthropos von den makrokosmischen Sphären umhüllt wird, so das pneúma von den mikrokosmischen Schichten der psýche. Deshalb ist es im unerlösten Zustand seiner selbst unbewusst, berauscht durchs Weltengift. Gnõsis erweckt und befreit es nach und nach aus seiner Unwissenheit.
Eschatologisch: Ebenso xénon (ξένον ~ fremd), wie die transzendente Gottheit dem Kosmos ist, erfährt sich das pneumatische Selbst auf Erden. Gnostisches Streben zielt auf die Befreiung des „inneren Menschen” aus der Versklavung durch die dunklen Welt(en) und dessen Rückkehr ins angestammte Lichtreich. Eine valentinianische Wendung drückt dies so aus: „Was Befreiung bringt, ist die Erkenntnis, wer wir waren, was wir wurden; wo wir waren, wohinein wir geworfen wurden; wohin wir eilen, woraus wir erlöst werden; was Geburt ist, was Wiedergeburt”*.
Kosmologisch: Der kósmos (κόσμος ~ Universum) gleicht einem Gefängnis, dessen innerstes Verliess die Erde darstellt, welche schalenartig von den Planeten- und Sternensphären umschlosssen wird. Die verschiedenen Angaben zu deren Anzahl (8 bis 365) ergeben sich aus den verschiedenen Einschätzungen der Entfernung und Entfremdung von der schöpfungsunabhängigen Gottheit. Ihre jeweilige räumliche wie zeitliche Dimension ist das Aion. Jede Sphäre wird von einem archón (ἀρχόν ~ kosmisches Herrscherwesen) das mittelbar von der Gottheit abstammen mag, regiert; bezeichnenderweise tragen sie überwiegend hebräische Gottesnamen. Deren tyrannische Weltherrschaft drückt sich in der heimarméne aus. Jeder Sphärenarchón ist bestrebt, der psýche eines verstorbenen Menschen den Durchzug zu verwehren und ihre Rückkehr zur Gottheit zu verhindern.
Theologisch: Die eigentliche Gottheit in ihrem lichten pléroma (πλήρωμα ~ Fülle) ist grundsätzlich ausserweltlich, ihr Wesen dem Universum fremd gleich einer Antithese. Die Welten (oder Welt) wurden weder von ihr erschaffen, noch werden sie von ihr regiert. Vielmehr wurden sie von den archóntes geschaffen, um darin alles von der Gottheit fernzuhalten und deren Erkenntnis zu verhindern, wodurch jene verborgen (lat. abscondita) bleibt. Wahre gnõsis kann über sie kaum anders als in negativen Begriffen sprechen.
Gnostische Lehren flossen in die häretischen Systeme des Juden- und Christentums wie auch des Islam ein. Allerdings wurde der Begriff „Gnosis” im Laufe der Entwicklung unterschiedlich gebraucht. Rudolf Steiner etwa verwendet ihn meist im Sinne von „Geisteswissenschaft” (zum Beispiel in MblB.33) oder „höhere Erkenntnis”.
nach «Gnosis»
*) «Excerpta ex Theodoto» 78,2