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Merkblatt-
Beilage 35:
Die Biologie der Freiheit
Zur Entstehung von Autonomie in der Evolution
Bernd Rosslenbroich
Kann es sein, dass der Mensch schon durch seine biologische Organisation auf die Fähigkeit zur Freiheit ausgerichtet ist? Dieser Frage geht Bernd Rosslenbroich, Evolutionsbiologe an der Universität Witten/Herdecke, nach und entdeckt dabei einen Trend zu immer mehr Autonomie in der organischen Evolution bis hin zum Menschen. Besonders eindrücklich zeigt sich dieser Trend in der Entstehung der Möglichkeit zum freien Spiel bei Säugetieren und Vögeln. Seine »Krönung« findet er in den biologischen Voraussetzungen für die Ausbildung der kulturellen Fähigkeiten des Menschen. Rosslenbroich kommt zu dem Schluss, dass unsere Natur nicht determinierend, sondern ermöglichend ist. – In einem Ausblick knüpft er die Biologie der Freiheit an die »Philosophie der Freiheit« Rudolf Steiners an.
Die Frage nach der Freiheit beschäftigt den Menschen schon lange. Sie lässt sich bis weit in die Geschichte von Philosophie und Naturwissenschaft zurückverfolgen. Dabei wird der Begriff Freiheit sehr unterschiedlich gebraucht. So kann Freiheit verstanden werden als die Möglichkeit zur Selbstbestimmung unabhängig vom Willen eines Anderen. Oder auch als Möglichkeit, bestimmte Handlungen aus einem Spektrum von Optionen seinem eigenen Wunsch gemäß umsetzen zu können. In wieder anderem Sinne besteht Freiheit darin, dass wir unseren eigenen Willen selbständig formen und dass wir bei dieser Herausbildung unseres eigenen Willens nicht festgelegt sind.
In den letzten Jahren hat in Deutschland eine umfangreiche Debatte stattgefunden, in der es insbesondere um die sogenannte Willensfreiheit ging. Die Frage war, ob unser handlungsleitender Wille und unsere Entscheidungsfähigkeit durch bestimmte organische Prozesse festgelegt ist oder ob wir unser Handeln weitgehend unabhängig und selbstgeführt bestimmen können. Herausgefordert wurde die Debatte durch Stellungnahmen einiger Neurowissenschaftler zu Forschungsergebnissen, die eine naturgesetzliche Determiniertheit des Verhaltens belegen sollen. Die molekularen Funktionen der Neurone würden letztlich unser Verhalten leiten und lediglich die Illusion eines freien Willens hervorbringen. Dem traten vor allem Philosophen vehement entgegen und argumentierten umfangreich für eine selbstverständlich dem Menschen zukommende Freiheitsfähigkeit.¹ Obwohl viele Naturwissenschaftler durchaus nicht so einseitige Schlüsse zogen wie etwa Gerhard Roth (2001, 2003) und Wolf Singer (2003) und feststellten, dass auch die neueren Einsichten der Biologie durchaus nicht der Möglichkeit einer Freiheitsfähigkeit widersprechen,² schienen die Fronten dieser auch in den Feuilletons der großen Zeitungen geführten Debatte einigermaßen klar zu verlaufen: Die Naturwissenschaftler gehen aufgrund der biologischen Organisation des Menschen eher von einer Determiniertheit seines Handelns aus, während es mehr in die Domäne der Philosophen fiel, die Freiheitsfähigkeit des Menschen zu verteidigen.
¹ Z. B. Geyer 2004, Janich 2008, Nida-Rümelin 2005; vgl. das alphabetische Literaturverzeichnis am Schluss
des Artikels.
² Z.B. Neuweiler 2008, Heilinger 2007, Damasio 2010, Fuchs 2009, Scheurle 2007, Thompson 2007.
Ein anderes großes Feld der Diskussion um die Freiheitsfähigkeit ist die Frage nach dem genetischen Determinismus. Nach Ansicht vieler Naturwissenschaftler ist der Mensch in seinen Eigenschaften durch seine genetische Veranlagung festgelegt. Dem ist oft widersprochen worden, sowohl von philosophischer als auch von naturwissenschaftlicher Seite.³ Dennoch hat sich diese Auffassung sehr weit durchgesetzt und beeinflusst das Lebensgefühl der Bevölkerung in der westlichen Welt. Obwohl gerade die neuesten Erkenntnisse der Genetik selbst zeigen, dass diese Annahme unhaltbar ist,⁴ hält sie sich hartnäckig und es werden nach wie vor umfangreiche Forschungsprogramme darauf aufgebaut.
³ Lewontin et al. 1988, 1991, 2002, Holdrege 1999, Strohman 1998, 2001, 2002, Wieser 1998.
⁴ Bauer 2008, Jablonka 2005, Spork 2009.
Auch aus der Evolutionsforschung wird versucht, eine Festlegung des Menschen herzuleiten. Die Muster unseres Verhaltens hätten sich aufgrund der Selektionsfaktoren während der Eiszeit entwickelt. Einzelne »Module«, die man postuliert, hätten sich im Konkurrenzkampf bewährt und bestimmten noch heute große Teile unseres Verhaltens. Daher seien wir alle »Fitnessmaximierer«.[a] Populäre Bücher mit Titeln wie »Mammutjäger in der Metro« verbreiten diese Behauptungen der Evolutionären Psychologie in der Bevölkerung. Sie verschweigen dabei aber, dass diese These auch innerhalb der Naturwissenschaft hoch umstritten ist.
Hier sei nur kurz angemerkt, wie sehr viele der beteiligten Autoren aus ihrer jeweiligen Perspektive heraus argumentieren. Manche der Naturwissenschaftler scheinen die Ideengeschichte dieser Debatten nicht zu kennen, die bis ins alte Griechenland zurückreicht. Außerdem bemerken sie nicht, dass sie eine bestimmte Weltsicht voraussetzen, die in methodischer Hinsicht zwar für ihre Wissenschaft einen Wert haben kann, aber nicht ohne Weiteres auf das gesamte Verständnis von Natur und Mensch anwendbar ist. Auf der anderen Seite scheinen viele Philosophen die naturwissenschaftlichen Fakten nicht genügend zu kennen, sonst wären sie in der Lage, den Naturwissenschaftlern nachzuweisen, dass es gar nicht ihre experimentell erhobenen Daten sind, sondern deren Interpretationen,[b] die zu einer Kollision mit dem Selbstverständnis des Menschen führt. So kommen auch Naturwissenschaftler selbst zu ganz unterschiedlichen Aussagen hinsichtlich der Möglichkeit der Freiheit und berufen sich doch auf den gleichen Fundus an Forschungsergebnissen.⁵
⁵ Eine bemerkenswerte Ausnahme von diesen verbreiteten Einseitigkeiten ist das kürzlich erschienene, sehr
lesenswerte und gut lesbare Buch von Brigitte Falkenburg (2012) zur Neurobiologie.
Ich werde im Folgenden nicht die Argumente aus diesen Debatten diskutieren, so reizvoll dies wäre. Vielmehr will ich der Frage nachgehen, ob sich eine Brücke zwischen diesen Gegensätzen schlagen lässt. Gibt es aus der Biologie Hinweise auf die Möglichkeit der Freiheit, und wie könnte diese entstanden sein? Kurz gesagt: Gibt es eine Naturgeschichte der Freiheit?
Muster der Evolution
Werfen wir dazu einen Blick in die Evolutionsforschung. In den herkömmlichen Rekonstruktionen der Evolution gibt es bislang keine zuverlässige Aussage darüber, was sich denn nun qualitativ im Laufe der Evolution herausbildete. Es ließ sich zwar zeigen, dass Bakterien als Erste fossil erscheinen und dass sich dann Zellen mit echtem Zellkern entwickelten, die sich dann wiederum zu mehrzelligen Formen zusammenfanden. Daraus entwickelten sich Pflanzen, Pilze und Tiere, unter denen es dann später auch Säugetiere und Vögel gab.
Aber was charakterisiert diese immensen Entwicklungen eigentlich? Im Anschluss an die Theorie Darwins hatte man zunächst erwartet, dass es zu einer Zunahme der Überlebensfähigkeit und einer immer besseren Anpassung gekommen sein müsste. Aber das ist nicht der Fall: Viele evolutiv ursprüngliche Organismen haben eine hohe Überlebensfähigkeit, und angepasst ist letztlich jeder Organismus. Eine generelle Veränderung darin gibt es nicht, auch wenn Anpassungsvorgänge auf den verschiedenen Stufen jeweils eine Bedeutung haben. In anderen Überlegungen wird angenommen, dass Organismen immer komplexer oder differenzierter geworden seien. Es gibt aber viele Beispiele, bei denen Komplexität eher abnimmt.⁶
⁶ Eine ausführliche Diskussion dieses Problems findet sich in Rosslenbroich 2002, 2006b.
Das Thema ist nicht trivial. Es geht, pointiert gesagt, um die Bestimmung des Unterschieds zwischen einem Bakterium und einem Säugetier und derjenigen Prozesse, die sich dazwischen evolutiv abgespielt haben. Die Synthetische Theorie der Evolution, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominierte, hat diese qualitative Frage geradezu unterdrückt: Evolution sei nichts anderes als Zunahme der Vielfalt. Eine generelle qualitative Veränderung gäbe es nicht, es käme nur zu verschiedenen Formen der Anpassung. Ob es sich dabei um die Organisation eines Schwammes oder eines Schimpansen handelt sei unerheblich. Es wäre also die Frage zu stellen, ob man Muster, »patterns«, also qualitative Veränderungen in der Grundorganisation der verschiedenen Gruppen auffinden kann, die in den größeren evolutiven Übergängen entstanden sind. Gibt es bestimmte Trends in der Evolution?
Veränderungen der Autonomie
Schon zu Darwins Zeiten ist gelegentlich die Vermutung geäußert worden, dass im Laufe der Evolution Organismen entstünden, die immer autonomer würden und sich von den Umweltbedingungen emanzipierten. Wenn man diese Vermutung aufgreift und ihr in den biologischen Daten im Einzelnen nachgeht, zeigt sich, dass in der Evolution schon von den ersten Anfängen an und dann weiter in allen größeren Übergängen Grundelemente der Entstehung einer biologischen Autonomie von Organismen beschreibbar sind. Es kam im Laufe der Höherentwicklung zu einer größeren Eigenbestimmtheit und damit auch zur Ausbildung eines dynamischen Gleichgewichtszustandes (Homöostase), der eine erweiterte Flexibilität gegenüber der Umwelt ermöglicht. Diese Autonomiezunahme bildet Freiheitsgrade, die in der menschlichen Organisation kulminieren.⁷
⁷ Rosslenbroich 2006a, 2007, 2009, 2012.
Es gibt ein ganzes Arsenal von Ressourcen, mit denen Organismen diese Autonomie aufgebaut haben. Dazu gehören äußere Abgrenzungen gegenüber der Umwelt wie die unterschiedlichsten Hautbildungen und die Entstehung von Schalen, Federn oder Fell. Dazu gehört die Entwicklung stabiler Blutkreisläufe, so dass Landtiere das Flüssigkeitsmilieu der Zellen auch unabhängig vom Wasser in der Umgebung aufrecht halten können. Dazu gehören die vielfältigen Funktionen der Homöostase, durch die Organismen stabiler werden gegenüber Schwankungen von Umgebungseinflüssen und die immer umfangreicheren und vielfältigeren Bewegungsmöglichkeiten der Tiere. Nervensysteme wurden immer besser in der Lage, flexibler und eigenständiger gegenüber Reizen aus der Umgebung zu agieren. Infolgedessen wurde auch das Verhalten immer flexibler, bis dahin, dass gewisse Freiheitsgrade entstanden. Dazu gehört etwa das umfangreiche Lernverhalten bei Schimpansen oder bei den intelligenten Rabenvögeln und Papageien,[c] ebenso wie das Spiel der Tiere.
Kombination von Autonomie
und Anpassungsmerkmalen © 2012 Marita Rosslenbroich
Nun ist es wichtig zu betonen, dass diese Autonomiezunahme in der Evolution keiner linearen Reihenfolge entspricht. Vielmehr gab es immer eine große Bandbreite von Veränderungen, die zu ganz verschiedenen Kombinationen von Merkmalen der Autonomie führten. Sie konnten aber auch Zurücknahmen und Verlust von Autonomie enthalten. Erst langfristig ergaben sich dann Kombinationen, die eine evolutive Zukunft in dem Sinne hatten, dass sie die Potenz zu weiteren Emanzipationsschritten enthielten.
Gleichzeitig entstanden allerdings auch Anpassungen an die Umwelt. Sie sind eine der Voraussetzungen für das Überleben der Organismen. Letztlich bringt die Evolution offenbar differenzierte Kombinationen von Autonomiemerkmalen und Anpassungen hervor, was in obiger Abbildung am Beispiel des Delfins erläutert wird.
Dies alles führte dazu, dass die Evolution sehr komplizierte Wege ging. Sie vollzog sich offensichtlich nicht als Auswicklung irgendeines vorgegeben Planes (wie es das Wort »evolvere« = auswickeln nahelegt), sondern war zu jeder Zeit voller Entwicklungsdramatik.[d]
Das Spiel bei Tieren
Die Möglichkeiten von Flexibilität und Unabhängigkeit, wie sie unter den höheren Tieren bereits erreicht werden, drücken sich in einer besonderen Weise im Spiel der Tiere aus. Es ist heute klar, dass einige Vögel und die meisten Säugetiere tatsächlich spielen (Burghardt 2005). Aber es bereitet nach wie vor Schwierigkeiten zu zeigen, welche Funktion das Spielverhalten bei Tieren hat. Die Annahme, dass Jungtiere damit Verhaltensweisen einüben und trainieren, die sie später benötigen werden, mag zwar zutreffen, erklärt aber nicht die evolutive Entstehung des Spiels. Denn warum ist ein solches Verhalten nicht gleich angeboren, um zuverlässig abzulaufen, sobald es vom erwachsenen Tier benötigt wird – so wie es bei den nicht spielenden Wirbeltieren wie etwa den Amphibien oder den Reptilien der Fall ist?
Unter Spielverhalten kann man jede Bewegung, Objektmanipulation und soziale Interaktion verstehen, die außerhalb des Zusammenhangs mit einem aktuellen Problem ausgeführt wird. Spiel ist ein Verhalten, das von unmittelbaren Bedürfnissen und Anforderungen entkoppelt ist und innerhalb dieser Eigenständigkeit ein hohes Maß an Flexibilität enthält. Insofern weist es Freiheitsgrade auf, die Teil der Autonomie der höheren Tiere sind.
Während des Spiels werden Bewegungen neu »erfunden« oder es treten Verhaltensweisen bzw. Bruchstücke davon auf, die in anderen Zusammenhängen von Bedeutung sein können, z.B. Flucht-, Angriffs- oder Beutefanghandlungen. Aber im Spiel sind sie frei und vielfältig kombinierbar. Sie können individuell geprägt und damit sehr verschieden sein. Viele Säugetiere führen im Spiel hochkomplexe Bewegungen aus.
Bei vielen Tierarten ist Spielverhalten auf Jungtiere beschränkt, bei anderen kann es auch im Erwachsenenalter erhalten bleiben. Das gilt vor allem für Raubtiere, Nager, Primaten und Wale. Namentlich bei erwachsenen Delfinen ist noch ein erstaunliches Spielverhalten zu beobachten. Unter Vögeln ist es vor allem bei Rabenartigen, aber auch bei vielen Papageien [c] stärker ausgebildet.
Auch der Vogelgesang ist teilweise Spiel, wie Walter Streffer (2009) in seinem wunderbaren Buch über Motive der Autonomie im Gesang der Vögel überzeugend dargelegt hat. Ausgehend von der eigenständigen musikalischen Qualität des Vogelgesangs zeigt er, dass die übliche Interpretation als Reviermarkierung mit Anpassungsfunktion sehr einseitig ist und ein tieferes Verständnis des Phänomens verhindert. Das Singverhalten hängt nur in bestimmten Situationen mit biologischen Notwendigkeiten des Lebenserhalts zusammen. Je nach Art emanzipiert sich ein kleinerer oder größerer Teil des Gesangs von solchen Beschränkungen und der Vogel bildet eine erstaunlich hohe Flexibilität im Umgang mit seinen stimmlichen Möglichkeiten aus. Während Säugetiere ihr Spiel über Körperbewegungen ausführen, zelebrieren viele Singvögel ihre Flexibilität über ihre Stimme.
Die Zeit, in der die Jungen von Vögeln und Säugetieren von den Eltern behütet werden, ist ein Freiraum, in dem die Jungtiere spielen können. Währenddessen sind sie für eine mehr oder weniger lange Lernphase relativ unabhängig von überlebensnotwendigen Tätigkeiten. Jungtiere von Reptilien dagegen verhalten sich von Anfang an annähernd wie Erwachsene im Miniaturformat.
Es kommt aber auch noch eine mentale Form der Flexibilität hinzu: Spiel beinhaltet Verhaltensweisen, die zum Schein ausgeführt werden, wie z. B. bei Scheinkämpfen. Die Tiere müssen also in der Lage sein, ein Verhalten vorzugeben bzw. das Vorgeben eines Verhaltens bei einem Spielpartner zu erkennen.
Solche Scheinhandlungen prägen insbesondere das Spiel der Menschenkinder. Diese Fähigkeit bildet sich etwa im Alter von zwei Jahren und wird dann in aller Ausführlichkeit über viele Jahre betrieben. Eine Voraussetzung dafür ist die Entkopplung zweier beteiligter Repräsentationen im Bewusstsein: Bei Objekten gibt es zum einen die wirklichkeitsgemäße Repräsentation des Objektes, zum anderen eine vorgestellte Version desselben Objektes (die Badewanne als »Schiff«; der »Kuchen« im Sandkasten). Oder in Bezug auf Tätigkeiten einmal das wirklichkeitsgemäße Erleben von sich selbst und zum anderen von der gespielten Handlung, die deutlich als »nur gespielt« erlebt wird. Diese Entkopplung ist bereits eine hohe Bewußtseinsleistung und steht am Ursprung eines seiner selbst bewussten Innenlebens. Insofern spielende Tiere Scheinhandlungen ausführen können, muss davon ausgegangen werden, dass auch ihnen bereits eine gewisse, rudimentäre Entkopplung dieser beiden Repräsentationen zur Verfügung steht.
Außerdem wird auch bei Tieren regelmäßig beobachtet, dass Spielpartner, die gegenüber dem anderen überlegen oder dominant sind, sich zurückhalten (»self-handicapping«), wie um das Spiel »fair« zu machen. Dies alles setzt einen gewissen Grad kognitiver Fähigkeiten voraus und dürfte insofern mit der Leistungsfähigkeit des Zentralnervensystems in Verbindung stehen. Typisch für das Spiel ist, dass es im sogenannten »entspannten Feld« stattfindet, d. h. es wird dann gespielt, wenn keine Gefahr zu befürchten und keine Bedürfnisse zu decken sind. Diese Unabhängigkeit von »instinktiven Nötigungen« wird auch als Voraussetzung für die Entkopplung fixierter Handlungsabläufe gesehen.
Spiel ist ein Verhalten, das in einer besonderen Weise das freudige Interesse des Menschen erregt. Wer hat sich nicht schon einmal vom ausgelassenen Spiel junger Katzen oder Hunde bezaubern lassen? Mit vielen Haustieren wird gespielt, und miteinander spielende Tiere zu beobachten, ist für uns immer ein ästhetisches Erlebnis. Das Spielverhalten von Tieren rührt uns deshalb so an, weil es Anklänge an die umfangreiche menschliche Verhaltensflexibilität hat. Irenäus Eibl-Eibesfeldt (1999) schrieb: »Dadurch, dass im Spiel die Handlungen von den ihnen normalerweise vorgesetzten Instanzen (Antrieben) abgehängt werden können, schafft sich das Tier ein entspanntes Feld, und es versetzt sich in die Lage, mit seinem Bewegungskönnen zu experimentieren und sich dialogisch mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Diese Fähigkeit, sich distanzieren zu können, steht an der Wurzel dessen, was wir als spezifische menschliche Handlungsfreiheit erleben« (S. 416).
Die biologische Autonomie des Menschen
Wie steht nun die biologische Organisation des Menschen dazu? Der Mensch hat zwar nicht den autonomsten Organismus. Aber wir haben eine spezielle Kombination von Autonomiemerkmalen, die die Voraussetzung für hochflexible Handlungsweisen bildet und eine schier unendliche Vielfalt an Tätigkeiten ermöglicht.
Einige dieser Merkmale teilen wir mit unseren nächsten Verwandten, den Säugetieren. Dazu gehört etwa die Haut, die in einer geradezu genialen Kombination einen effektiven Umweltabschluss mit dem Schutz vor Flüssigkeitsverlusten gewährleistet, gleichzeitig aber auch eine hohe Beweglichkeit zulässt, indem sie flexibel und leicht ist. Die Hautbildungen in großen Teilen der übrigen Tierwelt neigen entweder dazu, wenig Umweltabschluss zu gewährleisten oder umfangreiche Substanzeinlagerungen zu bilden, was zwar eine effektive Abgrenzung ermöglicht, die Grenzschicht aber oft schwer und steif macht.
Die Eigenwärme, die wir mit den Säugetieren und den Vögeln teilen, führt nicht nur zur Konstanz der Körpertemperatur, die uns zu einem erheblichen Teil von den Temperaturschwankungen der Umgebung unabhängig werden lässt. Sondern sie ist darüber hinaus auch die physiologische Voraussetzung für eine ausdauernde Bewegungsfähigkeit, indem der Sauerstoff viel besser für die Energiegewinnung genutzt werden kann. Auch der Flüssigkeitshaushalt wird sehr stabil reguliert. Eine im Vergleich zu vielen Tieren mittlere Körpergröße unterstützt die homöostatischen Funktionen, bildet aber keine größere Belastung für die Bewegung an Land. Außerdem haben wir ein extrem ausgefeiltes Immunsystem.[e]
Desweiteren gibt es Merkmale, die wir mit den anderen Primaten teilen. Dazu gehört etwa das große Bewegungsumfeld der Gliedmaßen, besonders der Arme. Unterarm und Hand können gedreht werden und die Hände sind in nahezu jede Richtung beweglich. Die einzelnen Finger sind mehr oder weniger unabhängig voneinander beweglich und die Hand kann greifen. Und alles das steht im Zusammenhang mit einem ausgesprochen großen und sehr differenzierten Gehirn.
Unter den nichtmenschlichen Primaten kommen spezielle Anpassungen vor, die diese Flexibilität einschränken können, aber insgesamt gibt es einen Trend in der Evolution der Primaten, diese Flexibilität zu erweitern. Dies führt nicht nur zu einem breiteren Spektrum von Bewegungsmöglichkeiten, sondern auch zu neuen Funktionen, die von der Fortbewegung unabhängig sind. So ist es z.B. den Menschenaffen möglich, Stöckchen, Steine oder Blätter als Werkzeuge zu benutzen, was Jane Goodall in den 1960er Jahren als Erste von freilebenden Schimpansen in Ostafrika berichtete.
Dazu kommt auch eine hohe Sensibilität der Hände für das Ertasten von Objekten. Durch die aufrechte Körperhaltung – bei den Affen immerhin bereits im Sitzen – werden die Hände für die verschiedensten Tätigkeiten emanzipiert.
All diese Merkmale werden beim Menschen hinsichtlich Flexibilität, Vielfalt und willentlicher Kontrollierbarkeit erheblich gesteigert. Durch den vollen aufrechten Gang sind die menschlichen Hände vollständig von Funktionen der Fortbewegung befreit und haben nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, die weit über diejenigen der anderen Primaten hinausgehen. Dies wird unterstützt durch eine ausgefeilte und sehr präzise Koordination zwischen Auge und Hand. Beim Menschen sind die Gehirnareale für die Wahrnehmung und die Steuerung der Hände sehr stark entwickelt, und das spiegelt sich wieder in der hohen Dichte von Nervenendigungen in den Muskeln, den Gelenken und in der Haut der Hände.
Bisher verfügbare paläontologische Funde zeigen, dass die Aufrechte eine sehr alte Errungenschaft des Menschen ist. Sahelanthropus tschadensis und Ororin tugenensis (ca. 6 – 7 Mio. Jahre alt) hatten bereits die aufrechte Körperhaltung. Das heißt, dass die vollständige Emanzipation der Hände bereits entstanden war, bevor die eigentliche Gehirnvergrößerung einsetzte.
Doch die Flexibilität, wie wir sie heute haben, war bei den frühen Hominiden noch nicht in vollem Ausmaß entwickelt. Die Hände von Australopithecus afarensis zeigen anatomische Merkmale für präzisere Tätigkeiten mit gegenüber den anderen Primaten nur leichten Veränderungen. Die ersten größeren Änderungen in dieser Hinsicht tauchen mit den frühesten Vertretern der Gattung Homo auf – parallel zu den ersten Steinartefarkten des Oldowantyps. Aber die Größe des Rückenmarks blieb im Vergleich zum Homo sapiens begrenzt, was auf eine noch relativ grobe motorische Koordination hinweist. Die Hände der Neandertaler glichen bereits stärker der modernen Hand, sie waren aber noch vorwiegend für einen kraftvollen Griff ausgebildet. Erst mit dem Erscheinen des modernen Menschen vor etwa 100.000 Jahren sind manipulative Fähigkeiten nachweisbar, die den heutigen feinmotorischen Möglichkeiten ähnlich sind. Funde, die man von Hand- und Armskeletten dieser frühen Sapiensmenschen hat, sind nicht unterscheidbar von denen heutiger Menschen mit athletischerem Körperbau. Diese anatomischen Veränderungen sind verbunden mit vielen technischen Errungenschaften, wie sie archäologisch ab dem Jungpaläolithikum gefunden wurden.
Parallel dazu wurde das Bearbeiten von Steinen immer feiner und präziser, bis hin zu einer erstaunlichen Kunstfertigkeit in der Herstellung kleinster Pfeilspitzen und Klingen. Diese Entwicklung muss begleitet worden sein von einer umfangreichen Verstärkung der sogenannten Pyramidenbahn, die bei keinem anderen Primaten so prominent ist wie beim heutigen Menschen. Sie ist eine direkte Nervenbahn von der Großhirnrinde zu den Nervenzellen der Fingermotorik und damit eine Grundlage für die präzise Bewegung der menschlichen Hand.
Die vielfältige Tätigkeit, die die menschliche Hand ausführen kann, wird auch möglich durch eine gewisse Ursprünglichkeit mit geringerer Spezialisierung als sie bei vielen Säugetieren in den Vordergliedmaßen zu finden ist. Sie ist also nicht so einseitig festgelegt, wie bei vielen unserer Verwandten.
Das Gehen in der Aufrechte versetzte die frühen Hominiden in die Lage, größere Gebiete innerhalb ihres Lebensraumes zu erreichen und schließlich auch Afrika zu verlassen. Menschen können ausdauernd wandern und bewältigen dabei Distanzen von mehr als 30 km pro Tag. Unter den Säugetieren gibt es zwar viele Beispiele für größere räumliche Reichweiten. Sie setzen aber immer Spezialisierungen voraus, die beim Menschen zugunsten einer Gesamtkombination flexibler Handlungsmöglichkeiten zurückgehalten werden. Der Mensch kam dabei in die Lage, ungünstigen Witterungsbedingungen und saisonalen Veränderungen durch entsprechende Techniken zu trotzen. Heute halten wir durch Kleidung und Behausungen eine tropische Mikroumgebung um uns aufrecht, was uns von schwankenden Umweltgegebenheiten weitgehend emanzipiert.
Eine der entscheidenden Techniken war die Fähigkeit, ein Feuer zu entfachen und zu kontrollieren. Die ersten Spuren der Feuernutzung stammen vom Homo erectus, was mit anderen neuen Fähigkeiten dieser Menschen und mit einer erheblichen Zunahme des Gehirnvolumens korreliert. Die Beherrschung des Feuers erfordert bereits ein gewisses vorausschauendes Handeln. Dabei muss das Denken von der aktuellen Situation entkoppelt werden, was die Möglichkeit des flexiblen Handelns erweitert. Es muss vorausgesehen werden, dass das Feuer den Brennstoff verbrauchen wird, dass man rechtzeitig nachlegen und im Voraus Brennstoff bereitlegen muss. Man muss sich vorstellen können, dass man bei niedergebranntem Feuer frieren wird, oder allgemeiner, die Bedürfnisse voraussehen, die man in der Zukunft haben wird, und bereits jetzt handeln.
EQ-Vergleich
Encephalisationsquotienten (EQ) im Vergleich. Der EQ bestimmt das Verhältnis zwischen der tatsächlichen relativen Gehirngröße einer Tierart zur relativen Gehirngröße, wie sie aufgrund der Körpergröße im Mittel zu erwarten wäre (aus: Marino L (2002): Convergence of complex cognitive abilities in cetaceans and primates. Brain, Behavior and Evolution 59, 21-32, verändert).
Kochen schloss nun die Nahrung besser auf, um ihr mehr Energie entnehmen zu können. Besonders das immer größer werdende Gehirn benötigte viel Energie. Unser heutiges Gehirn verbraucht ca. 20 Prozent der Energie, die wir aufnehmen, es ist energetisch also ein sehr »teures« Organ.
Mit seinem großen Gehirn steht der Mensch unter den Primaten einzig da (nebenstehende Abbildung). Außerdem weisen vergleichende Daten darauf hin, dass das menschliche Gehirn in der neueren Evolution eine beträchtliche Reorganisation erfahren hat. Dazu gehört auch die Differenzierung derjenigen Gehirnareale, die wichtig sind für die Geschicklichkeit der Hände, der Beine und auch des Sprachapparates, sowie die Ausbildung der für den Menschen charakteristischen Schichten der Großhirnrinde.
Besonders prominent ist aber die umfangreiche Ausbildung des Vorderhirns, das nicht auf eine bestimmte Funktion festgelegt ist, sondern für die Steuerung flexiblen Verhaltens, Neukombinationen und Planung komplexer Willkürbewegungen zuständig ist. Es ist sozusagen freigestellt für kreative Verknüpfungen. Damit entstand auch die Voraussetzung, dass beim Menschen triebhafte oder instinktiv festgelegte Verhaltensweisen weitgehend unterdrückt und durch selbstgeführte, autonome Handlungen ersetzt werden können.
Anfänge der kulturellen Evolution
Die erwähnten Steinwerkzeuge liefern auch Einsichten in die sich entwickelnden mentalen Fähigkeiten früher Hominiden. Während frühe Werkzeuge vorwiegend nach der Ausgangsform des Materials beschlagen wurden (frühes Oldowan), erforderten spätere vorab eine Vorstellung der angestrebten Form und eine gezielte praktische Umsetzung, um diese zu erreichen.
Die Werkzeugnutzung bei Tieren bleibt sehr einfach, während der Mensch dies zu einer unter den Tieren unerreichten Vielfalt und Geschicklichkeit entwickelt hat. Schon die Oldowansteinwerkzeuge deuten auf eine Fähigkeit, Steine zu bearbeiten, wie sie von den heutigen Schimpansen nicht erlernt werden kann. Neuere Versuche, Schimpansen das Beschlagen von Steinen beizubringen, sind gescheitert. Später bekamen Steinwerkzeuge eine solche verfeinerte Formgebung und Retouchierung, dass sie eindeutig auch ästhetische Aspekte aufweisen.⁸
⁸ Schad 1985.
Artefakte
Artefakte verschiedener Epochen (von links): Oldowankultur, Acheuléenkultur, Solutréenkultur. Ganz rechts ist eine Harpune mit zwei Hakenreihen aus dem Magdalénien Frankreichs abgebildet. Das Aufreten solcher Widerhaken lässt auf einen Bewusstseinsschritt schließen der die Vorstellung von der Wirkung der Haken im Inneren einer Beute ohne unmittelbare Wahrnehmung ermöglichte (aus: Johanson D, Edgar B 2000).
Damit gibt es also recht alte Objekte, die bereits einfache künstlerische Elemente aufweisen. Aber eine noch weitergehende künstlerische Bedeutung bekommen viele der Dinge, die die Menschen des Aurignacien hinterlassen haben. Die reichhaltigen Funde in Europa ab ca. 40.000 vor heute werden mit dem modernen Homo sapiens in Verbindung gebracht, der sich in dieser Zeit neu aus Afrika ausbreitete. Dazu gehören beispielsweise Schnitzereien und Ritzungen an Knochen, Elfenbein oder Geweihen. Jetzt waren jene Freiheitsgrade erreicht, die es ermöglichten, eine Kunst zu produzieren, die ganz von den Notwendigkeiten des Lebenserhalts entkoppelt war.
Die Kunstprodukte spiegeln die sich neu entwickelnde Fähigkeit, mit Bildern und abstrakten Formen umzugehen und sich darüber mitzuteilen. In dieser Zeit entstanden auch jene wunderbaren Höhlenmalereien Süd-West-Frankreichs und Nordspaniens. Die Bilder, die vorwiegend die eiszeitliche Tierwelt mit oft sehr charakteristischen Details darstellen, sind ja im Dunklen der Höhle, entkoppelt von der direkten Wahrnehmung des gemalten Motivs, entstanden. Es kann angenommen werden, dass diese Höhlenmalerei ein ganz wesentliches Übungsfeld dafür war, mit Vorstellungen und inneren Bildern zunehmend autonom umzugehen.⁹
⁹ Rosslenbroich und Rosslenbroich 2012.
Während des Neolithikums erreichten die Menschen durch Landwirtschaft und Domestikation von Tieren eine weitere Emanzipation, indem sie vom gegebenen Nahrungsangebot der Umwelt unabhängiger wurden und einen größeren Teil der Erfüllung ihrer Bedürfnisse selbst organisieren konnten. Hütten und Häuser dienten zunehmend dem Schutz vor der Witterung, und die technische Ausstattung machte manche Einflüsse der Umwelt beherrschbarer. Heute geht diese Emanzipation vielfach so weit, dass wir in erheblichem Ausmaß den Kontakt zur natürlichen Umwelt verloren haben und sie zerstören.
Die Jugendzeit
Der Mensch hat eine ausnehmend lange Zeit der Jugendentwicklung, was auch im Zusammenhang mit der Autonomiezunahme steht:¹° Eine verlängerte Zeit zum Lernen und Ausreifen von Fähigkeiten erweitert die kulturell und individuell entwickelbaren Tätigkeiten erheblich gegenüber mehr instinktiv festgelegtem Verhalten, das beim heutigen Menschen kaum noch eine Rolle spielt. Das lässt sich auch in der Gehirnreifung feststellen, die unter allen Primaten am längsten dauert. Dies und die Möglichkeit der Reifung durch Übung und Erfahrung erweitert die Plastizität der corticalen Funktionen drastisch.
¹° Kipp 1991.
Untersuchungen zeigten, dass der spezialisiertere Neandertaler eine beschleunigte Körperentwicklung gegenüber anderen Frühmenschen und dem heutigen H. sapiens hatte, so dass er früher erwachsen war.¹¹ Die höhere Flexibilität des H. sapiens mit der Ausbildung einer besonders diffenzierten Kultur basiert also gerade auf der verlangsamten Entwicklung im Jugendalter. Daraus lässt sich leicht ableiten, dass es für heutige junge Menschen von entscheidender Bedeutung ist, für ihre individuelle Entwicklung genügend Zeit zu haben. Alle Versuche, Ausbildung und Erziehung zu beschleunigen, wird ihre kreativen Möglichkeiten reduzieren. Gerade die Schule sollte alles daran setzen, dieses Freiheitspotenzial junger Menschen zu nutzen, sein Ergreifen zu fördern und die dafür benötigte Zeit zu schützen. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass dies zum Wertvollsten gehört, was uns die Evolution mitgegeben hat.
¹¹ Ziegler 2004, Ramirez Rozzi & Bermudez de Castro 2004, Smith et al. 2010.
Hier wird nun auch deutlich, dass das Spiel elementar zu unserem Menschsein gehört. Die Anklänge daran gibt es, wie oben ausgeführt, bereits bei Säugetieren und Vögeln. Aber bei keinem anderen Lebewesen ist das Spiel so bedeutend wie beim Menschen, nicht nur in Kindheit und Jugend. Spiele machen einen umfangreichen Teil der Kultur aus. Vom Schach über Fußball, Reiten oder Skifahren bis hin zu den Olympischen Spielen kultivieren wir unsere Emanzipation. Im Sport oder auch in der bewundernswerten Zirkusakrobatik verbindet sich das Spiel mit der Kultivierung der Bewegungsautonomie.
Im Spiel sind wir kreativ. Das wusste auch Friedrich Schiller und formulierte in den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen (15. Brief): »…der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.«¹²
¹² Zitiert nach Matuschek 2009.
Der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga (2009) entwickelte sogar ein Erklärungsmodell, nach dem der Mensch seine Fähigkeiten besonders über das Spiel entwickelte (Homo ludens = der spielende Mensch). Er entdecke im Spiel seine individuellen Eigenschaften und entwickle sich anhand der dabei gemachten Erfahrungen zum dem, was er ist. Spielen setze dabei Handlungsfreiheit und eigenes Denken voraus.
Die Natur, wie sie uns aus der Evolution hervorgehen ließ, formt also die Grundlage für die hochgradig flexiblen Möglichkeiten des kulturschaffenden Menschen. Das Ergebnis unserer organischen Evolution ist ein hohes Maß an Flexibilität auf verschiedensten Ebenen und bildet damit die physiologischen Voraussetzungen für die Möglichkeit der Freiheit. Der Mensch ist keineswegs determiniert durch seine Natur. Sondern er ist schon von Natur aus mit umfangreichen Freiheitsmöglichkeiten ausgestattet, die dann kulturell ergriffen und weiter geführt werden können – weit über das hinaus, was die Natur lediglich der Möglichkeit nach anbietet. Die biologische Geschichte der Menschheit muss erzählt werden in den Begriffen von Autonomie, zunehmender Flexibilität und Freiheitsgraden.
Immer handelt es sich aber nur um eine relative Autonomie, denn gleichzeitig sind wir an viele Bedingungen des Organismus und der Umwelt gebunden. Wir benötigen Nahrung, Schlaf, Erholung, eine gesunde soziale Umwelt und vieles mehr. Auch unser Handeln ist an organische Bedingungen geknüpft, und vielfach scheinen archaische und wenig reflektierte Auslöser von Verhaltensweisen eine Rolle zu spielen. Wenn man nur diese Seite unserer Natur betrachtet, finden Theorien wie etwa die eingangs erwähnte evolutionäre Psychologie durchaus Argumente, und die eine oder andere Interpretation aus dieser Perspektive mag ja zutreffen. Aber man kann nicht das Handeln des Menschen einseitig auf diese Perspektive beschränken.
Gesundheitliche Einschränkungen können unsere Möglichkeitenmehr oder weniger stark begrenzen. Bedeutet Gesundheit nicht generell, eine umfangreiche Autonomie zu haben, sowohl körperlich als auch seelisch-geistig?
In diesem Sinne ist unsere Natur nicht determinierend, sondern ermöglichend. Damit löst sich der am Anfang dieses Beitrags beschriebene Gegensatz zwischen philosophischer und naturwissenschaftlicher Auffassung auf.
Philosophie der Freiheit
In dem Buch Die Philosophie der Freiheit entwickelt Rudolf Steiner (1918), dass dem Menschen eine grundlegende Freiheitsfähigkeit zukomme. Diese Freiheit sei allerdings nicht in allen menschlichen Handlungen gegeben, sondern nur dort, wo der Mensch zu einem wirklich individuellen, unabhängigen Urteil komme. Der freie Geist handle nach seinen eigenen Intuitionen, die er aus dem Ganzen seiner Ideenwelt durch das Denken auswählt. Diese Auffassung bezeichnet er als den »Ethischen Individualismus«. Im 12. Kapitel formuliert er: »Der ethische Individualismus steht … nicht im Gegensatz zu einer recht verstandenen Entwickelungstheorie, sondern folgt direkt aus ihr. Der Haeckelsche Stammbaum von den Urtieren bis hinauf zum Menschen als organisches Wesen müßte sich ohne Unterbrechung der natürlichen Gesetzlichkeit und ohne eine Durchbrechung der einheitlichen Entwickelung heraufverfolgen lassen bis zu dem Individuum als einem im bestimmten Sinne sittlichen Wesen … Der ethische Individualismus ist … die Krönung des Gebäudes, das Darwin und Haeckel für die Naturwissenschaft erstrebt haben. Es ist vergeistigte Entwickelungslehre auf das sittliche Leben übertragen … Von einer sich selbst verstehenden Naturwissenschaft hat der ethische Individualismus nichts zu fürchten: die Beobachtung ergibt als Charakteristikum der vollkommenen Form des menschlichen Handelns die Freiheit« (S. 198-201).
Mit dem oben beschriebenen Konzept der Autonomieentstehung in der Evolution ist diese Annahme, dass sich der »Haeckelsche Stammbaum«, wie Steiner sich in seiner Zeit ausdrückte, bis hin zum Menschen als freiheitsfähigem Wesen verfolgen lassen müsste, bestätigt und in Einzelbelegen ausgeführt.
Noch ein Blick auf die Tiere
Ich will noch einmal auf die Tiere zurückkommen. Es ist großartig, zu erleben, wie dieses Panorama der Autonomie bei ihnen in verschiedenster Weise veranlagt ist. Durch die beschriebenen Einsichten habe ich eine neue Perspektive auf viele Phänomene der Natur gewonnen. Spielenden Tieren zuzusehen ist nicht nur eine nette Beobachtung, sondern macht erlebbar, wie die Natur beginnt über sich selbst hinauszuwachsen. Eine jagende Katze mit ihren dynamischen, eleganten, präzisen Bewegungen zu beobachten, die Moschusochsen zu sehen, wie sie mit ihrer immensen Stoffwechselautonomie dem rauhen Klima auf dem Dovrefjell in Norwegen trotzen, oder den Flugmanövern der Küstenseeschwalbe zuzusehen, gibt vor diesem Hintergrund immer neue Einblicke in das, was die Natur zu erzählen hat.
Wenn die Raubvögel sich am frühen Morgen ohne einen einzigen Flügelschlag von der Thermik in die Höhe tragen lassen, zelebrieren sie ihre Bewegungsautonomie im Flug und spielen mit den Strömungen, als ob sie uns sagen wollten, worin für sie der Inbegriff der Freiheit liegt.
Walter Streffer öffnete meine Ohren für die enorme musikalische Flexibilität, die die Meistersinger unter unseren Vögeln hervorbringen können. Zu erleben wie ein Pferd einem geschulten und sensiblen Reiter seine Bewegungsmöglichkeiten zur Verfügung stellt und dabei seine Schönheit und Eleganz präsentiert; die engagierte Mitarbeit eines Hundes zu beobachten, der einen Blinden führt; oder die ausgelassene Spiel- und Bewegungsfreude von Delfinen zu sehen: All solche Erlebnisse bekommen eine neue Dimension.
Vermittels der Empathie [f] können wir das emotionale Leben vieler Tiere erfahren.¹³ Freude, Zuneigung, Wohlbefinden, Erregung und Kummer sind Fähigkeiten hoch autonomer Tiere. Ich teile angesichts dieser Einblicke absolut Marc Bekoffs (2007) eindringlichen Appell für eine grundlegende Änderung im Umgang mit den Tieren in der industriellen Landwirtschaft und in wissenschaftlichen Experimenten.
¹³ Einigen modernen Verhaltensforschern gelingt es zunehmend, dies auch in wissenschaftliche Beschreibungen
aufzunehmen: Marc Bekoff (2007), Frans de Waal (2011), Lawick-Goodall J van (1971).
Das Verhalten der Tiere fasziniert Menschen jeden Alters, und es gibt vieles, was uns mit ihnen verbindet. Wir nehmen einen Teil von uns selbst in ihnen wahr. Bekoff schreibt: »In many ways ›we are them‹ and ›they are us‹.« Der Verhaltensforscher Günter Tembrock, der im Januar 2011 im Alter von 92 Jahren verstarb, sagte es noch treffender: »Es steckt das ganze Tier im Menschen, aber nicht der gesamte Mensch im Tier«.¹⁴
¹⁴ Hartmut Wewetzer: Günter Tembrock. Ein Ohr für Tiere, in: Tagespiegel 27.1.2011.
Auch der Philosoph Hans Jonas (1973) verbindet den Ursprung der Freiheit mit der gesamten Tierwelt und führt sie an deren früheste Ursprünge zurück:
»In der lauten Entrüstung über den Schimpf, den die Lehre von der tierischen Abstammung der metaphysischen Würde des Menschen angetan habe, wurde übersehen, dass nach dem gleichen Prinzip dem Gesamtreich des Lebens etwas von seiner Würde zurückgegeben wurde. Ist der Mensch mit den Tieren verwandt, dann sind auch die Tiere mit dem Menschen verwandt und in Graden Träger jener Innerlichkeit, deren sich der Mensch, der vorgeschrittenste ihrer Gattung, in sich selbst bewußt ist … An welchem Punkte dann in der enormen Spanne dieser Reihe läßt sich mit gutem Grund ein Strich ziehen, mit einer ›Null‹ an Innerlichkeit auf der uns abgekehrten Seite und der beginnenden ›Eins‹ auf der uns zugekehrten? Wo anders als am Anfang des Lebens kann der Anfang der Innerlichkeit angesetzt werden?« (Jonas 1992, S. 17).
Literatur
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in »die Drei« 10/2012; S.15-34
Unsere Anmerkungen
a] vgl. MblB.26
b] So stellt auch in der Geisteswissenschaft die Interpretation (also das In-Begriffe-Giessen und damit In-einen-Kontext-Stellen) einer Imagination, Inspiration oder Intuition die eigentliche Erkenntnisklippe dar.
c] zB. Kakadus
d] Dieses allumfassend angelegte Schauspiel der Entwicklung kann als Suche des schaffenden Wesens nach Erkenntnis seiner selbst aufgefasst werden.
e] Das Immunsystem kann als mittelbarer Ausdruck des ICh im lebendigen physischen Leib betrachtet werden.
f] Die Fähigkeit innerlich mitzuleiden (Empathie) setzt den Menschen überhaupt erst in die Lage, ein Phänomen erlebend zu begreifen. Dies erfordert allerdings ein ausgewogenes und dadurch neutrales Mitwirken von Sym- und Antipathie.