zum IMPRESSUM
Text
zum
Neudenken:
Anthropomorphismus
Der monotheistische Umbruch in der Religionsgeschichte ist, soweit er sich in den Dokumenten der biblischen Religion Israels darstellt, an die bildlose Verehrung Gottes gebunden. «Du sollst dir kein Bildnis machen und keinerlei Gestalt»[a], um es als göttlich zu verehren - dieses Verbot steht am Anfang der neuen Offenbarung. Dem entspricht ein Kultus, der die Bilder vermeidet und der das Heilige in anderen Formen zu evozieren sucht. Die Frage ist aber keineswegs sinnlos, die sich hier erhebt: ist der Gott selber, der unter keiner Gestalt [b] - «weder dessen, was im Himmel, noch was auf Erden ist» - verehrt werden darf, nun auch selber gestaltlos? Diese Frage drängt sich dem Leser der hebräischen Bibel auf, wie sie ja für jede menschliche Rede von Gott sich mit Notwendigkeit erhebt. Jede Rede von Gott kann nur ihre kreatürlichen Bilder gebrauchen, weil sie andere nicht hat. Der Anthropomorphismus, die vermenschlichende Redeweise von Gott,[c] gehört ebenso ins lebendige Herz der Religion wie das Gefühl von der solche Rede weit übersteigenden Realität [d] des göttlichen Seins. Aus dieser Spannung herauszuspringen, sich ihr zu entziehen, kann keinem menschlichen Geist gelingen. Nichts törichter als die Angriffe auf den Anthropomorphismus und seine Verächtlichmachung - und doch: nichts, was sich mit größerer Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit dem nachdenkenden und seinen Überschwang meisternden Bewußtsein des Theologen aufdrängt. Die Dialektik dieses Verhältnisses ist unausweichlich. Sie ergreift, was nicht selten übersehen wird, nicht nur die eigentlich verkörpernden Aussagen über Gott, sie bezieht sich nicht weniger auf die Rede von einem sogenannten «Wort Gottes». Ein bedeutender Exeget der jüdischen Bibel hat es ausgezeichnet formuliert: «Gott sprach» ist kein geringerer Anthropomorphismus als «Gottes Hand (1)».
Gerschom Scholem
1) Benno Jacob, Das erste Buch der Tora, Genesis, Berlin 1934, p.58.
aus «Von der mystischen Gestalt der Gottheit»; S.7f
Unsere Anmerkungen
a] SCHEMOTH (Ex.) 20,4
b] hebr. TMONAH
c] Auch in den Naturwissenschaften spielt der Anthropomorphismus eine tragende Rolle, obschon dieser meist durch einen mathematisierenden Formalismus verdeckt wird. Was Wunder, gibt es doch kein einziges naturwissenschaftliches Ergebnis, das nicht von Menschen erdacht oder gefunden worden ist!
d] eigentlich nicht Realität, sondern Wirklichkeit (vgl. »TzN Jän.2004«: Anm.b)