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Merkblatt-
Beilage 1:
Columban und Gallus
Ein Impuls wird verwandelt
Kulturhistorische Betrachtung der Bodenseeregion
Viele kennen die Bodenseegegend. Den einen ist sie Erholungsgebiet, den anderen Kulturland, den dritten beides oder gar Rückzugsraum. In einer Zeit, da man wieder vermehrt vom Europäischen spricht, mag einem zum Bodensee auch einfallen, dass die abendländische Geschichte dort bereits kulturelles Geschehen verzeichnet, als an vergleichbaren Orten noch Dunkel herrschte; zum Beispiel zu einer Zeit, als der See noch lacus Brigantinus hiess.
Bodensee gegen Westen  2000 by DMGG Das Gebiet vom Oberrhein bis zur Donau gilt als Ursiedlungsraum der Kelten. Von hier aus zogen sie zur La Tène-Zeit (ab 450 v. Chr.) geleitet von ihren Druiden, von ihren Barden begleitet, nach Westen (Gallier und Inselkelten), in den Süden (Keltiberer) und gen Osten (Galater). - Gegen 450 n.Chr. haben sich hier nach jahrhundertelangem Andrang die Alamannen endgültig festgesetzt. Sie nannten das grosse Gewässer nach ihrem Hauptgott: Wotan-See. Nach dem erfolgreichen Widerstand gegen die Römer, die ihnen das Gebiet streitig machen wollten, wurden sie von den Franken bedrängt, mit denen sie eine ge-
meinsame Grenze hatten. Noch heute sprechen die Franzosen von «Allemands», wenn sie Deutsche meinen. Um 496 wurden sie vom Merowinger Chlodwig unterworfen, der während der Schlacht bewogen worden sein soll, zum Christentum überzutreten.
In den Wirren der Völkerwanderungszeit (Beginn um 375) begannen vom Westen her seltsame Wanderer durch den Kontinent zu streifen. Es waren grosse, meist kräftige Gestalten in rohweissen Wollgewändern mit rot oder schwarz gefärbten Augenlidern und eigenwilliger Haartracht. Sie führten stets eine Ledertasche mit sich, in der sie neben Brot auch einige Bücher und Schriftrollen mittrugen. Man nannte sie Mönche, weil sie sich bestimmte Regeln, zum Beispiel die der Armut und Keuschheit auferlegt hatten. Manche zogen allein, andere in Gruppen zu einem gut Dutzend; dabei bevorzugten sie Wege entlang von Flüssen oder Seeufern. Ihre Herkunft beschrieb man als „ab insulis” (von den Inseln), oder man sprach von den „scoti” aus dem fernen Hybernien. Sie selbst waren von ihrer Inselwelt aufgebrochen, um sich das höchste Opfer abzuverlangen: ihrer Welt den Rücken zu kehren. Auf Irland oder den Hebriden hatten sie in so genannten Klöstern gelebt, einer Ansammlung von schlichten Steinbauten, welche um ein Gebetshaus aufgeschichtet waren. Dort waren sie Arbeit, Studium und Gebet unter Leitung eines Abtes nachgegangen. Anders als auf dem Kontinent gab es im Frühmittelalter auf Irland nicht nur Männer- sondern auch Frauenrefugien, wie überhaupt die Stellung der Frau dort eine andere gewesen sein muss als etwa im Franken- oder Ostgotenreich. Unbedingter Gehorsam war Äbtissin oder Abt zu zollen, und vielerlei Entbehrungen wurden um der Nachfolge des "chriosd" willen erduldet, des "righ nan dul" (König der Elemente). Das grösste Opfer aber war der Verzicht auf Heimatkloster und innig vertraute Landschaft, auf grüne Matten, graue Klippen und brandende Wasser. Auf die Wanderschaft in die Fremde (peregrinatio) haben sich wahrscheinlich nur Männer begeben; sie schifften sich nach Osten ein, um niemals mehr aus der „Wüste” wiederzukehren.
Öfter einmal kam es vor, dass diese wandernden Weissen Mönche von Herrschern eingeladen wurden, sich in deren Gebiet niederzulassen. Dann bauten sie sich Hütten um ein Gebetshaus, wie sie es gewohnt waren, legten Gemüse- und Obstgärten an, rodeten mühsam, um Felder zu gewinnen. In immer wieder bewunderter oder gefürchteter Härte gegen sich selbst rangen sie mit der jeweiligen Natur; ihre Studien galten neben der Bibel auch den Kirchenvätern und den Grössen der Antike; ihre Gebete sangen das Lob von Schöpfer und Schöpfung. Andere Klöster als die nach Benedikt von Nursia (529) entstanden so, anderen Regeln folgend, und durchaus nicht immer im Einklang mit den regionalen kirchlichen Instanzen.
Eine solche Gruppe von Brüdern brach um 590 von Bangor an der Ostküste von Ulster auf. Ihr Führer war Kolum, genannt Columban der Jüngere, gegen 540 im Raum Leinster (Südostirland) geboren, ein zur Peregrinatio Entschlossener. Bei Abt Komgall bat er für sich und die von ihm ausgewählten Gefährten um die Erlaubnis aufzubrechen. Einer der Gefährten hieß Kallech, der Gallische - man vermutet, dass er um 550 in Irland geboren wurde, seine Eltern jedoch auf die Insel geflüchtete Gallier gewesen sind. Später wurde er dann Gallus gerufen.
Die Taube (columba) und der Hahn (gallus), zu zweit zogen sie mit den Brüdern ins Merowinger-Reich, wo sie zu Luxovium (Luxeuil) in den Vogesen ein ein Kloster errichteten, ihr berühmtestes.
Nachdem sie zunächst recht wohlwollend aufgenommen worden waren, kamen sie später Theuderich, dem Merowingschen Regenten, ins Gehege. Columban wollte die krassen Missstände am Hof nicht dulden, weigerte sich zum Beispiel, die unehelichen Kinder des Königs zu segnen, und wurde im übrigen auch vom fränkischen Klerus wegen allerlei liturgischer Eigenheiten angefeindet. Gegen 609 endlich liess Theuderich den Abt und alle irischstämmigen Brüder festnehmen in der Absicht, sie nach Irland zurückzuschicken, eine raffinierte Massregel gegen solche, die jedem Wiedersehen der geliebten Insel bis zum Tod abgeschworen hatten. Doch das Schiff, das sie aufgenommen hatte, fand sich widrigen Winden ausgesetzt, sodass sie die fränkische Küste nicht verlassen konnten, bis der verstörte Schiffsführer sie wieder an Land setzte. Auf diese Weise gelangten sie über Paris nach Metz, wo Theudebert, Theuderichs feindlicher Bruder, regierte. Dieser bat sie, in seinem Reich, Austrasien, zu bleiben. In Metz selbst freilich wollten die Brüder kaum leben, lieber zogen sie weiter. Sie kamen so in die östlichste, wildeste Provinz des Reiches, an den lacus Brigantinus oder Bodan-See, wie ihn das nicht-romanische Volk wohl nannte. Im kleinen Kastell Arbor Felix (Arbon) fanden sie beim Presbyter Willimar gastliche Aufnahme; er verwies die kleine Gruppe auf das verwahrloste Brigantium (Bregenz) am Ostufer.
Um 610 betraten die Weissen mit ihrem Abt den Bregenzer Boden. Sie fanden eine verheidnete, einst einer Aurelia geweihte Kapelle vor, in der drei Götterstatuen aus Erz aufgestellt waren. Columban befahl nun Gallun, „der der Sprache des Volkes mächtig war”, den verwunderten Alamannen zu predigen. Dies tat jener mit Wortgewalt; und in seinem Eifer trug er zuletzt die Standbilder aus der Kapelle, zerschlug sie vor den Augen des entsetzten Volkes und warf die Trümmer in den See. Einige liessen sich unter diesem Eindruck taufen, andere „gingen murrend hinweg”.
Gewiss sahen die Brüder ihre Aufgabe nicht vorwiegend darin, alte Heiligtümer zu zerstören. Sie waren vielmehr gemäss der Regel, die ihnen Columban zu Luxovium gegeben hatte, bestrebt, durch Bodenkultur (labora) Studium (lege) und Gottesdienst (ora) an ihrer Umwelt und an sich selbst hart zu arbeiten. Solche Arbeit sollte nicht nur ihrer eigenen Entwicklung zugute kommen, sondern auch dem fremden Land, in das sie gekommen waren. Columban freilich verfolgte ohne Rücksicht auf sich und andere seinen Impuls, die irische Auffassung des Christentums zu erhalten und zu verbreiten, oder, wie Rudolf Steiner einmal bemerkte, „Europa dazumal wie mit geistigen Wänden” zu umgeben. Sein Freund und Schüler Gallun war ihm ein gleichgesinnter Gefolgsmann: Der righ nan dul ist der einzige Herr, ihm muss in allem nachgefolgt werden. Der einzelne Mensch gilt nur insoweit, als er Gefäss des Göttlichen werden kann. Strenger Gehorsam gegenüber dem Abt, als Stellvertreter des Christus, waren Mittel und Weg dazu. Zwar anerkannte Columban den Bischof von Rom als Vater der Christenheit, doch legte er ihm brieflich seinen Standpunkt in deutlich eigenständiger Sprache dar. Landes- oder Volksgrenzen galten ihm wenig, er dachte über den Kontinent hin, wenn er sich mit Land und Leuten beschäftigte, und sprach von Europa, wenn er die Länder meinte, die er durchwanderte. Columban und Gallun waren peregrini, Heimatlose, anders ausgedrückt: Heimat war ihnen da, wo sie gebraucht wurden. Das Christentum verstanden sie als „katholisch” im ursprünglichen Sinn, als „das Ganze betreffend”.
612 kam es zur Ausweisung der weissen Mönche. Sie waren Teilen der Bevölkerung unerträglich geworden, was besonders auf Columbans Art des Wirkens zurückgeführt werden kann. Als der Abt nun aufbrechen wollte, fiel Gallun ihm fieberkrank zu Füssen und bat darum, zurückgelassen zu werden. Daraufhin verbot ihm der Abt, bis zu dessen Ableben die Messe zu lesen, eine bittere Strafe für einen, der in Irland die Weihe aus denselben Händen empfangen hatte wie der Abt selbst. Der Dissens erinnert an die Auseinandersetzung zwischen Abaelard und Bernhard.
Während Columban mit der kleinen Schar weiterzog - ihr Weg führte sie durch das Rheintal und über die Alpen fort ins Langobardenreich, wo sie freundlich aufgenommen wurden und Columban 614 in Bobbio im Apennin ein letztes Kloster gründete - blieb Gallun am Bodan-See zurück. Krank, wie er war, begab er sich zum Presbyter Willimar ins Kastell hinüber, wo er sieben Tage lang gepflegt wurde. Nach seiner Gesundung hielt es Gallus, so wurde er fortan genannt, jedoch nicht in Arbor Felix. Auf seine Bitte hin geleitete ihn Hiltibod, ein ortskundiger Diakon Willimars, ins urwaldähnliche Hinterland den Bergen zu. An einem fischreichen Becken der Steinach fand Gallus den geeigneten Platz zum Bleiben. Und dort begegnete er dem Bären.
Die Legende vom heiligen Gallus, der dem Bären Brot reicht, weist auf ein wichtiges Element der iroschottischen Mission. In den Herzen jener Westkelten lebte ein starker Bezug zur Kreatur. Die Natur zu verwandeln, nicht zu unterjochen, war selbstverständlicher Teil ihres Glaubens. So wird zum Beispiel erzählt, dass alle Schlangen die Insel Reichenau verließen, als Pirmin, vermutlich ein Keltiberer, dort um 724 das Kloster Mittelzell anlegte. Stadtwappen von St.Gallen/CH  GNU
Gallus und der oft ein Brot tragende Bär sind ein ikonographisches Motiv, das man weit verbreitet finden kann. Der Bär ziert das St.Gallener Stadtwappen.
Die Wirkung des Bruders strahlte nunmehr von der Stille der Waldeinsamkeit aus. Aus dem Wandermönch war ein Einsiedel geworden. Er suchte nicht weiter die Menschen auf - die Menschen kamen zu ihm, oder sie riefen ihn. Kein weltferner Anachoret wollte er sein, aber trotz seines Hangs zu Geselligkeit brauchte er die Zurückgezogenheit für die ihm notwendige innere Festigung. Sein soziales Tun richtete sich nicht mehr vorrangig nach der Strenge der Idee, sondern viel eher nach Bedürfnis und Möglichkeit des einzelnen. Vergleicht man die Vita Sancti Columbani mit den drei Gallus-Viten, wird dieser Unterschied deutlich. Auch fallen seine Milde und humorvolle Güte nun auf; er, der Götterstandsbilder zertrümmert hatte, unterrichtete jetzt nur die, die es wünschten, alle anderen liess er ihren Weg gehen. Kam man ihm zu nahe, wich er aus, statt wie einst vorzupreschen. In seinem gelassenen Verhältnis zum Weiblichen hebt er sich ebenfalls von Columban ab. Brighde, die „Muhme Christi”, grüngewandete, blonde Mutter aller Iren, wird ihm neben der Mutter Christi vertraute geistige Begleitung gewesen sein.
Er unterwies und predigte, hin und wieder besuchte er Willimar im Kastell, und er verstellte sich nicht ungern. Cunzo, als Lehensmann der Merowinger Herzog über das Gebiet rund um den See, jener Würdenträger, der Columban und die Seinen auf Ersuchen der Brigantiner des Landes verwiesen hatte, er liess jetzt den Einsiedler an den Hof zu Iburninga (Überlingen) rufen, auf dass dieser seiner Tochter Fridiburga einen fürwitzigen Dämon austreibe. Gallus, der Berührung mit weltlicher Macht abhold, floh aus seiner Behausung, nicht ohne die Botschaft zu hinterlassen, sein Abt habe ihn nach Italien gerufen. Über den Alpstein eilte er nach Quaradaves (Grabs im Rheintal), wo er bei dem Diakon Johannes, einem Rätoromanen, Unterschlupf fand und sich sicher wähnte. Willimar, der seinen Kelten kannte, fand ihn dort „lesend in einer Höhle” und bewog ihn, zum Herzog mitzukommen. Gallus heilte dessen Tochter dann, nachdem zwei vom König gesandte Bischöfe dies nicht vermocht hatten. Zum Dank wollte Cunzo den Mönch zum Bischof von Konstanz machen, eine Anmassung, die den damaligen Verhältnissen entsprach. Doch diesem waren Ehren und Würden zuwider. Statt seiner schlug er Johannes vor, den er vorbereiten und dann einführen wollte. Dass der Räte tatsächlich zum Hirten des frühen alamannischen Bistums geweiht wurde, geht somit auf das völkerverbindende Tun des alten Iren zurück.
Am 23. November 615 schaute Gallus den Tod seines Abtes und Freundes. Sofort schickte er einen seiner Helfer, Magnoald, den späteren Magnus oder Mang, nach Bobbio, um Näheres zu erfahren. Dieser brachte ihm einen Brief von Columban und dessen Cambutta, den Abtstab, mit, wohl eine besonders geformte Haselrute, mit der Columban seine Zeichen gesetzt hatte, Sinnbild seines Wirkens. Der Impuls des Abtes war gleichsam an den See zurückgekehrt, wo er von einem treuen Freund empfangen und bewahrt wurde. - Nicht lange nach dem Ableben seines ersten Abtes nahm das Kloster Bobbio die regula Benedicti (ora et labora ohne lege) an.
Gallus selbst gründete kein Kloster. Es entsprach kaum seiner Art, Mitbrüder zu lenken und über die Einhaltung von Regeln zu wachen, obwohl er selbst streng nach der Regel Columbani lebte. Nach seinem Hinscheiden an einem 16. Oktober um 645 löste sich die kleine Bet-, Lehr- und Arbeitsgemeinschaft am Steinach-Tobel rasch auf. Danach wurde einmal sogar das verwaiste Grab im ehemaligen Bethaus von einem fränkischen Haufen in der Hoffnung auf Gold aufgebrochen. Erst 712 wurde über dem Grab und der verfallenden Kapelle auf Veranlassung des Churer Bischofs eine Klosterkirche errichtet. So wurde ein alamannischer Priester, Audomar (Otmar), erster Abt von St.Gallen. 790 übernahm dann auch dieses Kloster die Benediktinerregel, sodass sein Ursprung ins Verborgene und später in Vergessenheit geriet. Aus Columban und Gallus, die zeitlebens an ihrem Irentum festgehalten hatten, wurden römisch-katholische Kalenderheilige.
Von St.Gallen und der Reichenau gingen durch Jahrhunderte jene Kulturimpulse aus, von denen die Region heute noch in mancher Hinsicht zehrt. Soweit die St.Gallener Ausstrahlung im Lebenswerk des Eremiten von der Steinach wurzelt, zieht sie ihre Kraft aus einer Umwandlung des weiten Wurfes aus Hybernien. Der grosse, aber einsame Abt hatte unwillig einen seiner weissen Brüder, seinen liebsten, wie einige behaupten, am Bodensee zurückgelassen. Durch ihn wurde die rastlose Bewegung Columbans gefasst und in eine dauerhafte, dem Volk zuträgliche umgegossen. Ein Funke längst verschollenen Keltentums war in dessen einstigem Ausgangsraum auf neue Weise aufgeflammt.
erstmals veröffentlicht in "Info3" Nr.6/1991
Literatur
siehe auch Stichwort-Register
BORST, A.: «Mönche am Bodensee»
HELBLING, B.u.H.: «Der hl.Gallus in der Geschichte»
STREIT, J.: «Sonne und Kreuz»
WETTI et al.: «Die Lebensgeschichten der Heiligen Gallus und Otmar»
WIKIPEDIA: Columban, Gallus, Arbon, St.Gallen