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Merkblatt-
Beilage 1b:
Meridianforschung
Erinnerung an eine Grundlage von Kulturimpulsen
In Bibliotheken verstauben abgelegte Jahrgänge aller möglichen Vierteljahres-, Monats- und Wochenschriften. Wer braucht sie schon? Wer bringt noch Musse genug auf, um sie durchzuschauen? Gibt's ja allerorten Altpapierbehälter! - Nein, ganz so nicht! Da gibt es jene emsigen Stöbernaturen, Forschende ihrer Art, die nach wochen-, monate- und vierteljahrelangem grabenden Sichten einen Vortrag halten, mehrere Vorträge, den selben an verschiedenen Orten. Wenn es ihnen vergönnt ist, schreiben sie dann ein Buch über das Zusammengefundene, und der Anmerkungsapparat wird die Grösse ihres Fleisses widerspiegeln. Oder es schreibt eine lediglich einen Artikel.
Blättert man etwa in älteren Wochenschriften für Anthroposophie, so kann man nicht nur feststellen, dass viele teils fesselnde Inhalte dargeboten worden sind, sondern auch, dass bestimmte Themen abgewandelt wieder auftauchen, während andere nur ein einziges Mal aufblitzen, ein Wetterleuchten, das köstlichen Regen verheisst, auf den man jedoch vergeblich wartet. Solch ein Thema finden wir in Nr.39/1981 der vorliegenden Zeitschrift.
Über vier Seiten entwickelt darin Viktor Stracke, anthroposophischer Altvater aus Graz, seine Entdeckungen und Überlegungen zu den Längen- und Breitenkreisen. Darauf war er durch eine Bemerkung von Emil Bock gekommen. Stracke kann von sich sagen, er sei „mitschuldig” am Zustandekommen der Dornacher Arbeitervorträge. Damals war er als junger Elektriker am Bau des Ersten Goetheanums beteiligt gewesen; dort hatte er seinen anthroposophischen Anstoss erhalten, der ihn bis in sein hohes Alter getragen hatte. Das Gespräch mit ihm über seine Erfahrungen wirkte erfrischend, und manch einer mag sich angeregt fühlen, seinen Gedankengängen nachzuspüren.
Was war Viktor Stracke nun aufgegangen?
Jedermensch kann erfahren, dass dem Sonnenlauf um die Erde eine hohe Gesetzmässigkeit innewohnt. Jeden Tag zieht die Sonne eine andere Bahn über den Himmel; dabei bleibt ihre Geschwindigkeit in etwa gleich. Jeden Tag wechselt sie den Breitenkreis; dabei überstreicht sie alle Längenkreise oder Meridiane (Mittagslinien). Jeder Stunde eines Jahres ist somit eine bestimmte Sonnenstellung über der Erdoberfläche zugeordnet. Mit Kopernikus kann man empfinden, wie die Erde jeden ihrer Orte dem Zentralgestirn immer wieder neu entgegendreht. So wirft dieses im Laufe von Tag und Jahr ein Strahlennetz über unseren Planeten (mit einem beständigen Heizwert von 0,7 kW/m² bei senkrechtem Auftreffen der Strahlen in Meereshöhe).
Zwei geographische Phänomene lassen sich daraus begreifen. Erstens gibt es täglich einen Kranz von Erdenorten (latein. loci), die das Sonnenlicht nachundnach aus derselben Himmelshöhe empfangen; gemeinsam bilden sie einen Breitenkreis. Und zweitens erfährt ein anderer Kranz von Orten im selben Augenblick zum Beispiel Mittag, den höchsten Tagesstand der Sonne am Himmel; so wird ein Längenkreis gebildet (ein Längen-Halbkreis eigentlich: die andere Hälfte erfährt in diesem Fall Mitternacht).
Solcherart miteinander verbundene Erdenorte können jetzt näher betrachtet werden. Findet man auch sonst Gemeinsamkeiten unter ihnen? Gemeinsamkeiten geistesgeschichtlicher Art etwa? Man wird vielleicht einen Atlas oder die Ortsdatenbank von BMNFetal (unter loci) konsultieren wollen und ein deutliches Beispiel suchen.
Mitteleuropa: der Bodensee breitet sich aus, im engeren Sinn dehnt er sich von Bregenz bis Konstanz. Er bildet das Zentrum eines alten Kulturgebietes. Vor rund dreitausend Jahren dürfte der Bodenseeraum keltisches Kerngebiet gewesen sein. Von hier aus strömten Kelten nach Osten (bis Galatien) und Westen (Gallien, Britannien, Erin); sie bildeten einen Riegel zwischen Römern und Germanen. Jenes Kerngebiet erstreckte sich um den Meridian 9°30'ost (östlich von Greenwich). - Dabei darf eine Toleranz von ±16' gelten, beträgt ja der Sonnenscheiben-Halbmesser im Mittel 16', sodass die Sonnenscheibe jeweils einen Streifen von 32' bezeichnet; dasselbe gilt für die Breitenkreise und ist als Richtwert aufzufassen.
Nichtzuletzt dank Rudolf Steiner wissen wir, dass das Keltentum in das europäische Volkstum hineingelöst worden ist, weil der keltische Volksgeist sich hingab, um das esoterische Christentum inspirieren zu können. Die dokumentgebundene zeitgenössische Historik berichtet vom Aufgeriebenwerden der Kelten von Caesar an, wo nicht vor ihm schon durch die Etrusker. Im frühen Mittelalter begannen dann Inselkelten aus dem Westen auf den Kontinent zu pilgern; meist in kleinen Zwölfergruppen zogen die weissen Mönche ins Frankenland und weiter zu Alamannen und Bajuwaren, ebenso Richtung Norddeutschland. Eine für Europas Geistesgeschichte erhebliche Gruppe war nun die Schar um Kolum den Jüngeren, genannt Columban; sein Impuls führte sie bis Bregenz und von dort über die Alpen nach Pavia und schliesslich Bobbio (9°23'ost), wo Columbans Lebensweg endete. Seine Cambutta aber, der wundersame Abtstab, wurde nocheinmal über die Alpen geschickt zu Gallus, Columbans Freund und Schüler, der am Bodensee zurückgeblieben war und sich im Wald an der Steinach eine Zelle mit Gebetshütte gebaut hatte. Über ein Jahrhundert später wurde darüber das Kloster St.Gallen (9°23'ost) errichtet. Gallus verstarb ohne Nachfolger, doch Columbans Impuls strömte über ihn ins Bodenseegebiet aus. - Lässt man dieses Geschehen als Symptom auf sich wirken, kann man spüren, wie der hybernische Strom des Westens bis zur Mitte drang und in ihr aufging, wie eine Wellenfolge im Sand verfliesst, um als Grundwasser weiterzuwirken.
Eine von Stracke entwickelte Methode ist die Spiegelung im Raum, entsprechend der von Steiner wiederholt dargestellten Spiegelung in der Zeit. Liegt der Ort eines geschichtlichen Symptoms in einem bestimmten Abstand von einem gegebenen Meridian, so kann zuweilen der Ort eines vorbereitenden oder nachwirkenden Symptoms dazu in ähnlichem, jedoch seitenverkehrtem Abstand vom Meridian aufgefunden werden. Am Bodensee-Beispiel gezeigt: da Gallus sich in Bregenz (16' östlich vom Meridian 9°30'ost) von der Columban-Gruppe getrennt hatte, um in der Region zu bleiben, konnte er später in Konstanz (20' westlich vom selben Meridian) den rätischen Priester Johannes zum Bischof der Alamannen vorschlagen, womit er völkerverbindend wirkte.
Die Länge 9°30'ost könnte Meridian des esoterischen Christentums heissen, wie Stracke vorschlägt. Hoch im Norden wurde ungefähr auf diesem Streifen das Åsteson-Lied wiedergefunden, das Lied vom Sohn der Liebe. Diesem Meridian benachbart finden wir die Externsteine oder den korsischen Kultort Corte, weswegen Stracke die Länge 9°ost Meridian der Geheimnisse nennt. Andererseits liegt Karthago, die grosse Gegenspielerin Roms, ebenfalls in seiner Nähe, wie auch Kristiania, wo Rudolf Steiner den Volksseelen-Zyklus gehalten und dabei auch von den Kelten gesprochen hatte.
Alle diese Symptome beweisen freilich nichts. In der Geisteswissenschaft geht es weniger darum, etwas zu beweisen; vielmehr sind Evidenzerfahrungen gefragt. Die erwähnten Beispiele vermitteln zumindest eine Ahnung davon, welche Ausblicke eine gründliche Meridianforschung zu eröffnen vermag.
verfasst für »das Goetheanum«, jedoch nicht angenommen