zum IMPRESSUM
Merkblatt-
Beilage 5:
Abaelard und Bernhard
Arno Borst
Fontenay/FR  2006 by DMGG
1
Die Schicksale von Peter Abaelard [a] und Bernhard von Clairvaux [b] reizen seit Jahrhunderten Historiker und Dichter zum Vergleich. Parallelen und Unterschiede finden sich in Fülle. Die beiden Männer zählen zu den größten Gestalten des zwölften Jahrhunderts. Beide waren Ritterskinder und versuchten sich in Liebeslyrik und weltlichem Wissen, ehe sie Mönche wurden; erst ihre geistlichen Gedanken haben Zeit und Nachwelt geprägt, obwohl sie beide zeitlebens krank und hinfällig waren, der eine wohl von einer Blutkrankheit, der andere von einem Magenleiden früh gekennzeichnet; mit dreiundsechzig Jahren starben sie beide, Abaelard 1142, Bernhard 1153. Der Bretone Abaelard war von romanischer Art, grazil gebaut und klein von Statur, nervös und empfindlich, eitel und schwankend, schlagfertig und klug. Der Burgunder Bernhard war hager und hochgewachsen, mit blauen Augen und rötlichem Haar, wie man sich einen Germanen denkt, beherrscht und gesammelt, doch von plötzlichen Ausbrüchen geschüttelt, zwischen unbändigem Willen und demütigem Gefühl zerteilt.
Abaelard, von dem literarisch gebildeten Vater geleitet, verzichtete auf Erstgeburtsrecht und politische Macht, um ein Ritter der Feder zu werden. Erst als die Eltern ins Kloster gingen, dachte der Philosoph an seinen Glauben und studierte 1112 Theologie, aber nur, um seine Lehrer zu schlagen und im Hörsaal neue Triumphe zu feiern. Bernhard, das dritte Kind seiner Eltern, schloß sich, während der Vater zu Felde zog, dem gemütvollen Glauben der Mutter an. Als sie starb, ging er 1112 ins strenge Kloster Citeaux; nach einem Jahr der inneren Sammlung wußte er noch nicht zu sagen, ob die Decke des Schlafsaals gerade oder gewölbt sei. Der Professor Abaelard wurde um 1115 mit seinen klaren und kühnen Thesen der Liebling der Pariser Studenten, bald auch der Geliebte Heloisens [c]. Unterdes kasteite sich im Wald von Clairvaux der neuernannte Abt Bernhard. Um 1118 [d] wendeten sich beide Lebensläufe. Bernhard erkrankte am Übermaß der Bußübungen und mußte seine Inbrunst zügeln; er begann sich der Umwelt zu widmen. Abaelard verführte Heloise und wurde von ihrem rachedurstigen Onkel entmannt; beschämt floh er ins Kloster, aber nicht zu den strengen Zisterziensern, sondern ins vornehme Königskloster Saint-Denis.[e] Während Bernhard, der Mönch aus Leidenschaft, von seiner engen, niedrigen Zelle aus die wunderwirkende Heiligkeit den Zeitgenossen vorlebte, schrieb Abaelard, der Mönch wider Willen, sein erstes dogmatisches Buch über die Dreifaltigkeit und ihre Einheit, die ›Theologia Summi boni‹; sie wurde 1121 von der Synode zu Soissons [f] als häretisch verurteilt.
Mußten Männer mit so verschiedenen Anlagen, Schicksalen und Zielen nicht Todfeinde werden, wenn sie einander begegneten? Könnten die Gegensätze größer sein? Forschung und Dichtung werden nicht müde, sie ins Grundsätzliche zu wenden. Freilich, wie sie jeden der beiden Gegenspieler charakterisieren sollen, darüber sind sich die Gelehrten nicht einig. Abaelard, das wäre der Ketzer, der heidnische Philosoph, der Verstandesmensch, der rationalistische Aufklärer, der freie Forscher, der erste moderne Mensch, der weltfremde Theoretiker, der haltlose Privatgelehrte, der Vater der Scholastik, das autonome, moderne, gar das bürgerliche Individuum der Renaissance. Bernhard, das wäre der Heilige, der christliche Gläubige, der Gefühlsmensch, das religiöse Genie, der mystische Gottsucher, der Mönch in seiner Innigkeit, aber auch mit der dicksten Mönchsdummheit, der gewaltige honigfließende Prediger, der geistliche Politiker, der wundertätige geistige Held, der Hierarch, der kein wahrer, ganzer Mensch war, der zwischen Mystik und Politik zerrissene Charakter, der revolutionäre, ›gotische‹ Spiritualist und zugleich der reaktionäre Politiker des ›romanischen‹ Feudalismus, der rätselhafte Mensch, in dessen Seele sich die Widersprüche seiner Zeit spiegeln. Aber so weit diese Urteile auseinandergehen, so einstimmig ist die Meinung, daß Abaelard und Bernhard zwei völlig entgegengesetzte Gestalten seien, daß ein Konflikt zwischen ihnen unvermeidlich gewesen sei.[g]
Ja, dieser Konflikt wiederholt sich noch in der Forschung: wer Abaelard lobt, kann Bernhard nicht lieben; je deutlicher sich Abaelards großer Einfluß auf die Scholastik abzeichnet, desto gereizter urteilen auch katholische Theologen über den heiligen Bernhard, ohne daß neue Entdeckungen dazu zwängen. Aber läßt man sich da nicht doch zu falschen Antithesen drängen durch die Tendenz der antiken Doppelbiographie, die einen Helden und einen Schurken braucht, durch die Nachwirkungen der konfessionellen Spaltung, die nur das Entweder-Oder zuläßt, oder gar durch den Stumpfsinn unserer Tage, der ideologische Linientreue verlangt? Die Devise des zwölften Jahrhunderts »Diversa non adversa« verharmlost gewiß, aber müssen Menschen, die verschieden sind und verschieden denken, sich zwangsläufig auch hassen und befehden?
Wir antworten auf diese Frage, indem wir die Quellen verhören: Wie verhielten sich Abaelard und Bernhard zueinander, waren sie sich aus sachlichem oder persönlichem Grund von Anfang an spinnefeind, oder wie sonst kam es 1140 zu dem Zusammenstoß, der sie beide und ihre ganze Zeit zutiefst erschütterte? Dafür gibt es zahlreiche Zeugnisse. die seit langem bekannt und nur in ihrer Datierung umstritten sind; gegenüber der bisherigen Forschung haben wir den Vorteil, daß wir einen erst 1953 vollständig publizierten Brief Abaelards auswerten können. Er liefert den Schlüssel zu dem Streit, wenn auch nur indirekt, denn beim Diktatvergleich aller erhaltenen Zeugnisse erlaubt dieser Brief eine neue zeitliche Ordnung der Quellen und dadurch eine andere Motivierung der Fehde als bis jetzt üblich. Hier kann ich freilich nur ein paar Ergebnisse der umständlichen Untersuchung vorbringen; aber wenn überhaupt, dann kann hier nur der Zusammenhang, nicht das Detail überzeugen.
2
Wann sich Abaelard und Bernhard zum ersten Mal begegneten, wissen wir nicht. Daß Bernhard schon 1121 Abaelards Verurteilung in Soissons betrieben hätte, ist eine durch nichts gestüzte Behauptung. Denn Bernhard stand damals allen dogmatischen Fragen fern und hatte bis 1125 mit dem Ausbau von Clairvaux und seinen Tochterklöstern genug zu tun; als er sich um die Zustände in Abaelards Kloster Saint-Denis zu kümmern begann, war Abaelard dort schon unter Protest ausgezogen und lebte in der Einsiedelei zum Parakleten bei Nogent. Damals, um 1125, legte jedoch der berühmte Pariser Gelehrte Hugo von St.Victor [h] Bernhard vier Thesen eines Ungenannten vor, darunter die Ansicht, der Unwissende sündige nicht und die christlichen Glaubensgeheimnisse seien den Gerechten schon vor Christi Geburt bekannt gewesen. Nun finden sich Anklänge an diese Sätze in den Werken Abaelards, so daß die Forschung fast einhellig glaubt, der Ungenannte sei Abaelard. Ludwig Ott meinte 1937 sogar, Bernhard müsse das gewußt haben. Da aber Bernhard seinen Gegner einen »Jemand, ich weiß nicht wer« nannte, hätte der Heilige gelogen. Wozu eigentlich? Menschenfurcht lag ihm fern. Überdies sind die Schriften Abaelards, an die die Kritik anknüpfen konnte, erst lange nach 1125 entstanden. Das dogmatische Werk, an dem er um 1125 arbeitete, die ›Theologia Christiana‹, erregte keinen Anstoß, auch später nicht. Näher liegt es, daß ein Schüler Abaelards einige Sätze des Lehrers aus ihrem Zusammenhang riß und verbreitete. Hugo von St.Victor stand mit Abaelard wohl damals schon nicht auf freundschaftlichem Fuß, aber er mag vermutet haben, daß Abaelard diese Lehren so nicht vertrat, und wird, um allen Ärger zu vermeiden und nur die Sache zu klären, Abaelards Namen ganz aus dem Spiel gelassen haben. Zumindest Bernhard wollte mit seiner Zurückweisung der vier Thesen nicht Abaelard attackieren.
Nun behauptet scheinbar Abaelard selber in seiner Autobiographie das Gegenteil. Zwischen 1121 und 1125 hätten alte Rivalen gegen ihn einige neue Apostel, »novi apostoli«, aufgehetzt, denen die Welt damals unbedingt vertraute; von ihnen habe sich der eine gerühmt, die Lebensform der Regularkanoniker, der andere, die der Mönche reformiert zu haben. Diese beiden seien predigend durch die Welt gezogen, um seinen Glauben und Wandel bei allen Mächtigen anzuschwärzen. Die Forschung ist einmütig der von Jürgen Miethke 1973 erneut vorgetragenen Auffassung, diese beiden nicht namentlich genannten Apostel seien der heilige Norbert von Xanten [i], der den Kanonikerorden der Prämonstratenser stiftete, und Bernhard von Clairvaux, die Zierde des Zisterzienser Mönchsordens. Gegen diese scheinbar durchschlagende Erklärung erhob 1950 der Amerikaner Joseph T. Muckle etwas schüchtern Protest: Abaelard habe Bernhard noch lange danach seinen Freund genannt. Das Argument klingt dürftig, aber Muckle hat recht.
Bernhard war, anders als Norbert, um 1125 alles andere als ein Wanderprediger; sein Itinerar bezeugt es. Daß allerdings der eine Apostel Norbert von Xanten ist, läßt sich nachweisen. In einer Predigt spottete Abaelard zwischen 1126 und 1131 über ›Norbertus‹ und seinen ›coapostolus‹ namens ›Farsitus‹, sie hätten vergebens versucht, einen Toten zu erwecken. Die ganze Predigt trieft vom Hohn über Norbert. Dieser suchte in der Tat die ›apostolica vita‹ zu verwirklichen; er nannte seine Anhänger ›pauperes Christi‹. Es gebe, schmähte Abaelard, sogenannte Arme Christi, die sich als Mönche gebärden, aber doch ihr Kloster verlassen und sogar Bischöfe werden - Norbert ließ sich 1126 zum Erzbischof von Magdeburg wählen, was ihm auch andere Zeitgenossen verübelten. Abaelard nennt die Prämonstratenser hier Mönche, wie auch Norberts Lebensbeschreibung die prämonstratensische Ordnung unter mönchischem Blickwinkel deutet. Der angebliche Erneuerer des Mönchstums ist also wohl Norbert. Und wer ist der vermeintliche Reformator der Regularkanoniker? Das ist nicht sicher auszumachen, für unser Problem auch zweitrangig, weil hierfür Bernhard keinesfalls in Betracht kommt. In der Predigt erwähnt Abaelard den Farsitus. Hugo von Fosses war Norberts ältester Genosse und Nachfolger als Abt vom Prémontré. Die Gelehrten streiten sich, ob er identisch ist mit dem Regularkanoniker Hugo Farsitus aus Soissons, der 1143 in Koblenz dem heiligen Norbert die Totenrede hielt. Abaelard sah sie vielleicht für eine Person an und hätte dann den Witz der Predigt in der Autobiographie wiederholt: Norbert und Farsitus verwischen die Grenze zwischen Mönchen und Regularkanonikern und nennen diese Konfusion eine Reformation. Da die Autobiographie wahrscheinlich einige Jahre nach der Predigt entstand, wußten die Eingeweihten, allem Anschein nach auch Heloise, wen Abaelard mit den neuen Aposteln meinte. Jedenfalls nicht den Zisterzienser Bernhard. Man nimmt meistens an, Abaelard habe hier Bernhard ebenso versteckt und hinterhältig angegriffen wie dieser ihn in dem Brief an Hugo von St.Victor; aber es wird sich bald zeigen, daß weder Abaelard noch Bernhard zu den hämischen Geistern gehörten, die im Halbdunkel ihre Intrigen spinnen.
Am 20. Januar 1131 trafen sich Abaelard und Bernhard. Bernhard hatte soeben seinen Kandidaten im großen Papstschisma, Innozenz II.,[k] dem französischen und dem englischen König zugeführt und übernachtete mit dem Papst, auf dem Weg nach Lüttich zum deutschen König Lothar, im Kloster Morigny. Dort fand sich auch Abaelard ein und traf mehrere Mitspieler des späteren Dramas, den Kardinalkanzler Haimerich, den Erzbischof Heinrich von Sens und seinen alten Freund Bischof Gaufrid von Chartres. Abaelard war inzwischen Abt eines verrotteten bretonischen Klosters geworden und hatte sich mit seinen Mönchen so fruchtlos herumgezankt, daß er nun in Morigny Innozenz um Entsendung eines päpstlichen Legaten bat, der durchgreifen sollte. Wenn Abaelard sich mit einem Anliegen der Klosterreform an Bernhards Papst wandte, konnten ihn die Innocentianer, vor allem Bernhard selbst, nur freundlich empfangen. Gegenseitige Achtung war die Folge. Heloise bezeugt es.
Denn Heloise, Abaelards einstige Geliebte und spätere Seelenfreundin, hatte inzwischen in Abaelards Einsiedelei bei Nogent ein Nonnenkloster eingerichtet und erbat nun einen Besuch des heiligmäßigen Abtes von Clairvaux. Als Bernhard zwischen 1131 und 1135 ankam, begrüßten ihn die Nonnen mit höchster Freude wie einen Engel vom Himmel. Die Äbtissin, ständig von Abaelard brieflich beraten, hätte den Besuch nicht gewünscht, Bernhard ihn nicht gemacht, wenn Groll und Mißtrauen zwischen Abaelard und Bernhard gestanden hätten. Bernhard bemängelte in Heloisens Kloster nur eine Kleinigkeit. Man betete dort auf Abaelards Anweisung im Vaterunser: »Unser überirdisches (›supersubstantialem‹) Brot gib uns heute«; das sei, meinte Bernhard, eine unbegründete Neuerung. Heloise hatte nichts Eiligeres zu tun, als Abaelard »insgeheim« zu informieren. Verfaßte Abaelard nun eine gehässige Invektive ohne Namensnennung? Keineswegs; er schrieb an Bernhard, seinen geliebten Bruder, einen ausführlichen Brief. Er bedankte sich für Bernhards Besuch bei den Nonnen; auch seine Kritik sei ein Zeichen »der Liebe, mit der Ihr mich mehr als andere umgebt«. Das war keine höfliche und diplomatische Floskel; denn Abaelard war nicht zu feige, dem mächtigen Abt in der Sache scharf zu widersprechen.
Die von den Nonnen gebetete Variante im Vaterunser stamme aus der ältesten Quelle, Matthäus 6,11; das gebräuchlichere »Unser tägliches Brot gib uns heute« sei nur bei dem späteren Lukas 11,3 bezeugt. Der eigentliche Neuerer gegen alle Tradition sei Bernhard selbst, der soeben die Liturgie der Zisterzienser umgestaltet hatte. Aber Abaelard schloß versöhnlich, die Vielfalt des Betens könne Gott nur angenehm sein, weil jeder auf seine Weise fromm bete. Abaelards historische Textkritik war sachlich irrig, weil die Divergenz erst der lateinischen Vulgata entstammt und im griechischen Original beide Stellen dasselbe ›epiousion‹ haben. Trotzdem konnte Bernhard wenig erwidern; die Vaterunser-Variante war vor und nach Abaelard häufig, überdies bestand Abaelard selbst nicht hartnäckig auf ihr. Bernhards Antwort muß wohl kurz und höflich ausgefallen sein, sonst wäre sie uns erhalten. Nur Philologen können in diesem Brief Abaelards »die Schatten des späteren großen Konflikts« erkennen - und Philologen waren weder Bernhard noch Abaelard.
3
1136 zog Abaelard wieder nach Paris aufs Katheder. Nach siebenundfünfzig Lebensjahren war er mit seinem unruhigen Gemüt halbwegs im reinen; das Vergangene hatte er mit seiner Autobiographie abgestoßen. Nun begann er von neuem; wieder setzte er mit seinem dogmatischen Hauptwerk, der sogenannten ›Theologia Scholarium‹, dort an, wo ihm 1121 die Synode von Soissons Halt geboten hatte. Es mußte doch gelingen, das Glaubensgeheimnis mit der von Gott geschenkten Vernunft begreiflicher zu machen. Man brauchte nicht zu zögern: »Alle Wissenschaft ist von Gott allein und geht aus seinem Geschenk hervor, darum ist sie nach unserer Überzeugung gut.« Wenn das Mysterium des Glaubens vernünftig war, mußten schon die Heiden, Platon vor allem, etwas von ihm gewußt haben. Wenigstens konnte die Vernunft das Unbegreifliche erläutern. Wenn man zum Beispiel die drei göttlichen Personen, zumindest im Gleichnis, als Macht, Weisheit und Güte voneinander sonderte, ließ sich ihr gegenseitiges Verhältnis logisch neu konstruieren und verstehen. Wenn man göttliche und menschliche Natur in Christus konsequent auseinanderlegte, wurde das Geheimnis der Fleischwerdung Gottes verständlicher. Auch das rätselhafte Ineinander von Gnade und freiem Willen, von Absicht und Tat, von Sünde und Schuld ließ sich durch dialektische Analyse genauer erfassen. Die Glaubenslehren sollten nicht geleugnet, sondern im Gegenteil neu befestigt und auch den Heiden nahegebracht werden; nach der apostolischen Weisung muß doch jeder Christ von seinem Glauben Rechenschaft geben können und zuerst verstehen lernen, was er glaubt.
Die bohrende Energie, mit der Abaelard, der »berühmte und bewundernswerte Lehrer« Gott und sein Geheimnis zu fassen suchte, zog viele von den Besten der Zeit an; der spätere Papst Alexander III., Johann von Salisbury und Petrus Lombardus wurden nun Abaelards Schüler. Vorsichtige wie Walter von Mortagne warnten ihn freundschaftlich: Ließ sich das Mysterium wirklich verstehen? Macht, Weisheit und Güte kommen doch allen drei göttlichen Personen zu, nicht nur dem Vater die Macht und dem Geiste die Güte. Christus ist doch Mensch und trotzdem die zweite Person der Trinität [l]; der freie Wille wirkt doch nicht ohne die Gnade, die gute Absicht macht noch nicht die Tat überflüssig, Unwissenheit schützt nicht vor Sünde. Lassen sich die komplexen Ordnungen Gottes überhaupt streng analysieren, muß man sich Gott nicht auf andere Weise zu nähern suchen, in der mystischen Versenkung, in der Liebe?
Abaelard hatte allerdings nie behauptet, daß seine logischen Analysen das letzte Wort sein sollten. »Unter uns Sterblichen kann die Wissenschaft nie so wachsen, daß sie nicht noch weitere Vermehrung vertrüge.« Er selbst war ja dauernd daran, seine Gedanken neu zusammenzubauen, um Gott noch näher zu kommen, und zitierte dabei Horaz: »Wenn das Ziel nicht zu erreichen ist, bedeutet es schon viel, daß man so weit geht, wie man kann.« Aber manche seiner Schüler, nicht die begabtesten vielleicht, berauschten sich an seinen kühnen Distinktionen; andere entsetzten sich, und nicht die schlechtesten. Die führenden Männer der Kirche, auch die zuständigen Bischöfe, hüllten sich zwar in ratloses Schweigen, aber nicht so der Zisterzienserabt Wilhelm von St.Thierry [m], neben seinem Freund Bernhard der größte Mystiker der Zeit und auch mit Abaelard befreundet. Er geriet zufällig an Abaelards ›Theologia Scholarium‹ und an einen Traktat aus Abaelards Schule und war tief betroffen: Trinität und Inkarnation wurden zerstückelt, die Geheimnisse Gottes entweiht. Wilhelm sammelte Exzerpte, um ganz sicher zu gehen, und schickte sie mit einer Widerlegung in der Fastenzeit zwischen 1136 und 1140, wahrscheinlich 1139, an Bernhard von Clairvaux und an den päpstlichen Legaten für Frankreich, Bischof Gaufrid von Chartres. Wilhelms Begleitbrief war ein Alarmruf: Bernhard und alle anderen, die reden müßten, hätten bisher geschwiegen. Derweilen hätten Abaelards unerhört neue Ansichten, die Wilhelm in dreizehn Punkten zusammenfaßte, überall Fuß gefaßt, sogar jenseits der Alpen und selbst an der römischen Kurie. Bei aller Liebe zu Abaelard müsse man jetzt um der Kirche willen einschreiten.
Manche Forscher haben Bernhard im Verdacht, er hätte Wilhelms Brief bestellt und wäre von Anfang an der Drahtzieher in dem Komplott gegen Abaelard gewesen. Doch da müßte man den Heiligen schon wieder der Lüge zeihen. Denn Bernhard erwiderte kurz, er habe Wilhelms Exzerpte noch nicht gründlich lesen können, halte zwar Wilhelms Vorstoß für richtig und nötig, traue aber in so großen Dingen seinem eigenen Urteil nicht und bitte Wilhelm um eine Unterredung, aber erst nach Ostern; solange müsse sich Wilhelm gedulden, »da ich von alledem das meiste und fast alles bisher nicht kannte«. Bernhard zögerte sichtlich, in die von Abaelard beherrschte Domäne der Dogmatik einzubrechen; sie war ihm nicht vertraut. Seine eigene Theologie war bisher ganz andere Wege als die der Frühscholastik gegangen; sie betonte mönchisch die mystische Inbrunst. Die neue Schulwissenschaft und die erneuerte monastische Unterweisung waren sich noch kaum begegnet.
Ob und wann Bernhard mit Wilhelm konferierte ist unbekannt. Jedenfalls überzeugte sich Bernhard davon, daß einige Sätze Abaelards bedenklich klangen, und damit hatte er gewiß recht. Ob Abaelard sie wirklich so meinte, wie sie, aus dem Zusammenhang gelöst, klingen konnten, war wohl auch für Bernhard fraglich. Die Atmosphäre war noch immer so ungetrübt, daß eine Diskussion sachlicher Differenzen im Geist persönlicher Freundschaft möglich schien. Bernhard bat Abaelard zu sich, und Abaelard kam. Zuerst unter vier Augen, dann vor Zeugen redete Bernhard ihm bescheiden und vernünftig zu, er möge die anstößigen Punkte korrigieren, damit kein Mißverständnis bleibe, und möge seine Hörer entsprechend informieren. Spätestens jetzt merkte Abaelard, was in der Forschung erst Lothar Kolmer 1981 entdeckte: daß Bernhard damit bereits einen ersten kirchenrechtlichen Schritt unternahm, die ›evangelische Ermahnung‹ nach Matthäus 18,15-17: »Hat aber dein Bruder gegen dich gefehlt, so gehe hin und stelle ihn unter vier Augen zur Rede ... Doch hört er nicht, dann nimm noch einen oder zwei Zeugen mit ... Hört er auch auf sie nicht, so sage es der Kirche ...« Wenn die brüderliche Zurechtweisung scheiterte, drohte also ein kirchliches Strafverfahren, entweder ein Anklageprozeß, bei dem der Ankläger seine Beweise vorzulegen, der Beklagte sie zu entkräften hatte, oder sogar ein Offizialverfahren, das der für Glaubensfragen zuständige Richter, der Bischof, von Amts wegen einleitete.
Abaelard mußte demnach, wenn er Bernhards Ermahnung zurückwies, mit einem neuen Häresieprozeß rechnen; nach den Erfahrungen von 1121 durfte er nicht hoffen, ihn zu gewinnen. Außerdem war er gewohnt, an seinen Werken dauernd zu feilen, und sagte zu. Man hat an seiner Bereitschaft gezweifelt und sie später im Bericht der Bischöfe an den Papst aus verständlichen Gründen nicht erwähnt. Aber Abaelard war nicht halsstarrig. Ihm selber wurde die natürliche Erkenntnis der Offenbarung fragwürdig; es ist heute sicher, daß der späte Abaelard hierin konservativer dachte als etwa der heilige Anselm von Canterbury, der Vater der Scholastik. Leif Grane hat es in seiner Biographie ›Peter Abaelard, Philosophie und Christentum im Mittelalter‹ 1964, deutsch 1969, belegt. Man mußte Abaelard nur gewähren lassen, er war auf dem Wege zu Bernhard. Und mit der Abmachung schien auch für Bernhard alles geregelt; als kurz danach ein anderer Pariser Gelehrter, Wilhelm von Conches,[n] durch Wilhelm von St.Thierry einiger abaerlardischer Irrtümer bezichtigt wurde, tilgte der Gerügte in der Neufassung seines Buches die fraglichen Sätze, und Bernhard unternahm nichts weiter. Er konnte und wollte der gelehrten Forschung das Experiment nicht verbieten; ihm mußte nur daran liegen, daß sich nicht die Halbgebildeteten der Formeln aus dem Labor bemächtigten und damit die Grundlagen des Glaubens zerrütteten.
4
Warum es bei der Vereinbarung zwischen Abaelard und Bernhard nicht blieb, ist die wichtigste Frage unseres Themas, aber gerade auf sie gibt es keine bündige Antwort, nur Andeutungen. Das verlegene Schweigen der Quellen läßt vermuten, daß die Gründe persönlicher und nicht sachlicher Natur sind. Entscheidend dürfte gewesen sein, wie sich die Absprache mit Abaelards Auftreten in der Öffentlichkeit vertrug. Vermutlich stellte Abaelard bei der Zusammenkunft die naheliegende Bedingung, daß Bernhard öffentlich nichts gegen ihn unternehme; Bernhard forderte, daß der Professor die verdächtigen Sätze nicht weiter unter seinen Schülern verbreite. Die Studenten können die ungewohnte Zurückhaltung ihres Lehrers, selbst wenn er sie eine Weile durchhielt, schwerlich verstanden und noch weniger geteilt haben. Im mündlichen Vortrag wagte Abaelard seit jeher kühnere Wendungen als in der schriftlichen Ausarbeitung, möglicherweise auch diesmal. Möglicherweise hörte Bernhard bald danach von Schülern Abaelards einige der inkriminierten Sätze wieder; was nutzte aber die Vorsicht des Meisters, wenn die Adepten seine Thesen weiter in alle Welt trugen? Jedenfalls verlor Bernhard die Geduld und ermahnte mehrere der Schüler Abaelards, anscheinend noch insgeheim, sie sollten Abaelards bedenkliche Ansichten zurückweisen und sich vor der Lehre hüten, die den Glauben verletze.
Bekanntlich werden die vertraulichsten Äußerungen einer Zelebrität über eine andere am schnellsten publik; Bernhards mündliche Warnung genügte für einen seiner Bekannten, den notorischen Schwätzer Hugo Metellus, um Abaelard brieflich zurechtzuweisen und ihn beim Papst Innozenz II. zu denunzieren, ohne seine Bücher gelesen zu haben. Nun wurde Abaelard mit Recht ungeduldig und ärgerlich; er beklagte sich, wie es scheint zunächst vor seinen Schülern, Bernhard untergrabe »insgeheim« seien Ruf bei Studenten und Kollegen. Das früher Gesagte durch öffentlichen Widerruf unschädlich zu machen, konnte der gefeierte Magister sich nun erst recht nicht mehr antun; es wäre einer Demütigung gleichgekommen. Aber sogleich verlor auch Abaelard die mühsam gewahrte Beherrschung und brach sein Schweigen. Die neue, letzte Fassung seiner ›Theologia Scholarium‹ erschien 1140 mit aggressiven, zugespitzten Formulierungen. Er wollte nicht mehr verhandeln, sondern mit Bernhard brechen, und seine persönliche Reputation dadurch voll wiederherstellen. Die Fronten versteiften sich sofort; Bernhard hatte nun den schriftlichen Nachweis in der Hand, daß Abaelard seine Lehren genauso häretisch meinte, wie sie klangen; die Schranken des Experimentierfeldes waren überschritten, der Ketzer mußte erbarmungslos vernichtet werden, bevor der Glaube weiteren Schaden litt. Und auf diese Aufgabe stürzte sich Bernhard nun mit seiner ganzen Leidenschaft; es ging nicht mehr um Abaelard, es ging um Christus.
Man muß entgegen der herrschenden Meinung annehmen, daß Bernhard nun sofort, im Frühjahr 1140, Abaelard bei Papst Innozenz II. verklagte, im eigenen Namen, ohne sich bischöflicher Autoritäten zu vergewissern. Bernhard wollte zwar sonst stets und noch soeben, 1139, kirchliche Rechtsfälle nicht unmittelbar durch den Papst, sondern durch die zuständigen bischöflichen Richter entschieden wissen; in Abaelards Falle waren das der Bischof von Paris in erster, der Erzbischof von Sens und die Provinzialsynode in zweiter Instanz. Da aber Abaelard auch in Rom Freund hatte, mußte Bernhard an den Papst selbst schreiben. Er verglich Abaelard, dem der eben aus Italien verbannte Arnold von Brescia [o] zur Seite stehe, mit den berüchtigsten Ketzern der Kirchengeschichte: Abaelard unterscheide wie Arius Stufen in der Trinität, er reiße wie Nestorius Christus auseinander, wie Pelagius setze er den freien Willen über die Gnade und unterwerfe den Glauben menschlichem Meinen. Er habe nur den Schein der Frömmigkeit, nicht ihre Kraft; dem Drachen gleich lauere er im Hinterhalt, »insgeheim«, den unschuldigen Seelen auf und rühme sich, den Kardinälen und Geistlichen an der Kurie, die ihn richten müssen, die Quellen des Wissens eröffnet zu haben. Bernhard durchsuchte Abaelards Bücher und sandte nun nach Rom eine Liste von neunzehn suspekten Sätzen. Die gewichtigsten davon widerlegte er außerdem in einem eigenen langen Traktat, der gleichsam an den Papst gerichtet war. Er benutzt noch die Exzerpte Wilhelms von St.Thierrys, erweitert und modifiziert sie aber; und wieder wird auf die alten Ketzer verwiesen, denen der neue Häretiker nachfolgt: Irrlehren zu verurteilen sei das Vorrecht des Heiligen Stuhles. Die Wurzeln des Übels sieht Bernhard in Abaelards Wissensstolz, der ihn zum Toren mache: Er kenne und wisse alles im Himmel und auf Erden, nur nicht das eine Wort ›nescio‹ (»Das weiß ich nicht«), und so werde seien ›Theologia‹ zur ›stultilogia‹. Zumindest dieser Traktat war in Frankreich bald im Umlauf, auch Abaelard selbst lernte ihn rasch kennen; es ist höchst unwahrscheinlich, daß er dem eigentlichen Adressaten, dem Papst, nicht zugesandt worden wäre. So hat Bernhard auch den Brief an den Papst und die Liste von Abaelards Irrtümern schwerlich in der Schublade liegen lassen. Ferner schrieb er an die Kurienkardinäle insgesamt und gesondert an einige französische Kardinäle wie den ehemaligen Zisterzienser aus Clairvaux, Stephan von Palestrina, an einen Kardinal G., an Abaelards Freund Kardinal Guido von Castello, den späteren Papst Coelesten II., und an einen in Italien weilenden Mitabt. Zwei weitere Briefe, an den Kardinalkanzler Haimerich und an den Kardinalpriester Ivo, einen früheren Schüler von St.Victor, wurden wohl damals konzipiert, aber nicht abgesandt. Diese Briefe haben alle den gleichen Tenor: Bernhard verklagt im eigenen Namen, ohne Berufung auf die Bischöfe Frankreichs, Abaelard als Nachfahren der antiken Häretiker und fügt Auszüge aus seinen Schriften bei. Persönliche Schmähungen fehlen nicht: Der Mönch ohne Berufung, der Abt ohne Amt pflege schlechten Umgang mit Frauen. Das war eine üble Verleumdung, aber für Bernhard war sie die selbstverständliche Wahrheit; denn nur wer schlecht lebt, kann falsch lehren, und Abaelard lehrte falsch. Bitter klagte Bernhard auch hier, Abaelard habe nur den Schein der Frömmigkeit, nicht ihre Kraft, und dennoch wüchsen dieser Hydra immer neue Köpfe; er habe noch Freunde unter den Kardinälen der Kurie, von denen er jetzt gerichtet werden müsse (›iudicari debet‹). Auch diese Briefe sind wohl bis auf die beiden zuletzt genannten abgeschickt worden. Bernhards Zorn, der nun das Sachliche mit dem Persönlichen vermengte und alle Rücksichten fallen ließ, wollte sein Opfer haben.
5
Aber in Rom, wo doch auch die Anzeige des Hugo Metellus vorlag, geschah nichts, eben weil Abaelard an der Kurie mächtige Gönner hatte wie den Kardinal Guido von Castello und den römischen Subdiakon Hyazinth, den nachmaligen Papst Coelestin III. Dieser scheint durch Bernhards Briefaktion so alarmiert worden zu sein, daß er sich sofort aufmachte, um Abaelard in Frankreich beizustehen. Denn Bernhard begnügte sich nicht mit der Anzeige beim Apostolischen Stuhl, die fehlzuschlagen drohte; er zeigte Abaelard auch bei der zweiten Instanz, beim Erzbischof Heinrich von Sens, an. Freilich wußte Abaelards Freunde am erzbischöflichen Hof ein Verfahren ebenfalls zu verhindern. Dann zog Bernhard zu Abaelards unmittelbarem Oberen, zu Bischof Stephan von Paris; aber auch dieser wollte sich sichtlich aus der Affäre heraushalten, möglicherweise, weil Abaelard im französischen Königshaus starken Rückhalt besaß. Immerhin lud der Bischof Bernhard ein, vor den Pariser Studenten zu predigen. Bernhard scheint sich zunächst dagegen gesträubt zu haben; er wollte das kanonische Verfahren der Hierarchie nicht durch sein homiletisches Vorgehen ersetzen. Aber wo vermochte er den Gegner überhaupt noch zu fassen? Vor dem Forum der Studenten konnte Abaelards schädliche Wirkung am sichersten gehemmt und der Glaube gereinigt werden, das war wichtiger als die Vernichtung des Widersachers. Die Predigt fand statt, vielleicht in Notre Dame. Bernhard wetterte gegen die Professoren und ihre anmaßende Eitelkeit, besonders gegen einen Menschen, der den Ruf Gottes nicht hört oder, wenn er ihn gehört hat, gleich wieder vergißt. Das sei ein Feind, der sich als Freund gebärde, er habe nur den Schein der Frömmigkeit, nicht ihre Kraft; wie der Hydra wüchsen ihm immer neue Köpfe, er sei unrein und habe eine reine Taube verführt; dennoch bilde er sich ein, alles Überirdische klar zu verstehen. Kein Name fiel, aber alle empfanden die Predigt, die fast nur die Wendungen von Bernhards Kurienbriefen wiederholte, als öffentliche Kampfansage. Einige von Abaelards Schülern, darunter wohl auch Gaufrid von Auxerre, Bernhards späterer Sekretär und Biograph, schlossen sich ostentativ dem Heiligen an. Immerhin, Bernhards erster Angriff war gescheitert; keine der drei Instanzen in Rom, Sens und Paris eröffnete ein Offizialverfahren wegen Häresie. Bernhard wollte die riskante Rolle nicht übernehmen, in einem Anklageprozeß persönlich dem rhetorisch und dialektisch überlegenen Gegner seine Ketzerei nachzuweisen. Abaelard aber wußte nun, woran er war: Es würde jedenfalls zu einem Strafverfahren gegen ihn kommen. Das betraf nicht mehr die abwägend gelehrte Diskussion, sondern nun vollends Ruf und Ansehen in der öffentlichen Meinung, ja, das Heimrecht der Wissenschaft in der Kirche Gottes.
Wahrscheinlich tat Abaelard zuerst, was er am leichtesten ausführen konnte: Er verfaßte eine schriftliche Entgegnung auf Bernhards Liste der neunzehn verdächtigen Sätze, die ›Apologia contra Bernardum‹, von der wir leider nur den Anfang ganz besitzen. Noch bezeichnet Abaelard den »Ankläger Bernhard« als Bruder, nun aber geht er schonungslos mit ihm ins Gericht. Er weist, auch für uns überzeugend, nach, daß der erste und wichtigste Anklagepunkt, er habe die Wesenseigenschaften der ganzen Trinität den einzelnen göttlichen Personen zugelegt, auf Mißverständnissen beruhe. Man habe seine Worte aus dem Zusammenhang gerissen und auch einiges für häretisch erklärt, was gut katholisch sei. Bernhard verstehe von den Feinheiten dialektischer Unterscheidung nichts und habe plump vergröbert. Aus den verlorenen Abschnitten kennen wir fünfzehn Fragmente, und zwar durch Zitate in einer alsbald verfaßten Gegenschrift, der ›Disputatio catholicorum patrum adversus dogmata Petri Abaelardi‹. Ihr Autor, der vertriebene Abt Thomas von Morigny, wußte der Argumentation Abaelards wenig anderes entgegen zusetzen als die Autorität der Kirchenväter. Aber Abaelard hatte begriffen, daß der Streit nicht mehr literarisch, nur noch juristisch zu entscheiden war. Er arbeitete auf einen Anklageprozeß gegen sich hin, denn dabei mußte er nicht, wie bei einem Offizialverfahren, vor dem bischöflichen Gericht Rede und Antwort stehen, sondern konnte den Ankläger Bernhard auf offener Szene bloßstellen und zum Schweigen bringen.
Kaum jemals besaß ein Professor solche Macht, und Abaelard wußte sie zum Gegenschlag zu nutzen. Er hatte schon früher einmal, im Zwist mit seinem Lehrer Roscelin, den Bischof von Paris gebeten, mit angesehenen Männern der Diözese ein Streitgespräch zwischen Abaelard und Roscelin zu leiten. Diesmal war der Gegner nicht »wahnsinnig«, sondern töricht, aber mächtig; man mußte behutsamer agieren. Abaelards Gegner sagten zwar bald, er habe die Bischöfe zum Rededuell gedrängt und zu diesem Zweck sogar den Erzbischof von Sens behelligt; aber so richtig das im Grund war, Abaelard wollte wenigsten formal nicht die Initiative übernehmen, um sich rechtlich nicht allzu sehr zu binden und bei widrigem Ausgang zu kompromittieren. Der Bischof von Paris hatte sich durch die Einladung zu Bernhards Studentenpredigt schon einseitig festgelegt; man mußte die nächst höhere Instanz gewinnen, den Erzbischof Heinrich von Sens, den Abaelard spätestens seit Morigny kannte. Schüler und Freunde Abaelards baten also den Erzbischof, er möge Bernhard von Clairvaux zu einem Streitgespräch auf die Oktav nach Pfingsten nach Sens laden; dort werde Abaelard auf Bernhards Vorwürfe antworten. Der Erzbischof willigte ein, wenn auch zögernd, und lud Bernhard und Abaelard vor. Er würde andere Bischöfe hinzuziehen und mit ihnen wohl oder übel in einem Anklageprozeß entscheiden, ob Abaelard ein Häretiker oder Bernhard ein Ignorant war.
Abaelard, der es auf dieses Anklageverfahren absah, bereitete das Treffen propagandistisch vor und legte in einem Rundbrief an seine Schüler - das ist der 1953 von Jean Leclercq publizierte - den Streitfall dar. Der Feind habe sich lange als sein engster Freund gebärdet, jetzt habe sich sein Neid entlarvt, als er Abaelards ›Theologia‹ eine ›stultilogia‹ genannt habe. Gleichzeitig verfaßte Abaelard ein Glaubensbekenntnis, das die Forschung wahrscheinlich zu Unrecht später ansetzt; es war wohl für die Richter in Sens bestimmt und antwortete vermutlich auf Bernhards nach Rom übersandte Liste und Widerlegung. Er wolle, schrieb Abaelard, keinesfalls auf den Thesen bestehen, die, ohne seine Absicht, unkatholisch klängen; man möge ihm hilf- und liebreich entgegenkommen, nicht auf die Bosheit oder Unkenntnis »unseres Freundes« hören und zweifelhafte Stellen wohlwollend auslegen. Schon einmal, für die Synode von Soissons, hatte Abaelard eine schriftliche Erklärung vorbereitet; man hatte sie ihn damals nicht verlesen lassen. Ob er sie diesmal den Richtern und der Öffentlichkeit schon vorher zukommen ließ? Abaelards Taktik ist jedenfalls deutlich: Er behauptet, die ihm vorgeworfenen häretischen Sätze stammten nicht von ihm oder seien anders gemeint und würden ihm nur aus Niedertracht und Ignoranz unterschoben. Bernhards Angriffe sollten sich als Torheiten eines Neidlings entpuppen.
Als Bernhard die Vorladung des Erzbischofs erhielt, war er empört. Der Glaube sei nicht durch Dispute zu prüfen. Die Bischöfe als die zuständigen Richter sollten den Häretiker auf Grund seiner Schriften von Amts wegen verurteilen; auch sei er den Ausflüchten des wortgewandten Abaelard nicht gewachsen. Bernhard weigerte sich, nach Sens zu kommen, und schrieb das dem Erzbischof. Es ging ihm nicht um gelehrten Disput, auch nicht um persönlichen Ehrgeiz. Er hatte inzwischen zwar gehört, daß Abaelard seine Freunde nach Sens lud und den Gegner in Briefen an seine Schüler herabsetzte; aber nicht das war das Schmerzlichste. Die Sache des Glaubens schien gefährdet zu sein. Doch mit Bernhards Weigerung war Abaelards Triumph gesichert; schon zogen Kollegen und Schüler scharenweise nach Sens, um ihn mitzuerleben. Freunde redeten auf Bernhard ein, wenn er nicht komme, sei es nicht nur um seinen Ruf, sondern um den Glauben geschehen. Unter Tränen ermannte sich Bernhard, schrieb eilends den nach Sens eingeladenen Bischöfen einen flehenden Brief, er sei ganz unvorbereitet, sie möchten ihm als Freunde Christi beistehen, und machte sich auf den Weg. Abaelards Sieg war greifbar nahe.
6
Was konnte Bernhard dagegen noch tun? Am Sonntag, den 2.Juni 1140, hielt er in Sens vor dem Volk eine Predigt, man möge für Abaelard beten. Dann, nach dem Abendessen, trafen sich die Erzbischöfe und Bischöfe der Kirchenprovinzen von Sens und Reims mit dem Abt von Clairvaux zu einer internen Vorbesprechung. Ferngeblieben war Abaelards Ortsbischof Stephan von Paris; aber erschienen war dre römische Subdiakon Hyazinth. Auch unter den zehn Bischöfen waren mindestens drei Abaelard wohlgesonnen, darunter der bedeutendste, der päpstliche Legat Gaufrid von Chartres, der sich schon 1121 in Soissons warm für Abaelard eingesetzt hatte, freilich auch Bernhard seit langem nahestand. In ganz ähnlicher Weise hatten sich Gaufrid von Châlons und Hatto von Troyes früher für Abaelard verwandt, aber auch mit Bernhard gute Beziehungen angeknüpft. Als engere Freunde Bernhards konnten fünf der Prälaten gelten, darunter Abaelards erklärter Feind und philosophischer Widersacher Joscelin von Soissons; er hatte schon vor fünfundzwanzig Jahren erklärt, Abaelard sei ein Scharlatan und Intrigant und kein Gelehrter.
Bernhard suchte der Versammlung klarzumachen, daß nicht, wie geplant, ein bloßes Streitgespräch geführt werden dürfe. Um den Glauben könne nicht erst diskutiert werden, die Normen müßten vor der Disputation eindeutig festgelegt sein, Abaelards häretische Sätze jetzt sofort verurteilt werden. Der Subdiakon Hyazinth muß Bernhard ernstlich bedroht haben. Auch sonst wird die Diskussion der Prälaten erregt gewesen sein und entsprach gewiß nicht dem Bild, das uns ein Abaelardschüler von ihr gibt; demnach hätten die betrunkenen Kirchenfürsten schläfrig und rülpsend dem eifernden Abt zugestimmt. Am Ende siegte freilich Bernhards feurige Beredsamkeit. Mit Zitaten aus Augustin und anderen Kirchenvätern unterbaute er die Anklage, die sich auf seine frühere Liste stützte. Die Bischöfe verurteilten diese neunzehn Sätze als falsch und häretisch. Über Abaelards Verhältnis zu diesen Lehren sollte erst die Versammlung am nächsten Tag entscheiden; immerhin hatte Bernhard nun sein Spiel schon fast gewonnen und dem gefürchteten Diskussionsredner das sachliche Schlußergebnis vorweg aufgezwungen; Abaelard würde sich vor den Bischöfen zu verantworten haben und sein System nicht wie in der ›Apologia‹ frei entwickeln können. Bernhard würde seine Anzeige öffentlich vorbringen, sie aber nicht als Ankläger im Streitgespräch mit Abaelard rechtfertigen müssen. Die Bischöfe würden ihren Spruch im Offizialverfahren verkünden, und Abaelard hätte bloß noch zu wählen, ob er sich zu den verurteilten Sätzen bekannte oder nicht.
Abaelard wurde alsbald, vielleicht durch Hyazinth, von dem Vorfall unterrichtet und muß den Gegenzug sorgfältig überlegt haben; denn daß er dann am folgenden Morgen in momentaner Aufregung überstürzt und ratlos gehandelt hätte, kann man wahrlich nicht behaupten. Er mußte sich hintergangen fühlen; Bernhard hatte sein Ziel, die Affäre autoritativ zu klären, beinahe erreicht. Die Diskussion, die der Erzbischof Abaelard zugesagt hatte, war sinnlos, wenn ihr sachliches Ergebnis schon feststand, bevor man ihn gehört hatte; er hatte ein Schiedsgericht gewollt und wurde nun vor ein Glaubensgericht gestellt. Das war gegen die Verabredung; Abaelard brauchte sich an seine Zusage nicht mehr gebunden zu fühlen. Überdies hätte er sich, sobald er in der Versammlung den Mund zur Verteidigung auftat, bereits auf das Offizialverfahren eingelassen, in das Bernhard ihn treiben wollte. Es wäre dann sehr schnell zu Ende gewesen, denn die Bischöfe hatten den Spruch gegen seine Lehren schon gefällt. Dieser parteiischen Entscheidung konnte nur noch mit einem Gegenzug begegnet werden, aber zuvor mußte allen in Sens Versammelten klar werden, daß Abaelard nicht im ehrlichen Kampf zwischen Gleichen besiegt worden war, daß sich die Szene schon vor Beginn und ohne sein Zutun zum Tribunal gewandelt hatte.
Der französische König und sein Gefolge, die Grafen und Äbte, die Professoren und Studenten wußten von alledem noch nichts, als sie am Montagmorgen in der Kathedrale St.Stephan drängten, um das Redeturnier mitanzusehen. Einer der angesehensten Bischöfe hielt die Predigt, mit Seitenhieben gegen Abaelard. Dann wurde Abaelard aufgefordert vorzutreten. Er bahnte sich einen Weg durch die Menge, rief dem anwesenden Gilbert de la Porrée noch den Horazvers »Tua res agitur« zu und blieb vor den Bischöfen stehen. Bernhard, der bei den Bischöfen saß, erhob sich und las die neunzehn Sätze aus Abaelards Werken vor. Abaelard hörte mißtrauisch zu. Dann fragte man ihn, ob dies seine Sätze seien und ob er dabei bleiben wolle. Das war die übliche Frage an einen Häretiker vor der Verurteilung. Nun war alles klar. Abaelard antwortete abrupt, er appelliere an den Papst. Bernhard erwiderte, er möge frei und ungehindert reden, man werde ihn mit Geduld anhören und gegen ihn - das heißt gegen seine Person - keine Sentenz fällen. Aber Abaelard wußte, daß die sachliche Entscheidung schon gefallen war; um vollends den Eindruck zu erwecken, man habe ihn nicht hören wollen, ließ er sich auf keine Diskussion ein und verließ mit seinen Anhängern die Kirche.
Alle, auch die Konzilsväter, waren bestürzt; die Menge begriff nicht so schnell, warum Abaelard dem von ihm angeregten Redegefecht auswich, und sah darin das Eingeständnis seiner Schuld. Manche verbreiteten das Gerücht, Abaelard habe in diesem Augenblick Sprache, Gedächtnis und Bewußtsein verloren, als hätte den Herausforderer die bloße Anklage, deren Punkte er doch seit langem kannte und bereits schriftlich erwidert hatte, entwaffnet und vernichtet. Andere legten sich wohlmeinendere, nicht weniger fragwürdige Begründungen zurecht, und jüngst hat man in Abaelards Versagen sogar ein Symptom seiner Krankheit oder eine Folge seiner zarten Konstitution sehen wollen.
Daß Abaelard indes wohlüberlegt gehandelt hatte, bekamen die Bischöfe und Bernhard sofort zu spüren. Was sollten sie nun tun? Das Konzil konnte die eben verlesenen Thesen nur noch einmal öffentlich als häretisch verurteilen und mußte dann die Sitzung schließen. Einen Spruch gegen Abaelard oder gar seine Gefangensetzung konnte man nicht wagen, denn Abaelard hatte sich zur Sache nicht geäußert. Die von ihm eingelegte Berufung war erst recht höchst ärgerlich für die Bischöfe und Bernhard. Man meinte zwar, sie sei »kirchenrechtlich nicht einwandfrei«, weil Abaelard sich seine Richter selbst gewählt habe, also auch ihren Spruch annehmen müsse. Aber darauf konnte man sich nicht versteifen, nachdem man seine Lehren verurteilt hatte, ohne ihn zuvor zu hören. Die Appellation ließ sich auch nicht ignorieren; kurz vorher hatte Erzbischof Heinrich von Sens wegen der Mißachtung einer Berufung beinahe sein Amt verloren.
Die Bischöfe berichteten also dem Papst den ganzen Hergang in zwei Briefen, von denen der ausführlichere der Erzdiözese Sens sichtlich nicht von Bernhard redigiert ist; die Suffragane von Reims ließen sich wohl von Bernhard ein kürzeres Parallelschreiben zusammenstellen. Erzbischof Heinrich gab in seinem Schreiben zu, daß man Abaelards Sätze schon am Tag vor der Synode verurteilt habe, betonte aber, das sei vor Abaelards Appellation an den Papst geschehen und auch insofern rechtens, als sich Abaelard Zeit, Ort und Richter selbst ausgewählt habe. Man fügte die verketzerten Sätze bei und bat um Bestätigung des Urteils und nun auch um ein Rede- und Schreibverbnot gegen Abaelard. Aber Bernhard wußte, daß es nicht leicht möglich war, Abaelards Lebenswerk auf diese Weise zu vernichten. Die Thesen waren gewiß häretisch, aber es war nicht gelungen, Abaelard auf sie festzulegen. Man durfte der Kurie nicht erst Zeit lassen, sich Abaelards Ausflüchte anzuhören; sonst würde der Fuchs wieder entwischen.
7
So überschüttete Bernhard den Papst und die Kurienkardinäle erneut mit Briefen, übrigens, wie es scheint, nur die jüngeren, nicht die konservativen. Der Brief an Papst Innozenz II. lehnt sich an Bernhards früheres Schreiben eng an, ist aber ebenso wie die nun abgesandten Briefe an den Kardinalkanzler Haimerich und den Kardinalpriester Ivo auf den neuen Ton umgestimmt, den auch die anderen Briefe, an »seinen Freund«, den Kardinaldiakon Gregor Tarquinius, an den Kardinalbischof Guido von Tivoli und an einen jungen Kardinalpriester zeigen. Die Schablone der drei antiken Ketzer wird beiseitegelegt; präzise wird über Abaelards Irrtümer referiert. Die möglichen kurialen Gegenwirkungen werden neutralisiert: Hyazinth wird verdächtigt, er habe selbst den Papst und die Kurie nicht geschont. Und noch immer flögen die Lehren Abaelards durch alle Welt und würden auf Straßen und Plätzen diskutiert; Abaelard habe noch immer Freunde an der Kurie, die ihn schon längst richten hätte müssen (›iudicare debuit‹) - ein Vorwurf, der nur sinnvoll war, wenn in Rom seit längerem eine Anklage vorlag. Jetzt sei - statt dessen, möchte man hinzufügen - in Sens ein gerechtes Urteil ergangen, aber nun sei erst recht alles in Frage gestellt. Nachdem er die Kirche erschüttert und ihre Eintracht zerrissen habe, betrete Abaelard, der Vorläufer des Antichrist, die römische Kurie. Mit Worten, die Bernhard selbst »recht kühn« nennt, bedrängt er den Papst, die Häresie auszurotten und, wie der Zusatz in einer Heidelberger Handschrift besagt, »möglichst schnell« eine Sentenz gegen Abaelard zu fällen. Die akute Gefahr für den Glauben konnte durch lange Verhöre Abaelards nur noch wachsen ...
Abaelard machte sich in der Tat nach Rom auf; aber er wußte nicht, daß Bernhard den verschlagensten Boten mit seinen Briefen schnellstens nach Rom schickte, und traute wohl der aufschiebenden Kraft seiner Appellation. Doch während er unterwegs war, fiel in Rom schon die Entscheidung. Daß die in Sens verurteilten Sätze häretisch waren, hatte auch Abaelard nicht bestritten; die Kurie konnte und mußte sie verdammen. Aber bevor man gegen ihn einschritt, hätte man ihn hören müssen, ob er diese Lehren vertrat. Man verzichtete darauf, und wir wüßten gern, warum; möglicherweise weil man Abaelards Schriften auch in Rom vorliegen hatte und sich selbst ein Bild machen konnte. Eine sachverständige Prüfung hätte freilich länger als sechs Wochen gedauert. Wahrscheinlicher ist, daß man sich auf Bernhard verließ; und Bernhard hatte der Kurie geschrieben, Abaelard sei bereits in Soissons durch einen päpstlichen Legaten verurteilt worden, also rückfällig - als ob Abaelards Lehren von 1121 die von 1140 gewesen wären. Abaelard hatte zwar das Versprechen an Bernhard, seine Irrtümer auszumerzen, nicht gehalten und war daher in Bernhards Augen rückfällig, aber Bernhard war nicht Abaelards kanonischer Richter. Am schwersten fiel in Rom wohl ins Gewicht, daß die theologisch wie juristisch zuständigen Bischöfe ihr Urteil zur Sache in Sens gesprochen und ihren Antrag zur Person dem Papst unterbreitet hatten; es ging bloß noch um päpstliche Überprüfung und Bestätigung von Urteil und Antrag. Trotzdem war die Bulle mindestens voreilig, die Papst Innozenz II. nach Beratung mit den Kardinälen am 16.Juli 1140, ganze sechs Wochen nach der Synode von Sens, ergehen ließ: »Wir verurteilen alle Lehren dieses Petrus mit ihrem Autor und legen ihm als Häretiker ewiges Stillschweigen auf.« Seine Anhänger sollten exkommuniziert werden. Am gleichen Tage verhängte der Papst über Abaelard die Klosterhaft und ordnete an, seine Schriften sollten verbrannt werden, wo immer man sie finde. In der Peterskirche veranstaltete Innozenz eine solche Bücherverbrennung. Bernhard hatte gesiegt.
8
Und eben jetzt brachte ihm der gedemütigte Abaelard die größte Niederlage bei: Er nahm das Urteil, das Ende seiner Professorenlaufbahn, die Zerstörung seines jahrzehntelangen Bemühens, schweigend hin. Er war mittlerweile nur bis Cluny gekommen; der dortige Abt, Petrus Venerabilis,[p] hatte den Kranken gastlich aufgenommen und bat, als die römische Bulle bekannt wurde, den Papst eindringlich, er möge Abaelard in Cluny belassen; er sei alt, krank und schwach und seiner Tage seien vielleicht nicht mehr viele. Abaelards Demut, die gewiß keine Pose war, rührte den sanften Abt. Er mißbilligte das scharfe Vorgehen gegen Abaelard und war damit in bester Gesellschaft. Noch 1148 tadelten die Kurienkardinäle Bernhard heftig, als er gegen Gilbert de la Porrée die gleiche Taktik wie gegen Abaelard anwenden und durch geheime Besprechungen die Disputation vorweg festlegen wollte: Auch damals habe der Mächtige den Schwachen unterdrückt. Johann von Salisbury erweckt sogar den Anschein, als habe Abaelard an der Kurie gar keine Freunde gehabt; aus den Worten eines so klugen und dem Zisterzienserorden so nahestehenden Beobachters wie Otto von Freising spricht unverhohlene Enttäuschung über den Heiligen und Mitleid mit Abaelard.
Man hatte vergessen, daß Abaelard nicht so machtlos war, wie er nun schien, und daß Bernhard auf seine Weise im Recht war. Ohne sein Eingreifen hätte niemand gewagt, Abaelard und seinen Schülern Einhalt zu gebieten; und jedes Mittel schien gerechtfertigt, wenn es um die Reinheit des Glaubens ging. Aber hatte Abaelard sie wirklich bedroht? Selbst wenn er Mißverständliches lehrte, selbst wenn man seine Thesen verdammen mußte, war er wirklich boshaft? Durfte man den Menschen mit der Sache zusammen verurteilen, durfte der Seelsorger dem Dogmatiker so völlig freie Hand lassen, wie es geschehen war? Abaelards Schweigen war furchtbarer als seine früheren Reden, denn es gab Bernhard Unrecht. Daß Bernhard der neuen Situation nicht auswich und sich nicht mit seinem Sieg begnügte, hebt ihn über seine Rolle des eifernden Glaubensanwaltes weit hinaus; sein größter Zug in dieser Affäre ist sein schlechtes Gewissen. Denn wer sonst als Bernhard hätte eines Tages den Abt von Citeaux nach Cluny geschickt? Die beiden Äbte wurden mit Abaelard einig, der Friede sollte wieder aufgerichtet werden. Mit dem Zisterzienser Abt zog Abaelard nach Clairvaux und versöhnte sich mit Bernhard; der scheint keine Bedingungen mehr gestellt, Abaelard scheint versprochen zu haben, alles Anstößige zu verbessern.
Damit war der äußere Zustand vor dem Konflikt wieder hergestellt. Petrus Venerabilis erlangte nun beim Papst die Aufhebung des Urteils, »mit meinen Briefen und Bemühungen«, wie er schrieb. Vielleicht half der Druck einiger Kardinäle nach. Kardinal Guido von Castello zum Beispiel setzte sich ruhig der vom Papst angedrohten Exkommunikation aus und verbrannte Abaelards Werke nicht, im Gegenteil: Als Guido zwei Jahre später selber Papst geworden war, schenkte er seiner Heimatstadt Città di Castello ein Bücherpaket mit Schriften Abaelards. Abaelard selbst war nicht, wie man immer wieder behauptet, innerlich gebrochen. Sein letztes, in Cluny geschriebenes Werk handelt noch immer vom vernünftigen Christenglauben, der auch Heiden und Juden einleuchten muß. In diesem Buch tritt ein heidnischer Philosoph auf und rühmt Abaelards ›Theologia‹ als »wunderbares Werk«, das der Neid nicht habe ertragen können, das aber durch die Verfolgung nur noch großartiger geworden sei. Fast scheint es, als hätte Abaelard aus dem Streit menschlich weniger gelernt als sein Gegner, den er auch jetzt noch nicht verstand. Aber Petrus Venerabilis berichtet uns, daß der Gealterte den eitlen Habitus des berühmten Professors abgelegt hatte und ein einfacher, stiller Mönch geworden war. Er fastete, betete, las beständig, diktierte und schrieb - und schwieg gerne. Am 21.April 1142 starb er im Frieden mit der Kirche, geschützt von dem ehrwürdigen, heiligmäßigen Abt von Cluny. Bernhard hatte gespottet über den zweiten Aristoteles, der selber zum Helden werde; Petrus Venerabilis setzte auf Abaelards Grab die stolzen Worte: »Unser Aristoteles« und nannte ihn einen wahren Philosophen Christi. Bernhard hat in den elf Jahren, die ihm noch blieben, kein Wort mehr über Abaelard geschrieben. Es klingt wie Bernhards beschämtes Schlußwort, wenn er 1150 in anderem Zusammenhang schreibt: »Mich ängstigen alle meine Werke, ich begreife ja nicht, was ich tue.«
9
Wer dürfte den ersten Stein aufheben gegen Bernhard, der seine Heiligkeit sich selbst grausam abzwang und um Gottes willen erschrak vor seinem Lebenswerk, das doch im Dienst des Glaubens hatte stehen wollen? Wer könnte die Nase rümpfen über Abaelard, der seiner Natur zum Trotz die bleibende Einsicht suchte und um des Glaubens willen sein Lebenswerk von sich tat, das doch der Wahrheit hatte dienen wollen? Beide mußten erkennen, daß ihr Wirken der ewigen Wahrheit, die sie erstrebten, im Weg stand. Wer von uns hätte diese Prüfung bestanden?
Die Beziehungen zwischen Abaelard und Bernhard ließen sich nur lückenhaft und mit manchen gewagten Hypothesen schildern; wenn die begonnenen kritischen Editionen von Bernhards Briefen und von Abaelards ›Theologia‹ vollständig vorliegen, dürfte sich noch manche Überraschung ergeben. Mit Sicherheit läßt sich jetzt schon sagen, daß der Streit zwischen Abaelard und Bernhard nicht der Kampf zweier völlig entgegengesetzter, unversöhnlicher Prinzipien, Typen oder Epochen war. Auf einen Vergleich der theologischen Ansichten kann ich verzichten; die neuere Forschung zeigt - mit wenigen Ausnahmen - immer deutlicher, wie nahe sie sich standen. Bernhard verachtete nicht die Wissenschaft, Abaelard nicht die Kraft des Glaubens und des Willens. Beide suchten dasselbe, sie wollten Gott greifbar nahe, persönlich erleben, wie es das ganze zwölfte Jahrhundert versuchte. Dafür hatten beiden denselben Preis zu zahlen: Dem einen war die Wissenschaft, dem anderen die Heiligkeit kein objektiv geschenkter Begriff, der alles Menschliche überstrahlte. Sie mußten beide immer von neuem darum ringen, und nicht der sachliche Irrtum, sondern Machttrieb und Eitelkeit des kreatürlichen Menschen behinderten sie jeden Augenblick. Sie sind beide nie fertig geworden.
Was zum Konflikt führte, war nicht der Gegensatz in der Sache, sondern die Besessenheit beider Männer von ihrer Methode und der Rest menschlicher Unvollkommenheit, den sie nicht los wurden. Abaelard ging zu Gott den Weg des Gelehrten; er war lang und voller Umwege. Selten trafen Abaelards Definitionen auf Anhieb die Mitte, aber nie verzagte er; in späteren Bearbeitungen, oft schon nach wenigen Sätzen, brachte er schiefe Aussagen wieder ins Gleichgewicht. Wenn man ihn aber dabei nicht gewähren ließ, verlor er sein hohes Ziel aus den Augen, dachte nur noch an sich, vergaß die Selbstkritik und verschärfte seine Thesen, statt sie wie sonst auf mögliche Mißverständnisse abzuhorchen. Bernhards Weg war der kürzere, aber steilere des leidenschaftlichen Erlebens, die mystische Einung mit Christus in der liebenden Hingabe und im zwingenden Glauben. Die Hingabe erforderte tägliche Selbstüberwindung. Wenn aber der Weg zu Gott versperrt und die Sicherheit des Glaubens angezweifelt wurde, dann verlor Bernhard alle Demut und alles Maß, denn dann war sein einziger Halt gefährdet. »Es geht um Christus«, rief er Abaelard beschwörend entgegen, und doch ging es in Wahrheit um ihn, Bernhard.
Abaelard und Bernhard sind nicht nur Träger überpersönlicher Ideen, sondern zugleich lebendige Menschen; bei beiden gehört die persönliche Leidenschaft mit zum Programm und mit zur Größe der sachlichen Leistung. Mit dieser innersten Beteiligung wurde beiden freilich die Blindheit gegeben. Hätten Abaelard und Bernhard sich kühl abwägend betrachten können, sie hätten sich nicht gestritten, aber sie wären vielleicht auch längst vergessen. Sie mußten ihren Ruhm, auch ihren Nachruhm, teuer bezahlen, sie wurden zu Gefangenen ihres Lebenswerkes. Wir können ihren Konflikt nicht verniedlichen, ohne beiden Unrecht zu tun; erst am Ende fanden sie beide über sich hinaus. Erst nach dem Sturm konnte der gütige Petrus Venerabilis sie wieder zusammenführen. Erst nach dem Sturm galt, was Abaelard vorher an Bernhard geschrieben hatte: Gleichheit in allem sei die Mutter des Überdrusses, das verschiedene sei nicht unvereinbar, es werde zusammenklingen zum Lobe Gottes. Es sollte, fügen wir hinzu, zusammenklingen auch im Urteil der Nachwelt. Denn wenn der Streit zwischen Abaelard und Bernhard gar nicht begonnen oder anders geendet hätte, wäre gewiß nicht bei ihnen, aber wohl bei ihren Nachahmern zur Wirklichkeit geworden, was sie einander als Absicht unterstellten und was zweihundert Jahre später tatsächlich eintrat. Scholastik und Mystik hätten ihre getrennten Kreise weitergezogen und im Hörsaal das Bohren nach dem, was wir wissen können, zum eitlen Gerede verflacht, im Bethaus das Ergriffensein von dem, was wir glauben sollen, zum verzückten Gehabe überspannt. Im festgelegten kleinen Kreis hätte der Glaube nicht mehr nach abwägender Einsicht, das Denken nicht mehr nach entschiedenem Handeln verlangt, und es wäre nicht zu der Vielfalt geistiger Bewegungen gekommen, die wir am zwölften Jahrhundert bewundern. In ihren neuartigen Gemeinschaften, in Universitäts- und Ordensgründungen drängten viele, hinter Abaelard und Bernhard her, über allzumenschliche Ignoranz und Arroganz hinaus.[q] Wenn wir heute einen rühmen, der weiter kam, sei es Thomas von Aquin oder Franz von Assisi, dürfen wir den anderen nicht schmähen, der ihm den Weg bahnte, sei es Abaelard oder Bernhard.
aus «Barbaren, Ketzer und Artisten»
Unsere Anmerkungen
a] Petrus Abaelardus, Kanonikus
b] Bernard de Clairvaux, OCS, 1174 heiliggesprochener Abt von Clara vallis
c] Héloïse de Paris, Äbtissin des couvent du Paraclet
d] zur Zeit der Gründung von Fontenay
e] Saint-Denis ist dem Areopagiten Dionysios geweiht.
f] Bischofszusammenkunft in Soissons, wo 486 Chlodwig den römischen dux Syagrius geschlagen und die Vorherrschaft der Merowinger installiert hatte
g] vgl. Columban und Gallus in MblB.1
h] Hugues de Saint-Victor war einer der grossen Pariser Vorscholastiker.
i] Der eigenwillige Gründerabt von Prémontré und spätere Erzbischof von Magdeburg Norbertus wurde erst 1582 heiliggesprochen.
k] Gregorio Papareschi
l] vgl. Mbl.15
m] Guillaume de Saint-Thierry bei Reims
n] Der Philosoph und Theologe Guillaume de Conches gehört zur Schule von Chartres
o] Arnoldo di Brescia
p] der verehrungswürdige Petrus von Cluny
q] je grösser die Unwissenheit, desto grösser die Gefahr der (dogmatischen) Anmassung