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Merkblatt 3:
Vom Wort Anthroposophie
einem Welt- und Menschenbild

Das Wort "Anthroposophie" setzt sich aus anJrwpoV (ánthropos ~ Mensch) und sojia (sophía ~ Weisheit (1)) zusammen. Es hat demnach eine Doppelbedeutung, einerseits "Weisheit des Menschen", andererseits "Weisheit vom Menschen". Wie man das Wort aber auch auffassen mag, stets steht der Mensch als solcher im Ausgangspunkt.

ANTHROPOSOPHIE kann entweder erstarrt (2)
als
überliefertes Lehrgut begriffen werden, das durch die Individualität Rudolf Steiner ins Menschheitsbewußtsein hereingebracht worden ist und weitergepflegt werden kann - dann ist sie tot und wird tradier- wie zitierbar, aber auch dogmatisch;
oder beweglich (3)
als
Erkenntnisansatz, der vom Menschen als dem Mikrokosmos ausgeht und zur Welt als dem Makrokosmos führt, wobei er methodisch des Menschen einzig vollbewußte Seelenfähigkeit, das Denken, anwendet (ist ja Fühlen traum- und Wollen schlafbewußt), um das jeweils beobachtete Phänomen zu verarbeiten - hier wirkt man unter Ausschluß der Anderen (antisozial);
weiter als
Weg, der begangen werden kann,(4) wozu es allerdings der Fähigkeit, ihn zu gehen, bedarf (diese Fähigkeit ist in jedem Menschen angelegt und kann erübt werden), und der Ausdauer (Disziplin und Konsequenz), der es einem jedoch freiläßt, ihn zu beschreiten oder nicht - hier wirkt man, ohne die Anderen zu berücksichtigen (asozial);
schließlich auch als
soziales Tun, in dem der Mensch seine Stellung in der Menschheit und deren Stellung zur Welt erfährt, dadurch Achtung vor dem Menschen gewinnt und für ihn tätig werden will - hier wirkt man in Hinblick auf die Anderen (sozial).

Die vier dargestellten Arten, mit Anthroposophie umzugehen, weben im gesunden Leben ineinander - für sich allein genommen und angestrebt wird jede der Arten zu Schäden führen, einerseits zu Sektierertum, andererseits zu
Seelenkälte,
Fanatismus/Fundamentalismus oder
Gewaltmenschentum.(5)

Wie drückt es der Begründer der Anthroposophie selbst aus?
"Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte. Sie tritt im Menschen als Herzens- und Gefühlsbedürfnis auf. Sie muß ihre Rechtfertigung dadurch finden, dass sie diesem Bedürfnis Befriedigung gewähren kann. Anerkennen kann Anthroposophie nur derjenige, der in ihr findet, was er aus seinem Grunde heraus suchen muß. Anthroposophen können daher nur Menschen sein, die gewisse Fragen über das Wesen des Menschen und die Welt so als Lebensnotwendigkeit empfinden, wie man Hunger und Durst empfindet."
«GA 26», 1.Leitsatz
Anmerkungen
1) vgl. Mbl.5: Anm.2
2) deshalb der Analyse (dem Zergliedern) durch den Verstand zugänglich
3) deshalb der Synthese (Zusammenschau) durch die Vernunft zugänglich
zu 2) u. 3) vgl. J.W.v.GOETHE: BW116 u. MR219
4) vgl. Mbl.19
5) vgl. Mbl.16
Literatur
siehe auch Stichwort-Register
BRÜLL, D.: «Der anthroposophische Sozialimpuls»
FRÄNKL-LUNDBORG, O.: «Was ist Anthroposophie?»
RÖSCHERT, G.: «Anthroposophie als Aufklärung»
STRAWE, CH.: «Marxismus und Anthroposophie»
WEHR, G.: «C.G.Jung und Rudolf Steiner»
WIKIPEDIA: Anthroposophie
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