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Merkblatt 19:
Vom anthroposophischen Schulungsweg
Der anthroposophische Schulungsweg setzt weder beim physischen, noch beim Lebens-, noch beim Seelenleib an, vielmehr setzt er auf bewusste ICh-Tätigkeit, um Seelen-, Lebens- und physischen Leib zu verwandeln. Er geht vom Menschen im heutigen Entwicklungsstadium (Entfaltung der Bewusstseinsseele) aus. Grundsätzlich ist jede/r ICh-Träger/in in der Lage, die in ihm/ihr schlummernden geistigen Fähigkeiten heranzuschulen. Das Leitwort dazu kommt aus dem Griechischen: γνϖϑι σεαυτόν (gnõthi seautón), das berühmte „Erkenne Dich selbst!”(1)
Das Wort „ich” bezeichnet sowohl das polare Geistwesen (Geistkeim < Selbst), das sich in der Individualität äussert, als auch das erste Werkzeug des inkarnierten Menschen (niederes Ich, ICh-Organisation, ICh-Spiegelung). Das ICh kann also einerseits als weises inneres Wesen erlebt werden, andererseits als vordergründige/r, zum Egoismus neigende/r Regler/in meines wachen Alltags.
Gerade weil der anthroposophische Schulungsweg auf das ICh setzt, spricht er Freiheit und Eigenverantwortung an. Der sich selbst auf diese Weise schulende Mensch wird deshalb nicht danach trachten, die Rückwirkungen, die sich aus seinem Weg ergeben, anderen (Lehrenden, Meisternden) anzulasten. Dem widerspricht keineswegs, Hilfe in Anspruch zu nehmen -solange aus Hilfeleistung nicht Fremdführung wird-, denn auf sich allein gestellt wird der heutige Mensch kaum zu Ergebnissen kommen, geschweige denn diese für die Menschheit fruchtbar machen können (2) (sozialer Aspekt der Schulung).
Dieser Schulungsweg kennt das Studium (3), das An-sich-Arbeiten (4), auch durch das Tätigwerden am und im Irdischen, und das Meditieren (4). Die drei werden nicht nacheinander geübt, sondern nebeneinander, wobei je nach Bedarf auf das eine oder das andere besondere Sorgfalt gelegt wird.
Das Studium dient dazu, sich mit Begriffen und Vorstellungen vertraut zu machen, die ein selbständiges Urteil über die Phänomene der geistigen Welt ermöglichen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung dafür, nicht von den Phänomenen betrogen und/oder überwältigt zu werden sowie sich nicht in Illusionen zu wiegen.
Das An-sich-Arbeiten greift gezielt in die Entwicklung unserer Wesensglieder ein, zunächst unseres Seelenleibes, indem es einerseits Wollen, Fühlen und Denken ergreift und verselbständigt, anderseits die jeweiligen Lotusblumen beweglich macht. Dazu dienen verschiedene Nebenübungen, die je nach Entwicklungsstand individuell abgewandelt und angewandt werden.
Das Meditieren, das Mittefinden und -halten durch Versenken, bedarf der Konzentration. Dabei geht es zum einen darum, das raumlose Bilderweben (die Imagination), das zeitlose Hören (die Inspiration) sowie das Eintreten ins Wogen (die Intuition) handhaben zu lernen, zum anderen, die Herrschaft im eigenen Haus zu erlangen, das heisst, die innere Ruhe aufzubringen, geistige Inhalte wach, jedoch ohne Neugier oder Erfolgsdruck zu erwarten.
Unsere Anmerkungen
1) Inschrift über dem Eingang zum Apollon-Mysterion zu Delphi
2) vgl. Mbl.28
3) das lege (lies) der irischen Mönche (vgl. G.RÖSCHERT übers Studium)
4) das labora (arbeite) und das ora (bete), die dem lege unterlegt waren (Columban-Regel), von den römisch ausgerichteten Mönchen jedoch zunächst allein beherzigt wurden (Benedikt-Regel)
Literatur
siehe auch Stichwort-Register
STEINER, R.: «Die Stufen der höheren Erkenntnis»
KÜHLEWIND, G.: «Bewusstseinsstufen»
SCHMIDT, D.: «Lebenskräfte-Bildekräfte»
SMIT, J. ET AL.: «Freiheit erüben»