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Neudenken:
Umgang mit dem Feind
In der letzten Lebenszeit des Maggids [a] gedieh die Feindschaft der Mitnagdim [b] zu solcher Erbitterung, daß sie die Chassidim, als das wiedergeborene Geschlecht des Turmbaus [c], in Bann taten und verboten, mit ihnen Gemeinschaft zu halten, mit ihnen sich zu verschwägern, von ihrem Brot zu essen und von ihrem Wein zu trinken. Deswegen erhoben die Schüler des Maggids an den drei Sabbatmahlen Klage vor ihm. Er aber schwieg dreimal, als höre er nicht. Da schlossen sie sich nach Sabbatausgang, zehn an der Zahl, zur Gemeinde zusammen und öffneten das Bethaus. Dort wandten sie in heimlicher Beschwörung den Bann gegen die Bannenden. In der dritten Stunde nach Mitternacht war das Werk getan, und sie gingen in den Schlafsaal. Um die vierte Stunde hörten sie die Krücken, an denen der Maggid seit etlichen Jahren seiner kranken Füße halber ging, über den Boden des Saals schleifen. Sie erhoben sich, wuschen die Hände und standen vor ihrem Lehrer. Er sprach: «Kinder, was habt ihr getan?» «Wir brachten», antworteten sie, «nicht mehr die Kraft auf, es zu dulden.» Er sprach: «Törichtes habt ihr getan, und euer Haupt habt ihr verwirkt.» In demselben Jahr starb der große Maggid.
S.210
Rabbi Abraham [d] sprach: «Ich habe aus den Kriegen Friedrichs, des Königs von Preußen, eine neue Weise des Dienstes gelernt. Um den Feind anzugreifen, ist es nicht not, sich ihm zu nähern: man kann, vor ihm fliehend, den Vorrückenden umgehen und im Rücken fassen, bis er sich ergeben muß. Es gilt nicht, auf das Böse loszuschlagen, sondern sich auf die göttliche Urkraft zurückzuziehen und von da aus es zu umkreisen und zu beugen und in sein Gegenteil zu verkehren.»[e]
S.215
Der Lubliner [f] sprach: «Ich liebe den Bösen, der weiß, daß er böse ist, mehr als den Gerechten, der weiß, daß er gerecht ist. Von den Bösen aber gar, die sich für gerecht halten, ist das Wort gesagt*: ,Noch an der Schwelle der Unterwelt kehren sie nicht um.' Denn sie wähnen, man führe sie zur Hölle, damit sie Seelen aus ihr erlösen.»
* Talmudisch (Erubin 19).
S.476
Rabbi Mosche Teitelbaum war von Jugend auf ein Feind der chassidischen Lehre, denn sie erschien ihm als eine arge und unbändige Ketzerei. Einst weilte er zu Gast bei seinem Freunde, Rabbi Jossef Ascher, der gleich ihm den Neuerern entgegen war. In jenen Tagen war das Gebetbuch des Meisters Lurja,[g] des Ehrwürdigen, dessen Wort der Vorfahre des chassidischen Wortes ist, im Druck ausgegeben worden. Als es vor die beiden gebracht wurde, entriß Rabbi Mosche dem Boten den schweren Band und warf ihn zu Boden. Rabbi Jossef Ascher aber hob ihn auf und sagte: «Es ist ja doch ein Gebetbuch, und man darf es nicht verächtlich machen.»
Als man dem Lubliner diesen Vorfall berichtete, sprach er: «Rabbi Mosche wird ein Chassid werden, Rabbi Ascher wird ein Gegner bleiben. Denn wer großen Brand der Feindschaft hat, kann zu Gott entbrennen; wessen Widerwille aber kalt ist, dem ist der Weg verschlossen.»[h] Und so geschah es.
S.666
Martin Buber
aus «Die Erzählungen der Chassidim»[i]
Unsere Anmerkungen
a] Rabbi Bär von Mesritsch
b] der jüdisch orthodoxen Gegner der (ostpolnischen) Chassidim
c] zu Babel
d] der Sohn von Rabbi Bär, genannt Abraham der Engel (T 1776)
e] ein manichäischer Ansatz - zum „Zurückziehen” vgl. Zimzum
f] Rabbi Jaakob Jizchaq von Lublin, genannt der Seher
g] Jizchaq Luria von Safed, der Reformer der Qabbalah
h] vgl. Aphorismus von H.Grimm
i] vgl. M.Buber zur Legende im Chassidismus