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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Gerschom SCHOLEM zum
WELTPROZESS
[...], daß für die alte Kabbala [des XIII.Jahrhunderts] der Weltprozeß sehr viel einfacher verläuft. Dessen erster Akt ist ein Akt, in dem Gott nach außen tritt, seine Schöpferkraft aus seinem Wesen hinausprojiziert. Und jeder weitere Akt ist ein weiteres solches Hinaustreten. Der Prozeß verläuft ganz gemäß dem Bilde der Emanationstheorien der Neuplatoniker von oben nach unten in eindeutiger Linie. Es ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein eingleisiger und entsprechend einfacher Weg.
Viel weniger harmlos ist die Auffassung Lurias. An der Spitze seines Gedankenganges steht die Lehre vom Zimzum [צמצום], eine der erstaunlichsten und weitest reichenden mystischen Ideen, die in der Kabbala je gedacht worden sind. Zimzum heißt eigentlich «Konzentration» oder «Kontraktion», ist aber, wenn man den Sinn der lurianischen Vorstellung genau treffen will, besser wohl mit «Zurückziehen» oder «Rückzug» zu übersetzen. Luria sowie seine unmittelbare Quelle, ein kleiner und völlig vergessener Traktat aus der Mitte des 13. Jahrhunderts⁴², gingen dabei von einer talmudischen Idee aus, die Luria aber, kurz gesagt, auf den Kopf stellte. Im Midrasch ist an einigen Stellen davon die Rede, daß Gott seine Schechina [שחנה], seine heilige Gegenwart, im Allerheiligsten, am Ort der Cherubim [כרובים], konzentriert habe, daß er also gleichsam seine ganze Macht auf einen Punkt beschränkt und zusammengezogen habe⁴³. Hiervon stammt das Wort Zimzum, während die Sache das genaue Gegenteil dieser Idee ist, da der kabbalistische Zimzum nunmehr Gott sich nicht an einen Ort konzentrieren läßt, sondern weg von einem Ort.
Was heißt das? Es heißt, kurz gesagt, daß die Existenz des Weltalls durch einen Prozeß des Einschrumpfens in Gott möglich gemacht wurde. Ursprünglich geht Luria von einem ganz rationalistischen und, wenn man will, ziemlich naturalistischen Gedanken aus. Wie kann eine Welt existieren, wo doch Gottes Wesen überall ist? Wie kann, da doch Gott «alles in allem» ist, an dieser konkreten Stelle etwas anderes, was nicht Gott ist, existieren? Wie kann Gott aus dem Nichts schaffen, wenn es doch gar kein Nichts geben kann, da sein Wesen alles durchdringt? Luria antwortet mit einem Gedanken, der trotz der groben und sozusagen handfesten Fassung, in der er bei ihm auftritt, sich als einer der fruchtbarsten und tiefsten für das Denken der späteren jüdischen Mystiker erwiesen hat. Luria meint, um die Möglichkeit der Welt zu gewährleisten, mußte Gott in seinem Wesen einen Bezirk freigeben, aus dem er sich zurückzog, eine Art mystischer Urraum [תהרו TEHIRU], in den er in der Schöpfung und Offenbarung hinaustreten konnte⁴⁴. Der erste aller Akte des unendlichen Wesens, des En-Sof [אן־סוף], war also, und das ist entscheidend, nicht ein Schritt nach außen, sondern ein Schritt nach innen, ein Wandern in sich selbst hinein, eine, wenn ich den kühnen Ausdruck gebrauchen darf, Selbstverschränkung Gottes «aus sich selbst in sich selbst». Statt also eine erste Emanation seines Wesens oder seiner Kraft aus sich hervorzubringen, steigt En-Sof im Gegenteil in sein Selbst hinab, konzentriert sein Selbst in sein Selbst⁴⁵ und hat dies seit dem Beginn der Schöpfung immer wieder getan. Diese Auffassung wurde selbst von Leuten, die ihr eine theoretische Formulierung gaben, als nahe ans Blasphemische grenzend empfunden. Trotzdem tauchte sie immer wieder auf, nur äußerlich durch ein mattes «gleichsam» oder «sozusagen» abgeschwächt.
Man ist versucht, dieses Zurückgehen Gottes auf sein eigenes Sein mit Ausdrücken wie «Exil» oder «Verbannung» seiner selbst aus seiner Allmacht in noch tiefere Abgeschiedenheit zu interpretieren. So aufgefaßt, wäre die Idee des Zimzum das tiefste Symbol des Exils, das gedacht werden könnte, sogar noch tiefer als der «Bruch der Gefäße» [Schebirath ha-Kelim]. Im Bruch der Gefäße [...] ist etwas vom göttlichen Sein aus seinem Selbst verbannt, während der Zimzum als ein Exil in sein Selbst hinein anzusehen wäre.
Der erste aller Akte ist also kein Akt der Offenbarung, sondern ein Akt der Verhüllung und Einschränkung. Erst im zweiten Akt tritt nun Gott mit einem Strahl seiner Wesenheit aus sich hinaus und beginnt seine Offenbarung oder seine Entfaltung als Schöpfergott in jenen Urraum, den er in sich selbst geschaffen. Ja nicht nur dies, vielmehr findet auch vor jedem weiteren Akt der Emanation und Manifestation Gottes ein neuer Akt der Konzentration und Verhüllung statt⁴⁷. Mit anderen Worten: der Weltprozeß ist nun zweigleisig geworden. Jede Stufe des Schöpfungsprozesses enthält in sich eine Spannung zwischen dem in Gott selbst zurückflutenden Licht und dem aus ihm hervorbrechenden. Und ohne diese beständige Spannung, diesen immer wiederholten Ruck, mit dem Gott sein Wesen anhält, würde kein Ding der Welt bestehen.
S.285ff
42. Ms. British Museum 711, Bl. 140b: «Folgende Stelle habe ich in den Büchern der Kabbalisten gefunden: Wie brachte Gott die Welt hervor und erschuf er sie? Wie ein Mensch, der seinen Atem einsammelt und sich selbst zusammenzieht, damit das Wenige das Viele umfassen könne, so zog auch Gott sein Licht um eine Spanne von sich zusammen, und die Welt blieb als Finsternis. In dieser Finsternis brach er Steine und Felsen aus, um daraus die Wege freizulegen, die die ,Wunder der Weisheit' heißen.» Ganz ähnlich erklärt auch Nachmanides die ersten Worte des Buches Jezira in seinem Kommentar; vgl. meine Edition in Kirjath Sefer, vol. IV (1930), p. 402.
43. Vgl. Exod. Rabba zu Exod. 25,10. Lev. Rabba zu Lev. 23,24; Pesikta de-Rab Kahana, ed. Buber, Bl. 20a; Midrasch Schir ha-schirim, ed. Grünhut (1899), Bl. 15b.
44. Vital, 'Ez chajim Kap. I, § 1-2; Mebo sche'arim (Jerusalem 1904), Bl. 1; Josef ben Tabul am Anfang des Drusch chefzi bah. In diesem Zusammenhang gebrauchte Bilder, in mehreren handschriftlichen Darstellungen von Vitals Lehre, zeichnen sich durch besonders naturalistische, um nicht zu sagen materialistische, Färbung aus.
45. Die Formel, Gott habe «sich selbst von sich selbst auf sich selbst beschränkt», wurde zuerst von Israel Sarug gebraucht und auch von dem Autor des Werkes Schefa' tal (Hanau 1618) verwendet. Die Parallele zwischen zimzum und schebira, welche diese Deutung nahelegt, wird andeutungsweise von Vital selbst, wenn auch in anderm Zusammenhang, gezogen; vgl. 'Ez chajim VI, § 5, p. 54, sowie eine verdeckte Andeutung darauf im ersten Kapitel seines Mebo sche'arim. Ich verdanke diese Bemerkung Tishby [Jesaja: Die Lehre vom Bösen und den Schalen in der lurianischen Kabbala (Jerusalem 1942)].
46. Vital spricht daher von diesem ersten Akt als erstem Zimzum. Das Prinzip wird im 'Ez chajim, p. 71, ausdrücklich formuliert: «Auf jeder Stufe, wo neue Lichter ausgesandt werden, ging dem etwas wie der Zimzum voraus.»
aus «Die jüdische Mystik»
vgl. J.G.Fichte zu Selbstsetzung und Freiheit