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Neudenken:
Heilige
Wie es Rudolf Otto [a] in seinem Buche «Das Heilige» erstmals wieder ausführte, hat man in den Heiligen [b] das Religiöse in seiner tiefsten Wesensart vor sich. Der Heilige muß in erster Linie als religiöser Mensch aufgefaßt werden. Das Religiöse tritt einem bei den Heiligen in solcher Dichte entgegen, daß es schlechterdings nicht mehr überboten werden kann. Alles kreist um diese innerste Flamme. Heilige sind nicht auch religiöse, sondern nur religiöse Menschen, und dies mit einer Ausschließlichkeit, die gleichsam wie ein Brand alles verzehrt.[c] Gewiß gibt es neben ihnen noch andere Gestalten, die ebenfalls in die religiöse Kategorie eingereiht werden müssen, wie der Priester, der Prophet, der Apostel und der Reformator.[d] In die Reihe dieser religiösen Erscheinungen ordnet sich auch der Heilige ein als ganz besonders bedeutsamer Typus. Wenn das Religiöse auch zu den tiefsten Urgefühlen im Menschen zu zählen ist, das bei keinem Individuum und Volk gänzlich fehlt, so ist es doch nicht überall gleich stark ausgeprägt. Während das religiöse Urgefühl bei vielen Menschen infolge mangelhafter Pflege verkümmert, ist es beim Heiligen als Veranlagung denkbar ausgeprägt, und er versucht zudem, diese Begabung noch mit allen Mitteln ins Maßlose zu steigern. Der Heilige ist der religiös begabte Mensch, auf diese Formel kann zunächst einmal sein Wesen gebracht werden. Mit diesem Satz wird allerdings ein religiöser Tatbestand profan ausgedrückt, der aber den Vorzug besitzt, nicht in der Weise abgegriffen zu sein wie der Begriff «gnadenerfüllter Mensch». Die religiöse Begabung nimmt beim Heiligen geniale Formen an und läßt manchmal sogar versunkene Möglichkeiten des Menschen wieder zum Leuchten bringen. In seiner Religiosität besteht die eigentümliche Begabung im Gegensatz zum Wissenschaftler und Techniker, die auf Eroberung der Welt ausgehen, während der Heilige ausschließlich den inneren und jenseitigen Realitäten [e] zugewandt ist. Wertvoller, als gegen die unfruchtbaren Vertreter des Religiösen in der Kirchengeschichte zu polemisieren - was nur zu einem negativen Resultat führt - ist es, seine Aufmerksamkeit auf den religiös begabten Menschen zu richten, der in der Wertskala als die christlich [f] schöpferische Gestalt auf die oberste Stufe gestellt werden muß, und von dem Wesentliches zu lernen ist.
[...] Es gab Heilige, denen die Heiligkeit gleichsam schon in die Wiege gelegt wurde. Die große Mehrzahl von ihnen mußte um dieselbe mit zäher Ausdauer ringen, bis sie ihnen zuteil wurde. Heiligung ist immer ein religiös-seelischer Prozeß, der in diesem Leben keinen Abschluß findet.[g] Nicht die Bemühung um Wahrheit als dem erkenntnismäßig Bedeutsamen steht bei diesen Erwählten Gottes [h] an erster Stelle, sondern das Streben nach Heiligung, als dem religiös Vollkommenen. [...] «Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung» (1, Thess. 4,3). Mit dieser Forderung, welche eine Umwandlung des Menschen bezweckt, haben die Heiligen in unerbittlicher Weise Ernst gemacht. [...]
[...] Wahres Streben nach der inneren Form verführt den Menschen keineswegs zur Selbstgerechtigkeit. Je ernsthafter die Heiligen nach der Vollkommenheit gestrebt haben, um so mehr ist ihnen ihre eigene Unzulänglichkeit zum Bewußtsein gekommen. Kein Heiliger hat sich selbst als Heiligen betrachtet.[i] Allezeit blieben sie eingedenk, daß Heiligkeit vor allem eine Wesenseigentümlichkeit Gottes ist, mit der er seine Auserwählten beschenkt, und nie eine selbstherrliche Tat des Menschen. [...] Das Gefühl der Ungenügendheit entspringt vielmehr der Erfahrung, daß der Mensch seine Unheiligkeit um so mehr spürt, je näher er der Heiligkeit Gottes kommt.
Walter Nigg
aus «Große Heilige»; S.16ff
Unsere Anmerkungen
a] Der evangelische Religionswissenschaftler Otto gründete 1927 die Religionskundliche Sammlung der Universität Marburg.
b] Heilen (Ganzwerden) geschieht vorwiegend in der Seele - im Leib geschieht Gesunden, im Geist Freiwerden. - siehe auch M.Eliade zum Heiligen und Religiösen
c] vgl. Rabi'a
d] vor allem auch die Prediger/innen, welche heutzutage sogar atheistisch auftreten können
e] gemeint sind Wirklichkeiten (vgl. »TzN Jän.2004«: Anm.b)
f] selbstverständlich genausogut hinduistisch, buddhistisch, jüdisch oder islamisch
g] mit Ausnahme eines Bodhisattva, der eine Inkarnationskette als Buddha beendet
h] also erwählt aus dem Seins- und damit Daseinsgrund, für den das Wort Gott als Platzhalter (vgl. »TzN Jän.2014«: Anm.c) mit männlichem Gestus steht
i] geschweige denn andre vom eigenen Heiligsein her beurteilt