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Neudenken:
Symbol und Begriff
Ein Wort oder ein Bild ist symbolisch, wenn es mehr enthält, als man auf den ersten Blick erkennen kann. Es hat dann einen weiteren «unbewussten» Aspekt, den man wohl nie ganz genau definieren [a] kann. So gelangt der menschliche Geist bei der Erforschung von Symbolen zu Vorstellungen, die sich dem Zugriff des Verstandes [b] entziehen. Das Rad führt uns vielleicht zu dem Begriff einer «göttlichen» Sonne, aber hier muss der Verstand seine Unzulänglichkeit eingestehen; der Mensch ist ausserstande, ein «göttliches» Wesen zu definieren. Wenn wir in unserer intellektuellen Beschränktheit etwas «göttlich» nennen, so haben wir ihm damit nur einen Namen gegeben,[c] der vielleicht auf Glauben basiert, aber nie auf faktischem Augenschein [a].
Auch die Religionen verwenden für das, was über den menschlichen Verstand hinausgeht, eine symbolische Sprache. Aber diese bewusste Anwendung von Symbolen ist nur ein Aspekt einer psychologischen Tatsache von grosser Wichtigkeit: Der Mensch produziert Symbole auch unbewusst und spontan, in Form von Träumen.
Dies müssen wir im Auge behalten, wenn wir mehr über die Tätigkeit des menschlichen Geistes erfahren wollen. Es gibt nichts, was der Mensch völlig durchschaut.[d] Er ist ganz von der Anzahl und der Qualität seiner Sinne abhängig,[e] die ihm nur eine begrenzte Wahrnehmung seiner Umwelt gestatten. Diesen Mangel kann der Mensch durch wissenschaftliche Instrumente teilweise ausgleichen; aber selbst der feinste Apparat [f] kann nicht mehr tun, als entfernte oder kleine Gegenstände [g] in Sichtweite zu bringen oder schwache Laute hörbar zu machen. Einerlei, welche Instrumente wir benützen, irgendwo wird der Punkt erreicht, an dem jede Gewissheit aufhört.
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Vielleicht ist es leichter zu begreifen, wenn wir uns zunächst einmal klarmachen, dass die Vorstellungen, mit denen wir es in unserem anscheinend geordneten Leben zu tun haben, keineswegs so präzis sind, wie wir gern annehmen. Im Gegenteil, ihre Bedeutung (und ihr Gefühlsgehalt) wird immer ungenauer, je näher wir sie untersuchen. Ein Grund dafür ist, dass alles, was wir gehört und erlebt haben, unbewusst werden kann. Und selbst das, was wir in unserem Bewusstsein zurückbehalten und nach Belieben reproduzieren können, hat oft einen unbewussten Unterton bekommen und färbt die Vorstellung leicht um. Unsere bewussten Eindrücke nehmen sehr leicht ein Element unbewusster Bedeutung an, das für uns psychisch wichtig ist, obgleich wir uns der Existenz dieser unbewussten Bedeutung und der Art, wie sie die konventionelle Bedeutung teils erweitert und teils verwischt, gar nicht bewusst sind.
Natürlich sind diese psychischen Untertöne bei jedem Menschen verschieden. Jeder von uns hat seine eigenen Vorstellungen, die er individuell begreift und anwendet. Wenn ich in einem Gespräch Begriffe wie «Staat», «Geld», «Gesundheit» oder «Gesellschaft» verwende, nehme ich an, meine Zuhörer verständen darunter mehr oder weniger das gleiche wie ich. Aber die Einschränkung «mehr oder weniger» ist das, worauf ich hinauswill. Jedes Wort hat für verschiedene Menschen auch einen etwas verschiedenen Sinn, selbst unter Leuten, die denselben kulturellen Hintergrund haben. Der Grund für diese Verschiedenheit liegt darin, dass ein allgemeiner Begriff, der in einen individuellen Rahmen aufgenommen wird, immer auch leicht individuell verstanden und angewendet wird. Natürlich sind die Bedeutungsunterschiede dann am grössten, wenn Menschen verschiedene soziale, politische, religiöse oder psychologische Erfahrungen haben.
Solange Begriffe mit blossen Worten identisch sind, ist ein Unterschied kaum bemerkbar und spielt praktisch keine Rolle. Wenn aber eine exakte Definition oder eine sorgfältige Erklärung [h] notwendig ist, kann man oft die erstaunlichsten Abweichungen feststellen, und zwar nicht nur im rein intellektuellen Verständnis, sondern auch im Gefühlston und der Anwendung des betreffenden Ausdrucks. Gewöhnlich bleiben diese Variationen allerdings unbewusst und werden deshalb nicht wahrgenommen.
Man mag diese Unterschiede als unerhebliche Bedeutungsnuancen abtun, die für den alltäglichen Gebrauch nicht ins Gewicht fallen. Aber die Tatsache ihres Vorhandenseins zeigt, dass sogar die selbstverständlichsten Bewusstseinsinhalte Schatten von Ungewissheit an sich haben. Auch ein äusserst sorgfältig definiertes philosophisches oder mathematisches Konzept, das unserer Ansicht nach nicht mehr enthält, als wir hineingelegt haben, ist trotzdem wesentlich inhaltsreicher, als wir annehmen. Es ist ein psychisches Ereignis und als solches teilweise undurchschaubar. Selbst einfache Zahlen sind mehr, als man gewöhnlich weiss. Sie sind gleichzeitig mythologische Elemente (den Pythagoräern waren sie sogar heilig); aber daran denkt man sicher nicht, wenn man sie für einen praktischen Zweck verwendet.
Carl Gustav Jung
aus «Der Mensch und seine Symbole»; S.20f/39f
Unsere Anmerkungen
a] Die in den Naturwissenschaften erstrebte definitio (lat. ~ Abgrenzung) hilft eigentlich nur im Sinnenschein, im Bereich des "Augenscheins" eben, woraus dann allgemeingültige Tatsachen (Fakten) behauptet werden (vgl. "Denkkollektiv"). Das wesentliche Mitteilungs- und Lehrintrument der Geisteswissenschaft ist hingegen die descriptio (~ Beschreibung) bis hin zu depictio (~ Bebilderung) und narratio (~ Erzählung), welche sich eher eignen, der Wirklichkeit nahe zu kommen.
b] der ratio (vgl. Mbl.3: Anm.2)
c] Lau Dse zum Beispiel hat diesem Unnennbaren das Leerwort Dau (Tao ~ Weg) gegeben.
d] am wenigsten sich selbst (siehe auch "Denken und Selbstbeobachtung")
e] die sich freilich nicht auf die physischen beschränken
f] bzw. Begriff
g] bzw. Gedanken
h] Jede explanatio ist immer auch eine interpretatio, deren kultureller und persönlicher Kontext mitberücksichtigt werden muss.