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Nachdenken:
Realität und Rationalität
[...] Aber trotz des unzweifelhaften genialen Scharfsinns Hobbes'[a] und der nicht weniger fraglosen, großen Produktivität des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts auf dem Gebiet der politischen Philosophie und Theorie ist die neuzeitliche Philosophie gerade hier zuerst gescheitert, und zwar einfach, weil sie gemäß dem Gesetze, nach dem sie angetreten, sich auf Wirklichkeit [b] nicht einlassen und die Modi des Wirklichen [c] nicht verstehen konnte. Die im Bereich des Herstellens durchaus berechtigte Vorstellung, daß nur das wirklich sein wird, was ich im Begriff stehe zu machen, wird ständig widerlegt durch den Gang der Ereignisse, die durch Handeln [d] entstanden sind und in denen nichts sich häufiger ereignet als das absolut Unerwartete.[e] Im Modus des Herstellens zu handeln, bzw. in der Form eines Kalküls mit Konsequenzen zu denken, heißt, das Unerwartete und damit das Ereignis selbst auszuschalten, da es ja unvernünftig bzw. irrational wäre, sich auf das einzurichten, was nicht mehr ist als ein "unendlich Unwahrscheinliches". Da aber, jedenfalls auf dem Gebiet menschlicher Angelegenheiten, das Ereignis die eigentliche Konsistenz [f] der Wirklichkeit und darüber hinaus sogar das Wirklichwerden eines Wirklichen konstituiert, ist es höchst unrealistisch, gerade mit ihm nicht zu rechnen, d.h. nicht darauf gefaßt zu sein, daß sich etwas ereignen wird, was kein Kalkül vorausgesehen hat. Die politische Philosophie der Neuzeit, deren größter Vertreter Hobbes geblieben ist, scheitert an dem unlösbaren Dilemma, daß der Rationalismus irreal und der Realismus irrational ist [kursiv von WfGW] - was nichts anderes sagt, als daß Wirklichkeit und menschliche Vernunft [g] nicht mehr zueinander finden. Hegels [h] gigantisches Unterfangen, "den Geist mit der Wirklichkeit zu versöhnen" - und eine solche Versöhnung ist bis heute das tiefste Anliegen aller Geschichtsphilosophie -, zeigte bereits an, daß die neuzeitliche Vernunft an den Klippen der Wirklichkeit gescheitert war.
Was die Denkungsart der Neuzeit so unerbittlich und unwiderruflich von aller Überlieferung scheidet, ist die Radikalität einer Weltentfremdung, die selbst auf die weltlichsten aller menschlichen Tätigkeiten, das Herstellen, Verdinglichen, Vergegenständlichen, durch die eine Welt erstellt wird, übergreifen konnte. Diese Weltentfremdung geht über eine bloße Umkehr des Verhältnisses von Anschauen und Handeln oder auch von Denken und Tun weit hinaus. Nicht die Erhebung von Homo faber zu dem Rang, den einst die Kontemplation eingenommen hatte,[i] vollendet den Bruch mit der Anschauung als der höchsten Form menschlicher Erkenntnis, sondern die Verabsolutierung des Prozeßbegriffs in der Deutung des Herstellens.[k] Damit verglichen ist die Umordnung der Hierarchie innerhalb der Vita activa, in der das Herstellen nun den Rang erreichte, den das politische Handeln ursprünglich eingenommen hatte, von sekundärer Bedeutung. Hinzu kommt, daß [...] diese ursprüngliche hierarchische Ordnung ohnehin, wenn auch unausdrücklich, bereits sehr früh, nämlich mit dem Beginn der politischen Philosophie überhaupt, erschüttert war durch das tiefe Mißtrauen der sokratischen Schule gegen die Polis [l] und die Politik im Allgemeinen und die Fähigkeit zu handeln im Besonderen.
Hannah Arendt
aus «Vita activa»; S.382f
Hält inne die Seele, erwächst ihr ein Raunen,
das aus Tiefen des Eigenen flüstert,
wie wirklich das Wahre;[m]
sie ahnt, daß Geschehen nicht einseitig waltet,
daß hinunter die Leiter, hinauf führt,
sei Wiege sie, Bahre.
Johannes Maria Klein
aus dem 14.Garn von «Das Wegkind»
Unsere Anmerkungen
a] Thomas Hobbes veröffentlichte 1651 sein berühmtes Werk «Leviathan».
b] Im Unterschied zur Realität (von latein. res ~ Sache, also Tatsächlichkeit) ist Wirklichkeit die Manifestation dessen, was wirkt (vgl. Zitate zu Realität und Wirklichkeit). Die Verfasserin behält die übliche Unschärfe bei, indem sie die beiden Begriffe synonym verwendet.
c] Geisteswissenschaftlich entstammt das Wirkliche einem Wesen (göttlich oder menschlich), das wirksam wird. Deshalb kann R.Steiner etwa von „der Wirklichkeit geistiger Welten” sprechen.
d] Die Philosophin unterscheidet zwischen Handeln (Tätigwerden, auch Konsumieren) und Herstellen (Schaffen, auch Produzieren).
e] Wenn zB. einer auszieht, andernorts „Freiheit” herzustellen, dann kann er neuerdings nach seinem „Erfolg” mehr seiner Söldner getötet vorfinden als zuvor.
f] Beschaffenheit
g] lat. ratio, womit hier der analytisch-logisch angewandte Verstand gemeint ist. Geisteswissenschaftlich gilt die Vernunft als synthetisches (zusammenfügendes) Denken, das den Verstand als Werkzeug benützt (vgl. Mbl.3: Anm.2-3).
h] Georg Friedrich Wilhelm Hegel vertrat einen Idealismus.
i] daher die heutige Bevorzugung des arbeitenden (dh. produzierenden) Menschen vor dem nachdenkenden
k] Das heisst, das Wie (know how) und Wieviel beherrscht das Wirtschaftsleben, während das Was (der Inhalt und letztlich der Sinn) ins Belieben von Interessensgruppen gestellt wird. Ein derart einseitiges Wirtschaftsleben neigt übrigens dazu, sich weltweit unkontrolliert auszubreiten.
l] der Stadtstaat (zB. Athen) als Inbegriff des Politischen um 420a
m] Hier wird das Wahre (die Wahrheit) als Wesensausdruck der Sophia (Weisheit) begriffen.