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Nachdenken:
Von der Logik des Krieges
zur Logik der Verwandlung
Die neue Irak-Krise und die Zeichen der Zeit
Die Vorbereitungen, die seitens der amerikanischen Regierung getroffen werden, um eine neue umfassende Kriegsaktion gegen den Irak in die Wege zu leiten, sind in vollem Gange. Ein dritter Waffengang in der Region des Persischen Golfes - der erste tobte in den 80er Jahren fast ein Jahrzehnt lang zwischen dem Iran und dem Irak, im zweiten schlug 1991 eine Allianz unter Führung der USA die irakische Aggression gegen Kuwait zurück - scheint wie vorprogrammiert. Noch bemüht sich die Administration des Weissen Hauses um ein Minimum an internationaler Zustimmung, erklärt sich aber gewillt, in letzter Instanz auch ohne Mandat der Vereinten Nationen einen grossen Feldzug zu initiieren. Unverhohlen wird der Sturz des Despoten Saddam Hussein als Kriegsziel genannt. Die Reserve, auf die man diesbezüglich bei einer Reihe von befreundeten und verbündeten Regierungen stiess, bewirkte allerdings, dass in den Deklarationen der letzten Zeit dieses Kriegsziel aus den offiziellen Verlautbarungen aus Washington zunächst wegblieb. Auf Grundlage der UN-Resolutionen, die zur Wiederaufnahme der Waffenkontrollen auf irakischem Boden drängen, soll jetzt doch noch ein breiterer Konsens erreicht werden; freilich versuchen die USA, eine deutlich ultimative Formulierung in den Text einer neuen Resolution einzubringen, in der sofortige militärische Sanktionen angedroht werden, falls Bagdad nicht alle gestellten Bedingungen restlos erfülle. Ein Brief Saddam Husseins, in dem er zumindest rhetorisch einer vollen Inspektionsfreiheit zustimmt und der von der US-Regierung aber als blosses taktisches Manöver gewertet wurde, trug mit zu diesem scheinbaren Einlenken bei. Der US-Präsident Bush [a] hat es im übrigen auch mit oppositionellen Kräften im Repräsentantenhaus und im Senat zu tun, die einem Krieg nicht vorbehaltlos zustimmen wollen.[b] Es ist aber nicht davon auszugehen, dass das Ziel des Regimewechsels im Irak damit ad acta gelegt worden wäre.
Politik der Härte und die neue Weltordnung
Bereits im Golfkrieg von 1991 wurde eine Tendenz deutlich, die der Logik des Krieges Gewicht im Auftakt der vom damaligen Präsidenten George Bush sen.[c] proklamierten „neuen Weltordnung” verlieh. Das Wegbrechen des Sowjetblocks als polaren Widerparts des Westens brachte damals eine andere Polarität an die Oberfläche, welche tiefer sitzt als jenes sonderbar bedrohliche Gegenüberstehen Amerikas und Russlands, das ein halbes Jahrhundert lang ursprünglichere Ost-West-Gegensätzlichkeiten überlagerte. Bereits in den 80er Jahren war ja der politische [schi'itische] Islam, der im Iran das korrupte prowestliche Regime Schah Reza Pahlewis hinweggefegt hatte, als neuer weltpolitischer Faktor an die Oberfläche getreten. Auch der damalige Erzfeind Sowjetunion hatte an seiner südlichen Flanke, in Afghanistan [1979-1989], unmittelbar mit ihm zu tun. Jetzt, nach Ende jenes zu Recht als kalter Krieg definierten Dauerkonflikts, trat aus einer bedeckten Schicht der politischen und geistigen Weltkonstellation ein islamischer Block deutlich auf den Schauplatz der globalen Auseinandersetzungen heraus. Dieser Block ist aber keineswegs das politisch relativ homogene Gebilde, wie es das Sowjetimperium mit seinen Satellitenstaaten war und wie es durch die Theoriebildungen Samuel S. Huntingtons in seinem Buch «Clash of Civilizations»[d] suggeriert wird. Unverkennbar war aber ein neues Feindbild geboren, dessen Bedrohlichkeit ebenso wie diejenige des früheren auf einer Mischung von Tatsachen und gezielter Überzeichnung beruht. Der erste Aufmarsch der Westallianz gegen Saddam Hussein war die Demonstration einer Mächtigkeit militärischer, technologischer und wirtschaftlicher Prädominanz der verbliebenen Supermacht, die ihresgleichen sucht. Dass damals der Feldzug vor Bagdad haltmachte und Saddam Hussein nicht gestürzt wurde, hat vielerlei Interpretationen gefunden. Die plausibelsten unter ihnen sprechen von realpolitischen Erwägungen der Administration von Präsident Bush sen., die einen Zerfall des komplexen Staatsgebildes Irak [e] - mit den geschlossenen Wohngebieten der Kurden im Norden und dem Kerngebiet der Schiiten im Südosten des Landes - fürchtete. Realpolitisch musste dort ein vom Westen gefördertes "Nation building" unter Bewahrung der territorialen Integrität des Irak nach einem Sturz des Regimes Saddam Hussein als aussichtslos erscheinen. Ein Zerfall des Staates hätte den Einfluss Irans und seiner theokratisch-fundamentalistischen Regierung in der Region bedeutend gestärkt. Die realpolitische Linie Colin Powells [f], der die Kriegsaktion verantwortlich leitete, hat der damalige Präsident sich offenbar zu eigen gemacht.
Der Verzicht auf einen endgültigen Durchgriff im Irak wurde aber bereits damals seitens anderer, dem Präsidenten ebenfalls nahestehender Kreise als Fehler erachtet. Diese Kreise, die im heutigen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld [g] ihren zurzeit bekanntesten Exponenten finden, drängten bereits seit Ende des kalten Krieges auf eine unmissverständliche Politik der Härte, die die amerikanische Führungsrolle nicht durch Einbindungen in internationale Rechtszusammenhänge abhängig machen will. Dass diese Kreise, die sogenannten Neokonservativen, nach dem 11. September entscheidenden Einfluss auf die Politik des jüngeren Bush gewonnen haben, ist deutlich. Nach den Anschlägen von New York und Washington gibt der Kampf gegen den internationalen Terrorismus, der bezeichnenderweise sofort als „Krieg” bezeichnet wurde, Spielraum genug, gleich geostrategische Ziele - ein solches dürfte der Irak mit seinen zum Teil noch unerschlossenen Ölvorkommen sein - mit einzubeziehen. Dass bedeutende kommerzielle Interessen eine Rolle in den Entscheidungen der politischen Führungsriege spielen, deren guter Teil unmittelbar mit der amerikanischen Ölindustrie verflochten ist, ist hinlänglich bekannt.
Politische Unkontrollierbarkeit und geistige Tragik
Die Tragik, die in diesem offenbar kaum noch zu vermeidenden Krieg liegt, ist unverkennbar. Zunächst ist da eine irakische Zivilbevölkerung, die durch die zwar insgesamt geschwächte, aber immer noch verhältnismässig sicher im Sattel sitzende Diktatur niedergehalten wird. Diese Bevölkerung trägt zugleich die Hauptlast einer nun zehnjährigen westlichen Embargopolitik, die das frühere Schwellenland Irak zu einem der ärmsten Staaten der Welt zurückfallen liess. Jeder Krieg wird die irakischen Frauen und Männer - Zivilisten und Zwangsrekrutierte -, vor allem aber die Kinder als erste treffen. Tragisch ist aber auch die Verflechtung dieser Krise in die Krise der ganzen Region, die im israelisch-palästinensischen Konflikt ihren beängstigenden Dauerbrennpunkt findet. Dort ist die Logik des Krieges seit zwei Jahren entsetzlicher Alltag geworden. Die Folgen eines amerikanisch-irakischen Krieges, der nicht durch die arabischen Staatsführer akzeptiert würde, sind nicht abzusehen. Selbst wenn es gelänge, zu einem Stillhalteabkommen auf Regierungsebene zu kommen, würde dies das Anheizen antiamerikanischer Stimmungen bei den arabischen Massen weiterhin fördern. Den islamistischen Terrorgruppen wäre so neuer Nährboden und starker Zulauf geschaffen.
Tragisch sind nicht zuletzt die Verwirrung und die Angst, die aus einem explosiven Verflochtensein fast aller Nationen unmittelbar entstehen. Sie belasten die westlichen Partner untereinander bis hin zu Zerreissproben und machen tiefliegende Interessens- und Auffassungsunterschiede sichtbar.
Vor allem wird aber eine geistige Dimension mit betroffen. Meilensteine auf dem Weg in den Krieg werden allenthalben gesetzt und übertönen die Stimmen derer, die auf Vernunft und Besonnenheit setzen. Eine weltweit in drückende Verwerfungen eingespannte Weltlage wird von den politischen Entscheidungsträgern des Westens in einem reduktionistischen Schematismus von Gut und Böse fest-geschrieben. Es ist nicht sinnvoll, diesem Reduktionismus ein fast ebenso simples Denken entgegenzusetzen, das vermeint, bewaffnetes Vorgehen sei in jedem Fall und immer abzulehnen. Völker und Staaten müssen auch das Recht haben, sich zu wehren. Das gilt auch für die USA. Selbst der - allerdings moralisch und politisch höchst gefährliche, völkerrechtlich problematische - Rückgriff auf Präventivschläge und -kriege kann in Überlebenskämpfen nicht immer umgangen werden. Dass sich die jetzige Doktrin des präventiven Kriegs als Verteidigungskrieg gegen den Terrorismus in Hinblick auf die Tatsachen jedoch stichfest legitimieren liesse, bleibt zu Recht heftig umstritten.
Von Mars zu Merkur: Das Unzeitgemässe der Kriegslogik
Es wäre aber vor allem heute, und zunehmend in die Zukunft hinein, deutlich zu machen, dass die Logik des Krieges als solche kontraproduktiv ist, und zwar aus Gründen, die aus der inneren spirituellen Lage der Menschheit entspringen. Diese innere Lage kann man vom Gesichtspunkt einer weitgefassten zeitlichen und evolutiven Perspektive deuten. Dazu bieten Grundanschauungen der anthroposophischen Geisteswissenschaft eine wichtige Interpretationshilfe. Es wäre auf einen grossen Bogen planetarischer Evolution zu blicken, der als Übergang von Mars zu Merkur zu charakterisieren ist.[h] Die vorchristliche Erdentwicklung lässt sich als Marsphase verstehen, während der sich grundlegend Selbstbehauptungskräfte des Menschen-Ich zu entwickeln hatten. Dieser Abschnitt der Menschheitsgeschichte war verbunden mit einer Legitimität des Kriegsführens, weil sich individuell und kollektiv die Selbstfindung des Ich bis hin zum Extrem des Kampfes zu bewähren hatte. Mit dem Mysterium von Golgatha als Achse und Wendepunkt der Gesamtsituation von Erde und Mensch tritt nun die Merkurphase des Planeten ein. Zum Leitprinzip wird die Verwandlungskraft des merkurialen Prinzips, das aber zugleich die erreichten Selbstbehauptungskräfte des Ich metamorphosierend mit aufnimmt. Der Akzent liegt auf Verwandlung und Heilung. Damit verliert Krieg zunehmend seine geistige Legitimität. Im heilenden Transformieren der Welt wird nunmehr das wahre Ich bewährt.
Beide Prinzipien kommen in ein komplexes Verhältnis zueinander, weil es retardierende Marsimpulse gibt, die sich immer neu, sogar in gesteigertem Masse, geltend machen. Zugleich wird offenbar das Ergreifen der heilenden, verwandelnden Merkurkräfte immer mehr in die Initiative des individuellen Menschen gelegt. Es liegt nahe, auch die jetzige Kriegsstimmung und ihre innere Tragik unter solchen Gesichtspunkten zu betrachten.
Kriegerische Marskräfte kommen fast idealtypisch in Saddam Hussein zur Geltung, dessen Einbindung in alte Stammeszusammenhänge und Kriegertraditionen nur oberflächlich durch seine Zuwendung zur säkularen sozialistischen Baathpartei [i] übertüncht zu sein scheint. Sein Handeln und Herrschen sind aus altarabischer Mentalitätsstruktur ohne weiteres interpretierbar, die neben anderen Qualitäten - Mond und Venus -[k] auch eine starke Marskomponente besitzt. Gerade das irakische Arabertum ist stark von dieser Komponente durchsetzt. Auf dem Boden älterer, vorwiegend nichtarabischer, semitischer Kulturen wurde hier in der Frühzeit der islamisch-arabischen Eroberungen die im engeren Sinne arabischen Niederlassungen als Garnisonsstädte gegründet.[l] Iraker gelten auch heute noch bei anderen arabischen Völkern als besonders martialisch veranlagt.
Dass ein orientalischer Despot wie Saddam Hussein aus Impulsen handelt, die aus jener unverwandelten Sphäre stammen, ist ohne Zweifel für die Region des Mittleren und Nahen Ostens höchst gefährlich und destruktiv. Wenn sich jedoch die einzige westlich geprägte Demokratie in jener Region in die Logik des Krieges reissen lässt, wie es Israel im Augenblick tut, wenn sich die mächtigste Demokratie des Westens - die naturgemäss legitime Ordnungsaufgaben in der Welt zu leisten hätte - ebenfalls mit einem solchen Geist durchsetzt, so ist dies in noch ganz anderem Sinne tragisch. Denn hier wird die unverwandelte Marskraft nicht wie bei Saddam Hussein vorwiegend als Überbleibsel einer alten Qualität der Empfindungsseele, die sich akzessorisch mit Modernität und Technologie verbindet, weitergetragen.
Diese Empfindungsseelenqualität steht übrigens in einem interessanten Bezug zu dem Gebiet, auf dem sie wirksam ist. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich der aktuelle Kriegskonflikt auf dem Boden des alten Mesopotamien fokussiert. Auf diesem geographischen Gebiet haben ja in den Jahrtausenden vor Christi Geburt weltgeschichtlich ausschlaggebende Empfindungsseelenkulturen bestanden. In der Tat ergibt sich in Hinblick auf die geistigen Impulse der westlichen Kriegsideologen und Kriegsherren ein anderes Bild. Hier scheinen sich Marskräfte mit Qualitäten der Bewusstseinsseele zu verbinden, die als weit immensere Mächtigkeit ausgreift, weil sie unzeitgemäss Zukunftskräfte hereinholt, die heute noch nicht zu bewältigen sind. Es ist nicht abwegig, die Vermutung zu formulieren, dass sich eine solche Verbindung, sollte sie sich auf Dauer durchsetzen, für die weitere Kulturentwicklung als determinierender und belastender erweisen könnte als die Impulse, die von Gestalten wie Saddam Hussein ausgehen.
Ordnungsprinzipien heilender Verwandlung
Ein geistgemässer Realismus macht evident, wie sehr die fahrlässige oder gezielte Überantwortung von Ordnungsprinzipien der Weltgesellschaft an die Logik des Krieges [m] - die unverwandelten Marskräfte - problematisch ist. Gerade der Westen, besonders auch die auf christlichen, humanistischen und auf Prinzipien der Menschenrechte gegründeten positiven Beiträge Amerikas werden so unterwandert. Es wird auf diese Weise nicht nur der merkurial-therapeutische Ansatz in der Lösung von Konflikten verfehlt, sondern es ist zu befürchten, dass ein nachhaltiges Festsetzen dieser Tendenzen die äusseren und inneren Spielräume der Seele einzuengen droht. Auf ähnliche Weise wie in der Zeit des kalten Krieges würde die anhaltende Dominanz einer Logik des Krieges Auswirkungen auf vielen Gebieten des Geistigen und gesellschaftlichen Lebens haben - weit über das bloss Politische hinaus.
Es ist dennoch davon auszugehen, dass die genannten christlich-merkurialen Kräfte, die zum Teil im Verborgenen wirken, den ungebändigten Marskräften besänftigend und verwandelnd entgegenstehen werden. Wie und in welchem Grad dies geschieht, wird zu beobachten sein. Beobachtung meint hier freilich mehr als das bloss sachliche Registrieren von Tatsachen. Schon das wache Mitverfolgen der Ereignisse, gepaart mit einem Eingedenken dieser Verwandlungsimpulse, fördert die Bewahrung und Erweiterung jener bedrohten Spielräume der Seele und setzt unmittelbar Fähigkeiten zu innerer Verwandlung frei, die auch nach aussen hin wirksam werden können, und sei es zunächst nur im nächsten Umkreis. Dass dies die Mitarbeit vieler in Gesinnung und Tatkraft erfordert, steht in jedem Fall zu Gebot.
János Darvas
in »Das Goetheanum« Nr.42/13.X.2002; S.769ff
Unsere Anmerkungen
a] George Walker Bush
b] Mittlerweile haben beide Häuser zugestimmt.
c] George Herbert Walker Bush
d] Aus «Clash of Civilizations» wird im »TzN Nov.2003« zitiert.
e] 1919 aus dem sich auflösenden Ottomanischen Reich hervorgegangen, ist der Irak (el-'Iraq, IQ) kein gewachsener Staat, sondern war dank dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916 zunächst nur ein Gebiet unter britischem Mandat (wie Syrien unter französischem), dann ab 1930 eine unabhängige Monarchie unter Emir Feisal, bis diese 1958 von General Kassem gestürzt wurde. Anfang der 70er Jahre drängte sich Saddam Hussein rücksichtslos an die Machtspitze; seit 1979 regierte er als „gewählter” (1995: 99,96%; 15.X.2002: ~100%) Präsident unnachgiebig das geschundene Land; den (sunnitischen) Islam scheint er in seiner Spätphase als Deckmantel benutzt zu haben.
f] Powell war damals höchster Offizier, danach Chef des State Department.
g] zusammen mit Richard Perle und Paul Wolfowitz von der Israel-Lobby
h] vgl. Mbl.7 u. zu deren Qualitäten MblB.36c u.MblB.36d
i] ursprünglich von einem syrischen Christen gegründet
k] Sichel und Fünfstern (wie etwa in der Flagge der Türkei; vgl. zu deren Qualitäten MblB.36b u. MblB.36f)
l] mit dem Abbasidenreich seit 750
m] auch beim Kosovo-Einsatz der NATO 1999 betrieben, u.a. sogar vom damaligen „grünen” deutschen Aussenminister Fischer, was im Februar 2008 gegen russländische Bedenken zur verfrühten Eigenstaatlichkeit des Kosovo geführt hat, ein Präjudiz, das bei der Annexion der Krim durch Russland im März 2014 ins Treffen geführt worden war