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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von ÁRATOS zu
URSA MAIOR et URSA MINOR
DIE [Sterne], OBWOHL VIELE und die einen hier, die anderen dort, werden alle Tage beständig am Himmel hingezogen. Die Achse aber geht auch nicht ein bißchen vom Fleck, sondern genau so ist sie immer festgefügt und hat in der Mitte, ausgewogen nach allen Seiten, die Erde, und führt ihrerseits den Himmel herum². Und es begrenzen sie zwei Pole von beiden Seiten, aber der eine ist nicht zu sehen, der andere, gegenüberliegende auf der Nordseite, ist oberhalb des Ozeans. Zwei Bärinnen [Árktoi] aber, ihn einfassend, rollen gemeinsam; darum werden sie denn auch Wagen [Ámaxai] genannt. Die haben ihren Kopf wahrhaftig immer eine über der Hüfte der andern, immer fahren sie rücklings, sich gegenseitig die Schulter zukehrend³. Wenn es denn wahr ist, sind diese von Kreta aus nach dem Willen des großen Zeus in den Himmel hinaufgestiegen, weil sie ihn damals, als er noch ein Kind war, auf der würzig duftenden Dikte nahe dem Idaberge in einer Höhle betteten und ihn nährten bis übers Jahr, als die diktäischen Kureten Kronos täuschten. Und die eine nennt man Kynósura (Hundeschwanz) mit Beinamen, die andere Helíke (Kringel). An Helike ersehen die Achaier auf See, wohin sie ihre Schiffe lenken müssen, im Vertrauen auf die andere segeln die Phoiniker übers Meer. Aber die eine ist klar und leicht auszumachen, da sie groß erscheint von Anfang der Nacht an, die Helike; die andere ist zwar gering, aber für die Seeleute besser; denn sie dreht sich mit ihrer ganzen Gestalt in engerem Wirbel herum.
aus «Phainomena»; S.7f
²) Wir müssen uns hier die Fixsternsphäre wie einen Himmelsglobus von außen gesehen vorstellen: der Dichter dreht sie ein wenig, um zu zeigen, wie alle Sterne bewegt sind, während der Knauf der Achse, der (als Pol) oben aus der Kugel ragt, feststeht. Mit „Erde” ist die gedachte kreisförmige Horizontebene gemeint, die waagrecht durch den Mittelpunkt der Achse gelegt das Innere der Kugel in eine obere und eine untere Hälfte [Hemisphäre] teilt. „Ozean” (oder im Folgenden auch „Meer”) ist die Horizontlinie, an der diese „Erde” die Himmelskugel von innen berührt; „oberhalb des Ozeans” heißt also: auf der oberen Halbkugel; was unter dem „Ozean” ist, ist „nicht zu sehen”. - Arat sagt nichts von der Neigung der Achse. [...]
³) Der Pol liegt für Arat zwischen den beiden Bärinnen, auf halber Strecke zwischen béta Ursae minoris (hinterer oberer Kastenrand des Kleinen Wagens) und káppa Draconis (Drachenschwanz zwischen den beiden Wagenkästen). So wird das Bild verständlich. Die Erklärung des Namens „Wagen” aus ihrer gemeinsamen radähnlichen Kreisbewegung um den Pol ist historisch sicher unrichtig; Arat will damit eine Störung der Bildvorstellung vermeiden und zugleich auf den folgenden Mythos vorbereiten. - Einen Polarstern gab es in der Antike nicht. Die Erdachse beschreibt sehr langsam die Tanzbewegung eines Kreisels, der mit der Spitze Spiralen auf den Boden zeichnet. Das bewirkt, daß in der scheinbaren Drehung der Fixsternsphäre die Drehpole am Himmel Kreise beschreiben, in ca. 26000 [ideal 25920] Jahren einmal rund um die Ekliptikpole („Präzession”; Ekl.-Nordpol bei zéta Draconis). Seit der Zeit der ältesten Himmelsbeschreibungen bis heute hat der Nordpol den Weg aus dem recht ungefähren Feld, das Arat ihm zuweist, bis zum heutigen Nordstern [álpha Ursæ minoris, Polaris] zurückgelegt. [...]