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Neudenken:
Nacht am Vulkan
Der Stromboli [a] ist an diesem Abend [b] erstaunlich ruhig. Normalerweise spuckt er zwei- bis dreimal pro Stunde Lavafetzen und kleine Aschewolken aus. Doch in jüngster Zeit, sagte man uns heute Morgen schon im Dorf, rührt er sich nur jede knappe Stunde, dann aber heftig.
Wir machen es uns, so gut es geht, in einer der ummauerten Mulden bequem und warten. Nach etwa einer halben Stunde ist es endlich so weit. Als wollte der Vulkan noch einmal kurz Luft holen vor dem nächsten Auswurf, ertönt ein Zischen und Fauchen. Dann ein tiefes Grollen. Dann schießen unter lautem Donnern Kaskaden glühender Steine [c] 100 bis 200 Meter hoch in den dämmrigen Abendhimmel. Ein Teil fällt zurück in den Schlot. Doch die meisten Brocken regnen auf den Kraterrand herab. Laut klirrend wie zerberstende Klinkersteine schlagen die noch brennend roten Lavafetzen auf der Flanke auf.[d] Große Trümmer rollen und poltern die Sciara del Fuoco hinunter, die Straße des Feuers, eine Schutthalde aus jungem Vulkangestein. Sie zieht sich als breite Schneise vom Kraterrand hinab bis zum Meer.
Windböen wehen die Wolke aus feiner grauer Asche [e] fort, die mit den Lavafetzen herausgeschleudert wurde. Doch nur noch einmal können wir das feurige Schauspiel in Ruhe beobachten. Dann frischt der Wind auf. Die Böen werden so stark, dass sogar das schwere Fotostativ vibriert. Die aufgewirbelten Körner aus schwarzem Lavasand und Staub stechen wie Nadeln ins Gesicht. Wir verschanzen uns hinter dem Mäuerchen des Biwaklochs, unter der Plastikplane, die wir mitgebracht haben. Vielleicht legt sich der Sturm ja wieder.
Allmählich wird es Nacht. Der Wind nimmt nicht ab, sondern wird noch stärker. In der Dunkelheit kreisen die Gedanken. Was ist, wenn der Stromboli plötzlich so kräftig schießt, dass es uns erwischt? Laut Statistik sind die Eruptionen ein- bis zweimal im Jahr so heftig, dass sie ausgeschleuderten heißen Brocken den Aufstiegspfad und sogar die Biwaklöcher erreichen. Der letzte tödliche Unfall dieser Art ereignete sich im Oktober 2001, also einige Monate nach unserer Nacht auf dem Stromboli. Eine Frau wurde am Gipfel von einem Lavabrocken erschlagen.
Der Wind heult und zerrt an unserem provisorischen Unterschlupf. Dazu in regelmäßigen Abständen das Donnern der Eruptionen, gefolgt vom Prasseln der Steine. Dann wieder Ruhe.[f] Unheimlich.[g]
Nach einer langen, harten Nacht kriechen wir im ersten Morgengrauen wieder unter unserer Plane hervor. Der Wind ist schwächer geworden. Das Licht der Morgendämmerung ist für Bernhard ideal, um noch ein paar Aufnahmen von den Eruptionen zu machen. Dann brechen wir auf. Die Luft wird glasklar. Dunkelblau glänzt das Meer in der Morgensonne, als wir bis zum höchsten Punkt über den Kratern aufsteigen.[h]
Angelika Jung-Hüttl
aus «Feuer gefangen»; S.19f
Unsere Anmerkungen
a] Stromboli ist ein seit 1934 fortwährend aktiver Vulkan auf der gleichnamigen Insel des liparischen Archipels, das zur sizilianischen Provinz Messina gehört.
b] im März 2001
c] sogenannte Bomben oder nur erbsen- bis nussgrosse Lapilli - Mineralisches lässt sich ja in dem Masse formen, als es von Wärme durchdrungen ist (vgl. R.STEINER zum Brüten).
d] und erkalten, erstarren dabei
e] vgl. R.STEINER zur Asche
f] Der Gegensatz von manwantara (Entwicklungsbewegung) und pralaja (Ruhepause) offenbart sich in Seismik und Vulkanismus besonders spektakulär.
g] Denn dies lässt aus dem Unbewussten mehr oder weniger deutliche Bilder des Entstehens aufsteigen.
Es handelt sich nämlich um reines Willenswirken (vgl. R.STEINER zum Opfer der Throne), wenn etwa Drehimpulse (spins) zu untersinnlichen Materieteilchen verschmieren,
daraus um dichte Wärmeprozesse, wenn Atome zu sinnlich wahrnehmbaren Stoffmolekülen verklumpen, und
daraus um immer dünnere Wärmefolgen, wenn in durchlichteten Gasen Klang- und Wasserbildung ineinander wirken (vgl. R.STEINER zur Wasser- u. Tonentstehung und zum Überblick Mbl.6).
h] Die ganze Schilderung mag leise an eine Einweihung (vgl. »TzN Mär.2015«) erinnern.