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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Ulrich KAISER zu
STEINERS SCHRIFTEN und MANTREN
Als ungleich höheren Anspruch hat Steiner das schriftliche Formulieren gegenüber dem freien Sprechen empfunden. Deshalb tragen seine Schriften auch eine andere Signatur des Worts, sind dichter, sind anders zu lesen als etwa Vortragsnachschriften. Aber finden sich Aspekte des Performativen in Steiners Schreibweise ebenfalls? Unlängst hat Martina Maria Sam in ihrem Beitrag zu einem Sammelband mit dem performativ angehauchten Titel »Steiner neu lesen« eine Studie vorgelegt, die sich mit der transformatorischen Funktion des unpersönlichen »Es« in Steiners Schriften auseinandersetzt.³⁴ Formulierungen mit »es« verdienen in Steiners Sprache besondere Aufmerksamkeit, weil die sogenannten »subjektlosen Sätze« (wie »es regnet« oder »es duftet«) seinerzeit ein spannendes Thema der Philosophie und Sprachwissenschaften³⁵ waren. Als wacher Zeitgenosse hatte Steiner sich damit auseinandergesetzt, bevor er seine Kenntnis dann vor allem in seinen späteren mantrischen Sprachschöpfungen in sparsamer, gezielter Form einsetzte. Denn Mantren sind spirituell-poetische Performative, die weniger etwas beschreiben (konstativ) als - für Übende, die sie im Lesen auch entsprechend nutzen - eine Empfindungsänderung bewirken können (performativ). Sie unterscheiden sich von Ritualen und den klassischen performativen Äußerungen insbesondere dadurch, dass sie keine Statusänderung nach sich ziehen und nicht von gesellschaftlichen Institutionen abhängig sind (wie Taufe oder Heirat), sie sind das nicht einmal von konkreten sozialen Beziehungen (wie das Versprechen oder der Fluch). Sie liegen im konstitutiven Sinn vor diesen. Nun sind Mantren aber bereits besondere Verdichtungen oder Fügungen der Sprache, explizite Mittel, Werkzeuge oder Anlässe der sprituellen Übung, [...]
Die Besonderheit subjektloser Sätze besteht ja zum einen darin, dass hier die Sprache gewissermaßen ein Vorbild bietet, wie auf das subjektzentrierte oder subjektlastige Denken verzichtet werden kann, das in der Philosophie des 20. Jahrhunderts verschiedentlich als starke Beschränkung empfunden wurde und weshalb zum Beispiel ein Martin Heidegger in seiner Spätphilosophie auf diese Sprachmöglichkeit zurückgegriffen hat.³⁶ Zum anderen besteht ihre Besonderheit darin, dass sie auf jede einschränkende Bestimmung (»dies« oder »jenes«) verzichtet, die in gewissem Sinn immer eine Festlegung und dadurch Verarmung bedeutet. Eine Verarmung, weil jede Bestimmung anderes ausschließt. Formulierungen mit »es« verweisen demgegenüber auf eine Offenheit, also potenziell auf Bereicherung. Schon »es« ist weniger bestimmt als »er« oder »sie«. Ein Beispiel nun aus Steiners Prosa sei der erste Satz der zweiten Auflage seiner Philosophie der Freiheit (GA 4): »Zwei Wurzelfragen des menschlichen Seelenlebens sind es, nach denen hingeordnet ist alles, was durch dieses Buch besprochen werden soll.« Der Satz eröffnet das Buch und nennt zuerst ein zentrales Doppel-Motiv. Er wirkt umständlich und manieriert. Steiner hätte auch schreiben können: In diesem ganzen Buch werden zwei grundlegende Fragen des Seelenlebens besprochen. Das wäre ein wünschenswert unkomplizierter Aussagesatz, der nichts an Information gegenüber Steiners Formulierung unterschlagen würde. Steiner aber artilkuliert in seiner Art einen Rhythmus, der in den Satzgliedern dreimal anhebt. Der Sprachduktus bringt mich in Bewegung. Er stiftet Beziehung unter den Satzgliedern und indem ich lese, bilde ich diese Beziehung (zwischen: Wurzelfragen - alles - was) mit eigener Aktivität selber. Wie von einem Choreographen werde ich, als Tänzer, geführt, drei Schritte, drei große Bewegungsbögen zu machen, die sich wieder in kleinere gliedern.
Das »es« nun, das im ersten Teilsatz genutzt wird, lässt ihn wie die Antwort auf eine Frage erscheinen (»Was ist es?«), die erst noch gestellt werden müsste bzw. im Außerhalb des Buches gestellt worden ist oder sich je stellt. Es klingt wie eine Antwort auf eine Frage, die erst noch gefunden werden muss. Es klingt aber auch wie ein Aufzeigen, wie ein Vorzeigen von etwas, das für sich besteht, das zunächst schlicht und undifferenziert aufgewiesen wird. Kein Begriff, kein Argument, sondern ein Beobachtetes. Aus der Art der sprachlichen Schilderung bereits ergibt sich ein Verweis auf die im Untertitel genannte Methode des Buches, »seelische Beobachtungen« in naturwissenschaftlich strengem Sinn zu schildern. Gewiss haben auch die verwendeten Laute bei einem so bewusst mit Lautqualitäten umgehenden Autor eine Funktion. Bemerkenswert ist das zweimalige Vorkommen (also die Wiederholung) der aktivierenden Konsonanten Z, W und R innerhalb der ersten beiden Worte, welche durch das nachgeschobene »sind es« fast den Charakter eines zeitlosen Bildes erhalten. An der Schwelle zum Buch finden wir zunächst nicht Sachinfos, sondern das Fragemotiv und einen gegliederten Bewegungsimpuls vor, also performativ Bewegtes, nicht statische Fakten.
Auch die Prosa Steiners ist so gestaltet, dass ich auf unterschiedlichen Ebenen etwas tue, wenn ich sie lese. Man könnte geradezu als Qualitätsmaßstab an sie das Kriterium anlegen, in welchem Maß und in welcher Art seine Ausdrucksweise einen transformatorischen Charakter zeigt. Je nachdem wäre sie als mehr oder weniger gelungen zu bezeichnen. Durch das, was ich im Lesen tue, soll etwas entstehen, was Sibylle Peters »Figuration der Evidenz« genannt hat. Denn für die Erfahrung von Evidenz ist es speziell bei den Steinerschen Themen weniger wichtig, »ob etwas gezeigt und entsprechend benannt werden kann, sondern vor allem, ob es sich zeigt, ob es einleuchtet.«³⁷ Wenn es sich zeigt, ist es im Steinerschen Sinn das nicht durch einen Beweis Dargestellte, sondern das fragil in der eigenen Lesetätigkeit Hergestellte. »Wer diesen Weg wirklich durchschreitet,« sagt er im Blick auf das Lesen eines Buches wie Die Geheimwissenschaft im Umriss, »hat auch schon das Beweisende erlebt; es kann nichts durch einen von außen hinzugefügten Beweis geleistet werden« (GA 13, 41). Insofern ist Steiners Geisteswissenschaft ohne das performative Element nicht zu denken.
S.21ff
34 Martina Maria Sam: »... in der Seele entzünden die eigene Tat.« Über Rudolf Steiners geisterweckenden Sprachstil am Beispiel des überpersönlichen »Es«, in: Johannes Kiersch et al. (Hrsg.): Steiner neu lesen. Perspektiven für den Umgang mit Grundlagentexten der Waldorfpädagogik, Frankfurt am Main 2014, S. 121-136.
35 Vgl. ebd., S.123.
36 Martin Heidegger: Zur Sache des Denkens, Tübingen 1969, S. 5f., 19f., 41ff.
37 Sibylle Peters: Der Vortrag als Performance, Bielefeld 2011, S. 13f; Kursivsetzung von mir. Vgl. die Besprechung dieses Buches in DIE DREI 9/2014.
in »die Drei« 10/2013