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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu
CHAOS und KOSMOS
Sie wissen, daß nicht nur die wunderbare griechische Mythe und Sage an das Chaos [τὸ χάος] anknüpft, indem sie sagt, daß die ältesten Götter, also die ältesten geistigen Wesenheiten, herausgeboren sind aus dem Chaos, sondern Sie wissen auch, daß die Mythen und Sagen anderer Völker unter verschiedenen Namen dieses Chaos kennen. Denn, was ist schließlich jener gähnende Abgrund der nordisch-germanischen Sage «Ginnungagap», aus dem auf der einen Seite das kalte Niflheim oder Nebelheim entsteht und auf der anderen Seite das heiße Muspelheim, anderes als das Chaos? Und auf was sonst deutet letzten Endes der Anfang unserer Bibel selbst hin? Im Ersten Buch Moses finden Sie ja die Worte: Im Anfang schuf die Gottheit den Himmel und die Erde, und die Erde war wüst und wirre, und das Dunkel lagerte über den Wassern. Und der Geist aus der Gottheit webete brütend über den Wassern. Und es ertönte der Gottheit Wort: Licht werde - und Licht ward. Und die Gottheit nahm wahr das Licht und nahm wahr, daß es schön sei und schied die Lichtwelt von der Dunkelwelt. - «Die Erde war noch wüst und wirre», ist nur ein anderer Ausdruck für das Chaos, aus dem die höchsten geistigen Wesenheiten selbst hervorgegangen sind.
Was ist das Chaos? Mit solchen alten Worten für so hohe Begriffe ist es in der Menschheitsentwickelung merkwürdig gegangen. Seit ziemlich langer Zeit haben die Menschen vollständig die Empfindung verloren für eine richtige Auffassung dessen, was mit so etwas gesagt wird. Sie wissen gar nicht mehr, was damit gemeint war, wenn so etwas gesagt wurde. Das materialistische Zeitalter, aus dem ja alle Menschen der Gegenwart in einer gewissen Beziehung hervorgegangen sind, hat kaum noch Worte dafür, um überhaupt zu charakterisieren, was hinter dem Wort Chaos steckt. Unsere Worte haben ja auch im Laufe der Zeit eine ganz andere Bedeutung angenommen, als sie früher hatten, ja, als sie noch vor ganz kurzer Zeit hatten. Früher entsprach das Wort der geistigen Bedeutung des Gegenstandes, dem Begriff. Heute sind unsere Worte sozusagen aufgeteilt worden an die materialistische Bedeutung der äußeren, materiellen Gegenstände und werden nicht mehr angewendet auf die geistige Bedeutung. Wer heute ein Wort hört, wendet es an auf das, was es in der sinnlichen Welt bedeutet, aber denkt nicht mehr daran, es in Beziehung zu setzen zur geistigen Welt.
S.79
Daß Helmont so etwas im Hintergrunde seines Denkens hatte, das zeigt er uns ganz klar. Er zeigt uns, daß er den Gedanken hat: Ja, so ein Gas, wie ich es entdeckt habe, ist sehr dünn, sehr durchlässig, das Licht geht durch, und man ahnte nichts, wenn man nicht da, wo das Gas sich ausbreitet, an der Wirkung empfände, daß überhaupt etwas da ist. Aber im Verhältnis zu dem Urgründe ist auch dieses Gas noch eine Verdichtung, eine Trübung. Es liegt dem ein anderes, noch Geistigeres zugrunde. Aber man kann mit Recht dieses Tiefere erkennen, wenn man das Gas als ein Gleichnis nimmt: wenn man das Hervorgehen der ganzen Welt aus dem samenreichen Raum wie das Verdampfen und Verdunsten sich vorstellt, wenn man sich vorstellt, daß das Gas ein Dunst des Geistes selber ist, so wie der Dampf der Dunst des Gases ist. Indem er diese Vorstellung in der Seele hat, sagt Helmont ein merkwürdig schönes Wort. Er sagt: «halitum illum gas vocavi, non longe a chao veterum secretum.» Das heißt: Jenen Hauch habe ich «Gas» genannt; er ist nicht weit verschieden von dem «Chaos» der Alten.°¹ - Sie sehen, er knüpft den Begriff Gas an das Wort Chaos an, ja, er hat das Wort Gas überhaupt nach dem Wort Chaos gebildet, «Gas» ist das umgewandelte «Chaos». Es ist das Wort, das Helmont gebildet hat, um seine geheimwissenschaftlichen Begriffe in dasselbe hineinzulegen. Das ist ein außerordentlich interessanter wissenschaftlicher Zusammenhang.
So werden wir von einem, der in diesen Dingen Bescheid wußte, hingeführt zu einem Raumbegriff, der nicht ein unfruchtbarer, leerer, abstrakter Raumbegriff ist, wie derjenige, den die Physik kennt, sondern wir werden geführt zu einem Raumbegriff, welcher unendlich samenreich ist, denn er enthält auf unsichtbare Weise die Samen aller Dinge. Die Dinge, die heute verdichtet sind, sie waren alle einst Dunst und sind verdichtet worden aus dem Raum. Der Raum wird uns so lebendig, wird zu dem Samen von dem, was ausgebreitet ist in der Welt. So setzen wir an die Stelle des leeren, abstrakten Raumes den lebendigen Geist, aus dem alle, alle Dinge hervorgegangen sind. Wir verwandeln auf diese Weise allerlei Abstraktes in Lebendiges; und es ist gut, daß wir über solche Abstraktionen, über Begriffe, die ertötend wirken auf alles menschliche Denken und Leben, hinwegkommen.
Wenn wir uns nun in den Zustand des Raumes versetzen, wo er noch ganz geistig war, und mit unserer Seele verfolgen, wie sich die Wesen aus diesem unendlichen Raum heraus verdichten, aus den Gesetzen, die diesem Raum eingeboren sind, wenn wir uns da hineinversetzen, dann werden wir zum Beispiel klar empfinden die schönen Worte der Bibel: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüste und wirr, und der Geist aus der Gottheit webete brütend über der Tiefe.
Denken Sie sich nur einmal, wie ursprünglich der reine geistdurchsichtige Raum da war. Was geschah in diesem reinen, durchsichtigen Raum? Stellen wir uns recht lebhaft vor, was wir uns schon öfter vorgestellt haben: Hier in diesem Räume ist auch das ausgedehnte Luftgas. Meine Worte werden hineingesprochen in den Raum, wo das Luftgas ausgedehnt ist. Da entstehen die Schwingungen und von da dringen die Worte in Ihre Seelen. Jedes Wort, das gesprochen wird, gestaltet sich hier in dem Raum, der ausgefüllt ist von der Luft. Denken Sie sich die Luft still; nichts wird gesprochen. Und nun wieder denken Sie sich, es wird gesprochen. Die ganze Luft kommt in eine regelmäßige Bewegung durch dieses Sprechen und jedes Wort gestaltet sich in der Luft - still und ungesehen von uns - zu Formen. Und so denken Sie sich jetzt den unendlich ausgebreiteten Raum, der nicht ein leeres Abstraktum ist, und hineintönend das Wort des Gottes, gestaltend den ganzen Raum nach den Worten, die die Gottheit ausspricht. Das war im Anfang. Das Wort ertönte in dem Raum, und es entstand zuerst die geistige Welt, das Chaos, diese aus dem Raum sich herausentwickelnden Nebelgebilde, welche zum erstenmal im Trüben zeigten, was später gestaltet werden sollte.
Und nun hören wir auf die Worte der Bibel: Das Chaos - dieses sich herausentwickelnde Nebelgebilde der Erde - war noch wüst und wirr und der Geist Gottes wirkte und webete brütend über der Tiefe. Da haben wir eben den Moment des Entstehens: das ist das Chaos.
[...]
Nun aber wirkt das Chaos nicht nur am Anfang der Weltentwickelung, sondern es wirkt fort. Es ist auch heute noch vorhanden. Dasjenige, was uns jetzt hinter den Himmel und in unser alltägliches Leben hineinführt, das ist die Erkenntnis, daß das Chaos auch noch heute vorhanden ist, daß ebenso wie der harmonische Himmel, wie die schön gestalteten Welten, um uns herum heute auch noch das Chaos ist. Alles ist durchdrungen, durchsetzt von ihm. Es ist die erste, ursprüngliche Gestaltung. Dann trübte es sich, es bildeten sich die Samen, es formten sich die Welten bis zu ihrer heutigen Vollkommenheit. Aber so, wie wenn Sie eine Gasmasse haben und einen Teil dieser Gasmasse abkühlen, so daß noch zwischen den einzelnen Teilen Gas bleibt und fortwirkt, ebenso blieb von dem ursprünglichen Geist ein Teil zurück; und so wirkt das Chaos fort und lebt fort mit unserer Welt. Alles ist noch jetzt vom Chaos durchsetzt, jeder Stein, jedes Wesen. Sie selbst sind durchdrungen und durchsetzt vom Chaos. Und nicht nur sind vom Chaos durchsetzt die Wesen draußen in der Sinnenwelt, durchsetzt vom Chaos sind auch Ihre Seele und Ihr Geist. So wie der Mensch hier ist, nimmt auch seine Seele und sein Geist teil an dem, was zurückgeblieben ist vom Chaos. Nur ein Teil hat sich herausgegliedert aus dem Chaos. Das Chaos ist um uns herum da. Es wirkt in allen Wesenheiten und ist zu gleicher Zeit mit ein Grund der fortwährenden, fortwirkenden Fruchtbarkeit.
Verschaffen wir uns einmal durch ein einfaches Beispiel eine Vorstellung davon, wie das Chaos wirkt. Sie sehen, daß die Wirksamkeit des Chaos da auftritt, wo Abfallprodukte zum Beispiel des tierischen Organismus sind. Scheinbare Zerstörungen sind diese Abfallprodukte; aber diese tierischen Ausscheidungen, die von dem Landmann als Dünger hinausgetragen werden auf den Acker, liefern den Grund zur neuen Fruchtbarkeit. Die neue Saat geht hervor, indem man den Dünger in den Boden hineinlegt. Was ist da geschehen? Was war der Dünger zuerst? Er war zuerst allerlei schöngeformte Pflanzen und andere Wesen draußen in der Welt, dasjenige, was sich aus dem Chaos herausgebildet hatte. Es hat seinen Weg genommen und den Tieren als Nahrungsmittel gedient. Die unbrauchbaren Stoffe werden ausgeschieden, durch die im Körper wirkenden Gesetze gleichsam herausgedrängt; der Dünger vermischt sich mit dem Acker: es ist eine Rückkehr der Wesen zu dem Chaos. Das Chaos wirkt in dem Dünger, in allem Ausgeworfenen, und ohne daß Sie das Chaos hineinmischen in den Kosmos zu irgendeiner Zeit, ist niemals eine Fortentwickelung möglich.
Es führt uns dieser Vorgang, den wir hier in diesem Prozeß auf der niedersten Stufe haben, zu etwas ganz anderem. Er führt uns dazu, daß wir uns aufschwingen können zum Begreifen dessen, daß es notwendig ist für alle Entwickelung, über den Zusammenhang der Ursachen in der Vorzeit hinauszukommen und irgendwie das Chaos wieder aufzunehmen. Niemand kann fortbestehen, wenn einzig und allein der Kosmos [ὁ κόσμος] auf ihn wirkt. Denn, was ist Kosmos? Kosmos ist nichts anderes, als was aus vorhergehenden Ursachen und Gestaltungskräften sich gebildet hat. Nicht nur alle physischen Dinge, sondern auch alle moralischen und intellektuellen Lehren entstehen aus Ursachen, die vorher gelegt worden sind. Ich will es Ihnen an einem radikalen Beispiele klarmachen, was Kosmos ist.
Kosmos ist es, wenn zum Beispiel in Deutschland Goethe, Schiller, Lessing, Herder, Schelling gewirkt haben und dann ein Schulmeister kommt und die herrlichen Gedanken und Schönheiten von Goethe, Schiller und so weiter wiedergibt. Nichts würde der Schulmeister wiedergeben können, was nicht vorher durch die Ursachen, die gelegt worden sind, schon da ist. Oder nehmen wir irgendeinen Menschen auf anderem Gebiete. Er steht ganz auf dem Boden dessen, was sich nach und nach entwickelt hat. Bei dem Genie ist es nicht so. Es wirkt aus dem Chaos heraus. Das Genie ist dadurch etwas so Besonderes, weil ein neuer Funke in die menschliche Seele hineinkommt. Neue Einschläge, neue Begriffe entstehen und werden wirksam. Es ist die Vermählung des Kosmos mit dem Chaos, was im Genie ist. Es käme kein Fortschritt zustande, wenn nur die äußeren Ursachen da wären, wenn diese Ursachen sich nicht wieder in das Chaos mischten. Dadurch, daß alle früheren Wirkungsgesetze in das Chaos zurückgeworfen sind, dadurch entsteht das Genie, und es entsteht durch die Wirkung des Genies etwas, was aus anderen Welten hereinkommt, etwas, was nicht herausgenommen ist aus Früherem, sondern ein Neues. In jedem Momente muß die Welt wiederum Chaos werden. Die Ehe der Vergangenheit mit der Gegenwart ist eine Ehe des Kosmos mit dem Chaos. Daher kommen jene tiefen, bedeutsamen Empfindungen, die der alte Mensch hatte und der Geheimforscher hat, wenn der Name Chaos auch nur ausgesprochen wird. Für denjenigen, der das nicht empfinden kann, ist das Chaos etwas, was verworren, was unklar ist, wie die Gedanken der Genies für die meisten Menschen wirr und wüst sind. Die Empfindung des Wirren und Wüsten, in der Weise, wie meistens die Gedanken der Genies empfunden werden, haben dabei aber nur die Menschen, die auf dem Boden des aus der Vergangenheit her Wirkenden stehen. Etwas Neues kann nur entstehen aus dem Chaos, das sich richtig mit uns verbinden muß, wenn wir etwas beitragen wollen zur Fortentwickelung der Menschheit.
[...]
Solche Vorstellungen, die aus dem Chaos herausgeholt sind, sind die Symbole und Zeichen, die durch die Geheimschulen hereingeholt werden aus den höheren Welten und aller Geheimwissenschaft und imaginativen Erkenntnis zugrundeliegen. Die Imaginationen wirken aus dem Chaos heraus auf die menschliche Seele. Wirken sie lebendig, dann vermählt sich das Chaos mit der menschlichen Seele.
S.83ff
Berlin, 19.Okt.1907/SA
°¹ «halitum illum gas vocavi, non longe a chao veterum secretum, das heißt: Jenen Hauch habe ich ‹Gas› genannt; er ist nicht weit verschieden von dem ‹Chaos› der Alten»: Das Zitat lautet vollständig: «Verum quia aqua in vaporem, per frigus delata, alterius sortis, quam vapor, per calorem suscitatus; ideo paradoxi licentia, in nominis egestate, halitum illum gas vocavi, non longe a chao veterum secretum.» (Ortus Medicinae, Edition 1652, S. 59, Basler Universitätsbibliothek), und deutsch laut der deutschen Ausgabe: «Weil aber das Wasser / Wenn es durch die Kälte zu einem Dunst wird / gantz einer andern Art ist / als der Dunst / der von der Wärme in die Höhe getrieben wird; so hab ich mir bey dieser ungewöhnlichen Sache die Freyheit genommen / und diesen Dampff /aus Mangel eines andern Namens ein Gas genennet; weil kein großer Unterschied ist zwischen demselben / und zwischen dem Grund-Wesen / welches die Alten Chaos genennet: (Auf deutsch nennen wir es einen Wasser-Geist.)» (Aufgang der Artzneykunst, Sultzbach 1683, S. 108, Basler Universitätsbibliothek.)
aus «GA 284»
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