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Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu den
SIEGELN und SÄULEN
vorher
Sie erinnern sich an die Ausgestaltung des Kongreßsaales in München. Was in den sieben Siegeln dargestellt ist, ist noch nicht im Kosmos; niemand kann es in dem Gesetzeskosmos finden. Aber in dem, was werden wird, wird es sein. Es wird Gestalt sein in der Zukunft. Noch wirken sie aus dem Chaos [τὸ χάος] heraus auf die menschliche Seele, und so wirken sie, diese Imaginationen, diese Gestalten, daß es ein ganzes Weltbild gibt, in der Art, wie es beschrieben ist in der Einleitung, die ich dazu gegeben habe. Und wenn sie in der rechten Weise angeschaut werden, dann wirken sie lebendig und führen den Menschen hinauf in die höheren Welten. Dann wirkt in der Menschenseele das Chaos und führt ihn in Welten, die über den sinnlichen Kosmos [ὁ κόσμος] hinaus liegen. Der Mensch muß so kommen zu einer neuen Verbindung mit den geistigen Welten, und das ist die Bedeutung dessen, daß der Mensch zu solchen Bildern greift. Wenn man zu solchen Bildern kommt, empfindet man die Wirkung jenes Großen, Gewaltigen, das fortwirkt durch die Unendlichkeit der Zeiten; man empfindet die überwältigende Wirkung des Chaos, das den Samen aller Dinge enthält. Wenn man diese Bilder auf sich wirken läßt, werden sie aus der Seele die tiefsten Urgründe heraufholen.
In den sieben Siegeln sehen wir die Bilder der astralen Welt, und in den sieben Stützen oder Säulen die Begriffe, die hereinkommen in unseren Kosmos, in unsere Welt, wenn wir die devachanische Welt betrachten. Wenn Sie diese Säulenkapitäler betrachten, werden Sie finden, daß sie in Ihnen wirken. Wenn Sie empfindend sich hineinleben, dann finden Sie dasjenige, was Ihr Empfinden so ordnet, wie es niemals geordnet werden könnte aus der sinnlichen Welt heraus, und was Ihnen einen Begriff verschaffen kann von jener geistigen Musik oder Sphärenharmonie, die das Devachan ist. Diese Kapitaler sind direkt eine Anregung, um unsere Gefühle herauszuheben aus den alten Zusammenhängen und sie in völlig neue zu bringen. Dadurch allein kann etwas Neues entstehen, daß unsere Gefühle herausgerissen werden aus alten Zusammenhängen und neue Zusammenhänge bilden. Wir dürfen sie aber nicht sinnlos herausreißen, sonst zerreißen wir uns selber. Wir einen sie mit uns, wenn wir das, was wir auf die Gefühle wirken lassen, der geistigen Welt, dem Chaos entnehmen. So gehören solche Imaginationen zu den Mitteln, wodurch die geisteswissenschaftliche Strömung in der Welt ihre Mission hat. Alles, was auftritt in dieser Weltströmung, muß als ein Einheitliches angesehen werden, denn ein einziger Gedanke durchdringt die ganze Strömung. Und nur wenn ein einziger Gedanke dieselbe durchdringt, können wir der Bewegung ihre richtige Fruchtbarkeit versprechen.
Sie können sich überzeugen, daß diese Bilder wirken. Sie können aber auch in einer sehr schlimmen Weise wirken. Diese Bilder sind dazu da, daß sie den Menschen in die schönste geistige Harmonie hineinführen. Derjenige, der sie in wahrer theosophischer Gesinnung betrachtet, und an Orten, wo das theosophische Leben fließt, wird finden, daß sie auf ihn seelenbefreiend und erquickend wirken. Würden Sie sie zum Beispiel im Speisezimmer aufhängen und mit alltäglichen Gedanken betrachten, dann verderben Sie sich Ihren physischen Organismus bis auf die Verdauung hin. Nicht mit unheiliger Seele können diese Dinge genossen werden, sondern nur in der richtigen Stimmung. Daraus sehen Sie, daß dasjenige, was starkes Licht ist, auch starke Schatten haben kann. Schwaches Licht hat auch nur einen schwachen Schatten. Nicht darf es der Theosophie angerechnet werden, wenn sie für diejenigen, welche sie in unrechtmäßiger Weise genießen, eine starke Finsternis wird. Aber nicht dadurch, daß wir im Abstrakten herumreden, können wir wirken, sondern dadurch, daß wir das, was uns die Geheimschulen geben können, weiterleiten und den Menschen die Mittel geben, wieder in größerem Umfang an diesen Dingen teilzunehmen. Die Theosophie ist keine Spielerei mit Vorstellungen, sondern reale Kraft, die in das Geistesleben der Menschheit einfließen muß. Daher darf man auch mit solchen Dingen nicht spielen, sondern man muß sich darüber klarsein, daß es wirksame Kräfte sind.
An diesem Beispiel, das uns unmittelbar beschäftigt, kann sich uns so zeigen, wie umfassend der Begriff des Chaos für den ist, der ihn in der richtigen Weise versteht. Dasjenige, was hinter dem Physischen steht, aus dem heraus das Physische gemacht und geboren ist, das Chaos - alle haben es gekannt. Ob die Griechen es Chaos genannt haben, ob es uns die Genesis in der Weise, wie wir es gesehen haben, schildert, oder ob die indische Philosophie von dem Achaos, dem Akasha spricht: es ist immer dasselbe, was aus den Geheimschulen heraus uns erinnern soll, wie das, was im Anfang war, fortwirkt durch alle Zeiten.
Nur dadurch, daß sich der Mensch mit seinem wahren Ursprung verbindet, kann ein Fortschritt stattfinden. Dem, der an die Sinneswelt gefesselt ist, erscheint das Chaos wirr und wüst. Dem Wissenden ist es nicht so. Wer es im geistigen Sinne durchdringt, der vernimmt, wie es durchklungen ist von der Sphärenharmonie, von der die Pythagoräer gesprochen haben, und deren Übersetzung in Worte dasjenige ist, was heute in der theosophischen Weltbewegung der Öffentlichkeit übermittelt wird, gerade zur richtigen Zeit. Weil es heute noch möglich ist, daß einige Menschen, die sich aus der großen Mehrzahl herausheben, die Empfindung bekommen für einige Worte aus der Geisteswelt, darum ist es an der Zeit, von diesen Dingen zu sprechen.
Auch alle Kunst ist hervorgegangen aus diesen Gefühlen. So wie früher die korinthischen und ionischen Säulenordnungen hervorgegangen sind aus der alten ägyptischen Geheimlehre, so werden diese Säulen der Ausdruck werden für geisteswissenschaftliche Wahrheiten. Neue Säulenordnungen werden aus jenen hervorgehen, denn alle Kunst ist nur kristallisierte Geheimlehre. Einst haben die Menschen in den heiligen Hainen das Walten und Weben der Gottheit empfunden. Und was sie da empfunden haben, wer könnte es nicht nachempfinden in einem gotischen Kunstwerk, wie zum Beispiel dem Mailänder Dom! Dieselbe Stimmung ist es, die dort waltet, wie in den heiligen Hainen der Druiden und Drotten. So wird alle zukünftige Kunst eine kristallisierte Geheimlehre sein. Die Gotik ist nichts anderes als die kristallisierte Geheimlehre des Vor-Mittelalters. Und ebenso wird das, was wir jetzt in Worte kleiden, in der Zukunft künstlerisch in Farben und Formen gegossen werden
Berlin, 19.Okt.1907/SA
aus «GA 284»; S.86f