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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Emil BOCK zu
JONA und WAL
Kurz vor diesem letzten Vorstoß Assyriens war es, als der Prophet Jona [hebr. ~ Taube] den göttlichen Auftrag vernahm, nach Ninive zu ziehen und dort geistig wirksam zu sein (Jona 1, 1-2). Man hat innerhalb der üblichen Auffassungen der Jona-Geschichte vielfach gemeint, der Name Ninive habe nicht eigentlich eine konkrete Bedeutung, sondern stehe nur da zur Bezeichnung irgendeiner großen Stadt. In Wirklichkeit aber bedeutet Ninive Assyrien, ebenso wie in einem etwas späteren geschichtlichen Zeitpunkt die Stadt Babel im Alten Testament auftaucht als zusammenfassender Ausdruck des neubabylonischen Reiches. Ninive, am nördlichen Lauf des Tigris gelegen, entwickelte sich gerade damals zur Haupt- und Residenzstadt Assyriens, des in Nordmesopotamien seine Glieder reckenden Riesen. Zur Zeit Jerobeams II. [783a-743a, also rund 100 Jahre nach Elijahu] und des Propheten war Ninive wirklich der Inbegriff des am Horizonte drohend emporsteigenden ungeheuren Gespenstes.
Man kann sich unschwer vorstellen, welcher Schrecken und welches Entsetzen in der Seele des Jona ausgelöst worden sind, als er der inneren Weisung inne wurde, nach Ninive zu gehen. Die politischen Neigungen und Meinungen, die in Israel damals rege waren und an denen auch Jona teilhatte, konnten nur eine strikte Fernhaltung von allem Assyrischen nahelegen. In die Höhle des Untiers selbst hineinzugehen, konnte niemand wagen. Mußte es nicht bedeuten, den Riesen zum Zorn zu reizen und mutwillig die Katastrophe zu entfesseln, die zu vermeiden man doch die Hoffnung noch nicht aufgeben mochte?
Jona will der Aufforderung, die sich in seinem Inneren so gebieterisch geltend macht, aus dem Wege gehen. Er macht einen Fluchtversuch, in dem er in Jaffa ein nach Spanien gehendes Schiff besteigt. In den äußersten Westen will er fliehen vor dem Auftrag, der ihn nach dem Osten ruft. Die Bibel schildert nun, das Schiff sei, kaum daß es die Küste verlassen hatte, in einen schweren Sturm geraten, der sowohl jedes Weiterkommen als auch jede Rückkehr ans Land unmöglich machte. Die Seefahrer mußten glauben, das Tosen der Elemente sei die Antwort der Gottheit auf die Flucht des Jona, die er ihnen selbst eingestanden hatte. Und so warfen sie ins Meer.
Hier geht der Bericht in jene rätselhaften Bilder über, in denen die erste Christenheit das Ur-Mysteriendrama von Tod und Auferstehung erkannte: Ein gewaltiger Fisch verschlingt Jona, wie es heißt, auf den Befehl der Gottheit selbst. Nach drei Tagen und drei Nächten speit der Fisch ihn auf göttliches Geheiß wieder aus, und er erreicht wohlbehalten das feste Land.
Diese Bilder gehören als imaginative Darstellungsmittel dem Bereich der Einweihungsmysterien an, und zwar so, wie diese früher in jenen philistäischen Küstengegenden Palästinas bestanden haben müssen, in denen Jona dem Seesturm zum Opfer fiel.* Der Kult des Gottes Dagon, den die Philister in der Gestalt eines großen Fisches verehrten, war die dem Volke zugewandte Außenseite dieser Mysterien, die auch in den Zeiten noch bestehen blieb, als das Einweihungswesen längst in Dekadenz geraten und verfallen war. Hinter dem Bilde, daß ein Mensch drei Tage lang im Bauche des großen Fisches zubringt, verbirgt sich der dreitägige todähnliche Einweihungsschlaf, in den der Myste in jenen Mysterien, als sie noch lebendig waren, versetzt wurde. Das Grab, in welches der Leib des Mysten während dieser Zeit gelegt wurde, ist der Mund der Erde, und die Erde ist selbst der große Fisch, im Weltenäther schwimmend.
* Nach Angabe von 2. Könige 14, 25 ist die Heimat des Jona Gath-Hepher, eine Stadt, die auch in jener Gegend lag.
Der Seele des Jona entringt sich in den drei Tagen ein Psalm, der selbst ein Zeugnis dafür ist, daß das Ruhen im Inneren des Fisches eigentlich ein Sich-versenkt-Fühlen in den Tiefen des Meeres und der Erde war: »Mich überstürzen Wasserfluten, die mir bis an die Seele dringen. Um mich gähnt der Abgrund des Seins. Mein Haupt hebt sich nicht mehr über die Wogen empor. Ich bin hinabgestiegen bis in das Innerste der Erde, bis dahin, wo aus tiefsten Klüften die Berge sich erheben, und wo das Erdensein mit ewigen Fesseln angeschmiedet ist« (Jona 2, 6 f.). Die Befreiung aus dem Schlunde des Fisches nach drei Tagen ist ein Bild für die Auferstehung in den Mysterien, die dann eintrat, wenn der Hierophant den Tempelschlaf des Mysten löste und ihn aus dem Grabe sich wieder aufrichten ließ.
Was ist nun im Leben des Jona wirklich geschehen, als er den vergeblichen Fluchtversuch angetreten hatte? Wir brauchen nicht anzunehmen, daß er in den Bereich einer Mysterienstätte geraten sei, wo dann regelrecht eine Einweihung an ihm vollzogen wurde. Schicksale brechen über ihn herein - vielleicht hat sich äußerlich überhaupt nichts anderes zugetragen, als daß er drei Tage lang als Schiffbrüchiger dem Wüten der Elemente preisgeben war -, die seine Seele in eine große Umwandlung hineinreißen und in ihm zugleich die Erinnerung an eine in früheren Leben durchgemachte Einweihung wachrufen. Es ist, als wiederhole sich das alte Schicksal auf eine veränderte Art noch einmal, und wie damals, so geht Jona auch jetzt als ein neuer, wiedergeborener Mensch aus dem Erlebnis hervor. Er hatte sich und Gott entfliehen wollen, und siehe, das Schicksal hatte ihn auf eine höhere Art erst recht zu sich selbst und zum Gewahrwerden seiner göttlichen Berufung geführt.
Was Jona durchgemacht hat, ist die Entsprechung zu dem Erlebnis des Elias zu Sarepta; es ist auch ein Sterben und Auferstehen des innersten Wesenskernes, des Menschensohnes, gewesen. Damals war Elias selbst der Sohn der Witwe; jetzt ist es Jona. Und die alte Theologie hat diesen Zusammenhang gefühlt und betont, indem sie die legendäre Überlieferung aufgriff, Jona sei selbst der Knabe gewesen, den Elias in Sarepta auferweckte: »Rabbi Simeon sprach: Der Gerechten Tugend ist es zu danken, daß es eine Auferstehung der Toten gibt. Du ersiehst es aus der Geschichte Elias' des Thisbiters. Er zog von Gebirge zu Gebirge, von Höhle zu Höhle, bis er nach Zarpath kam, woselbst ihn die Witwe mit großen Ehren empfing. Sie war die Mutter des Jona, und von ihrem Brot und ihrem Öl nährten sich alle, Elias, die Witwe und ihr Sohn ...«⁶⁸
S.218ff
68 Sagen der Juden V, 224.
aus «Könige und Propheten»