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Merkblatt-
Beilage 33a:
Zur Imagination
(sanskr. ~ drischti)
Rudolf Steiner
Wer sich Bilder formt, denen Sinnesgegenstände entsprechen sollen, wo in Wahrheit keine sind, lebt in der Phantastik. - Nun aber erwirbt sich der Geheimschüler eben die Fähigkeit, Bilder zu formen, auch wo keine Sinnesgegenstände vorhanden sind: Es muß dann bei ihm an die Stelle des «äußeren Gegenstandes» ein anderer treten. Er muß Bilder haben können, auch wenn kein Gegenstand seine Sinne berührt. An die Stelle der «Sensation» muß etwas anderes treten. Dies ist die Imagination. Bei dem Geheimschüler auf dieser Stufe treten Bilder auf genau so, wie wenn ein Sinnesgegenstand auf ihn einen Eindruck machen würde; sie sind so lebhaft und wahr wie die Sinnesbilder, nur kommen sie nicht vom «Materiellen», sondern vom «Seelischen» und «Geistigen». Die Sinne bleiben dabei vollständig untätig. [...] Die Entscheidung darüber, was auf höherem Gebiete «wirklich» ist, was nur «Illusion», die kann nur von der Erfahrung kommen. Und man muß sich diese Erfahrung in einem stillen, geduldigen Innenleben aneignen. [...] Ist man so weit, dann wird man allerdings sich klar darüber, daß die Welt, in die man in solcher Art eintritt, nicht nur so wirklich ist wie die sinnliche, sondern daß sie eine viel wirklichere ist.
aus «Die Stufen der höheren Erkenntnis»; S.19f
Der Weg, auf den hier hingewiesen ist, führt zunächst zu dem, was man die imaginative Erkenntnis nennen kann. Sie ist die erste höhere Erkenntnisstufe. Das Erkennen, welches auf der sinnlichen Wahrnehmung und auf der Verarbeitung der sinnlichen Wahrnehmungen durch den an die Sinne gebundenen Verstand beruht, kann - im Sinne der Geisteswissenschaft - das «gegenständliche Erkennen» genannt werden. Über dieses hinaus liegen die höheren Erkenntnisstufen, deren erste eben das imaginative Erkennen ist. Der Ausdruck «imaginativ» könnte bei jemand Bedenken hervorrufen, der sich unter «Imagination» nur eine «eingebildete» Vorstellung denkt, welcher nichts Wirkliches entspricht. In der Geisteswissenschaft soll aber die «imaginative» Erkenntnis als eine solche aufgefaßt werden, welche durch einen übersinnlichen Bewußtseinszustand der Seele zustande kommt. Was in diesem Bewußtseinszustande wahrgenommen wird, sind geistige Tatsachen [a] und Wesenheiten [b], zu denen die Sinne keinen Zugang haben. Weil dieser Zustand in der Seele erweckt wird durch die Versenkung in Sinnbilder oder «Imaginationen», so kann auch die Welt dieses höheren Bewußtseinszustandes die «imaginative» und die auf sie bezügliche Erkenntnis die «imaginative» genannt werden. «Imaginativ» bedeutet also etwas, was in einem andern Sinne «wirklich» ist als die Tatsachen und Wesenheiten der physischen Sinneswahrnehmung. Auf den Inhalt der Vorstellungen, welche das imaginative Erleben erfüllen, kommt nichts an; dagegen alles auf die Seelenfähigkeit, die an diesem Erleben herangebildet wird.
Ein sehr naheliegender Einwurf gegen die Verwendung der charakterisierten sinnbildlichen Vorstellungen ist, daß ihre Bildung einem träumerischen Denken und einer willkürlichen Einbildungskraft entspringen und daß sie daher nur von zweifelhaftem Erfolge sein könne. Denjenigen Sinnbildern gegenüber, welche der regelrechten Geistesschulung zugrunde liegen, ist ein damit gekennzeichnetes Bedenken unberechtigt. Denn die Sinnbilder werden so gewählt, daß von ihrer Beziehung auf eine äußere sinnbildliche Wirklichkeit ganz abgesehen werden kann und ihr Wert lediglich in der Kraft gesucht werden kann, mit welcher sie auf die Seele dann wirken, wenn diese alle Aufmerksamkeit von der äußeren Welt abzieht, wenn sie alle Eindrücke der Sinne unterdrückt und auch alle Gedanken ausschaltet, die sie, auf äußere Anregung hin, hegen kann. Am anschaulichsten wird der Vorgang der Meditation [c] durch Vergleich derselben mit dem Schlafzustande. Sie ist diesem nach der einen Seite hin ähnlich, nach der anderen völlig entgegengesetzt. Sie ist ein Schlaf, der gegenüber dem Tagesbewußtsein ein höheres Erwachtsein darstellt.[d] Es kommt darauf an, daß durch die Konzentration auf die entsprechende Vorstellung oder das Bild die Seele genötigt ist, viel stärkere Kraft aus ihren eigenen Tiefen hervorzuholen, als sie im gewöhnlichen Leben oder dem gewöhnlichen Erkennen anwendet. Ihre innere Regsamkeit wird dadurch erhöht. Sie löst sich los von der Leiblichkeit, wie sie sich im Schlafe loslöst; aber sie geht nicht wie in diesem in die Bewußtlosigkeit über, sondern sie erlebt eine Welt, die sie vorher nicht erlebt hat. Ihr Zustand ist, obwohl er nach der Seite der Losgelöstheit vom Leibe mit dem Schlafe verglichen werden kann, doch so, daß er sich zu dem gewöhnlichen Tagesbewußtsein als ein solcher erhöhten Wachseins kennzeichnen läßt. Dadurch erlebt sich die Seele in ihrer wahren inneren, selbständigen Wesenheit, während sie sich im gewöhnlichen Tagwachen durch die in demselben vorhandene schwächere Entfaltung ihrer Kräfte nur mit Hilfe des Leibes zum Bewußtsein bringt, sich also nicht selbst erlebt, sondern nur in dem Bilde gewahr wird, das - wie eine Art Spiegelbild - der Leib (eigentlich dessen Vorgänge) vor ihr entwirft.
[...] Das ist das erste rein geistige Erlebnis: die Beobachtung einer seelisch-geistigen Ich-Wesenheit. Diese hat sich als ein neues Selbst aus demjenigen Selbst herausgehoben, das nur an die physischen Sinne und den physischen Verstand gebunden ist.[e]
aus «Die Geheimwissenschaft im Umriß»; S.316ff
siehe weiters Düsseldorf, 15.Dez.1907/SO in «GA 98»; S.49ff
Wer besitzt nun die imaginative Erkenntnis? Derjenige, vor dessen geistigem Auge sich das, was hinter der Sinnenwelt ist, in Bildern ausbreitet, in einem gewaltigen Weltentableau von Bildern, die aber durchaus nicht ähnlich sind dem, was man im gewöhnlichen Leben Bilder nennt. Abgesehen von dem Unterschiede, daß es für diese Bilder der imaginativen Erkenntnis nicht gibt, was wir die Gesetze des dreidimensionalen Raumes nennen, gibt es auch noch andere Eigentümlichkeiten dieser imaginativen Bilder, die sich mit nichts in der gewöhnlichen Sinnenwelt so leicht vergleichen lassen.
Wir können zu einer Vorstellung der imaginativen Welt gelangen, wenn wir uns denken, eine Pflanze stehe vor uns, und wir würden in der Lage sein, alles, was dem Sinn des Auges als Farbe wahrnehmbar ist, herauszuziehen aus der Pflanze, so daß es förmlich frei in der Luft schwebt. Würden wir nun nichts anderes tun, als diese an der Pflanze befindliche Farbe herausziehen und frei vor uns schweben lassen, dann hätten wir eine tote Farbengestalt vor uns. Für den hellsichtigen Menschen aber bleibt diese Farbengestalt durchaus nicht ein totes Farbenbild, sondern wenn er das, was in den Dingen, Farbe ist, herauszieht aus den Dingen, dann fängt durch seine Vorbereitungen und Übungen dieses Farbenbild an, von dem Geistigen belebt zu werden, geradeso wie es in der sinnlichen Welt durch das Stoffliche der Pflanzen belebt war; und der Mensch hat dann vor sich nicht eine tote Farbengestalt, sondern, frei schwebend, farbiges Licht, in der mannigfaltigsten Weise schillernd und sprühend, aber innerlich belebt. So daß eine jede Farbe der Ausdruck ist der Eigentümlichkeit einer geistig-seelischen Wesenheit, die in der Sinnenwelt nicht wahrnehmbar ist; das heißt, es fängt die Farbe in der sinnlichen Pflanze an, für den Hellseher Ausdruck zu werden für seelisch-geistige Wesenheiten.
Denken Sie sich nun eine Welt, erfüllt von solchen in der mannigfaltigsten Weise spiegelnden Farbengestalten, sich ewig wandelnd, umgestaltend, aber nicht den Blick beschränkt auf das Farbige wie etwa bei einem Gemälde von flimmernden Farbenreflexen, sondern denken Sie sich das alles als Ausdruck von geistig-seelischen Wesenheiten, so daß Sie sich sagen: Wenn hier aufblitzt ein grünes Farbenbild, so ist es mir der Ausdruck dafür, daß ein verständiges Wesen dahinter ist; oder wenn aufblitzt ein hellrötliches Farbenbild, so ist es mir der Ausdruck von etwas, was eine leidenschaftliche Wesenheit ist. Denken Sie sich nun dieses ganze Meer von ineinanderspielenden Farben - ich könnte ebensogut ein anderes Beispiel nehmen und sagen: ein Meer von ineinanderspielenden Tonempfindungen oder Geruchs- oder Geschmacksempfindungen, denn das alles sind Ausdrücke von dahinterstehenden geistig-seelischen Wesenheiten -, dann haben Sie das, was man die imaginative Welt nennt. Es ist nicht etwas, wofür man wie im gewöhnlichen Sprachgebrauch das Wort Imagination verwendet, eine Einbildung, sondern das ist eine reale Welt. Es ist eine andere Art der Auffassung, als es die sinnesgemäße ist.
Innerhalb dieser imaginativen Welt tritt dem Menschen alles das entgegen, was hinter der Sinnenwelt ist und was er mit seinen «sinnlichen Sinnen», wenn wir den Ausdruck gebrauchen wollen, nicht wahrnimmt, also zum Beispiel des Menschen Ätherleib, des Menschen astralischer Leib. Wer als ein hellsichtiger Mensch die Welt also kennenlernt durch diese imaginative Erkenntnis, der lernt höhere Wesenheiten gleichsam von ihrer Außenseite her kennen, so wie Sie in der Sinnenwelt, wenn Sie auf der Straße gehen und die Menschen an Ihnen vorbeigehen, diese von ihrer sinnlichen Außenseite kennenlernen. [...]
Basel, 15.Sep.1909/ME (in «GA 114»; S.11f)
«Meinen Namen wenden nur diejenigen richtig an, die drüben in der physischen Welt aus der Geisteswissenschaft heraus die geistigen Ereignisse mitteilen. Denn ich bin die Imagination, und ich entstamme einem weiten Reiche. Aber aus diesem weiten Reiche habe ich mich hineinbegeben in die Region der Hierarchien, die man nennt die Region der Geister des Willens.[f
[...]
«Dafür, daß du das getan hast, bist du jetzt imstande, hineinzuhauchen in die Seele der Menschen diejenige Fähigkeit, die die Menschen erleben auf dem Erdenrund als die dichterische, als die poetische Phantasie. Du bist das Vorbild der poetischen Phantasie geworden. Und durch dich werden die Menschen imstande sein, in ihrer Sprache etwas auszudrücken, was sie niemals ausdrücken können, wenn sie sich nur halten an die äußere Welt und nur wiedergeben wollten Dinge, die in der äußeren physischen Welt vorhanden sind. Du wirst den Menschen die Möglichkeit geben, durch deine Phantasie auszudrücken alles, was ihren eigenen Willen berührt, und was in anderer Form nicht ausgedrückt werden könnte, nicht hinausströmen könnte aus der Menschenseele durch die irdischen Ausdrucksmittei. Du wirst den Menschen die Fähigkeit geben, dies auszudrücken. Auf den Flügeln deines Rhythmus, deines Metrums und durch alles, was du den Menschen wirst geben können, werden die Menschen etwas ausdrücken, für das sonst die Sprache ein viel zu grobes Instrument wäre. Du wirst ihnen die Möglichkeit geben, dasjenige zum Ausdruck zu bringen, was sonst nicht ausgedrückt werden könnte!»
Berlin, 28.Okt.1909/JU (in «GA 271»; S.46)
Nämlich solche Wahrnehmungen, die gemacht worden sind und ins Bewußtsein unbeachtet herübergelangt sind, treten in jenem Halbbewußtsein, das das Traumbewußtsein ist, zuweilen an den Menschen heran. Und ebenso können solche Imaginationen, für die der Mensch noch nicht die Kraft hat, sie sich zum Bewußtsein zu bringen, ins wache Tagesleben hereinleuchten und da ähnlich umgestaltet wirken wie im Traum, fluktuierend und verfließend in solche Wahrnehmungen, die sonst klar vor dem Menschen stehen. Und das geschieht, daß solche Imaginationen wirklich hereintreten in das Bewußtsein des sonstigen Alltages, aber dabei eine Veränderung erleben, dann, wenn sich auslebt im menschlichen Bewußtsein dasjenige, was man die im Wahrhaftigen der Welt begründete Phantasie [g] nennt, die der wahrhaftige Grund ist für alles künstlerische Schaffen, für alles Schaffen, das überhaupt mit Produktivität im Menschen zusammenhängt.
Berlin, 15.Dez.1911/VE (in «GA 115»; S.270)
Denn zunächst ist das so. daß, wenn man dasjenige, was sonst in unserem Leben in den ersten sieben Lebensjahren bis zum Zahnwechsel hin mathematisiert, wenn man das nicht unbewußt, wie es eben im gewöhnlichen Leben und auch in der gewöhnlichen Wissenschaft geschieht, ausübt, sondern wenn man es ausübt in voller Bewußtheit, wenn man sich hineinstellt, ich möchte sagen, in eine lebendige Mathematik, in eine lebendige Mechanik, wenn man mit anderen Worten dasjenige, was sonst in uns wirkt, Gleichgewichtssinn, Bewegungssinn, Lebenssinn,[h] aufnimmt in das volle Bewußtsein, wenn man gewissermaßen aus sich herausreißt dasjenige, was sonst als Gleichgewichtsempfindung, als Bewegungsempfindung, als Lebensempfindung in uns lebt, wenn man das so herausreißt, daß man mit den mathematischen Vorstellungen darinnen lebt, dann ist es so, als ob man einschliefe, aber nicht hinüberschliefe in die Unbewußtheit oder in das nebulose Traumleben, sondern als ob man hinüberschliefe in eine neue Bewußtheit, [...] Man wächst hinüber in die Bewußtheit, in der man zunächst etwas empfindet wie ein tonloses Weben, ja, ich kann es nicht anders nennen, wie ein tonloses Weben in einer Weltmusik. Man wird förmlich, so wie man durch sein Ich in den Kindheitsjahren sein Leib wird, so wird man zu diesem Weben in einer tonlosen Weltmusik. Dieses Weben in einer tonlosen Weltmusik gibt die andere, ganz streng zu beweisende Daseinsempfindung, daß man jetzt mit seinem Seelisch-Geistigen außerhalb seines Leibes ist. Man fängt an zu wissen, daß man auch sonst im Schlafe außerhalb seines Leibes mit seinem Seelisch-Geistigen ist. Aber durch das Erlebnis des Schlafes vibriert nicht hindurch dasjenige, was bei solchem bewußten Herausgehen aus dem Leibe durch die eigene Selbständigkeit dann hindurchvibriert, und man erlebt zunächst etwas wie eine innere Unruhe, diese innere Unruhe, die einen musikalischen Charakter an sich trägt, wenn man voll bewußt in sie untertaucht. Die, ich möchte sagen, hellt sich allmählich auf, indem aus dem Musikalischen, das man da erlebt, etwas wird wie ein wortloses Wortoffenbaren aus dem geistigen Weltenall heraus.
Dornach, 1.Okt.1920/VE (in «GA 322»; S.64f)
Aber indem man diese Kraft, die der Morgenländer nach außen wendet, innerlich als Kraft des Übens anwendet, indem man das bildliche Vorstellen zunächst in einer solchen Weise in sich ausbildet, gelangt man wirklich dazu, nach der andern Seite hin, nach der Bewußtseinsseite, Erkenntnisse zu entwickeln. Man gelangt allmählich dazu, das abstrakte, das bloß ideenhafte Denken umzuwandeln in bildhaftes Denken. Und dann tritt etwas ein, was ich nur nennen kann ein erlebendes Denken. Man erlebt das bildhafte Denken. Warum erlebt man es? Ja, man erlebt ja nichts anderes als dasjenige, was im Leibe selber wirkt in den ersten Kinderjahren, wie ich es Ihnen beschrieben habe. Man erlebt nicht den im Raume ruhig geformten und seine Form nicht ändernden menschlichen Organismus, sondern erlebt dasjenige, was im Menschen innerlich lebt und webt. Man erlebt es in Bildern. Man ringt sich allmählich hindurch zu einer Anschauung des wirklichen Seelenlebens. Da entwickelt sich auf der andern Seite zur Erkenntnis dasjenige, was im Bewußtsein drinnen ist, das imaginative Vorstellen, das Leben in Imaginationen. Und ohne das Vorrücken in dieses Leben der Imaginationen kommt die moderne Psychologie nicht weiter. Einzig und allein dadurch, daß zu Imaginationen vorgerückt werden wird, wird eine Psychologie, die über eine bloße Wortklauberei hinwegkommt, wiederum entstehen können, eine Psychologie, die wirklich hineinschaut in den Menschen.[i]
Dornach, 2.Okt.1920/SA (in «GA 322»; S.79f)
So daß ich sagen kann: Die Vorstellungen, sie enthalten durchaus Imaginationen, nur kommen diese Imaginationen nicht zum Bewußtsein. Es ist gewissermaßen eine Art von Auszug aus diesen Imaginationen, die man im gewöhnlichen Leben als Vorstellungen hat. Das Imaginieren geht nach rückwärts in das Leibliche hinein, und das, was uns zum Bewußtsein kommt, ist das zurückgeworfene blasse Bild der Vorstellungen. Jedesmal, wenn Sie eine Vorstellung haben, und immerwährend, wenn Sie Vorstellungen haben, so haben Sie auch Imaginationen. Nur daß die Vorstellungen im Bewußtsein bleiben; die Imaginationen schlüpfen Ihnen hinunter und leben in der allgemeinen Vitalität ihres Organismus, in der allgemeinen Lebenstätigkeit.
Sinneswahrnehmungen,
Vorstellungen:
Geistiges Erleben, aber in Bildern,
Imaginationen schlüpfen in die Vitalität
Dornach, 4.Nov.1921/VE (in «GA 208»; S.124 u.127)
29. In der entwickelten imaginativen Erkenntnis wirkt, was im Innern des Menschen seelisch-geistig lebt und in seinem Leben am physischen Leib gestaltet und auf dessen Grundlage das Menschendasein in der physischen Welt entfaltet. Dem sich im Stoffwechsel immer wieder erneuernden physischen Leib steht da die in ihrem Wesen von der Geburt (bzw. Empfängnis) bis zum Tode dauernd sich entfaltende innere Menschenwesenheit gegenüber, dem physischen Raumesleib ein Zeitenleib.
aus «Anthroposophische Leitsätze»; S.27
Andere Stimmen
Wir erleben die Ereignisse des Wachens zwischen Geburt und Tod als Zeitenablauf, der Aetherleib hält sie in der Dauer fest; das ist eine Art Gleichzeitigkeit. Das Erleben als Zeitenablauf kommt nicht vom Aetherleib; [...] Dieses Dauer-Erlebnis des Aetherleibes ist immer da, Imagination erkennt es, nach dem Tode tritt es als Lebenstableau auf, das auch vor dem Tode schon vorhanden war und alle Wacherlebnisse bis zurück zur Geburt gleichzeitig enthält, nur konnte es vom gewöhnlichen Bewusstsein nicht gesehen werden. Imagination erschaut es als Ganzes vor dem Tod, das gewöhnliche Bewusstsein nur einen schwankenden Schatten davon als Erinnerung. Der physische Leib wird als Raumesleib bezeichnet; er fällt im Tode ab; dann wird der Aetherleib zum Raum: Nach dem Tode tritt im Lebenstableau, das den Menschen dann umgibt, als Raum auf, was vor dem Tode als Zeit erlebt wurde: die Imagination wandelt die Zeit zum Raum.
Carl Unger
aus «Aus der Sprache der Bewußtseinsseele»; S.82
Das Bild - im Gegensatz zum bildlosen abstrakten Denkerlebnis - ist etwas, was dem übersinnlichen Erleben des Menschen viel näher steht. Es ist der erste Schritt in dem Sich-Loslösen vom bloss Physisch-Sinnlichen. Die Seelenkraft, die uns ermöglicht, Sinn für das Bildhafte zu entwickeln, selber aus unseren Phantasiekräften heraus Bilder zu gestalten, sie ist dieselbe Kraft, die uns geistige Realitäten als Bilder erleben lässt, wenn wir die erste Stufe der übersinnlichen Erkenntnis, die Stufe des imaginativen Bewusstseins erreicht haben. Ihre Grundlage sind die Bildekräfte des Menschen. So wenden wir uns, wenn wir uns mit dem bildhaften Erleben beschäftigen, der allernächsten Stufe zu, die über dem an das physische Organ des Gehirns gebundenen Denken liegt.
Maria Röschl-Lehrs
aus «Vom zweiten Menschen in uns»; S.21f
Jeder reine Begriff ist potentiell Imagination, doch ist hier Wachsamkeit und Unterscheidungsvermögen am Platze. Nicht die philiströsen Vorstellungen des Alltagsbewußtseins sind gemeint, die den Seelenraum mit drangvoller Enge erfüllen als gewesene, starr gewordene, gespensterhafte Bilder. Die Vorstellung ist die sklerotisierte Imagination, auf sie kommt es nicht mehr an. Erst durch den Aufklärungspunkt der intellektuellen Anschauung hindurch kann die Imaginationskraft des reinen Denkens im Geburtszustand (status nascendi) introspektiv beobachtet werden.
Günter Röschert
aus «Anthroposophie als Aufklärung»; S.127
In der Wissenschaft werden die Inhalte bildhafter Vorstellungen (also Imaginationen) »Modelle« genannt. Sie dienen meist der Veranschaulichung von Verhältnissen, die sonst schwer zu fassen sind. Auch hier gibt es einen Zusammenhang, der für das Bewusstsein deutlicher wird, wenn es sich dazu ein Bild, eine Vorstellung machen kann, die mit diesem Zusammenhang überschaubar zusammenhängt. Modelle haben also nur beschreibenden [deskriptiven] oder erläuternden Charakter. Sie sind selbst keine Erkenntnisse.
In der Anthroposophie (als geisteswissenschaftlicher Disziplin) sind die imaginativen Bilder wie eine Bekleidung geistiger Wesen³, die man den Wesen entgegenträgt und im Fall, dass man sie noch mehr oder weniger unpassend erlebt, zu korrigieren sucht. Die Imagination ist also in diesem Sinne selbst keine Erkenntnis (obwohl Rudolf Steiner sie zu den Erkenntnisstufen zählt), sondern ein Erkenntniswerkzeug, gewissermassen eine Verstärkung der zunächst doch sehr zart auftretenden Erkenntnis, die ja oft nur im Gewahrwerden einer Stimmung im Hintergrund des Bewusstseins besteht.
3 »Diese Tätigkeit des Bildekräfteleibes läßt sich vergleichen mit der Erregung von ausstrahlendem Licht. Solches Licht trifft auf das sich offenbarende Geistwesen. Es wird von diesem zurückgestrahlt. Der Schauende sieht also sein eigenes ausgestrahltes Licht, und hinter dessen Grenze wird er das begrenzende Wesen gewahr. [...] Das Geistwesen hat objektive Wirklichkeit; das Bild, durch das es sich offenbart, ist eine durch das Wesen bewirkte Modifikation in der Ausstrahlung des Bildekräfteleibes.« Rudolf Steiner: ›Die chymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz‹ in ders.: ›Philosophie und Anthroposophie‹ (GA 35), Dornach 1984, S. 335f.
Wenn ich hier Imagination als Prokjektion von eigenen Bildern auf die innere Leinwand beschreibe, dann bleibt die Frage offen, ob es »Dokumentarfilme« gibt, d.h. Bilderabfolgen, die nicht selbst gemacht sind wie möglicherweise Eindrücke früherer Erdenleben. Die Schulung der Imagination zielt darauf, den eigenen Bildervorrat zu erweitern, sodass nicht (vollständig) selbst gemachte, sondern nur selbst hervorgebrachte Bilder im Bewusstsein gehandhabt werden können. (Solche Weite der Imagination wäre dann höher skaliert.[k]) Also: Die Imagination beginnt mit Vorstellungen und Modellen, führt zur noch selbst gemachten Bekleidung von Wesen und Stimmungen und zielt letztlich auf Bildeindrücke, die der geistigen Welt direkt entlehnt sind.
Andreas Heertsch
in »die Drei« 11/2016; S.24f
Drei Lieder, auf euer Begehren gesungen,
sind nicht Weistum zu nennen, nicht Wissen
mit Gold aufgewogen;
denn weder nahm wahr ich die raumlosen Bilder,
noch war möglich mir, zeitlos zu hören,
gar Eintritt ins Wogen,
aus «Das Wegkind»: Schlussrede
Unsere Anmerkungen
a] in der Bedeutung von Wirklichkeiten, deren Vergehen eben Tatsachen hinterlässt (vgl. »TzN Jän.2004«: Anm.b)
b] die aus dem Sein emergierenden Bewirker der Wirklichkeit (zu a und b vgl. J.Greiner zum Inneren Lauschen)
c] vgl. MblB.33
d] Meditation kann als fruchtbarer Umgang mit der Langeweile beschrieben werden.
e] vgl. Mbl.5: Anm.3
k] vgl. Mbl.14
g] Ihr entringt η ποίησις (he poíesis ~ das schaffende Tun) die Kultur.
h] vgl. Mbl.17a
i] im Ansatz bei C.G.Jung zu finden
k] Der Verfasser meint, man müsse „gewissermaßen seine Denkaktivität auf die richtige Größenordnung einstellen, um sie zu bemerken. Anders gesagt: Die Begriffe Imagination, Inspiration und Intuition lassen sich skalieren.”