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Neudenken:
Mitfühlen
Aus den Gewohnheiten des Alltags kennen wir zunächst eine Art von selbstgebundenem Mitleid. Dabei machen wir uns die Leidens-Situation eines anderen Menschen oder Wesens deutlich, versetzen uns hinein, als wären wir selbst in jener Lage und leiden in diesem Sinne mit. Dabei projizieren wir unsere eigenen Gefühle auf die Situation des anderen Wesens, ungeachtet dessen, wie dieses wirklich sein Schicksal erlebt. In der gut gemeinten Annäherung an das fremde Dasein ziehen wir dieses in uns hinein, vermischen es mit unseren persönlichen Prägungen, beurteilen die Lage, verlieren uns darin und vermehren so das allgemeine Leid.[a] Der bemitleidete Mensch empfindet dies bisweilen als unangemessen und unangenehm.
Beim wahren Mitfühlen jedoch geht es darum, möglichst genau in das Erleben des anderen Wesens hineinzulauschen und es zu verstehen. Damit dies gelingt, müssen alle persönlich gebundenen Emotionen in der Seele des Mitfühlenden zum Schweigen gebracht werden. Jegliche Selbstbezogenheit wird geopfert und weicht einer schenkenden Ich-Präsenz, einer Anwesenheit aus dem Herzen heraus. Durch eine bewusste Erweckung und Führung der Herzkräfte macht man sich bereit, ganz für den Anderen [b] da zu sein. Verbindliche Liebe lässt das Herz zum Wahrnehmungsorgan werden und baut die Brücke, auf der man mit dem Fühlen zum anderen Wesen hinübergehen kann. Die eigene Prägung wird dabei zurückgelassen, und Freilassenheit für den Anderen vermeidet jegliche Einmischung und Verurteilung. Bei selbstlosem, auch Ohnmacht ertragendem Hinlauschen kann sich ein tief umfassendes Verstehen des anderen Wesens auftun. Das geschieht durch einen Vorgang, den ich »Eingebung« nennen möchte, und der als »Aha-Erlebnis« mit Kraft ins Herz hereinströmt. Der Organismus kann darauf mit tiefer Einatmung reagieren. Nun wächst eine Herzensbrücke zum Anderen hin, ein Herzäther-Strom,[c] auf dem die eigene Seele zum anderen Wesen hinübergetragen wird. Ein heilsam erfüllter Raum von Wesensbegegnung wird erlebbar. Durch ein wirklichkeitsgetreues Wiederklingen des Anderen in der eigenen Seele entsteht Befreiung, ja Erlösung von gebundenem Leid.
Verglichen mit dem sich weitenden Staunen [d] ist das Mitfühlen eine sich sammelnde Gebärde, ein Gehen auf der schmalen, fließenden Herzäther-Brücke zum Anderen hin. Die Seele »stürzt« gleichsam bei der Eingebung in den Ätherstrom hinein, was Schmerz erzeugen kann. Voraussetzung ist eine dem musikalischen Hören ähnelnde punktuelle Genauigkeit im aufnehmenden Begreifen, jedoch nicht als Sinnesvorgang, sondern als meditative Seelengebärde.
In der Lebenspraxis erweist es sich, dass auch die Gelegenheiten des Mitfühlens genau zu entscheiden sind. Beide Seiten, der Mitfühlende und der Empfangende, müssen einverstanden sein können. Mitfühlen kann man nicht fordern und auch nicht überstülpen. Berechtigung geben mag ein Hilfegesuch,[e] eine Aussprache, bestenfalls eine Verabredung. Zum Mitfühlen wird man immer bereit sein und sich zugleich niemals dazu zwingen lassen. Beide Seiten sind stets gleich würdig im Teilen der Erdennöte, im Ringen zwischen Licht und Finsternis. Dann werden diese feinsten Rechtsstrukturen zum sozialen Kunstwerk, zum Tempel der heilenden Begegnung. [...] Mitfühlen ist pure Gegenwärtigkeit,[f] eine erhöhte Mitte zwischen identifiziertem Verschmachten und Unverbundenheit. Das [wert]urteilsfreie Ankommen beim »Ist« öffnet das Tor für die Wandelkraft der Zukunft.
Gunhild v.Kries
in »die Drei« 1-2/2019; S.43f
Unsere Anmerkungen
a] Diese unfreie, weil egoistische Fähigkeit wird neben schlechtem Gewissen oft gezielt und eindringlich angesprochen, um allerlei Spenden einzutreiben. Jenes allgemein akzeptierte „Abkaufen von Leid- und Schuldgefühlen” vermittelt den Eindruck eines modernen Ablasshandels.
b] siehe dazu E.Lévinas: «Zwischen uns»
c] Hier handelt es sich vorwiegend um menschlichen Wärme- und Lichtäther ( vgl. Mbl.6).
d] vgl. Mbl.22: Anm.6
e] Besonders schwierig einzuschätzen ist hier der stumme Ruf.
f] also Eintropfen von Ewigkeit in den irdischen Zeitstrom (vgl. Mbl.6: Anm.>G>)