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Neudenken:
Ich und Geist
Mit Schicksal sei all dasjenige bezeichnet, was den Menschen im Laufe seiner Biographie im guten und im schlechten Sinne treffen kann. Dazu gehört auch das Erleben des eigenen Körpers, das ganze seelische Wahrnehmen und Reagieren, jede Erfahrung an der Umwelt, aber auch die Tatsache,[a] sich als ICH [b] zu erleben. Dabei ist es für das Ich-Erleben charakteristisch, daß es das Schicksal bejahend oder verneinend auftritt. Das ist ein entscheidendes Wesensmerkmal der menschlichen Persönlichkeit, das heißt des Ich: Die Möglichkeit der Identifikation mit sich selbst, die Fähigkeit, an sich zu arbeiten, sich über sich selbst klarzuwerden. Dabei führt das Bejahen des eigenen Schicksals als eines individuell gegebenen Entwicklungsfeldes zu einer Selbstwahrnehmung, die von innerer Übereinstimmung mit sich selbst und innerem Frieden geprägt ist. Ehe dem Ich das gelingt, ist es uneins mit sich. Es kann in der Verneinung »hart« und »verschlossen« werden, oder aber haltlos. Bejahung und Verneinung sind die Äußerungsmöglichkeiten des Ich. Durch seinen Körper erlebt es sich als abgeschlossen und einmalig gegenüber der Umwelt. Durch ihn bekommt es die Möglichkeit des Egoismus, der Ausschließlichkeit, der Antipathie, des »Nein«.[c] In der Denktätigkeit [d] kann es demgegenüber die Grenze seiner Persönlichkeit überschreiten und sich für »die ganze Welt« interessieren, zu ihr »ja« sagen. Je mehr es sich mit Gedanken erfüllt über die dauerhaften Wahrheiten des Lebens, um so stärker wird es sich seiner eigenen Geistnatur bewußt, die als Möglichkeit freier Entscheidung zwischen Ja und Nein erlebt wird.
Mit Geist sei daher in diesem Zusammenhang nicht nur das menschliche Denken bezeichnet. Vielmehr sehen wir in ihm auch das im Menschen unmittelbar wirksame und tätige Wollen, welches in jedem Entscheidungsprozeß erlebbar wird. Die Art und Weise, wie der Geist im Menschen auftritt, unterscheidet sich deutlich von derjenigen in der außermenschlichen Natur. Denn im menschlichen Leben treten Denken und Wollen relativ getrennt von einander auf.
Keiner muß sogleich vollbringen, was er denkt, und manch einer tut etwas, ohne vorher zu überlegen. Bei den außermenschlichen Naturvorgängen ist das anders. Bei ihnen tritt ein gedanklich faßbares Gesetz nur da in Erscheinung, wo es zugleich auch wirkt. Die Pendelgesetze können beispielsweise nur am schwingenden Pendel erforscht werden.[e] Der Mensch befindet sich demgegenüber in einer Sonderstellung. Er kann zum Beispiel Taten in der Welt verrichten, über deren Konsequenzen er sich keine oder nicht genügend Rechenschaft abgelegt hat. Dadurch kann er - bewußt oder unbewußt - auch Zerstörung und Unheil bewirken. Auf der anderen Seite hat er die Möglichkeit, sich in seinem Denken aus allem Wirksamen herauszulösen und zu überlegen, welchen Gedanken er in die Tat umsetzen möchte. Er kann auch Gesetze und Wahrheiten denken, ohne sie wirksam werden zu lassen. Damit ist ihm zugleich die Möglichkeit der Distanz zu seiner Umwelt und des Zweifels an allem Wirklichen gegeben. Er kann das Geistige selbst in Frage stellen, weil er sich bewußtseinsmäßig außerhalb dessen Wirksamkeit stellen kann. Erkennt er jedoch in seinen Gedanken, Begriffen, Ideen und Idealen deren Unzerstörbarkeit und potentielle Wirksamkeit, so kann er sich seines geistigen Zusammenhanges mit der Welt bewußt werden. Ist doch der Gedanke seines »Ich« genauso ewig und unzerstörbar wie die oben genannten Pendelgesetze. In der Natur wirkt das Geistige gesetzmäßig unfrei. Im Menschen tritt es in der Polarität von Denk- und Willensbetätigung selbstbewußt und frei schaffend auf. Mit Geist seien also die wirksamen, unzerstörbaren objektiven [f] Wahrheiten gekennzeichnet, die allem Geschehen und Dasein innewohnen und letztlich wesenhafter Natur sind.*

* Karl R. Popper und John C. Eccles behandeln in ihrem Buch »Das Ich und sein Gehirn« (S. 74) die Frage nach der Wirksamkeit und damit Wirklichkeit des Geistes. Erkennt der Mensch, daß er mit Hilfe seiner zunächst abstrakten Gedanken die Welt verändern und dadurch wirksam sein kann, so hat er die Möglichkeit, der Welt seiner Gedanken eine ebensolche »wirkliche Existenz« zuzuschreiben wie der Welt seiner Sinneserfahrungen. Um in die Welt dieser Gedankenwirklichkeit jedoch weiter erkennend vorzustoßen, bedarf es Forschungsmethoden, die dieser spezifischen Seinsweise angepaßt sind, in ihrer Exaktheit jedoch den naturwissenschaftlichen entsprechen. Das ist bei der von Rudolf Steiner begründeten Forschungsmethode der Fall. Sie führt über eine Erkenntnis der Natur des Gedankens zum Verständnis des Wesenhaften, Göttlichen in Natur und Mensch.
Michaela Glöckler
aus «Kindersprechstunde»; S.20ff
Unsere Anmerkungen
a] vgl. »TzN Jän.2004«: Anm.b
b] vgl. Mbl.5 vgl. Mbl.9
c] nicht durch den belebten Leib an sich, sondern durch die Inkarnation, also durch das Sichverbinden mit einem solchen (vgl. »TzN Nov.2009«)
d] siehe Stichwort Denken
e] was erstmals Galileo Galilei 1589 an einem Hängeleuchter im Dom zu Pisa getan hatte
f] vgl. Mbl-B.E: Anm.54