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Neudenken:
Glaubensbekenntnis
Der Kaiser eröffnete das Konzil [a] mit einer wohlwollenden Begrüßungsansprache, in der er die Versammlung aufforderte, die Ursachen des Streites zu entfernen (Eusebios, »Vita Constantini« III, 6). Er scheint geglaubt zu haben, daß sich die Frage nach dem Wesen Christi auf dem bewährten Weg römischer Verwaltungsmaßnahmen nivellieren und aus der Welt schaffen ließe. Durch verschiedene Änderungen der Kirchenorganisation sollten die Streitenden [b] auseinandergezogen werden. Da Konstantin nicht begreifen konnte, worum es ihnen eigentlich ging, meinte er, die Angelegenheit nach dem Prinzip des »do ut des« - des Gebens und Nehmens - regeln zu können. Es kam ihm nur darauf an, möglichst schnell dem »Einheitsreich« die »Einheitskirche« zu geben. Die Differenzen in den Aussagen über das Wesen Christi blieben ihm - wie gesagt - dunkel. Er stand zudem unter dem Einfluß des antiarianischen [c] Hofbischofs Hosius von Cordoba. Die Mehrheit der Versammelten war unentschieden und ließ sich durch den Hinweis auf kaiserliche Gunst beirren. Sie stand nicht mehr im Licht der enthusiastischen Freiheit vorangegangener Jahrhunderte. Sie ließ sich unter Druck setzen. Während bis zum Beginn des 4. Jahrhunderts die Lehren von Gott, von Christus und dem Heiligen Geist noch geistoffen und fließend geblieben waren, machte sich in Nicäa schon der Wille zur starren Verfestigung, zur Fixierung möglichst unverrückbarer Glaubenssätze bemerkbar. Mit imponierender Autorität [d] meinte der Kaiser, sie durchsetzen zu können. Die Konzilsväter wurden angehalten, ein für alle Christen verbindliches »Symbol« zu beschließen - so nannte man das Glaubensbekenntnis, das die Täuflinge beim Empfang der Taufe zu sprechen hatten. Dabei stellte sich heraus, daß »Taufsymbole« in verschiedenen Formen gebräuchlich waren, je nach Zeit und Ort ihrer Entstehung. Bischof EUSEBIUS VON NIKOMEDIEN (gest. um 341), der Freund und Beschützer des Arius, legte das Taufbekenntnis seiner Gemeinde vor, Bischof EUSEBIOS VON CÄSAREA (260/265-339), der Biograph Konstantins, brachte ein anderes zu Gehör, und dieses gefiel dem Kaiser so gut, daß er es flugs für rechtens (orthodox) erklärte. Dann ließ er es aber doch noch einmal überarbeiten und mit dem älteren Taufbekenntnis der Jerusalemer Christen vermischen. Höchstpersönlich fügte er im Hinblick auf den Sohnesgott ein neues Wort hinzu: »homoúsios«[e] - wesensgleich, wesenseins -, ein Wort, das in dem Streit zwischen Alexander [f] und Arius gar nicht vorgekommen war. Der Sohn, »wahrer Gott vom wahren Gott, wesenseins (homoúsios) mit dem Vater«, heißt es demzufolge auch in dem »Nicänum« genannten Glaubensbekenntnis:
Wir glauben an den einen Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren.
Und an den einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, als Einziggeborener vom Vater gezeugt, das heißt: aus dem Wesen des Vaters, Gott von Gott, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt nicht geschaffen, wesenseins mit dem Vater, durch den alles geworden ist, was im Himmel und auf Erden ist, der für uns Menschen und um unseres Heils willen herabgestiegen und Fleisch und Mensch geworden ist, gelitten hat und am dritten Tag auferstanden ist, aufgestiegen in den Himmel und kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.
Und an den Heiligen Geist.
Die aber sagen, es habe eine Zeit gegeben, da der Sohn Gottes nicht war, und er sei nicht gewesen, bevor er gezeugt wurde, und er sei aus nichts geworden oder aus einer anderen Seinsweise [Hypostase g] oder Wesenheit, oder der Sohn Gottes sei wandelbar oder veränderlich, diese schließt die apostolische und katholische Kirche [h] aus.¹²
S.23ff
12 zitiert nach K. Stürmer, Konzilien, Kap. 1
Renate Riemeck
aus «Glaube · Dogma · Macht»
Unsere Anmerkungen
a] Dieses vom ungetauften Constantinus I Magnus im Spätfrühling 325 nach Nikaia einberufene Konzil stellt den Beginn der unlauteren Vermischung von Kirche und Staat dar, die heute noch vielerorts zeitgemässe Entwicklungen verhindert.
b] die anwesenden 250 Bischöfe, Priester und Diakone der Ostgemeinden und 5 Bischöfe der Westgemeinden (ohne den von Rom, welcher als unwichtig galt)
c] gegen Arius gerichtet, der gelehrt hatte, dass Christus dem Pater lediglich wesensähnlich sei
d] vgl.»TzN Okt.2018« u. Steiner zur Autoritätsgläubigkeit
e] ὁμοῦσιος aus ὅμοιη (hómoie ~ gleichartig) und οὐσίᾶ (ousíã ~ Sein, Vermögen, Wesen, Wirklichkeit)
f] eigentl. Athanasius
g] ὑπόστασις (hypóstasis ~ allgem. Grundlage, philosoph.-theolog. Seinsstufe)
h] damals bereits heftig streitende, aber noch ungetrennte, „allumfassende” Gesamtkirche