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Neudenken:
Autorität
Ein weiteres Beispiel für die Divergenz der beiden Existenzformen ist die Ausübung von Autorität. Der springende Punkt ist, ob man Autorität hat oder eine Autorität ist. Fast jeder übt in irgendeiner Phase seines Lebens Autorität aus. Wer Kinder erzieht, muß, ob er will oder nicht, Autorität ausüben, um das Kind vor Gefahren zu bewahren und ihm zumindest ein Minimum an Verhaltensratschlägen für bestimmte Situationen zu geben. In einer patriarchalischen Gesellschaft sind für die meisten Männer auch Frauen Objekte der Autoritätsausübung. In einer bürokratischen, hierarchisch organisierten Gesellschaft wie der unseren verfügen die meisten Mitglieder über Autorität, mit Ausnahme der untersten Schicht, die Objekte der Autorität sind.
Um den Begriff Autorität in der Haben- und der Seinsorientierung zu verstehen, müssen wir uns vor Augen halten, daß dieser Begriff sehr weit ist und zwei völlig verschiedene Bedeutungen hat: »rationale« und »irrationale« Autorität. Rationale Autorität fördert das Wachstum des Menschen, der sich ihr anvertraut, und beruht auf Kompetenz. Irrationale Autorität stützt sich auf Machtmittel [a] und dient zur Ausbeutung der ihr Unterworfenen.
In den primitiven Gesellschaften, denen der Jäger und Sammler, übt derjenige Autorität aus, dessen Eignung für die jeweilige Aufgabe allgemein anerkannt ist. Auf welchen Qualitäten diese Eignung beruht, hängt weitgehend von den Umständen ab: Man hat den Eindruck, daß in erster Linie Erfahrung, Weisheit, Großzügigkeit, Geschicklichkeit, »Präsenz« und Mut zählen. In vielen dieser Stämme gibt es keine permanente Autorität, sondern nur im Bedarfsfalle, oder es gibt verschiedene Autoritäten für verschiedene Anlässe: Krieg, religiöse Riten, Streitschlichtung. Mit dem Verschwinden oder der Abnahme der Eigenschaften, auf welchen die Autorität beruht, endet diese. Eine sehr ähnliche Form von Autorität ist bei vielen Primaten zu beobachten, bei denen nicht unbedingt physische Kraft, sondern oft Eigenschaften wie Erfahrung und »Weisheit« Kompetenz verleihen. (J. M. R. Delgado [1967] hat in einem ausgeklügelten Experiment mit Affen nachgewiesen, daß die Autorität des dominierenden Tieres endet, sobald es, wenn auch nur vorübergehend, die Qualitäten einbüßt, die seine Kompetenz ausmachen.)
Autorität, die auf dem Sein beruht, basiert nicht nur auf der Fähigkeit, bestimmte gesellschaftliche Funktionen zu erfüllen, sondern gleichermaßen auf der Persönlichkeit eines Menschen, der ein hohes Maß an Selbstverwirklichung und Integration erreicht hat. Ein solcher Mensch strahlt Autorität aus, ohne drohen, bestechen oder Befehle erteilen zu müssen; es handelt sich einfach um ein hochentwickeltes Individuum, das durch das, was es ist - und nicht nur, was es tut oder sagt - demonstriert, was der Mensch sein kann. Die großen Meister des Lebens waren solche Autoritäten, aber in geringerer Vollkommenheit sind sie unter Menschen aller Bildungsgrade und der verschiedensten Kulturen zu finden. Dies ist ein zentraler Punkt des Erziehungsproblems. Wären die Eltern selbst entwickelter und ruhten in ihrer eigenen Mitte, gäbe es kaum den Streit um autoritäre oder Laissez-faire-Erziehung. Das Kind reagiert sehr willig auf diese Seinsautorität, da es sie braucht; es rebelliert dagegen, von Leuten gezwungen, vernachlässigt oder »überfüttert« zu werden, die erkennen lassen, daß sie selbst nicht geleistet haben, was sie vom heranwachsenden Kind verlangen.
Mit der Entstehung von Gesellschaften, die auf hierarchischer Ordnung basieren und viel größer und komplexer sind als die der Jäger und Sammler, wird die Autorität aufgrund von Kompetenz durch die Autorität aufgrund von sozialem Status abgelöst. Das bedeutet nicht, daß die jetzt gültige Autorität notwendigerweise inkomptent ist, es bedeutet nur, daß Kompetenz keine notwendige Voraussetzung für sie ist. Ob wir es mit monarchistischer Autorität zu tun haben, bei der die Lotterie der Gene [b] über die Befähigung zum Herrschen entscheidet, oder mit einem skrupellosen Verbrecher, der sich durch Heimtücke oder Mord in eine Machtposition aufschwingt, oder, wie so häufig in der modernen Demokratie, mit Autoritäten, die aufgrund ihrer photogenen Erscheinung [c] oder des Geldes, das sie für ihre Wahl ausgeben können,[d] gewählt werden - in allen diesen Fällen dürften Kompetenz und Autorität in keinem oder kaum einem Verhältnis zueinander stehen. Aber selbst in Fällen, in denen sich Autorität aufgrund einer gewissen Kompetenz etabliert, entstehen ernste Probleme. Zunächst kann ein Führer auf einem Gebiet kompetent sein und auf einem anderen nicht, wie zum Beispiel ein Staatsmann bei der Kriegsführung kompetent gewesen sein kann, [dann aber] im Frieden versagt. Oder ein Politiker kann am Anfang seiner Karriere ehrlich und mutig gewesen sein und büßt durch die Versuchung der Macht diese Eigenschaften ein. Alter und körperliche Behinderungen können eine Abnahme seiner Fähigkeiten bewirkt haben. Schließlich muß man sich vor Augen halten, daß es für die Angehörigen eines kleinen Stammes viel leichter war, das Verhalten einer Autoritätsperson zu beurteilen, als für die Millionen von Menschen in unserem System, die ihren Kandidaten nur aufgrund des manipulierten Bildes kennen, das die Public-Relations-Spezialisten von ihm entwerfen.
Was immer die Gründe sind für den Verlust der kompetenzverleihenden Eigenschaften, es kommt in den meisten größeren und hierarchisch gegliederten Gesellschaften zu einem Prozeß der Entfremdung der Autorität. Die reale oder fiktive ursprüngliche Kompetenz geht auf die Uniform oder den Titel über. Wenn die Autorität die richtige Uniform trägt und mit dem entsprechenden Titel ausgestattet ist, dann ersetzen diese Insignien die reale Kompetenz und die Qualitäten, auf denen diese beruht. Der König - um diesen Titel als Symbol für diese Art von Autorität zu verwenden - kann dumm, heimtückisch, böse, d. h. völlig ungeeignet sein, eine Autorität zu sein, dennoch hat er Autorität; solange er den Titel hat, nimmt man an, daß er auch über die Qualitäten verfügt, die ihm Kompetenz verleihen. Selbst wenn der Kaiser nackt ist, glaubt jeder, daß er schöne Kleider anhat.
Daß die Menschen Uniformen und Titel für kompetenzverleihende Qualitäten halten,[e] geschieht nicht ganz von selbst. Die Inhaber der Autorität und jene, die Nutzen daraus ziehen, müssen die Menschen von dieser Fiktion überzeugen und ihr realistisches, d. h. kritisches Denkvermögen einschläfern. Jeder denkende Mensch kennt die Methoden der Propaganda, Methoden, durch die die kritische Urteilsfähigkeit zerstört und der Verstand eingelullt wird, bis er sich Klischees unterwirft, die die Menschen verdummen, weil sie sie abhängig machen und sie der Fähigkeit berauben, ihren Augen und ihrer Urteilskraft zu vertrauen. Die fiktive Realität, an die sie glauben, verdeckt schließlich die Realität, die sie nicht mehr zu erfassen vermögen.[f]
Erich Fromm
aus «Haben oder Sein»; S.44ff
Unsere Anmerkungen
a] Sich auf Macht- oder Scheinmachtmittel zu stützen, wurde und wird in „fortgeschrittenen” Gesellschaften als „rational” angesehen (siehe auch „Macht des Menschen”).
b] siehe »TzN Dez.2003«
c] siehe "image making"
d] was schon in der antiken römischen Republik üblich gewesen war
e] Die Geschichte vom Hauptmann von Köpenick wirft zwar immer noch ihre Schatten, doch scheint der Glanz von Uniformen und Titeln in Mitteleuropa seither (1906) etwas verblasst. Gleichwohl gelten zB. Anzug und Krawatte bzw. das Kostüm immer noch als Zeichen von Seriosität und damit Kompetenz.
f] Propagandakritische Haltungen nehmen seit Einführung des Internets zu, obschon jene selten zu klaren Vorstellungen von der Wirklichkeit führen, da Kritikvermögen und Realitätssinn keineswegs deckungsgleich sind, geschweige denn das Begreifen des Wirkenden ermöglichen.