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Zitatensammlung
Teil 1
Zitate von Rudolf STEINER zur
AUTORITÄTSGLÄUBIGKEIT
[...] Und wir sind nicht nur aus den Gewohnheiten der Zeit heraus, sondern aus der Sache heraus in einer besonderen Schwierigkeit, weil die Offenbarungen aus den höheren Welten immer den Umweg über die Persönlichkeit nehmen müssen. Persönlichkeiten müssen die Träger sein für die Offenbarungen, und dennoch sollen wir uns hüten, die Persönlichkeiten mit den Offenbarungen zu vermischen. Wir müssen die Offenbarungen empfangen durch Vermittelungen der Persönlichkeiten. Wie nahe liegt die Frage, die immer wieder auftritt: Ist die Persönlichkeit glaubhaft? Was hat sie alles getan an diesem oder jenem Tage, was mit unseren Begriffen gar nicht stimmt! Kann man also glauben an diese Sache?
Das entspricht einem gewissen Hang unserer Zeit, den man charakterisieren könnte als einen gewissen Mangel in der Hingabe an die Wahrheit. Wie oft kann man es heute erleben, daß sich die Leute einverstanden erklären mit dem Wirken einer Persönlichkeit vielleicht von Jahrzehnten: das gefällt ihnen ganz gut, da sind sie zu bequem, um irgend etwas zu prüfen. Wenn sich dann aber vielleicht nach Jahrzehnten herausstellt, daß das Privatleben dieser Persönlichkeit dieses oder jenes aufweist, wo man vielleicht einhaken kann, dann fällt diese Persönlichkeit dahin. Ob das nun berechtigt ist oder nicht, darauf kommt es gar nicht an, sondern darauf, daß man ein Gefühl dafür bekommen soll, daß die Persönlichkeit zwar der Weg ist, durch welchen geistiges Leben zu uns kommt, daß wir aber die Verpflichtung haben, selbst zu prüfen, und zwar an der Wahrheit die Persönlichkeit zu prüfen, und nicht die Wahrheit an der Persönlichkeit! Gerade den Persönlichkeiten gegenüber in unserer theosophischen Bewegung müssen wir uns immer so verhalten. Und wir verehren sie im Grunde genommen am besten, wenn wir sie nicht mit Autoritätsglauben behängen, wie man das so gern tun möchte, denn wir wissen, daß die Wirksamkeit einer verstorbenen Persönlichkeit nach dem Tode nur verlegt ist in die geistige Welt. [...]
Berlin, 8.Mai 1910/SO
aus «GA 116»; S.155
[...] Schlecht wäre es für die Geisteswissenschaft, wenn derjenige, der noch nicht in das geistige Gebiet hineinschauen kann, auf blinden Glauben hin annehmen müßte dasjenige, was gesagt wird. Ich bitte Sie und habe Sie gebeten in Berlin, nichts auf Autorität und Glauben hinzunehmen, was ich jemals gesagt habe oder sagen werde. Es gibt, auch bevor der Mensch die hellseherische Stufe erreicht, die Möglichkeit, dasjenige zu prüfen, was aus hellseherischer Beobachtung heraus gewonnen wird. Was ich je gesagt habe über Zarathustra und Jesus von Nazareth, über Hermes und Moses, über Odin und Thor, über den Christus Jesus selber, ich bitte Sie nicht, es zu glauben und meine Worte auf Autorität hin anzunehmen. Ich bitte Sie, sich abzugewöhnen das Autoritätsprinzip; denn von Übel würde das Autoritätsprinzip für uns werden.
Kristiania, 17.Jun.1910/VE
aus «GA 121»; S.196
Der Mensch wird, je weiter wir der Zukunft entgegenschreiten, immer selbständiger, immer individueller werden wollen. Der Glaube an äußere Autoritäten wird immer mehr und mehr ersetzt werden durch die Autorität der eigenen Seele. Das ist ein notwendiger Gang der Entwickelung. Damit aber dieser Gang von Heil und Segen werden kann, muß der Mensch seine eigene Wesenheit erkennen. Man kann nun nicht sagen, daß wir heute schon als gesamte Menschheit ganz besonders vorgeschritten waren in bezug auf die Schätzung und die Erkenntnis der menschlichen Wesenheit. Denn was geschieht heute unter vielem andern innerhalb unserer Zeitgeschichte? An allerlei Menschheitsprogrammen, an allerlei Menschheitsidealen und an dem, was man so nennt, fehlt es gewiß in unserer Zeit nicht. Man konnte fast sagen: Nicht nur jeder zweite Mensch, sondern jeder Mensch möchte heute auftreten als eine Art kleiner Messias mit einem Spezialideal, möchte aus seinem Kopfe und aus seinem Herzen heraus ein ideelles Bild von dem aufstellen, was der Menschheit zum Heile und zum Segen gereichen soll. - Und an Vereinen und Gesellschaften, die begründet werden, um dieses oder jenes, wovon die Menschen glauben, daß es das Notwendigste sei, in unsere Kultur einzuführen, daran fehlt es insbesondere heute nicht. Programme und ideelle Forderungen haben wir heute in Hülle und Fülle, und auch an Glauben für solche Programme fehlt es nicht. Denn die Kraft der Überzeugung bei denen, die solche Programme in unserer Zeit aufstellen, ist bis zu einem solchen Grade gediehen, daß es nächstens nötig wird, eine Art von Konzil abzuhalten, welches die Unfehlbarkeit eines jeden Menschen beschließen würde. Damit geben wir etwas an von dem, was im tiefsten Sinne charakteristisch ist für unsere Zeit.
Berlin, 7.Mär.1911/MA
aus «GA 124»; S.151
Besonders muß man sich aber hüten, in irgendeinem Zeitalter darauf Rücksicht zu nehmen, was in dem Zeitalter gerade als Autorität auftritt. Solange man nicht spirituelle Einsicht hat, wird man da sehr fehlgehen können.
München, 5.Jan.1911/JU
aus «GA 127»; S.22
Es ist gewiß richtig, daß in unserer Zeit eine große Abneigung vorhanden ist, Menschengenien zu erkennen. Aber es ist umgekehrt auch eine große Bequemlichkeit vorhanden, die dahin geht, daß man gern bereit ist, auf die bloße Autorität hin diese oder jene Individualität als eine Größe anzuerkennen und gelten zu lassen. Wichtig ist, daß Geisteswissenschaft heute so vertreten werde, daß sie möglichst wenig auf einen bloßen Autoritätsglauben sich stützt.
Viele von den Dingen, die ich heute gesagt habe, können nur mit Mitteln der okkulten Forschung kontrolliert werden. Aber ich fordere Sie auf, mir diese Dinge nicht zu glauben, sondern sie zu prüfen an alledem, was Sie aus dem Leben der Geschichte kennen, überhaupt an allem, was Sie erfahren können, und ich bin vollständig ruhig darüber, daß, je genauer Sie prüfen, desto genauer Sie sie bestätigt finden. Ich appelliere in der Zeit des Intellektualismus nicht an Ihren Autoritätsglauben, sondern an Ihre intellektuelle Prüfung. Und der Bodhisattva des zwanzigsten Jahrhunderts wird auch nicht appellieren an irgendwelche Vorverkündiger, die ihn als Maitreya-Buddha proklamieren, sondern an die Kraft seines eigenen Wortes, und wird als Mensch allein in der Welt stehen.
Mailand, 21.Sep.1911/JU
aus «GA 130»; S.55
Ich glaube, es wird für Sie nicht vieler Beweise bedürfen, wenn Sie unbefangen den Gang des modernen Bewußtseins einsehen wollen, daß die Menschheit auch in bezug auf die höheren, übersinnlichen Erkenntnisse sich immer mehr und mehr unabhängig machen wird von dem persönlichen Einfluß. Das liegt einfach in der fortlaufenden Entwickelung der Menschheit. Die Gurus, die ihre Schüler so um sich versammelten wie eben Religions- oder Sektenstifter, werden immer mehr und mehr aus dem Menschheitsentwickelungsprozeß verschwinden; an ihre Stelle werden für diejenigen, die die Initiation suchen, die Menschen des Vertrauens treten, des Vertrauens, das man gewinnt, wie man auch das Vertrauen zu einem anderen Lehrer gewinnt. Aber es muß sozusagen der selbstgewählte Lehrer, der nicht von irgendeiner Seite her festgesetzte Guru sein. Sektenstifterei in der Weise der alten Adepten, das ist nicht etwas, was die Menschheitsnöte überwinden wird. Und es ist sogar gut, wenn in bezug auf diese übersinnliche Entwickelung die Menschen nicht sehr leichtgläubig, sondern sehr schwergläubig sind, wenn sie sich nicht einmal und zweimal, sondern vielmal fragen, wem sie ihr Vertrauen entgegenbringen sollen, und wenn sie viel, viel Mißtrauen aufzubringen vermögen, wenn von außen her ihnen irgend etwas wie ein Prophet, wie ein Sektenstifter, wenn ein Adept ihnen wie ein großer Lehrer aufgedrängt werden soll. Das wird gerade auf dem Gebiet, das hier gemeint ist, immer eine gefährliche Klippe sein, wenn geistige Strömungen, die Okkultismus in die Welt bringen wollen, vor allen Dingen sich auf große Lehrer berufen, auf diejenigen, die von außen her den Menschen aufgedrängt werden sollen, die nicht aus dem selbstverständlichen Vertrauen, aus innerem Vertrauen, das aus der Begegnung mit dem Lehrer hervorgeht und das sich im Schüler selbst bildet, hervorgeht. [...]
Helsingfors, 12.Apr.1912/VE
aus «GA 136»; S.235f
Zunächst sei auf eine Erscheinung aufmerksam gemacht, die uns aber zeigen kann, daß auch auf dem physischen Plan, also zwischen Geburt und Tod, das Leben im Verlaufe der Menschheitsevolution sich wesentlich geändert hat. Und wenn wir dies verstehen, so werden wir auch einsehen können, inwiefern sich das Leben zwischen Tod und neuer Geburt geändert hat. Wer heute das Leben verstandesmäßig, aber oberflächlich betrachtet, der kann leicht glauben, daß es in den Hauptsachen immer so gewesen ist wie heute. Es war aber nicht immer so. Und für gewisse Erscheinungen brauchen wir nur wenige Jahrhunderte zurückzugehen und werden finden, daß gewisse Dinge ganz anders waren. So gibt es heute etwas, was für des Menschen Seelenleben zwischen Geburt und Tod unendlich wichtig ist, und was in der heutigen Weise in noch gar nicht lange verflossenen Jahrhunderten nicht vorhanden war. Das ist das, was man heute in den Ausdruck der «öffentlichen Meinung» faßt. Noch im 13. Jahrhundert wäre es ein Unsinn gewesen, so von einer öffentlichen Meinung zu sprechen, wie wir das heute tun. Man spricht heute viel gegen den Autoritätsglauben. Aber heute ist der Autoritätsglaube viel drückender vorhanden, als er in den so oft geschmähten früheren Jahrhunderten vorhanden gewesen ist. Damals waren gewiß auch Mißstände zu finden; aber einen so blinden Autoritätsglauben hat es nicht gegeben. Die Blindheit des Autoritätsglaubens drückt sich ja in der Regel dadurch aus, daß die Autorität nicht zu fassen ist. Heute wird sich der Mensch sehr bald geschlagen fühlen - ob dieses oder jenes gesagt wird, aus diesen oder jenen Grundlagen -, wenn man sagt: Aber die Wissenschaft hat dieses oder jenes bewiesen. - In früheren Jahrhunderten haben die Menschen mehr gegeben auf Autoritäten, die ihnen leibhaftig entgegengetreten sind. Aber jenes nicht zu fassende Wesen, was damit gemeint wird, daß man sagt: Die Wissenschaft hat das bewiesen -, ist ein sehr fragwürdiges Ding. In dem, was damit bezeichnet wird, liegt etwas, was heute einen Autoritätsglauben begründet gegenüber einem Unfaßbaren, wie er in früheren Jahrhunderten nicht vorhanden gewesen ist. Mit Dingen, von denen in einer gewissen Beziehung, das ist wirklich wahr, der einfachste, primitivste Mensch in früheren Jahrhunderten versucht hat, nach seiner Art ein wenig zu wissen, etwas zu wissen über gesundes und krankes Leben zum Beispiel, werden sich die Menschen heute, in unserer Kultur, meistens recht wenig befassen. Denn wozu braucht heute jemand etwas zu wissen über gesundes und krankes Leben? Das wissen ja die Ärzte, und denen kann man ja die Verwaltung über Gesundheit und Krankheit übertragen! Das ist auch etwas von dem, was heute in das Kapitel hineinfällt: eine unauffindbare, allergrößte Autorität. Aber was stellt sich nicht noch in das Leben zwischen uns allüberall hinein, wovon der Mensch seit frühester Jugend abhängig wird, wodurch sich Urteile, Empfindungsrichtungen in unser Leben, von frühester Jugend angefangen, hereindrängen! Dieses Herumschwirrende, diese zwischen den Menschen lebenden Strömungen bezeichnet man ja gewöhnlich als öffentliche Meinung, von der Philosophen den Satz ausgesprochen haben: Öffentliche Meinungen sind meist private Irrtümer. - Dennoch aber kommt es nicht darauf an, daß man weiß, daß öffentliche Meinungen meist private Irrtümer sind, sondern daß die öffentlichen Meinungen auf das Leben des einzelnen eine ungeheure Macht ausüben. Für das 13. Jahrhundert würde jemand die Geschichte ganz töricht betrachten, wenn er von einer Öffentlichen Meinung für das Leben des einzelnen sprechen wollte. Damals gab es einzelne Persönlichkeiten; die übten allerdings eine Autorität aus in bezug auf dieses oder jenes; denen gehorchte man, sei es in praktischen Dingen oder in Dingen der Verwaltung. Aber was die unpersönliche öffentliche Meinung heute geworden ist, das hat es damals nicht gegeben. Wer dies aus den okkulten Tatsachen nicht glauben will, der studiere einmal aus jenen Jahrhunderten - auch noch in späteren Zeiten - zum Beispiel die Geschichte von Florenz, als die Leitung der Stadt übergegangen war auf die Mediceer. Da wird er sehen, wie die einzelnen Autoritäten mächtig sind, aber eine öffentliche Meinung war noch nicht vorhanden. Die bildete sich erst heraus in einer Zeit, die vier bis fünf Jahrhunderte gegenüber unserer Zeit zurückliegt, und man kann geradezu von einem Aufkommen der öffentlichen Meinung sprechen.
Berlin, 14.Jan.1913/MA
aus «GA 141»; S.123f
So sehen wir, daß ein scharfer Kampf besteht zwischen dem Aufkeimen der Gedankenfreiheit und der aus alten Zeiten hereinwirkenden, in unsere Zeit hereinwirkenden Autorität. Und die betäubende Sucht, sich über den Autoritätsglauben Täuschungen hinzugeben, ist vorhanden! In unserer Zeit ist der Autoritätsglaube ungeheuer gewachsen, ungeheuer intensiv geworden, und unter seinem Einfluß entwickelt sich eine gewisse Hilflosigkeit der Menschen in bezug auf das Urteilen. Im vierten nachatlantischen Zeitraum war dem Menschen als natürliche Gabe ein gesunder Verstand mitgegeben; jetzt muß er sich ihn erwerben, ihn entwickeln. Autoritätsglaube hält ihn zurück. Aber wir werden ganz eingespannt in Autoritätsglauben. Denken Sie doch, wie da die Menschen sich hilflos ausnehmen gegenüber den vernunftlosen Tiergeschöpfen! Wieviel hat das Tier in sich von Instinkten, die es in für es heilsamer Weise leiten, selbst aus der Krankheit heraus wiederum zur Gesundheit in heilsamer Weise leiten, und wie sehr arbeitet die heutige Menschheit entgegen dem Urteil auf solchen Gebieten. Da unterwirft sich die moderne Menschheit ganz und gar der Autorität. Ein Urteil über die heilsamen Lebensbedingungen will die moderne Menschheit nicht leicht erwerben. Gewiß, es bestehen löbliche Bestrebungen in allerlei Vereinen und dergleichen. Aber diese Bestrebungen müssen alle viel, viel intensiver werden, und vor allen Dingen muß verstanden werden, wie wir immer mehr und mehr dem Autoritätsglauben entgegengehen und wie ganze Theorien sich bilden, die wiederum die Unterlage von Gesinnungen sind, um den Autoritätsglauben geradezu zu befestigen. Auf dem Gebiete der Medizin, auf dem Gebiete der Jurisprudenz, aber auch auf allen sonstigen Gebieten erklären sich die Menschen von vornherein für unzuständig, ein Verständnis zu erwerben, und nehmen dasjenige nun, was die Wissenschaft sagt, hin. Bei der Kompliziertheit des modernen Lebens ist das ja auch schließlich begreiflich. Aber die Menschen werden unter dem Einflüsse einer solchen Autoritätskraft immer hilfloser und hilfloser, und systematisch diese Autoritätskraft, diese Autoritätsgesinnung auszubilden, das ist eigentlich das Prinzip des Jesuitismus. Und der Jesuitismus in der katholischen Religion ist nur eine Spezialisierung von Leistungen, die auf anderen Gebieten ebenso auftreten, wo man es nur nicht so merkt. Jesuitismus hat zunächst begonnen mit dem Jesuitismus auf kirchlichdogmatischem Gebiete, mit der Tendenz, die Macht des Papsttums, die aus der vierten nachatlantischen Periode herüberragte in die fünfte nachatlantische Periode, für diese fünfte nachatlantische Periode, für die sie nicht mehr taugt, aufrechtzuerhalten. Aber dasselbe jesuitische Prinzip wird sich nach und nach übertragen auf andere Gebiete des Lebens. Heute sehen wir bereits im Arzttum einen Jesuitismus heraufragen, der kaum anders ist als der Jesuitismus auf dem Gebiete der dogmatischen Religion. Wir sehen, wie gestrebt wird aus einer gewissen medizinischen Dogmatik heraus nach einer Erhöhung der Macht des Ärztestandes. Und das ist das Wesentliche des jesuitischen Strebens auch auf verschiedenen anderen Gebieten. Dies wird immer stärker und stärker werden. Die Menschen werden immer mehr und mehr eingeschnürt werden in das, was die Autorität über sie verhängt. Und das Heil des fünften nachatlantischen Zeitraums wird darin bestehen, gegen diese ahrimanischen Widerstände - denn solche sind es - geltend zu machen das Recht der Bewußtseinsseele, die sich entwickeln will. Das kann aber nur dadurch geschehen, daß die Menschen, da sie jetzt natürlichen Verstand nicht wie ihre beiden Arme mitbekommen, wie es vergleichsweise noch der Fall war in der vierten nachatlantischen Periode, wirklich auch Verstand, gesunde Urteilskraft entwickeln wollen. Die Entwickelung der Bewußtseinsseele fordert Gedankenfreiheit, aber diese Gedankenfreiheit kann nur in einer ganz bestimmten Aura, in einer ganz bestimmten Atmosphäre gedeihen.
Zürich, 10.Okt.1916/MA
aus «GA 168»; S.105f
Solche Beispiele gibt es unzählige, wo die Leute offenbaren Unsinn hinnehmen, einfach auf Autorität, weil ja unsere Zeit «alle Autorität abgestreift hat» und gar nicht mehr «autoritätsgläubig» ist. Aber wenn sie es nicht wäre, hätte in unserer Zeit niemals die gewöhnliche sozialistisch-marxistische Weltanschauung entstehen können, denn die ist viel autoritätsgläubiger als der alte Katholizismus.
Stuttgart, 28.Sep.1919/SO
aus «GA 192»; S.380
Was heute den Menschen als eine fast unumstrittene Autorität gilt, das ist Wissenschaft, Wissenschaft eben in demjenigen Sinne, in dem diese Wissenschaft heute auf unseren staatlich abgestempelten Lehranstalten getrieben wird. Wir haben öfters über die Geltungsmöglichkeiten dieser Wissenschaft gesprochen, haben auch hingewiesen darauf, wie gerade von dieser Autorität die Menschheit der Gegenwart loskommen müsse. Heute will ich darauf hinweisen, daß es ja eine charakteristische Erscheinung geworden ist - auch erst seit den letzten drei bis vier Jahrhunderten -, als eine von diesen Wissenschaften, die Geltung haben, die Autorität haben, die Medizin zu betrachten.
Dornach, 20.Mär.1920/SA
Nun frage ich Sie: Nicht wahr, es gibt viele Charakteristiken des Traumes, aber ein Charakteristikon des Traumes ist, daß man sagen kann, der Traum ist in vieler Beziehung auch ein Lügner! Wollen Sie leugnen, daß der Traum auch ein Lügner ist, daß er Ihnen Dinge vorgaukelt, die nicht wahr sind? Das gehört aber doch nicht zum Beruf des Traumes; das gehört zum Beruf des herabgedämpften Bewußtseins, daß man nicht kontrollieren kann, wenn man im Traume ist, was Wahrheit und was Unwahrheit ist. Daher gehört es auch zu der Anforderung des herabgedämpften Bewußtseins, dem Menschen die Möglichkeit zu nehmen, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Ist man bewandert in einer solchen Sache, was tut man? Wenn man bewandert ist in einer solchen Sache, dann erzählt man den Leuten unter Autorität Dinge, die unwahr sind. Man macht das systematisch. Dadurch dämpft man ihr Bewußtsein bis zu der Dumpfheit des Traumbewußtseins herunter. Dadurch erreicht man, daß man untergräbt dasjenige, was als Individualbewußtsein seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in den Menschenseelen herauf will.
Dornach, 6.Jun.1920/SO
aus «GA 198»; S.11/125
In diese Betäubung hinein konnten die ahrimanischen Mächte ihr Wesen entfalten. Luzifer war durch das Sonnenhafte mehr zurückgewiesen als Ahriman, der in der Lage war, die gefährliche Empfindung gerade in den wissenschaftlichen Menschen hervorzurufen, dass die Ideen nur auf die Sinnes-Eindrücke anwendbar seien. So kann gerade in diesen Kreisen Anthroposophie wenig Verständnis finden. Man steht den Ergebnissen der Geist-Erkenntnis gegenüber. Man sucht sie mit den Ideen zu verstehen. Doch diese Ideen fassen das Geistige nicht, weil ihr Erleben von der ahrimanisierten Sinnes-Erkenntnis übertäubt ist. Und so kommt man in die Furcht hinein, man verfalle blindem Autoritätsglauben, wenn man sich auf die Ergebnisse des geistig Schauenden einlässt.
Goetheanum, Januar 1925
aus «GA 26»; S.228