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Neudenken:
Musik der Engel
Denn Musik gibt es nicht auf der Erde, in der Natur; sie kann sich nur durch das Schaffen des Menschen im Irdischen offenbaren,[a] ist aber selbst nicht irdisch. Bei guten Konzerten kann man immer wieder das Erlebnis haben, wie sich der Himmel über den Zuhörern zu wölben und zu öffnen beginnt und geistig Schöpferisches in den irdischen Raum hereindringt, von den Seelen der Menschen aufgenommen. Da klingt etwas geistig Wirksames in die Erdenwelt herab: die Menschenseele harmonisierend, tröstend, beruhigend, aber auch erweckend, kräftigend, ja erschütternd. Und was da wirkt, es ergreift, beseelt und durchgeistet, eine ganze Menschengemeinschaft und bedeutet für viele Menschen eine unmittelbare Geistberührung und Seelennahrung. Was wäre die heutige Menschheit und unsere Kultur ohne die Musik!
Wir sehen: Recht verstanden und erlebt ist Musik nicht schöner Schein, ästhetischer Überbau eines überflüssigen Kulturstrebens. Sie ist Offenbarung geistiger Schöpferkraft, durch Menschen bewirkt und vermittelt. Und als solche kann sie erlebt werden.[b] An der Musik vermögen wir zu ahnen, wie geistig Schöpferisches dauernd in die Erdenwelt einfließt, wie die Weltenkräfte selbst harmonisch und dissonant, in Spannung und im Ausgleich der Spannung, in das irdische Geschehen hereinklingen und es dadurch bilden und impulsieren.
Das Bild dafür erscheint in den musizierenden Engeln: Von der Engelwelt »klingen« dauernd schöpferische Impulse in die Welt und in die Menschenseele herein. [...] Wir können uns die Engelwelt in dauernder Tätigkeit denken - wie die Musiker eines Orchesters; nur gehen von ihr nicht Töne, sondern Kräfte aus, die aber aufeinander »abgestimmt« sind wie die Klänge einer Symphonie und wie eine Symphonie die Erdenwelt und Menschenseelen »in Schwingung«, in innere Bewegung versetzen; und die einem geheimen Dirigenten unterstehen, der nach einer nur im Himmel bekannten Komposition das himmlische Orchester leitet.[c] Aber wer weiß - vielleicht entstehen auch dauernd neue Kompositionen, die am Ende der Welt zusammen das gewaltige Musikwerk des Erdenwerdens darstellen? Und vielleicht können auch die »Melodien«, die »Klänge«, welche aus dem Ringen und Schaffen der Menschen sich bilden, einst in diese kosmische Gesamtkomposition aufgenommen werden?
Hans-Werner Schroeder
aus «Mensch und Engel»; S.35ff
Eru war da, der Eine, der in Arda Ilúvatar heißt; und er schuf erstens die Ainur, die Heiligen, Sprößlinge seiner Gedanken; und sie waren bei ihm, bevor irgend andres erschaffen war. Und er sprach zu ihnen, sie Melodien lehrend, und sie sangen vor ihm, und er war froh. Lange aber sangen sie nur jeder für sich allein oder zu wenigen, während die andren lauschten, denn ein jeder verstand von Ilúvatars Gedanken nur jenen, aus dem er selber stammte, und nur langsam lernten sie auch ihre Brüder verstehen. Doch indem sie hörten, verstanden sie besser, und es wuchsen Einklang und Harmonie.[d]
Und es geschah, daß Ilúvatar die Ainur alle zusammenrief und sie eine gewaltige Melodie lehrte, die größere und herrlichere Dinge auftat, als er ihnen je gezeigt hatte; und der Glanz ihres Anfangs und die Pracht ihres Endes verwirrten die Ainur, so daß sie sich vor Ilúvatar verneigten und still waren.
Da sagte Ilúvatar zu ihnen: »Aus dem Thema, das ich euch gewiesen, machet nun in Harmonie gemeinsam eine Große Musik. Und weil ich euch mit der Unverlöschlichen Flamme angefacht habe, so zeiget eure Kräfte und führet mir dies Thema aus, ein jeder nach seiner Art und Kunst, wie's ihm beliebt. Ich aber will sitzen und lauschen und froh sein, daß durch euch solche Schönheit zum Liede erwacht.«[e]
Da begannen die Stimmen der Ainur zu erschallen wie Harfen und Lauten, Flöten und Posaunen, Geigen und Orgeln, und sie machten aus Ilúvatars Thema eine große Musik; und ein Klang stieg auf von endlos ineinander spielenden Melodien, harmonisch verwoben, und verlor sich in die Höhen und Tiefen jenseits allen Gehörs, und die Räume, da Ilúvatar wohnt, quollen über, und die Musik und ihr Echo hallten hinaus in die Leere, und sie war nicht mehr leer. Nie wieder haben seither die Ainur eine Musik gleich dieser gespielt, doch heißt es, eine noch schönere solle vor Ilúvatar nach dem Ende aller Tage erklingen, von den Chören der Ainur und der Kinder Ilúvatars. Dann werden die Themen Ilúvatars rechtens gespielt werden und das Sein erlangen in dem Augenblick, da sie erklingen, denn alle werden dann ganz verstanden haben, welches für ihr Teil Ilúvatars Absicht ist, und jeder wird wissen, was jeder weiß, und Ilúvatar wird ihren Gedanken das geheime Feuer geben, und er wird sein Wohlgefallen haben.
John Ronald Reuel Tolkien
aus "Ainulindalë" in «Das Silmarillion»; S.21f [f]
Unsere Anmerkungen
a] „Was unabhängig vom Menschen Ton genannt wird, ist nicht der musikalische Ton.” schreibt H.Pfrogner in «Lebendige Tonwelt» (S.183).
b] Der oft erfahrbare Missbrauch von Musik ist lediglich der Schatten dieser Offenbarung.
c] Das Bild des Orchesters mag durch das des Chores erweitert werden, was übrigens genausogut anhand von Musikgruppen (neudt. Bands) abgebildet werden kann.
d] zu dieser Fantasy-Erzählung vgl. MblB.E: Abs.95}-97}
e] vgl Sure 4,166
f] weiter in »TzN Nov.2009«