Die
zum IMPRESSUM
bietet hier eine poetische Studienhilfe an:
Eamsyne und Earasyn
III
Von Sprechen und Schreiben
141} Sich aus enger Vertrautheit zu lösen, um den eigenen Pfad wieder aufzunehmen, erfordert energische Entschlusskraft. Auch darf dann nicht gezögert werden, aufzustehen und sich fortzubewegen, selbst wenn einem dabei das Herz zu zerspringen droht. Nichts zerspringt, wenn aus freien Stücken vorgegangen wird.
142} Behält das Herz nicht dennoch Narben zurück? Stets neue Narben, die schmerzhaft an innige Begegnungen erinnern, jede warm gefühlte Einzelheit im schrägen Licht der Unwiederbringlichkeit erscheinen lassen. Wie sollte ein Lösen ganz ohne Riss abgehen, mag dieser noch so unbemerkt bleiben!
143} Eamsynes Herz wies einige derartige Narben auf. Sie lebte mit ihnen, wie mit bestimmten Verwachsungen gelebt wird. Das gelegentlich auftretende Weh nützte sie, um ihre Wachsamkeit zu schärfen.
144} Bald nach dem Tod ihres Vaters hatte sie ihr Zuhause verlassen. Mutter hatte sie auf eine Hochschule geschickt. An deren sprachwissenschaftlichem Institut wollte sie lernen, Prosa und Dichtung auszulegen, zu verstehen, was einen Menschen dazu trieb, eben das niederzuschreiben, was dann gelesen oder aufgesagt, wo nicht gedruckt werden sollte. Sie besuchte ein paar Vorlesungen, in denen tatsächlich nur vorgelesen wurde, und etliche, deren freier Vortrag sie wunderbar anzuregen vermochte.
145} Als wäre es aus ihrer tiefen Erinnerung selbst geholt worden, hörte sie mit staunender Zustimmung, dass die Menschen zunächst überhaupt nicht geschrieben hätten. Aus einer Art ursprachlichem Singsang wären sie von den Selbstlauten auf die Mitlaute gestossen, um sich zu verständigen. Das Wesentliche hätten sie auswendig gelernt und durch gewundene Sagengesänge den Stammeskindern übertragen, Gesänge, die umso mehr ausuferten, als jede Generation das ihre hinzugereimt habe. Den Zugang zu ihren Götterwelten hatten sie durch Beobachtungsplätze, Naturheiligtümer und Tempel aufrechtzuhalten gesucht.
146} Allmählich wäre die gewaltige Gedächtnisleistung jedoch zurückgegangen. Um sichern zu können, was verloren zu gehen drohte, wären die Menschen darauf verfallen, Denkmäler zu errichten und erste Schriftformen zu entwickeln.(80) Deshalb mussten die Nachfolgenden lesen lernen. Die lebendige Schau der Gottheiten war der Anbetung von allerlei Bildnissen gewichen.(81)
147} Gleichwohl war unsäglich viel verloren gegangen, allen Aufstellungen und Aufzeichnungen zum Trotz.
148} Endlich hörte sie von ersten Personen, die genannt werden können, weil ihre Worte oder Taten schriftlich überliefert worden sind, wenngleich vielleicht nur in Bruchstücken. Ependichter, Krieger, Staatslenker und Weisheitslehrer wurden vorgestellt und besprochen. Eine schier unüberschaubare Reihe bedeutender Namen dröhnte in den Ohren der aufmerksamen Studentin. Zunehmend wunderte sie sich, dass kaum einmal ein weiblicher vorkam, und sie begann nach solchen Ausschau zu halten.
149} Sie tat sich schwer, die Namen zu behalten, denn die sagten ihr wenig. Den einen oder anderen jedoch merkte sie sich, sei es seiner eigentümlichen Lautierung wegen, sei es wegen einer eindrücklichen Geste, die mit ihm verknüpft war. Tuia zum Beispiel mochte sie, Echnaton; Sappho, Anaxagoras, Kleopatra fand sie kräftig, Vergilius, Ioannes, Hypathia schwungvoll; Thomas war ihr besonders lieb.(82) Solche Namen sprach sie oft leise vor sich hin, um deren Klang zu lauschen, während ihr Bilder aufleuchteten.
150} Darüber begann Eamsyne selbst das eine oder andere niederzuschreiben. Ihre zierlich zügige Handschrift mit den geschwungenen Initialen war angenehm zu lesen. Darum, leichtfertige Urteile oder fruchtlose Kritik in gefällige Artikel zu kleiden, ging es ihr nicht. Vielmehr bemühte sie sich, die Klarheit eines Gedankens ebenso festzuhalten wie die Stimmung eines Augenblicks. Das lehrte sie, auf Sprachrhythmen zu achten. Je gebundener diese verliefen, desto genauer vermochte sie sich darin auszudrücken. Zuweilen verband sie Zeilen vergnügt mit Endreimen, um ihre Worte in Schwingung zu versetzen; dann wieder liess es ihr Ernst nicht zu, mehr als knappe Sätze zu formulieren. Einfach nahm sie ihre Sache jedenfalls nicht.
151} „Bin gewesen, ICh bin, werde sein;” vermerkte sie einmal, „trat hervor übern Damm, wo hinein?”, aber auch: „Durch Gottes Namen fliesst die Zeit.” Darauf blickte sie wie über Wasser in weite Ferne.
Von Mutter
152} Mutter hatte sie auf die Hochschule geschickt. Eamsyne war ihr dankbar dafür. Bisher hatte die Tochter selten über Mutter nachgedacht. Deren Gegenwart und Eingreifen waren ihr selbstverständlich gewesen. Nun jedoch, in der Stadt, dachte sie häufig an sie.
153} Was war Mutter für ein seltsam Weib! Nach Vaters Tod erschien dies noch deutlicher. War sie von grosser Gestalt, kleiner, hässlich oder schön? Zum einen zeigte sie sich als weltoffene Gesprächspartnerin, feine Küchenfee und Gartenkundige, die das Leben liebte. Gerne besorgte sie auf dem Markt und in Geschäften, was nötig war, und wählte mit froher Hand Kleidung und Hausrat aus. Bei alldem hielt sie ihre Mittel locker zusammen. Den Dorfleuten gegenüber benahm sie sich freundlich, obschon verhalten. Zumeist trafen diese sie bei irgendwelchen Tätigkeiten an, was ihr den guten Ruf einer Arbeitsamen eintrug.
154} Zum anderen aber wurde sie an manchen Tagen von der Musik (83) ergriffen. Stundenlang konnte sie an der Klaviatur sitzen und vielschichtige, doch ewiggleiche Akkorde spielen, als wogte sie auf den Klangwellen in unbekannte Länder. Jederzeit konnte ihr durchaus fröhlicher Alltag durch das Besondere unterbrochen werden. Eine mächtige Königin offenbarte sich in solchen Stunden, Herrscherin, die alles zurückwies, was nicht ihrem Reich angehörte. Im Steigen und Fallen der Tonfolgen verlor restlos an Bedeutung, was gerade um sie geschah, Freud wie Leid. Nichteinmal die eigene Tochter vermochte ihre Aufmerksamkeit zu erregen, wenn sie, dem Spiel verbunden, den Horizont überwand. Nur im Zuhören, im Nachspüren der Intervalle,(84) konnte der Erhabenen gefolgt werden.
155} Über Mutter schrieb Eamsyne: „Dunkle Frau in heller Frau - blickt sie dich an, lebst du in ihrem Herzen auf, blickt sie ins Blau, lebst du im Irgendwo. Wenn einer meint, er kenne sie, hat er sich schon betrogen.”
156} Abends nach Sonnenuntergang pflegte Mutter eine mit Wasser gefüllte Kristallschale zu holen, die in einer bestimmten Ecke im Oberstock des Hauses stand. Sie trug das Gefäss auf den Balkon und leerte es in einem Schwung, sodass hunderte Tropfen über den Garten sprühten. Hierauf füllte sie es mit frischem Wasser und stellte es wieder an seinen Platz. Dann verneigte sie sich davor; laut sprach sie: „Ich danke euch!”(85) Jeden Samstag wurde die Schale sorgfältig gereinigt.
157} Keinen Abend vergass sie, die Handlung auszuführen. War sie einmal abwesend, so hatte sie vor ihrer Abreise der Tochter aufgetragen, dies bis zu ihrer Rückkehr verlässlich weiterzuführen, nicht ohne die Bemerkung, das sei Frauensache.
158} Tatsächlich hatte Vater ihrem Tun stets achtungsvolle Zurückhaltung erwiesen, obgleich er sonst an allen häuslichen Tätigkeiten beteiligt gewesen war. Nie hatte Eamsyne erlebt, dass er bequem zugeschaut hätte, wenn Mutter oder sie selbst putzten oder Lasten schleppten; Abwaschen, Entsorgen und Heizen waren ohnehin seine Sorge gewesen. Seine Frau hätte wohl kaum eine andere Art der Arbeitsteilung gelitten.
159} Das Kochen allerdings hatte er zur Gänze Mutter überlassen. Sie fasste das Zubereiten der Nahrung als einen alchimistischen Prozess auf, der bereits beim prüfenden Gang in die Speisekammer und durch den Garten ansetzte. Brodelte es dann im Topf und zischte es in der Pfanne, war es ratsam, ihr nicht in die Quere zu kommen: vertieft in ihr Wirken, kannte sie weder Freund noch Feind, bestenfalls Diener. Jedesmal empfanden alle es als kleine Erlösung, wenn sie lächelnd die letzte Schüssel auf den gedeckten Tisch stellte und sich zu ihnen gesellte. Gemeinsam genossen sie die in Farbe und Geschmack fein komponierten Gerichte, die mundig duftend vor ihnen standen.
160} Was immer Mutter unternahm, stellte sich bei genauerem Zusehen als Komposition heraus. Das Geheimnis ihres Wesens drückte sich einmal mehr, einmal weniger deutlich im Hervorbringen von bunten Beziehungen aus, indem Brust und Kopf zusammenwirken. Bald klangen diese gegeneinander, bald miteinander wie die Konstellationen der Leuchtpunkte jenseits der azurnen Wölbung und der Feuerball, dem die Erde enttropft war.(55)
Von Betteln und Erkennen
161} Kaschi (86) war immer schon ein vielbesuchter Ort. Künder manch grenzüberschreitender Weisheit fühlten sich von der Stadt angezogen, wo sich die Wasser Varunas in die Segensreiche ergossen, beherbergte jene ja als Handelsknoten eine stattliche Anzahl reicher und armer Erdenbürger. Auf allen Plätzen wurde ausgewählt und gefeilscht oder einfach irgendetwas verhandelt. Zahllose Wirtshäuser luden Durchreisende mit wohlriechenden Getränken und Speisen zum Einkehren ein, hübsche Mädchen in luftigen Seidengewändern zum Ausruhen. Seltsame Heilige sassen auf alten Tempelstufen und warteten geduldig darauf, Almosenspendern aus nah und fern mit ihrer Bedürftigkeit zu dienen. Fahle Kühe lagen wiederkäuend mitten auf der Strasse; auf ausladenden Bäumen kreischten Affenhorden. Gläubige unterschiedlicher Bekenntnisse halfen einander, ihre jeweiligen Gotteshäuser zu schmücken, schrieben alte Rollen ab, schmiedeten goldene Geräte, knüpften blumenbesetzte Teppiche. Und Jüngerscharen lauschten ergeben ihren Meistern am Flussufer, auf dem die Kleider der verzückt Badenden verstreut lagen.
162} Dem Gewimmel zum Trotz fand sich Earasyn bald zurecht. Die Predigt des grossen Mahners (24) hatte ihn veranlasst, die berühmte Stadt zu besuchen. Ohne festes Ziel streifte er in der Hitze durch die schattigen Häuserzeilen, welche immer wieder zum Wasser führten. Gern liess er die eigenartige Mischung aus Rummel und Inbrunst auf sich wirken. Er bemühte sich, so bedürfnislos wie möglich zu leben - wesentlich mehr gestatteten ihm seine bescheidenen Mittel sowieso nicht.
163} Auf einer belebten Strasse hielt ihn eine Bettlerin an. Offensichtlich von der fremden Unrast des jungen Mannes angezogen, war sie aus einem nahen Torbogen getreten und hob nun stumm den mageren Arm. Er griff in die Jackentasche, um ein paar Münzen hervorzuholen. Als er sieben Kupferlinge (16) in ihre ausgestreckte Linke geben wollte, erblickte er darin ein buntes Funkeln: die Frau hielt ihm zwei kleine, feingeschliffene Kristalle entgegen. Um die beiden wogte das Lärmen der Menge.
164} Hier die kümmerlichen Münzen, dort die edlen Steine - fragend blickte er in ihr braunes, von schwarzblauem Tuch umrahmtes Gesicht. Ein Anflug von Heiterkeit huschte darüber. Er wollte wieder in die Tasche greifen, um ihr mehr Geld zu bieten, doch sie schüttelte den Kopf. Vorsichtig legte sie die Kleinode in seine Hand, ohne sein Kupfer auch nur zu berühren. Dann wandte sie sich um und enteilte in eine der engen Seitengassen.
165} Auf einmal begriff Earasyn, wie armselig er in dieser Stadt war. Lange betrachtete er die Farbblitze, die das Sonnenlicht in den Zwillingen auslöste, als könnten sie ihm weissagen, was ihm fehlte. Aber er bekam nur eine müde Stirn davon. Schliesslich steckte er die Münzen wieder ein, umschloss die Steine mit der Rechten und setzte seinen Streifzug fort.
166} Zwei Lichtbrecher hatte er bekommen. War Licht nicht das Medium von Raum und Zeit, die einzige Konstante in der Flut von Relationen; war der Mensch wiederum nicht ein Träger jenes Mediums?(87) Von Sternenlicht über Sonnenlicht zu gespiegeltem Licht und eben gebrochenem - wie sehr brauchte er das selbst! Bettler um Licht war er. Schützen sollte es ihn vor der uferlosen Relativität der Dinge, die ihn zu verschlingen drohte.(88) Wieder war er an die ewig Fliessende geraten. Also setzte er sich auf eine hohe Steinstufe, an die ihre Wellen anschlugen.
167} Der Reflex der Sonnenstrahlen im bewegten Wasser erinnerte ihn an die Gabe in seiner Hand. Er öffnete die Faust, darin die funkelnden Steine, deren Spiel von rot über orange, gelb, grün, blau, violett bis purpur reichte. Von diesem glitt sein Schauen über die strömenden Wellen, die ihn mitreissen mochten. Das geschäftige Treiben um ihn herum schien zu verstummen. Seine Seele drang in die Weite.
168} Ein kühler Windhauch, wie er eilende Wasser meist begleitet, strich über sein Gesicht. Er fühlte sich inmitten dieser Welt im Stich gelassen. Nichteinmal das braune Weib war geblieben! Unsagbares Weh ergriff sein Herz, dass er darin schier zu ertrinken meinte. So fanden ihn warme Strahlen, die ihn freundlich berührten, als tasteten sie seine Stirn ab, seine Schläfen, Brauen, Nase, seinen Mund, sein Kinn. Ein fernes Bild stieg ihm auf, Tableau einer einsam vor Bäumen tanzenden Frau mit langem Haar. In aller Stille erfasste ihn ein Wirbel, der seine gesamte Seele gleich duftend dampfendem Tee auszufüllen begann.
169} Earasyn wehrte sich. Diese Art Sehnsucht war er keineswegs gewohnt, und er wollte nicht die Herrschaft über seine Gefühle einbüssen. Er versuchte, das wellende Gleiten abzuschütteln, das ihn eingelullt hatte, die Stufe zu spüren, die sein Gewicht trug, in die Umgebung zu horchen, die ihm entschwunden, den Weg zu erinnern, den er gegangen war. Seinem Sträuben begegnete eine sanfte Macht. Wo um alle Welt wollte er denn hin? War er nicht angekommen? Endlich wagte er, sich behutsam von seinen Bedenken zu lösen. Ein leuchtendes Augenpaar blickte ihn unverwandt an; dessen milden Glanz sollte er nicht mehr vergessen.
170} Und auf einmal schaute Eamsyne ein nie gesehenes, von je vertrautes Antlitz.
Von Vögeln und Gott
171} „Eigenartig!” Der Bär schwingt seinen schweren Schädel: „Menschen brauchen recht lange, bis sie das Offenbare erkennen. Und dann zieren sie sich noch!” Die Hirschkuh schenkt ihm ihr bezauberndes Lächeln: „Nicht jeder verfügt über eine so wunderbare Nase, mein lieber Bruder. Dir birgt der Wald kaum ein Geheimnis!”
172} „Schwesterherz, gib zu, dass kein Tier (89) ausgerechnet nach Kaschi laufen muss, um sein Gegenüber zu finden.” - „Dir gebe ich alles zu, das weisst du. Aber es gibt in Kaschi auch Tiere.” - „Die müssen ja nicht hinlaufen.” - „Aber sie müssen einander finden!” - „Das sollte ihnen eigentlich nicht schwerfallen.”
173} „Und was ist mit den Vögeln, mein Bruder? Sie ziehen weite Strecken zu ihren Brutplätzen, lassen sich vom Himmel selber leiten.” - „Sind Vögel wirklich Tiere?” - „Ich bitte dich! Ich weiss, du magst sie nicht besonders.” - „Mir ist ihre luftige Art zuwider. Zirpen, Krächzen, Tirillieren, welches anständige Tier tut sowas? Dazu kacken sie einem ins Fell; sie sind ihren Dreck los, sollen sich andre drum kümmern! Obendrein zischen sie einem an der Schnauze vorbei oder kreisen stundenlang in der Höhe. Manch einer hat mich schon verraten, gottseisgeklagt!” - „Nimmst du's persönlich, wenn die Gefiederten auffliegen und schreien? Für sie sind wir rauhe Schatten, die unter ihnen mit Knacken und Rascheln dahinziehen und ihre Nester bedrohen.” - „Na, wenigstens Schatten.” Die Hinde sieht ihn gross an: „Für mich bist du kein Schatten, Lieber, auch wenn ich dich nicht oft sehe.”
174} „Unsere Wege führen halt in zwei Richtungen, liebe Schwester.” - „Unsere Wege ja, unsere Herzen nein!” - „Du sagst es. Deshalb begegnen wir uns gottseidank an allen Wegkreuzungen.” - „So viele sind es nicht.” Die Hirschkuh seufzt. Der Bär setzt sich gemütlich auf sein wohlgepolstertes Hinterteil. „Wir können nun einmal nicht fliegen.”
175} „Was würde uns Fliegen bringen, mein Bruder?” - „Oh, ich stelle mir das angenehm vor, hinauf oder hinunter zu gleiten, Wald und Wiesen und den Fluss von oben zu sehen, eine weitere Dimension zu durchmessen.” - „Eine weitere Dimension um einander zu verlieren!” - „Gerade hast du etwas von Brutplätzen gesagt, die trotz langen Flugs aufgesucht werden.” - „Meinst du, wir sollten Vögel werden?” - „Gottbewahre, nein!” - „Heute hast du es mit Gott!”
176} „Gott ist eben kein Vogel, Schwesterchen.” - „Vielleicht ein Bär?” - „Sowenig wie Hirsch. Ist überhaupt kein Tier.” - „Ein Mensch?” - „Das möge Gott verhüten!” - „Was ist es dann?” - „Nun, ein schwebender Stein ...” - „Nicht doch!” - „Ein regnender See ...” - „Bitte!” - „Ein stehender Wind ...” - „Was soll das!” - „Ein unverlöschliches Feuer zuletzt.” - „Das kann ich mir gerade noch vorstellen.” - „Vorstellen? Dann ist es doch nicht Gott.”
177} „Mein Bruder liebt Rätselworte!” - „Meine Schwester liebt Klarheit!” Hoch oben im Gewölbe vernehmen Adler (69) etwas wie ein Lachen aus zwei verschieden gebildeten Kehlen.
Vom Sich-Begegnen
178} Lama Löntschen war ringsum bekannt. Sein kahler, markant gerundeter Kopf auf dem orangen Untergewand mit rotem Überwurf löste ehrerbietiges Verneigen bei den Wissenden aus und dummes Grinsen bei den Unwissenden. Ein kräftiger Stecken (90) in seiner Hand am nackten Arm diente ihm als Gehhilfe, zuweilen auch als Mittel, sich nötigenfalls Respekt zu verschaffen. Als Rinpotsche (91) genoss er den Ruf umfangreicher Kenntnis alter Lehren und Schriften, mehr noch den langerworbener Weisheit. Niemand wusste, wo er sich gerade bewegte, seit er sein Kloster in den schroffen Gebirgszügen verlassen hatte, um den Flüssen entlang südwärts zu ziehen.
179} Begegnete man ihm, wurde man mit einem strahlenden Lachen begrüsst, das die unzählbaren Falten seines wettergegerbten Gesichtes aufs Freundlichste spannte. Dabei faltete er die Hände vor der Brust und senkte leicht das Haupt, nicht ohne aus verkniffenen Augen sein Gegenüber durchdringend zu mustern. Kaum einer hielt diesem Forschen lange stand. Der Mönch redete nicht viel, murmelte vielleicht einen Segenswunsch und ging seiner Wege. Hielt man ihn jedoch um Rat an, wartete er und lauschte aufmerksam, gleichgültig wie langgewunden sorgenvolle Worte in sein Ohr strömten. Über die Faltenlandschaft zogen dann Wolkenfelder, die sein Strahlen je nach Stimmung des Gehörten verdunkelten oder aufbrechen liessen. War der Redestrom versiegt, so erfolgte die Antwort bündig, fast grob, wie manche meinten, die sich eine ausführliche Erörterung vom Gelehrten erhofft hatten.
180} Unweit vom Ufer der Segensreichen fiel dem Lama ein junger Mann auf. Zwar war es nicht aussergewöhnlich, an jenem Gestade auch Europäer anzutreffen, doch das in sich gekehrte, gleichwohl federnde Dahinschreiten des Burschen glich wenig dem selbstverliebten Trampeln, das er von dieser Sorte Kulturmensch gewohnt war. Er fühlte sich eher an einen Brahmanensohn erinnert. Schmunzeln liess ihn zudem, dass dieser ihn nichteinmal bemerkte.
181} Im letzten Moment begegnete Earasyn dem fragenden Blick des Mönchs. Unwillkürlich wich er zur Seite, um Platz zu machen. Doch dieser blieb stehen, hob die Hände zur Brust und lachte. Ernst erwiderte der Weltenbummler die stumme Begrüssung.
182} Eine Weile standen sie einander wortlos gegenüber. Wohl spürte Earasyn, dass er genau betrachtet wurde, aber es störte ihn nicht. Indem er dem forschenden Blick des Lamas standhielt, begann er sich selbst wie durch dessen schmale Augen wahrzunehmen. Er schaute seine eigene Gestalt im Licht der Morgensonne und las in ihr den Ausdruck verhaltenen Kummers, las die Sehnsucht, die sie erfüllte, die Spannung zwischen Gewissheit und Verlorensein. Dahinter schaute er Täler und Ebenen, die er durchmessen, Pässe, die er überquert, Orte, die er besucht hatte. Bilder von Menschen, die ihm begegnet waren, wirbelten darin auf und verwehten wieder, da er sie nicht festhielt. Allein, ein liebevolles Augenpaar vor grünem Wald liess ihn nicht los und verlieh dem Geschehen einen zarten Sinn.
183} Da brach mit einem Mal ungetrübte Heiterkeit aus ihm hervor. Sein Gesicht entspannte sich, und er lachte leise, lachte, als flöge er geradewegs in die fröhlich gewellten Falten vor ihm, die erst am Saum des Mönchsgewandes auszuklingen schienen. So standen die beiden in der Nähe der fliessenden Wasser, während die wenigen Leute, die geschäftig oder bedrückt an ihnen vorbeikamen, so wunderbar beruhigt weitergingen, dass sie dabei vergassen, den Kopf zu schütteln.
184} Lama Löntschen fand Gefallen an Earasyns Lebensmut. Er beschloss, ihn ein kleines Stück weit zu begleiten, durchs Tempeltor vielleicht oder gar die elf Gassen dahinter bis zum Tor gegenüber, das zum Busbahnhof führte.(92)
185} Eine aufmunternde Geste des Kahlköpfigen, und sie machten sich Seite an Seite auf den Weg. Warmes Tageslicht im Rücken wanderten sie auf den schattigen Torbogen zu. Davor waren unübersehbare Buden aufgebaut, an denen lauthals Öllichter, Obst, Naschwerk und allerlei Tand angepriesen wurde. Eine aufgeregte Menschenmenge trieb zwischen den Ständen, um Einkaufskörbe und -säcke zu füllen. Earasyn scheute die schnatternde Masse ein wenig, aber der Mönch fasste seinen Stecken fester und schritt aus, als ob sie eine Wüste durchquerten. Vor ihnen teilte sich die Menge, um Platz zu machen, hinter ihnen wogte sie wieder zusammen.
Vom Gang durch die Gassen
186} Endlich gelangten sie zum gewaltig gemauerten Bogen, der die beiden in seine Ruhe aufnahm und das ferne Tosen verhallen liess. Der Lama blieb auf einer Steinplatte mitten im Torgewölbe stehen. Earasyn sah sich um. Von draussen war Sand hereingeweht, der eine Schicht gerippter Formen und Muster bildete. Ein paar grössere Kiesel lagen darauf wie absichtslos verstreut.(93) Da erblickte er in einer Nische die Stillende. Sie sass im Halbdunkel auf einer Holzbank. Ihre schwarzen Locken fielen übers meerblaue Obergewand, das ihr Kleid, das blutahornfarbene, fast vollständig einhüllte. Als einzigen Schmuck trug sie zwölf Sterne im Haar, das ihr Gesicht bedeckte. Von ihrem Leib sah er lediglich eine mattglänzende Brust, an der das Neugeborene lag. Vor Ihm hielten sie in andächtiger Verneigung inne. In der Stille glaubte Earasyn Silberklingeln (18) zu hören, wie sie ausgewählte Lämmer umgebunden trugen. Allesbeherrschender Friede zog in seine Seele ein.
187} Lange verweilten sie nicht an der Schwelle zur Tempelstadt. Das Tor führte geradewegs in eine schmale Strasse aus gestampftem Lehm. Links und rechts erstreckten sich breite, unverzäunte Gärten. Beeren- und Ziersträucher wuchsen auf wuchernden Grasflächen, Obstbäumchen gruben ihre Wurzeln ins Erdreich, und dazwischen erfreuten üppige Blumengruppen das Auge. Die bunte Pracht verdeckte die Hauswände, sodass man sich in einem ausgedehnten Park wähnen konnte. Niemand schien die Pflanzen zu betreuen, keine Gärtnerin, kein Baumveredler. Offenbar kümmerte sich die Flora selber ums Gedeihen im milden Licht. Tief atmete Earasyn die würzige Luft. Er begann, sich wie einer der Büsche zu fühlen. Wie gern wäre er inmitten der lebensduftenden Fülle (59) eingeschlafen! Doch sein Gefährte bedeutete ihm, weiterzugehen und nicht auf die Schlange zu treten, die sich neben ihren Füssen dahinwand.
188} Sie zweigten in eine Querzeile ab,(94) welche sich bald als recht belebt herausstellte. Katzen räkelten sich mauend auf besonnten Fensterbänken. Hunde streunten im Strassenstaub, schnüffelten den Boden entlang, oder jagten bellend hintereinander her. Ein paar Schafe liefen unbekümmert herum; ein Junges blökte nach seiner Mutter. Noch im Zauber der Stillenden befangen, übersah Earasyn, wie einer der Hunde ein lahmendes Schaf ins Bein biss und dafür von einem anderen getreten wurde. Daneben stand ein Esel, der sanften Blicks an etwas knabberte, während ihm ein paar Fliegen übers Fell krabbelten. Vögel schwirrten mit scharfem Pfiff vorbei, ohne dass wer sagen konnte, wo ihre Nester hingen. Das geräuschvolle Treiben wurde von eindrücklichem Muhen untermalt, in das sich das Kreischen der Affen mischte. Zügig gingen die beiden Männer durch die bewegte, von keiner Hirtin, keinem Jäger gestörte Fauna. Wieder wäre der jüngere gern geblieben, hätte glücklich Katzen gekrault, Hunde gestreichelt, dem Esel zugeredet, ja den Frieden verbreitet, den er in seiner Seele trug und der besonders dem Affenvolk anstünde. Abermals duldete es der ältere nicht.
189} An einer Hausecke bogen sie wiederum ab, diesmal in eine Art Sackgasse, an deren Ende eine enge Pforte (95) halb offenstand. Hier trafen sie schliesslich Menschliches an. Ob Frau oder Mann war nicht zu erkennen, da es ihnen den Rücken zukehrte. Deutlich sah Earasyn Beine, Hüften, Arme, Schultern und Hals, auf dem ein Kopf ruhte, wie von einem Turban bedeckt. Im Zwielicht stand es zur niederen Tür gewandt, in weissgottwelche Gedanken versunken. Gedachte es, durch jenes Nadelöhr zu schlüpfen? Das würde ihm schwerfallen, denn es war kräftig gebaut und schleppte obendrein eine übervolle Tasche mit sich,(96) zu der die Otter angeregt hinkroch und hinaufzüngelte. Wie war jenes Wesen hergekommen? Offensichtlich auf demselben Pfad, den sie beide genommen hatten. Warum regte es sich nicht? Komische Person, unheimlich und zugleich umso bedauernswerter, je näher sie ihr kamen. Wie mager sie eigentlich war, geradezu hager! Jetzt verlangsamte Lama Löntschen die Schritte. Sein trockenes Husten liess den jungen Gefährten aufhorchen. Zu dessen jähen Schrecken wies der Alte mit seinem Stecken auf die Knochengestalt und brummte: „Tat twam asi.”(97)
190} Der Schauder durfte nicht anhalten. Während sich noch graue Fragen in die aufgewühlte Gedankenwelt drängten, zwängte sich der Lama bereits durch die Pforte. Was blieb anderes übrig als hinterher zu schlüpfen? Sie wurden in eine nebelverhangene Dämmergasse eingelassen.(98) Auf dem unebenen Boden musste man aufpassen, nicht zu stolpern. Die milchigen Dämpfe gaben wenig preis. Ringsum schallte es wohl nach Lachen, Summen und unverständlichen Zurufen, wie dies fröhlich Beschäftigte zu tun pflegen, aber es wollte nicht gelingen, solche zu entdecken. Dann und wann hüllte ihn ein kühler, tastender Hauch ein und liess ihn wieder fahren. Hier musste einem Stoffgläubigen unheimlich zumute werden! Earasyn hingegen fühlte sich geborgen. Wie ein verlässlicher Freund, mit dem er schon seit undenklichen Zeiten auf vertrautem Fuss stand, glitt der Mönch neben ihm her. In sein helles Gewand gehüllt, setzte er den silbernen Stab leicht und sicher auf den rauhen Untergrund. Die welligen Haare, die ihm weit über die Schultern reichten - war das denn der Mönch? Der junge Wanderer blickte erstaunt am Kleid empor. Sein Schrecken wich einer tiefen, selbstverständlichen Freude, als ihm seine schöne Begleiterin wissend zulächelte.
191} Indes kam Wärme auf, urplötzlich Hitze. Vor ihm öffnete sich eine Feuerzeile. Beiderseits des schwarzen Pfads loderten unfassbare Baumvölker,(98) Stamm um Stamm brannte und verbrannte nicht.(99) Von mächtigen Flammen belebte Blüten hingen an glühenden Zweigen. Blau, gelb, rot prasselndes Zucken stürmte durch die lohenden Kronen die Reihen entlang. Gleissende Blätterfächer wirbelten über seinem Scheitel, und rollende Glutwellen unter seinen Sohlen wollten ihm schier die Sinne rauben ... Allein, die Begleiterin reichte ihm ihren Stab, der einer ausgestreckten Natter glich.(100) Sogleich fühlte er sich von einem kühlen, angenehm feuchten Duft umhüllt. Auf solch luftige Weise behütet, bezwang er seine Furcht und begann durch die schrecklich lebendige Lohe zu schreiten. Ein vielstimmiger Choral brauste auf, und auf einmal vernahm er, wie der Ursprung der Liebe besungen wurde.(101)
192} Der hohe Gesang verhallte in einem langgezogenen Orgelakkord. Nun breitete sich Leere aus. Den Stab in der Hand stand Earasyn in einem unermesslich funkelnden Eisgewölbe. Nur unscharf erfasste er die Menge glattgerundeter oder scharfkantiger Formen, die fortwährend aufgelöst und neu gebildet wurden.(6) Fragend blickte er seine Begleiterin an, doch diese bedeutete ihm weiterzugehen. Er raffte sich auf und schob vorsichtig den linken Fuss vor. Kein Geräusch zeitigte (98) sein Schuh beim Treten auf die Kristalle und keins der Silberstab beim festen Abstützen. Sein Fuss hinterliess keine Spur, sein Atem keine Wolke. Kalt war ihm nicht, nicht warm. Bald wusste er nicht mehr zu sagen, von wo er gekommen war, wo er hinging und ob er sich nicht im Kreis bewegte. Schliesslich geriet er an ein Geschehen, das ihn alles Erlebte vergessen liess. Eine Art umgestülpter Quelle fesselte seinen Blick. Von überall her schossen lautlos Funken in unmalbaren Farben heran. Sie sammelten sich zu einem Strudel, der von der Quellöffnung gurgelnd aufgesogen wurde. Ein unerhörter Satz erfüllte seinen Sinn: Durch Gottes Namen fliesst die Zeit! Zeitquell ist der Name Gottes! Das sprühende Drehen verschwamm vor seinen geblendeten Augen. Er streckte die Hände aus, um zu tasten; sie erreichten jedoch keinerlei Gegenstand. Klamme Verzweiflung kroch ihm hoch. Da schlugen leise zwölf Töne an, als ob ringsum hauchdünn geschliffenes Bleiglas (19) zerspränge. Nach einer kleinen Pause folgten elf Schläge, dann zehn, dann neun, dann acht und so fort, bis zuletzt ein einziger Schlag klirrte und in der Leere verklang.
193} Das öffnete ihm den Blick. Gewaltig erhob sich vor ihm eine strahlend goldene (22) Lemniskate; hinter ihm dehnte sich eine in aschgrauem Schimmer.(102) Diese zeigte keinerlei Regung in ihrer pulvrigen Belassenheit, während jene zitterte, als stünde sie unter schöpferischer Spannung. Zwischen den beiden flogen dienstbare Eimer (103) auf und nieder; blitzend spiegelten sie das aufrechte Gold. Genaueres Hinsehen verdeutlichte, dass die Gefässe jeweils aus einem der beiden Kreuzungspunkte aufstiegen und zum anderen hingelenkt wurden. Unergründlich blieb, welche Last sie beförderten, doch schienen ihre geführten Bahnen eine dunkle, weich gehaltene Musik zu erzeugen, und er glaubte als Grundton das grosse A so eindringlich herauszuhören, dass er darin zu vergehen meinte. Die Begleiterin war kaum noch zu erkennen. Sie hatte alles Silber an sich gezogen und verharrte verhüllt
in Andacht derer,
denen scheues Gedenken
in Ehrfurcht gebühr'.(104)
194} Bewegendes Tun
bringt den Welten Erneuern
im Stossen der Tür.(104)
195} Beherrschendes Ruhn
bringt den Welten Erwägen (105)
im Weiten dafür.(104)
196} Wollende wärmen
an Weltschwere auf, was der
Erde gehöre.(104)
197} Grollende gürten
die Siebenwelt umsichtig,
leiten die Chöre.(104)
198} Zollende (106) zäunen
die Grenze (105) der Welt, wo sich
alles verlöre.(104)
199} Mehr vermochte die gebeutelte Erinnerung des Weltenwanderers nicht zu behalten, als er aus der letzten der Gassen taumelte. Lama Löntschen trieb zur Eile; lachend klopfte er mit dem Stecken auf den Rücken seines jungen Schülers. Im Torbogen angekommen, blieb er jedoch stehen, faltete die Hände vor der Brust und senkte leicht das Haupt. Earasyn trat benommen auf den staubigen Platz vor dem Stadttor und blinzelte. Im Licht des frühen Morgens wartete ein klappriger Bus mit laufendem, gelegentlich stotterndem Motor.
Von Herrn Z.
200} Herr Z. stammte aus Mostar (107), der weissen Brückenstadt am grünen Fluss. Eigentlich hiess er Znaništa. Weil jedoch niemand an der Hochschule den Namen richtig aussprechen konnte, hatte ihn die Dekanin einfach mit Herr Z. angesprochen. Das war ihm geblieben. Ausserdem kam es ihm gelegen, denn er litt es ungern, stets neu erklären zu müssen, woher sein Name stammte und was er bedeutete, um dann auf eine gewisse ungläubige Heiterkeit zu stossen.
201} Schrecklichen Kriegswirren entronnen, hatte er eine karg entlohnte Anstellung als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Mäeutik (108) erhalten. Ihm war zustatten gekommen, dass er in seiner Heimat antike Philosophie gelehrt hatte, obschon dies den aufgeputschten Ingrimm seiner Landsleute kaum zu mildern vermochte. Wegen seiner Volkszugehörigkeit bedroht, musste er seine Wirkensstätte verlassen. Also sass Herr Z. nun in einer Kammer des altehrwürdigen Hochschulgebäudes, sichtete Zeitschriften und arbeitete diverse Unterlagen für Professoren, Assistenten und Studenten aus, in dieser Reihenfolge.
202} Seine Arbeit wurde allgemein geschätzt. Die Genauigkeit seiner Elaborate wie die Vielfalt der zitierten Quellen erleichterte Vielen Vortragstätigkeit oder Studium. Wenn man ihn nach einer Stelle fragte, konnte er in der Regel prompt Auskunft geben oder wenigstens sagen, wo sie in etwa zu suchen wäre. Auch kannte er schier alle klassischen Denker und Denkerinnen, wusste sie geschichtlich einzuordnen und treffend zu charakterisieren. Das ersparte manchen mühselige Stunden des Bücherwälzens und Nachschlagens, der ungeliebten wissenschaftlichen Kärrnerarbeit. Kein Wunder, dass immer wieder an seine Tür geklopft wurde, um ihn - „Entschuldigung bitte, nur eine kleine Anfrage!” - an seinen vorgegebenen Aufgaben zu hindern. Unter Hochschulmitgliedern kursierte das Witzwort, man hätte keine Suchprogramme erfinden müssen, wenn Herr Z. genügend Kinder gezeugt hätte.
203} Tatsächlich hatte man nie von einer Frau Z. gehört. Offenkundig war er damals ohne Familie geflohen, wenn er denn je eine gegründet hatte, und lebte seitdem zölibatär. Zudem konnte keine behaupten, ihn je in zärtlicher Nähe einer Dame beobachtet zu haben, was freilich nicht allzuviel besagt. Im übrigen machte der rundliche Herr in seinem ewiggleichen graublauen Anzug mit schierlingfarbenem (109) Binder nicht eben den Eindruck weltgewandter Verführungskunst.
204} Die Arbeitstage verbrachte er fast ausschliesslich auf dem Hochschulgelände. Vom Morgen bis zum abendlichen Schliessen des Haupteingangs konnte man sich darauf verlassen, ihn dort zu finden. Mittags pflegte er in der Mensa zu speisen. Da sass er unscheinbar an der elegant geschwungenen Edelstahltheke beim Verzehren des billigsten Tagesmenüs und trank ein Glas Wasser dazu. Allerdings versäumte er niemals, sein Mahl mit einem stark gezuckerten Espresso zu beschliessen, welchen er vernehmlich zu schlürfen wusste.
205} Über die Wochenwende (110) konnte man ihn auf einer Parkbank erspähen oder im Kaffeehaus, in ein angeregtes Gespräch mit irgendeiner Person vertieft. Dabei schien jetzt er Fragen zu stellen und der bündigen oder weitschweifigen Antwort eindringlich zuzuhören. Sichtlich erheiterte ihn die Unsicherheit, welche seine verhörartige Methode auslöste. Im Eifer bohrte er häufig mit dem Finger in die Luft oder wies gar auf sein Gegenüber. Nicht selten stand dieses nach derartigem Kolloquium schwerbeladen auf und ging in sich versunken seiner Wege, nicht ohne vorher die geringe Zeche bezahlt zu haben.
206} Oft war Herr Z. in der Hochschulbibliothek anzutreffen, wo er einen ganzen Doppeltisch mit aufgeschlagenen Folianten belegte. Hier schien er sich wie zuhause zu fühlen und war kaum wegzubringen. Nur zu oft musste ihn die dienstführende Angestellte daran erinnern, dass die Öffnungszeit wiedereinmal zuende war. Ohnehin genoss er das besondere Privileg, von ihm ausgelegte Bücher abends liegenlassen zu dürfen, um sie am folgenden Vormittag in der nämlichen Weise vorzufinden.
207} Die Bibliothek bestand aus mehreren hochgewölbten Räumen, die hintereinander lagen. Sie waren bis an die Kante vollgepfercht mit Handgeschriebenem und Gedrucktem aller Art, ein wahres Papierparadies, in welchem ebensowenig gewichtig Schweinsledergebundenes fehlte wie flüchtig Geheftetes. Den Regalen entströmte der Geruch verstaubten Wissens, das darauf wartete, wiederbelebt zu werden. An die Bewahrungsgewölbe schloss sich ein heller, freundlich hergerichteter Lesesaal, der zu konzentriertem Verweilen einlud. Nichtzuletzt erhöhte das Angebot an feinen Kuchen und Getränken einer durch bunte Stellwände abgetrennten Cafeteria den Studienanreiz beträchtlich. Kurzum, das einstige Klosterensemble war ein Glücksfall für die Hochschule gewesen.(111)
208} Just hier war Eamsyne Herrn Z. zum ersten Mal begegnet. Als sie mit den von ihr ausgewählten Bänden den Lesesaal betrat, sah der über seine Nachschlagewerke gebeugte Herr kurz auf, grüsste mit einem Nicken und las weiter. Sie legte die Bücher auf einen Tisch in seiner Nähe, setzte sich bescheiden und kramte ihr Notizzeug hervor. Bald begann sie, sich in ein erkenntnistheoretisches Problem zu vertiefen, auf das sie bei ihrem Sprachstudium gestossen war. Eine Weile hörte man nur das dumpfe Surren der Kaffeemaschine.
209} Doch konnten die schwerverständlichen Ausführungen zur Ausdrückbarkeit von Evidenzerfahrungen Eamsyne nicht davon abhalten, hinundwieder verstohlene Blicke zum Nachbartisch zu werfen. Ein grosser Kopf ruhte da ohne Übergang auf breiten Schultern. Die beiden Arme im taubenblauen Tuch stützten sich auf die Tischplatte ab, sodass die kräftig gebildeten Hände den Folianten halten konnten. Die glänzende Glatze über den offenen Seiten erinnerte sie an den Vollmond, der über den Feldern aufging, Anblick, den sie von Kindesbeinen an geliebt hatte. Sie empfand anheimelnde Wärme für den einsamen Sonderling. Welche Gedanken bewegte er in seinem ausdrucksstarken Haupt?
210} Unvermutet wandte sich Herr Z. an sie mit der fingerunterstrichenen Frage, was sie studiere. Seine melodiöse Stimme klang angenehm, und gleich mochte sie seine fremdartig träge Aussprache, ganz so wie seine Wortwahl.