Die
zum IMPRESSUM
bietet hier eine poetische Studienhilfe an:
Eamsyne und Earasyn
IIII
Vom Benennen
211} ¯ Ich habe linguistische Fächer belegt. Mich interessieren Sprachen.
212} _ Sprachen. Was für Sprachen?
213} ¯ Eigentlich studier'ich, wie Sprachen entstehen, Sprachfamilien und so.
214} _ Und so. Wozu?
215} ¯ Mich fasziniert, dass es möglich ist, mein Denken und Fühlen mithilfe von Sprache zu artikulieren, daran zu feilen, Äusserliches oder Innerliches auszudrücken.
216} _ Auszudrücken. Wie geht das?
217} ¯ Mir scheint, es geht ursprünglich über Laute,(112) über das Zusammenspiel von Lauten in Silben. ICH drückt für mich zum Beispiel so etwas wie selbständiges Auftreten aus, ACH staunendes Empfangen, HE mutiges Anrufen, OM einhüllendes Innehalten und HU furchtsames Abwehren. Laute können die Seele hörbar machen, Herr Z.
218} _ Z. etwa ist ein Laut? - Sie können mir Slobodan sagen, Frau Kollega.
219} ¯ Danke, das klingt viel besser als Z. Slo-bo-dan, was bedeutet das?
220} _ Bedeutet „der Freie”. Meine Eltern werden geglaubt haben, dass ich als freier Mann geboren wurde. Na, bin so frei! Möcht' nicht freier sein. Und wie haben Ihre Eltern geglaubt, Sie nennen zu sollen?
221} ¯ Mutter hat mich von Anfang an Eamsyne (1) gerufen, Vater dann auch, bis ich mir's nicht mehr anders vorstellen konnte. Tjanu, Eamsyne ist komisch. Wer heisst schon so? Trotzdem stimmt's für mich, bin's einfach gewohnt.
222} _ Gewohnt. Ist nicht bedeutlich, wer oder was wie benannt wird?
223} ¯ Also ich glaube, wichtig ist einmal, wer benennt,(71) wer erste Laute moduliert, um eine Erscheinung zu bezeichnen, die bis dahin unbemerkt geblieben ist und deshalb auch namenlos. Wenn sie bemerkt wird, findet sich bald auch eine Bezeichnung, wenigstens eine vorläufige, nicht? Wie die dann ausfällt, hängt ab von der jeweiligen Kultur.
224} _ Kultur. Braucht es Kultur zum Namenfinden?
225} ¯ Bestimmt. Mir fehlt zwar noch die Diplomprüfung, aber ich halte es für ein Grundmerkmal jeder Kultur, dass aus dem Erleben heraus Worte gebildet werden, dann Sätze. Kann denn irgendwas benutzt werden, bevor es begriffen wird? Damit mein'ich etwas andres als verstehen.
226} _ Verstehen. Wie wollen Sie verstehen?
227} ¯ Beispielsweise das Wort „Menschheit”, Herr Slobodan. Es stammt vom gotischen „manaseths”, das bedeutet eigentlich „Geistsaat”. Da gibt es eine Menge zu verstehen, bevor es neu begriffen werden kann. Ganz eine andre Selbsterfahrung hat das Wort „humanité” geprägt, von „humanitas”, oder das slawische „tschelowetschestwo”.
228} _ Čovječanstvo, Frau Emsige.
229} ¯ Eamsyne, wenn Sie so nett wären! Aber schauen wir lieber das numinose Wort „Gott” an - wir wissen nicht recht, woher es kommt. Sicher nicht vom ugaritischen EL. Oder „dieu”, immerhin von „deus”, oder „bog”.
230} _ Bog. Heisst mein Bruder: Bogodan.(113) Ist erschlagen. Kommt woher?
231} ¯ Weiss nicht, vielleicht von „bogat”, begütert. Doch viel wichtiger ist mir, was die Laute offenbaren. In „Gott” erleb'ich das Schöpfen, in „Deus” das Richten, in „Bog” das Bergen und in ELOHIM das Allumfassen, vor dem ich scheu zurückweiche. Hier glaub'ich zu spüren, wie am Anfang das sinnbegabte Wort wirkt.(114) Die Menschen haben erhabene Wirksamkeit erfahren und darin verschiedene Qualitäten.
Von klingenden Eigenschaften
232} _ Verschiedene Qualitäten. Was nennen Sie ... momenat ... Eigenschaft?
233} ¯ Eigenschaft nenn'ich, was einer Erscheinung eigentümlich ist. Zeigt sich eine, so kann sie bemerkt werden aufgrund bestimmter Merkmale wie Farben oder Klänge.
234} _ Farben oder Klänge. Ist Klang Eigenschaft?
235} ¯ Ich denke schon. Den Ton für sich seh'ich als Erscheinung an. Er tritt ja selten allein auf, kann aber; und er hat die Eigenschaft zu klingen. Treten zwei oder mehrere zusammen auf, erscheinen Intervalle;(61) dann klingt es anders. Wenn ich A (22) und e (17) anschlage, wird eine Quint wirksam. Was für eine Steigerung zum reinen A! Schlag'ich dazu noch c (20) an, dann hör'ich eine kleine und eine grosse Terz zusammenklingen, den A-moll-Grundakkord, und eine ganz eigene Welt tut sich auf.
236} _ Tut sich auf. Und dass sich auftut, ist Eigenschaft?
237} ¯ Nein. Ist vielmehr Offenbarung, die durch die Qualität Klang vermittelt wird, Herr Professor.
238} _ Professor, ha, bin ich gewesen! Jetzt hier helfe ich der Wissenschaft ganz still, damit ich nicht vergiftet werde, hehe, sa kukutom. Also Eigenschaft vermittelt Offenbarung der Erscheinung, liebe Frau Erbsünde?
239} ¯ Ich bitte Sie, mein Name ist Eamsyne! Wenn Sie gestatten, formulier'ich den Satz: eine Erscheinung ohne irgendwelche Eigenschaften bleibt unoffenbar. Damit sag'ich nichts weiter, als dass wir Menschen Eigenschaften brauchen, um erkennen zu können. Wo keine auftreten, erkennen wir nichts. Das Nirwana klingt nicht; es ist eigenschaftslos.
240} _ Eigenschaftslos. Gefällt Ihnen?
241} ¯ Nicht wirklich. Eine beklemmende Ruhe geht von der Unfassbarkeit aus. Sie ist schwer auszuhalten. Mir wird ein bisschen schwindlig dabei. Das mag ich nicht besonders, weil ich Klarheit brauche wie Luft zum Atmen.(115)
Vom Windeswehen
242} _ Luft zum Atmen - die soll klar sein, ohne feinen Staub, auch nicht Pulverdampf. Brauchen Sie nicht einen starken Wind, der ihre Luft säubert?
243} ¯ Meine Luft? Sie meinen die Luft, die ich atme? Ja das stimmt, ich atme lockerer, wenn die Luft reiner ist. Daheim hatten wir ein Windspiel, das bei jedem nennenswerten Luftzug zu läuten anfing. Je stärker der Wind blies, desto lauter war sein Dingdongdang (116). Und dieser Dreiklang forderte mich auf, bald meine Lungen weit und heil (117) zu füllen, weil die Luft gefegt wurde und der Sturm den angesammelten Staub forttrug.
244} _ Staub forttrug. Wohin?
245} ¯ Darüber hab'ich noch nicht nachgedacht. Wohin wird der Staub geweht? Vom Haustor auf die Gasse, aus einer Gasse in die andre und aus der letzten übern Platz, von dort aufs Feld vielleicht.
246} _ Aufs Feld vielleicht - dort ziehen ihn schnaufende Tiere ein. Haben Tiere andere Lungen?
247} ¯ Nein, wohl nicht. Sie haben ähnliche Lungen wie wir Menschen. Der Wald atmet anders, filtert den Staub. Tiere leiden wie wir unter der schmutzigen Luft, unterm Lärm ebenfalls, den wir aussenden. Daran denk'ich oft, Herr Z.
248} _ Herr Z. schon wieder! Zizoza säuselt sanft - bin kein Mondgott.(118) Mögen Sie Brise, Frau Emisija?
249} ¯ Mein Name scheint Ihnen Schwierigkeiten zu bereiten. Na gut. Brise ist mir jedenfalls lieber als Bise. Wo diese bis in die Knochen fahren kann, streicht jene zart übers Gesicht und durch die Haare. Ja, die Brise mag ich, und ich glaube gern, dass sich die wahre Gottheit im liebevollen Hauch offenbart. Sind wir nicht ihre Kinder? Vater hat mir manches Mal geschildert, wie eingehüllt wir sind in ihren Odem, hat mir Bilder gezeigt vom stillen Brahman,(36) aus dem alles entweht.
Von allem
250} _ Aus dem alles entweht. Was ist alles?
251} ¯ Vielleicht kann Heraklit helfen, der mit dem Feuer. Von ihm ist ein Fragment (119) überliefert, demnach ein vernünftiger Wille alles durch alles lenkt. Das ist ziemlich schwer zu verstehen. Doch kenn'ich eine Dichtung, aus der mir folgende Passage geblieben ist: Denn wir, die wir inne dem Erdhaften wohnen, dem Gewässer, dem Luftraum, dem Feuer, wir alle in allem ... und so fort.(120) Hier sind, denk'ich, die Elementaren gemeint, die nach arabischen, dann mittelalterlichen wie alchimistischen Vorstellungen den wesenhaften Grund bilden für alles Irdische.
252} _ Alles Irdische - ist Kiesel, Kalk, Ton (121) mit Grünzeug drauf und Menagerie, dazwischen temperierte Luft, feuchte. Kennen wir. Nix drumherum?
253} ¯ Drumherum die Sterne, das Aufglühn, Leuchten und Verstrahlen, gleissend aufgeheizte Zonen und finster abgekühlte,(122) weil alles ununterbrochen bewegt wird.(62) Drumherum wie mittendrin Zueinanderstreben und Voneinanderlassen, das ewige Spiel der Liebe, das die formlos flüchtige Bewegung in gewaltig kreisende Formen zu binden vermag, bis ins Kleinste zu pressen, doch ebenso wieder zu lösen.(6) Frag'ich nach Allem, so brandet mir Unendlichkeit entgegen in einem Bogen, den ich nicht mehr beschreiben kann. An dieser Grenze, wo Seraphe mit flammendem Schwert Wache halten, kann ich den Wegzoll nicht begleichen.(123)
254} _ Nicht begleichen. Was dann?
255} ¯ Dann ist es wohl besser, sich zu bescheiden und rechtzeitig vor dem Feldrand umzukehren. Schliesslich müssen nicht alle Welträtsel gleich gelöst werden. Newton ahnte das, glaub'ich, Goethe ebenfalls.(124) Beiden war wenig daran gelegen, Sonden in Schwarze Löcher zu schiessen, obschon man sich etwas Licht davon verspricht ... Und eigentlich sind wir in der Bibliothek, um zu lesen.
Von etwas Kaffeeklatsch
256} _ Zu lesen. Mögen Sie einen Kaffee?
257} ¯ Da sag'ich nicht nein, mein Herr. Die Bücher laufen uns ja nicht davon, im Gegenteil, die werden noch bereitliegen, wenn wir nicht mehr bereitstehen.
258} _ Bereitstehen. Begeben wir uns hinters Bunte. - Was nehmen Sie, meine Dame?
259} ¯ Ah, hier ist es immer wieder nett. Bitte einen Capuccino!
260} _ Kapučin. Diese Mönche verdrehen einem den Kopf mit ihrem Milchschaum! Das ist purer Katholizismus. Ich werde turska kava nehmen, so schwarz wie ein türkisch Schnauz, bittesehr, ohne Zucker. Ha! - Planen Sie Mönch zu werden?
261} ¯ Mönch? Sie meinen Nonne. Also, den Gang ins Kloster hab'ich nicht vor. Ebensowenig bin ich auf Männersuche, wenn Sie das meinen; im Vertrauen gesagt, schon gar nicht auf dieser Hochschule. Das männliche Streben nach akademischen Würden find'ich nicht gerade aufregend. Ich höre schon: das Land braucht mehr Akademiker. Na, Ihnen ist die Art nicht fremd, wie unsre Buben lernen, wenn sie überhaupt studieren: lang wird nur schlau dahergeredet, natürlich gilt jeder Lehrer als Trottel; kurz vor der Prüfung wird dann wie wahnsinnig gebüffelt und Stress verbreitet; Schuld sind sowieso die andern. Ob sie durchkommen oder nicht, nachher geht's von vorne los. Schlimm, wie einige Kolleginnen den Blödsinn mitmachen!(125) Was das Energien verschleudert!
262} _ Verschleudert. Sind eben Mann-Energien, werden gern gründlich verspritzt - einfache Kausalkette wie Reiz-Reaktion. Gibt es möglicherweise sonstige?
263} ¯ Sicher, nur fallen die Stillen nicht so krass auf. Und manche benehmen sich ganz schön schüchtern, geben einer Frau kaum Antwort, fast wie Novizen, die Angst vor irgendeiner Ansteckung haben. Naja, ein paar sind recht lieb.
264} _ Recht lieb. Ist einer besonders lieb etwa?
265} ¯ Mmm, wie der Kaffee duftet ... Was haben Sie gefragt? Ob einer richtig zum Kuscheln wär'? Bisher hab'ich noch keinen gefunden, aber das ist nicht so wichtig.
266} _ Nicht so wichtig. Doch Seele sucht, nichtwahr?
267} ¯ Die Seele sucht immer, Herr Fragefroh, sucht und findet gelegentlich. Ihr Hinundher begleitet sie mit Wasserliedern.
Vom Wassergesang
268} _ Wasserliedern. Nicht geplagtes Röcheln von Kaffeemaschine, will ich meinen. Lieder vom Wasser, Frau Geheimsyne, oder Lieder wie Wasser?
269} ¯ Das Wasser selber singt. Ob Tropfen plitschen oder Regen rauscht, Bäche kullern oder Flüsse gurgelnd vorüberziehn, ob Meereswellen tosend anbranden, ihre Gischt am Fels zerklatschen oder rieselnd in den Sand entlassen, das Wasser lebt in ungebrochenem Singen. Es pflegt den cantus perennis (126) weiter, den wir bereits vergessen haben. Selbst wenn es als Weiher vor uns liegt in Sommerstille, widerhallt fast unhörbar in ihm das Sternenklingen. Ums Wasser herum singt alles, was sich von ihm anregen lässt, bis hin zum Stein, der es auffängt. Und was lässt sich inniger vom Wasser anregen als die Seele, bitte? Das hab'ich schon als Kind erlebt, hab' sogar dazu getanzt.
270} _ Dazu getanzt, zu Wassergesang getanzt. Wie geht das?
271} ¯ Davon wollt'ich eigentlich gar nichts erzählen ... Tja, als Kind hab'ich mir einen Platz gefunden im Wald. Der lag eine gute halbe Stunde Fussweg von unserm Haus entfernt. Nach einer weiteren Viertelstunde kam ich auf eine Lichtung. Aus einer Quelle am buschigen Nordrand schlängelte sich ein schmaler Bach darüber. Sein Murmeln war vernehmlich zu hören. Meist bin ich vor Sonnenaufgang hingegangen, wenn die Nebel in die Baumkronen stiegen. Auf jenem Platz hab'ich gelernt, Schritt und Schwung dem Wasser anzugleichen, hab's dem Rinnsal abgelauscht, hineingetragen in die feuchte Luft.
272} _ Feuchte Luft - ist kalt, muss man sich bewegen. War Tanz für Wärme?
273} ¯ Nein, mir war nicht kalt. Die Wärme kam vom Spiel des Lichts im Schatten. Mein Tanzen war vom Wasser genommen, es hat mich regelrecht angezogen.
274} _ Angezogen. Auf Platz gezogen. Wie war das beschaffen?
275} ¯ Das war eine kleine Kiesebene, mitten hindurch Bachgluckern. Himmel, war die schön! Hab' sie mir ein bisschen hergerichtet, die grösseren Brocken rundherum unter die Baumstämme gelegt und den Kies mit einem Holzrechen glattgezogen. Das Ganze glich einem gekräuselten, in befestigte Waldufer gefassten Teich.(93) So hab'ich den Boden feiner gemacht. Auf dem konnt'ich dann recht sicher stehen und meine Sprünge landen. Der ganze Platz war abgelegen, was mir wichtig war: ich wollte beim Bewegen allein sein und von niemandem gesehen werden.
276} _ Gesehen werden. Von niemandem gefunden, von Mutter nicht, Vater nicht, Bruder nicht, niemals niemand. Razumjem, a tko zna!(127) Aber haben Sie den Platz benannt?
277} ¯ Hab' ihn genannt ... meinen Damm; meinen Damm, der mir Raum gibt und mich birgt, mir imgrunde etwas wie Atemluft verschafft, lieber alter Freund. Na, jetzt wissen Sie aber alles darüber.
278} _ Alles darüber, draga prijateljica. Gibt also keine Frage mehr?
279} ¯ Lassen Sie mich noch vielmals danken für Ihr Interesse an meinen Ideen und Geschichten! Einmal über all das sprechen zu können, hat mir wunderbar gutgetan!
280} _ Wunderbar gutgetan. Ausgetrunken, der koffeinöse Milchschaumsud? Möchte ich danken, hvala, hvala, wirklich bedanken, dass Sie sich genommen haben Zeit für einen alten ... wie sage ich? ... Querkopfmeister.