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Merkblatt-
Beilage 44:
Zum Schlaf
Rudolf Steiner
[...] Wie der Mensch nicht immer wachen kann, so kann er auch für die wirklichen Verhältnisse des Lebens in seinem ganzen Umfange nicht auskommen ohne das, was ihm das Übersinnliche zu geben vermag. Das Leben dauert fort im Schlafe, und die Kräfte, welche im Wachen arbeiten und schaffen, holen sich ihre Stärke und ihre Erfrischung aus dem, was ihnen der Schlaf gibt So ist es mit dem, was der Mensch in der offenbaren Welt beobachten kann. Das Gebiet der Welt ist weiter als das Feld dieser Beobachtung. Und was der Mensch im Sichtbaren erkennt, das muß ergänzt und befruchtet werden durch dasjenige, was er über die unsichtbaren Welten zu wissen vermag. Ein Mensch, der sich nicht immer wieder die Stärkung der erschlafften Kräfte aus dem Schlafe holte, müßte sein Leben zur Vernichtung fuhren; ebenso muß eine Weltbetrachtung zur Verödung führen, die nicht durch die Erkenntnis des Verborgenen befruchtet wird. Und ähnlich ist es mit dem «Tode». Die lebenden Wesen verfallen dem Tode, damit neues Leben entstehen könne. Es ist eben die Erkenntnis des Übersinnlichen, welche klares Licht verbreitet über den schönen Satz Goethes: «Die Natur hat den Tod erfunden, um viel Leben zu haben.»[a] Wie es kein Leben im gewöhnlichen Sinne geben könnte ohne den Tod, so kann es keine wirkliche Erkenntnis der sichtbaren Welt geben ohne den Einblick in das Übersinnliche. Alles Erkennen des Sichtbaren muß immer wieder und wieder in das Unsichtbare untertauchen, um sich entwickeln zu können. So ist ersichtlich, daß die Wissenschaft vom Übersinnlichen erst das Leben des offenbaren Wissens möglich macht; sie schwächt niemals das Leben, wenn sie in ihrer wahren Gestalt auftaucht; sie stärkt es und macht es immer wieder frisch und gesund, wenn es sich, auf sich selbst angewiesen, schwach und krank gemacht hat.
Wenn der Mensch in Schlaf versinkt, dann verändert sich der Zusammenhang in seinen Gliedern.[b] Das, was vom schlafenden Menschen auf der Ruhestätte liegt, enthält den physischen Leib und den Ätherleib, nicht aber den Astralleib und nicht das Ich. Weil der Ätherleib mit dem physischen Leibe im Schlafe verbunden bleibt, deshalb dauern die Lebenswirkungen fort. Denn in dem Augenblicke, wo der physische Leib sich selbst überlassen wäre, müßte er zerfallen. Was aber im Schlafe ausgelöscht ist, das sind die Vorstellungen, das ist Leid und Lust, Freude und Kummer, das ist die Fähigkeit, einen bewußten Willen zu äußern, und ähnliche Tatsachen des Daseins. Von alledem ist aber der Astralleib der Träger. Es kann für ein unbefangenes Urteilen natürlich die Meinung gar nicht in Betracht kommen, daß im Schlafe der Astralleib mit aller Lust und allem Leid, mit der ganzen Vorstellungs- und Willenswelt vernichtet sei. Er ist eben in einem andern Zustande vorhanden. Daß das menschliche Ich und der Astralleib nicht nur mit Lust und Leid und all dem andern Genannten erfüllt sei, sondern davon auch eine bewußte Wahrnehmung habe, dazu ist notwendig, daß der Astralleib mit dem physischen Leib und Ätherleib verbunden sei. Im Wachen ist er dieses, im Schlafen ist er es nicht. Er hat sich aus ihm herausgezogen. Er hat eine andere Art des Daseins angenommen als diejenige ist, die ihm während seiner Verbindung mit physischem Leibe und Ätherleibe zukommt Es ist nun die Aufgabe der Erkenntnis des Übersinnlichen, diese andere Art des Daseins im Astralleibe zu betrachten. Für die Beobachtung in der äußeren Welt entschwindet der Astralleib im Schlafe; die übersinnliche Anschauung hat ihn nun zu verfolgen in seinem Leben, bis er wieder Besitz vom physischen Leibe und Ätherleibe beim Erwachen ergreift. Wie in allen Fällen, in denen es sich um die Erkenntnis der verborgenen Dinge und Vorgänge der Welt handelt, gehört zum Auffinden der wirklichen Tatsachen des Schlafzustandes in ihrer eigenen Gestalt die übersinnliche Beobachtung; wenn aber einmal ausgesprochen ist, was durch diese gefunden werden kann, dann ist dieses für ein wahrhaft unbefangenes Denken ohne weiteres verständlich. Denn die Vorgänge der verborgenen Welt zeigen sich in ihren Wirkungen in der offenbaren. Ersieht man, wie das, was die übersinnliche Betrachtung angibt, die sinnenfälligen Vorgänge verständlich macht, so ist eine solche Bestätigung durch das Leben der Beweis, den man für diese Dinge verlangen kann. Wer nicht die später anzugebenden Mittel zur Erlangung der übersinnlichen Beobachtung gebrauchen will, der kann die folgende Erfahrung machen. Er kann zunächst die Angaben der übersinnlichen Erkenntnis hinnehmen und dann sie auf die offenbaren Dinge seiner Erfahrung anwenden. Er kann auf diese Art finden, daß das Leben dadurch klar und verständlich wird. Und er wird zu dieser Überzeugung um so mehr kommen, je genauer und eingehender er das gewöhnliche Leben betrachtet.
Wenn auch der Astralleib während des Schlafes keine Vorstellungen erlebt, wenn er auch nicht Lust und Leid und ähnliches erfahrt: er bleibt nicht untätig. Ihm obliegt vielmehr gerade im Schlafzustande eine rege Tätigkeit. Es ist eine Tätigkeit, in welche er in rhythmischer Folge immer wieder eintreten muß, wenn er eine Zeitlang in Gemeinschaft mit dem physischen und dem Ätherleib tätig war. Wie ein Uhrpendel, nachdem es nach links ausgeschlagen hat und wieder in die Mittellage zurückgekommen ist, durch die bei diesem Ausschlag gesammelte Kraft nach rechts ausschlagen muß: so müssen der Astralleib und das in seinem Schöße befindliche Ich, nachdem sie einige Zeit in dem physischen und dem Ätherleib tätig waren, durch die Ergebnisse dieser Tätigkeit eine folgende Zeit leibfrei in einer seelisch-geistigen Umwelt ihre Regsamkeit entfalten. Für die gewöhnliche Lebensverfassung des Menschen tritt innerhalb dieses leibfreien Zustandes des Astralleibes und des Ich Bewußtlosigkeit ein, weil diese eben den Gegensatz gegenüber dem im Wachzustande durch Zusammensein mit physischem und Ätherleib entwickelten Bewußtseinszustand darstellt: wie der rechte Pendelausschlag den Gegensatz des linken bildet. Die Notwendigkeit, in diese Bewußtlosigkeit einzutreten, wird von dem Geistig-Seelischen des Menschen als Ermüdung empfunden. Aber diese Ermüdung ist der Ausdruck dafür, daß Astralleib und Ich während des Schlafes sich bereit machen, im folgenden Wachzustande am physischen und Ätherleibe wieder zurückzubilden, was in diesen, solange sie frei vom Geistig-Seelischen waren, durch rein organische - unbewußte - Bildetätigkeit entstanden ist. Diese unbewußte Bildetätigkeit und dasjenige, was im Menschenwesen während des Bewußtseins und durch dieses geschieht, sind Gegensätze. Solche Gegensätze, die in rhythmischer Folge sich abwechseln müssen. - Es kann dem physischen Leib die ihm für den Menschen zukommende Form und Gestalt nur durch den menschlichen Ätherleib erhalten werden. Aber diese menschliche Form des physischen Leibes kann nur durch einen solchen Ätherleib erhalten werden, dem seinerseits wieder von dem Astralleibe die entsprechenden Kräfte zugeführt werden. Der Ätherleib ist der Bildner, der Architekt des physischen Leibes. Er kann aber nur im richtigen Sinne bilden, wenn er die Anregung zu der Art, wie er zu bilden hat, von dem Astralleibe erhält. In diesem sind die Vorbilder, nach denen der Ätherleib dem physischen Leibe seine Gestalt gibt. Während des Wachens ist nun der Astralleib nicht mit diesen Vorbildern für den physischen Leib erfüllt oder wenigstens nur bis zu einem bestimmten Grade. Denn während des Wachens setzt die Seele ihre eigenen Bilder an die Stelle dieser Vorbilder. Wenn der Mensch die Sinne auf seine Umgebung richtet, so bildet er sich eben durch die Wahrnehmung in seinen Vorstellungen Bilder, welche die Abbilder der ihn umgebenden Welt sind. Diese Abbilder sind zunächst Störenfriede für diejenigen Bilder, welche den Ätherleib anregen zur Erhaltung des physischen Leibes. Nur dann, wenn der Mensch aus eigener Tätigkeit seinem Astralleibe diejenigen Bilder zuführen könnte, welche dem Ätherleibe die richtige Anregung geben können, dann wäre eine solche Störung nicht vorhanden. Im Menschendasein spielt aber gerade diese Störung eine wichtige Rolle. Und sie drückt sich dadurch aus, daß während des Wachens die Vorbilder für den Ätherleib nicht in ihrer vollen Kraft wirken. Seine Wachleistung vollbringt der Astralleib innerhalb des physischen Leibes; im Schlafe arbeitet er an diesem von außen.
Wie der physische Leib z. B. in der Zufuhr der Nahrungsmittel die Außenwelt braucht, mit der er gleicher Art ist, so ist etwas Ähnliches auch für den Astralleib der Fall. Man denke sich einen physischen Menschenleib aus der ihn umgebenden Welt entfernt. Er müßte zugrunde gehen. Das zeigt, daß er ohne die ganze physische Umgebung nicht möglich ist. In der Tat muß die ganze Erde eben so sein, wie sie ist, wenn auf ihr physische Menschenleiber vorhanden sein sollen. In Wahrheit ist nämlich dieser ganze Menschenleib nur ein Teil der Erde, ja in weiterem Sinne des ganzen physischen Weltalls. Er verhält sich in dieser Beziehung wie z. B. der Finger einer Hand zu dem ganzen menschlichen Körper. Man trenne den Finger von der Hand, und er kann kein Finger bleiben. Er verdorrt. So auch müßte es dem menschlichen Leibe ergehen, wenn er von demjenigen Leibe entfernt würde, von dem er ein Glied ist; von den Lebensbedingungen, welche ihm die Erde liefert Man erhebe ihn eine genügende Anzahl von Meilen über die Oberfläche der Erde, und er wird verderben, wie der Finger verdirbt, den man von der Hand abschneidet. Wenn der Mensch gegenüber seinem physischen Leibe diese Tatsache weniger beachtet als gegenüber Finger und Körper, so beruht das lediglich darauf, daß der Finger nicht am Leibe herumspazieren kann wie der Mensch auf der Erde und daß für jenen daher die Abhängigkeit leichter in die Augen springt.
Wie nun der physische Leib in die physische Welt eingebettet ist, zu der er gehört, so ist der Astralleib zu der seinigen gehörig. Nur wird er durch das Wachleben aus dieser seiner Welt herausgerissen. Man kann das, was da vorgeht, mit einem Vergleiche sich veranschaulichen. Man denke sich ein Gefäß mit Wasser. Ein Tropfen ist innerhalb dieser ganzen Wassermasse nichts für sich Abgesondertes. Man nehme aber ein kleines Schwämmchen und sauge damit einen Tropfen aus der ganzen Wassermasse heraus. So etwas geht mit dem menschlichen Astralleibe beim Erwachen vor sich. Während des Schlafes ist er in einer mit ihm gleichen Welt Er bildet etwas in einer gewissen Weise zu dieser Gehöriges. Beim Erwachen saugen ihn der physische Leib und der Ätherleib auf. Sie erfüllen sich mit ihm. Sie enthalten die Organe, durch die er die äußere Welt wahrnimmt. Er aber muß, um zu dieser Wahrnehmung zu kommen, aus seiner Welt sich herausscheiden. Aus dieser seiner Welt aber kann er nur die Vorbilder erhalten, welche er für den Ätherleib braucht - Wie dem physischen Leibe z.B. die Nahrungsmittel aus seiner Umgebung zukommen, so kommen dem Astralleib während des Schlafzustandes die Bilder der ihn umgebenden Welt zu. Er lebt da in der Tat außerhalb des physischen und des Ätherleibes im Weltall. In demselben Weltall, aus dem heraus der ganze Mensch geboren ist In diesem Weltall ist die Quelle der Bilder, durch die der Mensch seine Gestalt erhält Er ist harmonisch diesem Weltall eingegliedert Und er hebt sich während des Wachens heraus aus dieser umfassenden Harmonie, um zu der äußeren Wahrnehmung zu kommen. Im Schlaf kehrt sein Astralleib in diese Harmonie des Weltalls zurück. Er fuhrt beim Erwachen aus dieser so viel Kraft in seine Leiber ein, daß er das Verweilen in der Harmonie wieder für einige Zeit entbehren kann. Der Astralleib kehrt während des Schlafes in seine Heimat zurück und bringt sich beim Erwachen neugestärkte Kräfte in das Leben mit Den äußeren Ausdruck findet der Besitz, den der Astralleib beim Erwachen mitbringt, in der Erquickung, welche ein gesunder Schlaf verleiht Die weiteren Darlegungen der Geheimwissenschaft werden ergeben, daß diese Heimat des Astralleibes umfassender ist als dasjenige, was zum physischen Körper im engeren Sinne von der physischen Umgebung gehört. Während nämlich der Mensch als physisches Wesen ein Glied der Erde ist, gehört sein Astralleib Welten an, in welche noch andere Weltkörper eingebettet sind als unsere Erde. Er tritt dadurch - was, wie gesagt, erst in den weiteren Ausführungen klar werden kann - während des Schlafes in eine Welt ein, zu der andere Welten als die Erde gehören.
aus «GA 13»; S.81ff
Nun glaubt man gewöhnlich, der Mensch träume nur, wenn er schläft. Das ist nun auch ein solcher Irrtum, wie er sich selbstverständlich ergeben muß, wenn man seine Begriffe nur aus der äußeren Welt bildet. Aber es ist eben ein Irrtum, es ist eine Illusion. Und tiefere Denker, unter anderen Kant [c], aber auch viele andere, sie haben schon geahnt, daß dasjenige, was die Seele im Schlafe, im Traume durchsetzt, keineswegs bloß im Schlafe, bloß im Traume anwesend ist, sondern daß es das ganze Leben durchzieht. Wachen wir auf, dann allerdings ist ein Teil unseres Seelenlebens in die Welt versetzt, der da vorliegen die äußeren Beobachtungen der Sinne, der da vorliegen diejenigen Begriffe, die sich anknüpfen an diese äußeren Beobachtungen der Sinne. Von diesem Bewußtseinsinhalte sind wir ganz eingenommen, dem sind wir ganz hingegeben; den betrachten wir, weil er gleichsam als das starke Licht alle schwächeren Inhalte, die in unserer Seele leben, immer überstrahlt, den betrachten wir gewissermaßen als den einzigen Inhalt unseres wachen Tagesbewußtseins. Aber das ist ein Irrtum! Denn während wir erfüllt sind von diesem wachen Tagesbewußtseinsinhalte, leben in den Tiefen unserer Seele unterbewußt solche Inhalte fort, die ganz gleich sind den Träumen, die in der Nacht aus dem Schlaf auftauchen. Wir träumen fort während des Wachens, nur werden wir das Träumen nicht gewahr! Und so paradox es klingt, auch das andere ist richtig: Wir träumen nicht nur fort, wir schlafen fort. So daß unser Bewußtsein stets ein dreifaches im Wachzustande ist: oben, auf der Oberfläche gleichsam, das wache Tagesbewußtsein, unten, im Unterbewußten, ein Unterstrom des fortdauernden Träumens, und tiefer ein Fortschlafen.
Und wir können auch angeben, in bezug auf was wir träumen, in bezug auf was wir schlafen! Wir träumen nämlich mit Bezug auf alles dasjenige, was nicht in Vorstellungen, in deutlich zu machenden Begriffen in unsere Seele herauftaucht, sondern was sich entlädt in uns als Gefühl. Die Gefühle steigen in uns nicht auf aus irgendeinem vollbewußten, wachbewußten Zustande, sie steigen auf aus einer Welt in uns, die nur geträumt wird. Es ist nicht richtig, wenn gemeint wird, wie manche Herbartschen Philosophen meinen, daß sich die Gefühle aus Zusammenwirkung von Vorstellungen ergeben. Nein, im Gegenteil, die Vorstellungen werden durchsetzt mit demjenigen, was aufsteigt aus einem tieferen Seelenleben, das in einem Fortträumen während des Wachzustandes besteht. Auch die Leidenschaften, die Affekte, steigen aus einem Leben des wachen Träumens, das nur übertönt wird von dem vollbewußten Seelenleben, herauf. Und unsere Willensimpulse, sie bleiben, ich möchte sagen, so rätselhaft in ihrem Hervorquellen aus dem Seelenleben, weil sie aus dem Seelengrunde heraufkommen, in dem wir auch im wachen Zustande schlafend sind.
Zürich, 7.XI.1917/ME (in «GA 73»; S.72f)
Aber jetzt ist ja die Geschichte so: Denken Sie einmal, an zwei Orten wird eine Arbeit verrichtet; hier, sagen wir, wird eine Arbeit verrichtet von fünf Arbeitern, und da von zwei Arbeitern. Die werden dann zusammengegeben, diese Arbeiten, und jede Partie macht weiter einen Teil der Arbeit. Nehmen wir aber an, es wird einmal notwendig, daß man da ein bißchen die Arbeit einstellt, weil zuviel Teile von der einen Sorte und dort zuwenig von der anderen fabriziert worden sind. Was werden wir dann tun? Da werden wir von den fünf Arbeitern einen bitten, daß er hinübergeht zu den zwei Arbeitern. Nun haben wir dort drei Arbeiter und von den fünfen werden es hier vier. Wir verlegen die Arbeit von der einen Seite nach der anderen, wenn wir nichts vermehren wollen. Der Mensch hat nur eine ganz bestimmte Menge von Kräften. Die muß er verteilen. Wenn also im Schlaf in der Nacht das Gehirn regsamer wird, mehr arbeitet, so muß das nämlich aus dem anderen Körper herausgeholt werden; diese Arbeit muß da herausgeholt werden. Nun, wo wird denn die hergenommen? Ja, sehen Sie, die wird eben dann von einem Teil der weißen Blutkörperchen hergenommen. Ein Teil der weißen Blutkörperchen fängt an, in der Nacht weniger zu leben als am Tage. Das Gehirn lebt mehr. Ein Teil der weißen Blutkörperchen lebt weniger. Das ist der Ausgleich.
Nun aber habe ich Ihnen gesagt: Dadurch, daß das Gehirn das Leben etwas einstellt, ruhig wird, fängt der Mensch an zu denken. Wenn also diese weißen Blutkörperchen ruhig werden, beruhigt werden in der Nacht, dann müßte der Mensch anfangen, überall da zu denken, wo die weißen Blutkörperchen ruhig werden. Da müßte er anfangen, jetzt mit seinem Körper zu denken.
Fragen wir uns nun: Denkt denn der Mensch vielleicht mit seinem Körper in der Nacht? - Das ist eine kitzlige Frage, nicht wahr, ob der Mensch vielleicht in der Nacht mit seinem Körper denkt! Nun, er weiß nichts davon. Er kann zunächst nur sagen, er weiß nichts davon. Aber daß ich von etwas nichts weiß, das ist ja noch kein Beweis, daß das nicht da ist, sonst müßte alles das nicht da sein, was die Menschen noch nicht gesehen haben. Daß ich also von etwas noch nichts weiß, das ist kein Beweis, daß es nicht da ist. Der menschliche Körper könnte in der Tat in der Nacht denken, und man weiß einfach nichts davon und glaubt daher, daß er nicht denkt.
Nun müssen wir untersuchen, ob denn der Mensch vielleicht doch Anzeichen dafür hat, daß er, während er beim Tage mit dem Kopf denkt, in der Nacht mit der Leber und mit dem Magen und mit den anderen Organen anfängt zu denken, sogar vielleicht mit den Gedärmen denkt.
Dornach, 5.VIII.1922/SA (in «GA 347»; S.36f)
Da erleben wir zunächst, wenn die Sinneswahrnehmungen allmählich ganz abgelähmt sind, wenn die Willensimpulse aufhören zu wirken, einen undifferenzierten Zustand der Seele. Es ist ein allgemeines, unbestimmtes Erleben, ein Erleben, in dem zwar ein deutliches Zeitgefühl vorhanden ist, aber das Raumgefühl fast ganz erloschen ist. So daß wirklich dieses Erleben verglichen werden kann mit einer Art Schwimmen, mit einer Art Sich-Bewegen in einer allgemeinen, unbestimmten Weitensubstanz. Man muß eigentlich erst Worte bilden, um dasjenige auszudrücken, was die Seele da erlebt. Man möchte sagen, die Seele erlebt sich wie eine Welle in einem großen Meer, wie eine Welle, die aber sich in sich organisiert fühlt, die sich allseitig von dem übrigen Meer umgeben fühlt, und die die Wirkungen dieses Meeres so auf sich fühlt, wie man beim Tagesleben in einer bestimmten differenzierten Weise die Eindrücke der Farben oder Töne oder der Wärmeverhältnisse fühlt, wahrnimmt und über sie denkt. Aber wie man sich bei dem Tagesleben als einen in seiner Haut abgeschlossenen Menschen fühlt, sich an einem gewissen Standorte fühlt, so fühlt man sich in diesem Augenblick, der auf das Einschlafen folgt - ich sage, man fühlt sich, man erlebt das; ich schildere, wie wenn es bewußt wäre; die Tatsache ist vorhanden, nur das Bewußtsein davon ist nicht vorhanden -, man fühlt sich wie eine Welle in einem allgemeinen Meer, man fühlt sich bald da, bald dort, wie gesagt, das bestimmte Raumempfinden hört eigentlich auf. Aber ein allgemeines Zeitempfinden ist da. Dieses Erleben ist aber verbunden mit dem anderen des Verlassenseins. Es ist etwas wie ein Versinken in einen Abgrund. Der Mensch wäre tatsächlich, wenn er nicht vorbereitet dazu ist, manchem ausgesetzt, indem er schon dieses erste Stadium des Schlafes bewußt erleben würde, denn er würde es eben schier unerträglich finden, die Raumesempfindung fast ganz zu verlieren, nur in einem allgemeinen Zeitgefühle zu leben, sich so ganz unbestimmt nur eingegliedert zu fühlen wie in einem allgemeinen substantiellen Meer, in dem außerordentlich wenig zu unterscheiden ist, nur zu unterscheiden ist, daß man ein Selbst ist in einem allgemeinen Weltensein drinnen. Man fühlte sich - eben wenn Bewußtsein vorhanden wäre - wirklich wie über dem Abgrund schwebend. Und wiederum verbunden ist mit diesem etwas, was in der Seele auftritt wie ein ungeheueres Bedürfnis nach der Anlehnung an Geistiges, ein ungeheueres Bedürfnis, mit einem Geistigen verbunden zu sein. Man hat gewissermaßen in dem allgemeinen Meer, in dem man schwimmt, jenes Sicherheitsgefühl der Verbundenheit mit den materiellen Dingen der Wachenswelt verloren. Daher fühlt man - man fühlte, wenn der Zustand bewußt wäre - eine tiefe Sehnsucht nach dem Verbundensein mit dem Göttlich-Geistigen. Man kann auch sagen: Man erlebt eigentlich dieses allgemeine Sich-Bewegen in einer undifferenzierten Weltensubstanz wie ein Geborgensein in einem Göttlich-Geistigen. - Ich bitte, beachten Sie die Art, wie ich hier schildern muß: ich schildere Ihnen die Sache so, um es noch einmal zu sagen, wie wenn die Seele bewußt erlebte. Sie erlebt so nicht bewußt, aber Sie können sich ja vorstellen, wie, wahrend Sie im wachen Tagesleben bewußt erleben, manches unbewußt in Ihrem Organismus vor sich geht, was eben einfach Tatsache ist. Sagen wir zum Beispiel, Sie erleben eine Freude; ja, während der Freude pulsiert das Blut anders als während der Traurigkeit. Sie erleben die Freude oder die Traurigkeit in Ihrem Bewußtsein, aber Sie erleben nicht das Pulsieren des Blutes indem einen oder dem anderen Zustande. Dennoch ist dieses Pulsieren des Blutes Tatsache. Und so entspricht dem, was ich hier schildere auf der einen Seite, dem, was ich schildere als ein allgemeines Schwimmen in einer undifferenzierten Weltensubstanz und andererseits dem, was ich schildere als ein Gottesbedürfnis, dem entspricht ein Tatsächliches im Seelenleben. Und die imaginative Erkenntnis tut ja nichts anderes, als dieses Tatsächliche ebenso ins Bewußtsein herauf heben, wie das gewöhnliche Tagesbewußtsein der Menschen eben ins Bewußtsein heraufhebt die Blutpulsation, die zugrunde liegt der Freude oder dem Kummer. Die Tatsachen sind vorhanden, und die Tatsachen wirken in das wache Tagesleben herein, so daß in der Tat, wenn wir des Morgens aufwachen, wir unseren Organismus dadurch in einer erfrischten Verfassung haben, daß dieses nächtliche Erlebnis sich für unser Seelenleben abgespielt hat. Dasjenige, was in der vom Körper getrennten Seele zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen vor sich geht, das hat eben seine große Bedeutung als Nachwirkung dann während des Wachlebens am folgenden Tage. Und wir würden nicht am folgenden Tage unseren Körper in der richtigen Weise gebrauchen können, wenn wir nicht uns herausgehoben hätten aus der Verbindung mit den äußerlich physisch-sinnlichen Dingen und untergetaucht wären in dieses unbestimmte Erleben, welches ich geschildert habe. Und daß wir im wachen Tagesleben aus der Tiefe unseres Willens so etwas herauftauchen haben wie ein Bedürfnis, dasjenige, was so differenziert um uns herum ist, auf ein Allgemeines zu beziehen, und daß wir das Bedürfnis haben, die Welt des Sinnlichen auf ein Göttliches zu beziehen, das ist eine Nachwirkung dieses ersten Stadiums des Schlafzustandes. Wir können uns fragen: Warum ist denn der Mensch nicht zufrieden damit, daß er einfach die einzelnen Dinge der Welt nebeneinander ansieht während des Wachzustandes, warum ist er denn nicht zufrieden, einfach durch die Welt zu gehen und hinzunehmen Pflanzen, Tiere und so weiter? Warum fängt er an - und das tut ja auch der einfachste Mensch, nicht nur der Philosoph; nebenbei versteht es der einfachste Mensch viel besser als der Philosoph -, warum fängt er an zu philosophieren, wie die Dinge zusammenhangen, warum bezieht er das Einzelne, was er sieht, auf ein Allgemeines, warum fragt er, wie das Einzelne in einem allgemeinen Kosmos begründet ist? Er würde es nicht tun, wenn er nicht während des Schlaflebens wirklich lebensvoll in ein solch Unbestimmtes hinein sich lebte. Und er würde auch nicht zu einem Gottgefühle in seinem wachen Zustande kommen, wenn er nicht die entsprechende Tatsache, dieses Gottgefühl, im ersten Stadium seines Schlafzustandes durchmachte. Wir verdanken dem Schlafe gerade für das Innere unseres Menschentums außerordentlich Bedeutsames.
Wenn dann der Mensch seinen Schlaf fortsetzt, so kommt er in andere Stadien hinein, die nicht mehr mit der imaginativen Erkenntnis zu durchschauen sind, sondern zu deren Durchschauung eben inspirierte Erkenntnis notwendig ist. Dasjenige, was da wiederum als Tatsache des seelischen Erlebens auftritt, und was sich im inspirierten Bewußtsein so spiegelt, wie, sagen wir, Blutpulsation in Freude und Kummer, das ist zunächst eine gewisse Zerteiltheit der Seele an möglichst viele Einzelheiten, einzelne Wesenhaftigkeiten. Die Seele zersplittert wirklich ihr Leben in Teile, und diese Zersplitterung ist in Verbindung mit etwas, was, wenn es ins Bewußtsein heraufleuchtet, als Ängstlichkeit erscheint. Nachdem die Seele das durchgemacht hat, was man ein Schweben über dem Abgrunde oder ein Schwimmen in einer allgemeinen Weltensubstanz und eine Sehnsucht nach einem Göttlich-Geistigen nennen kann, gerät sie in eine gewisse Ängstlichkeit, das heißt in etwas, was für das Bewußtsein Ängstlichkeit wäre, wenn es eben bewußt erlebt würde, was im wesentlichen darauf beruht, daß die Seele nicht nur in einer allgemeinen Weltsubstanz schwimmt, sondern gewissermaßen untertaucht in geistig-seelische Einzelwesen, die ein Dasein für sich haben, mit denen die Seele jetzt in eine gewisse Verwandtschaft kommt; so daß sie jetzt eigentlich nicht eine Einheit ist, sondern vieles ist. Dieses Vielessein wird aber eben als Ängstlichkeit erlebt. Und über diese Ängstlichkeit muß der Mensch in einer gewissen Weise hinauskommen.
Stuttgart, 9.X.1922/MO (in «GA 218»; S.15ff)
Lenken wir einmal für einige Augenblicke den Blick auf diesen schlafenden Menschen. Da haben wir auf der einen Seite also den physischen Menschenleib, den ätherischen oder Bildekräfteleib, bewußtlos, aber auch bewußtlos die Ich-Wesenheit und den astralischen Leib. Wir können nun fragen: Gibt es auch eine Beziehung zwischen diesen beiden bewußtlosen Seiten der Menschennatur während des Schlafzustandes? - Wir wissen, daß es im Wachzustande, in dem das gewöhnliche Bewußtsein des heutigen Menschen zustande kommt, diejenige Beziehung gibt, die auflebt durch das Denken, durch das Fühlen, durch das Wollen. Wir müssen uns das so vorstellen, daß, wenn die Ich-Wesenheit und der astralische Leib gewissermaßen untertauchen in den ätherischen Leib und in den physischen Leib, dann aus diesem Zusammensein aufflackern Denken, Fühlen, Wollen.
Denken, Fühlen, Wollen sind nun im schlafenden Menschen nicht vorhanden. Aber wenn wir hinschauen auf den physischen Erdenleib, dann werden wir sagen müssen: In diesem physischen Erdenleib sind wirksam alle diejenigen Kräfte, welche zum Erdendasein nach unserer Menschenbeobachtung gehören. - Wir können diesen physischen Menschenleib abwägen, und wir werden finden, daß er ein Gewicht hat. Man könnte an diesem physischen Menschenleib - oder man kann sich wenigstens hypothetisch vorstellen, daß man es könnte - Untersuchungen anstellen, wie stoffliche Vorgänge sich in ihm abspielen. Man würde solche stofflichen Vorgänge in ihm finden, die Fortsetzung jener Vorgänge sind, die wir draußen im Erdendasein finden, die durch die Ernährung sich fortsetzen in des Menschen Inneres. Wir finden im physischen Leib auch dasjenige, was durch den Atmungsprozeß sich vollzieht. Nur ist gewissermaßen herabgedämmert oder in völlige Finsternis getaucht alles das, was von der Kopforganisation des Menschen ausgeht, was dem Sinnes-Nervensystem angehört.
Wenn wir dann den ätherischen Leib in Betracht ziehen, der den physischen durchzieht, so ist es allerdings nicht so leicht, sich Aufklärung darüber zu verschaffen, wie nun dieser ätherische Leib während des Schlafzustandes wirkt. Aber wer schon etwas eingedrungen ist in das, was Geisteswissenschaft über den Menschen zu sagen hat, wird unschwer erkennen, wie der Mensch auch durch seinen Ätherleib schlafend in alledem lebt, was eben die ätherischen Verhältnisse, die ätherischen Kräfte im Umkreise des Erdendaseins sind. So daß wir sagen können: Wir finden innerhalb des physischen Körpers alles das wirksam im Schlafzustande, was dem Erdendasein angehört; wir finden wirksam im ätherischen Leib alles, was eben der die Erde umhüllenden und sie durchdringenden Ätherwelt angehört.
Nun wird die Sache aber schwieriger, wenn wir unser Augenmerk - selbstverständlich das seelische Augenmerk - auf das lenken, was nun außerhalb des physischen und des Ätherleibes ist, wenn wir es auf die Ich-Wesenheit und auf die astralische Wesenheit des Menschen lenken. Wir können unmöglich uns der Vorstellung hingeben, daß diese Ich-Wesenheit, diese astralische Wesenheit des Menschen etwas zu tun haben mit der physischen Erde, etwas zu tun haben mit dem, was als Äther die Erde umgibt und durchdringt.
Was da nun stattfindet während des Schlafes - ich habe es Ihnen ja, ich möchte sagen, beschreibend angegeben in den Vorträgen, die ich hier vor kurzem gehalten habe; ich will es heute von einem andern Gesichtspunkte aus skizzieren -, was in der Ich-Wesenheit und im astralischen Leibe des Menschen vorgeht, können wir eben nur dann erkennen, wenn wir durch Geisteswissenschaft eindringen in das, was außerhalb der physischen Kräfteentwickelungen und außerhalb der ätherischen Kräftewirkungen noch auf der Erde, um die Erde herum vorgeht.
Dornach, 1.XII.1922/VE (in «GA 219»; S.30ff)
Gewiß, es ist der ganze Mensch, der ganze wachende Mensch daran beteiligt, wenn gesprochen wird. Es ist der physische Leib beteiligt an dem Vibrieren unserer Stimmbänder, an der Betätigung des ganzen Sprechapparates; es ist der ätherische Leib daran beteiligt, der astralische Leib und das Ich. Aber verhältnismäßig sind an dem Ganzen der Sprachtätigkeit eigentlich der physische Leib und das Ich am wenigsten beteiligt. Am stärksten an der Sprache ist der Ätherleib und ist der astralische Leib beteiligt.
Daß der Ätherleib mehr beteiligt ist am Sprechen als der physische Leib, das könnte überraschend sein; aber es muß gesagt werden, daß der Mensch eben das, was im Ätherleibe vorgeht, mit den gewöhnlichen Sinnen nicht beobachtet, daß ihm darüber die gewöhnliche Wissenschaft nichts sagt, und daß daher der Mensch also gewöhnlich nur das ins Auge faßt, was der physische Leib eben beim Sprechen tut, während die viel mannigfaltigere, viel gestaltendere Tätigkeit des ätherischen Leibes beim Sprechen, die sich sodann fortsetzt auf den astralischen Leib, in der gewöhnlichen Sinnesanschauung nicht beachtet wird. Wichtig vor allen Dingen ist aber, wenn man die Stellung des Sprechens im Leben erkennen will, das, was beim Sprechen im ätherischen Leibe und im astralischen Leibe vor sich geht.
Aber bedenken Sie: Dadurch, daß beim Sprechen hauptsächlich der ätherische Leib und der astralische Leib beteiligt sind, hat das Sprechen zwei Seiten. Zunächst diejenige Seite, durch die der ätherische Leib in Verbindung mit dem physischen Leibe das äußerlich wahrnehmbare, gehörte Sprechen zustande bringt. Aber indem wir sprechen, geht ja immer auch etwas in unsere Seele zurück. Wir fühlen in uns selbst das Gesprochene, wir leben das Gesprochene mit. Während der andere, um unser Seelenleben wahrzunehmen, darauf angewiesen ist, durch den physischen Laut dieses unser Seelenleben an sich herankommen zu lassen, leben wir als der Sprechende selber auf eine innerliche Weise in unserem astralischen Leibe mit dasjenige, was wir in das Sprechen hineinlegen. Dadurch aber, daß wir den astralischen Leib im Schlafe aus unserem physischen Leib und Ätherleib herausziehen, nehmen wir ja von der Sprache auch etwas mit hinüber, ein Wichtiges mit hinüber in den schlafenden Zustand.
Ja, es ist schon so: Was wir vom Morgen bis zum Abend von unserem Seelischen in unsere Worte hineinlegen, das vibriert nach, schwingt nach vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Es bleibt unbewußt für den Menschen, aber ich möchte sagen: Alles bei Tag Gesprochene vibriert, allerdings in rückwärtsgehender Ordnung, während des schlafenden Zustandes nach. Nicht so, daß die Worte wirklich zurück so erklängen, wie sie beim Tage durch unseren Mund erklingen, sondern es ist mehr dasjenige, was in dem Worte an auf- und absteigendem Gefühl liegt, was in die Worte an Willensimpulsen hineingeflossen ist, was von Lustigkeit, von Traurigkeit, von Freude und Schmerz in der Kolorierung des Sprachlichen sich ausdrückt und offenbart.
Aber das alles klingt im Schlafe nicht etwa bloß als ein unbestimmter Zustand nach, sondern es klingt so nach, daß tatsächlich bis in die Lautfolge hinein dasjenige, was die Seele erlebt, wieder erklingt in jenem unbewußten Zustande, den der Mensch mit gewöhnlichem Bewußtsein vom Einschlafen bis zum Aufwachen durchmacht.
Dornach, 11.III.1923/SO (in «GA 222»; S.12ff)
Wir werden uns ja bewußt während des Wachlebens, daß die Gedanken in unseren Organismus eingreifen, wenn man auch mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nicht überschaut, wie der Gedanke, die Vorstellung gewissermaßen hinunterströmt in das Muskelsystem, in das Knochensystem und den Willen vermittelt. Aber wir sind uns bewußt dieses Eingreifens der seelischen Impulse in die Körperlichkeit, und wir müssen uns klar sein darüber, daß eben dieses Eingreifen der seelischen Impulse fehlt, während wir im Schlafe sind.
Daraus schon können wir rein äußerlich sagen: der Schlaf nimmt eben von dem Menschenwesen etwas weg. Und es wird sich nur fragen, was der Schlaf von diesem Menschenwesen wegnimmt. Wenn wir zunächst auf das sehen, was wir als den physischen Menschenleib bezeichnet haben - er ist im Schlafe fortdauernd tätig, wie er tätig ist während des Wachens. Aber auch all diejenigen Vorgänge, welche wir gekennzeichnet haben als die des ätherischen Organismus, sie dauern fort während des Schlafes. Der Mensch wächst während des Schlafes. Der Mensch verrichtet innerlich diejenigen Tätigkeiten, die der Ernährung, der Verarbeitung der Ernährung angehören. Er atmet weiter und so fort. Das alles sind Tätigkeiten, die nicht dem physischen Leibe angehören können, denn sie hören eben auf, wenn der physische Leib Leichnam wird. Da wird der physische Leib von der äußeren Natur, von der Erdennatur in Anspruch genommen. Die wirkt zerstörend. Das, was zerstörend wirkt, überfällt den Menschen im Schlafe noch nicht. Es sind also die Gegenwirkungen da gegen das Auseinanderfallen des menschlichen physischen Leibes. So daß wir schon daraus rein äußerlich uns sagen müssen: der ätherische Organismus ist auch während des Schlafes vorhanden.
Dornach, 3.II.1924/SO (in «GA 234»; S.99f)
Andere Stimmen
Mit dem Begriff »Schlaf« verbinden wir in aller Regel Vorstellungen von »Ruhe« und »Gleichmäßigkeit«. Da während der Traumphasen nun wirklich nicht von Ruhe und Gleichmäßigkeit die Rede sein kann, da dort nicht nur im Gehirn, sondern auch im übrigen Körper sozusagen »die Hölle los« ist, unterscheidet die Wissenschaft zwischen orthodoxem und paradoxem Schlaf:
- »Beim orthodoxem Schlaf sind Atmung, Herzschlag und Blutdruck regelmäßig, die Durchblutung und Temperatur des Gehirns sind leicht reduziert. Die Skelettmuskulatur behält einen gewissen Tonus bei (ist also leicht angespannt), und der Penis ist schlaff...
- Paradoxer Schlaf tritt beim Menschen ungefähr fünfmal in der Nacht auf und macht etwa 20-25% des gesamten Schlafs aus. Die erste Phase, die nach ungefähr einer Stunde orthodoxen Schlafs auftritt, ist kurz. Spätere Phasen sind länger und dauern 20-40 Minuten. Beim paradoxen Schlaf sind Atmung, Herzschlag und Blutdruck unregelmäßig, und es sind sehr kurze Körper- und Gesichtsbewegungen zu beobachten. Wenn nicht ein schwerer Angsttraum auftritt, ist der Penis erigiert und die Skelettmuskulatur erschlafft... (ebenso ist der paradoxe Schlaf durch REM-Phasen gekennzeichnet; die Autoren) ... die Hirndurchblutung ist besser als im Wachzustand, und die Gehirntemperatur steigt an...« (Lexikon der Psychologie, Freiburg [-Basel-Wien 1980])[d]
Paul Tholey
aus «Schöpferisch Träumen»; S.32
Unsere Anmerkungen
a] wörtlich: „Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben.” Goethe in „Die Natur”, Aphoristisch, in «Naturwissenschaftliche Schriften», herausgegeben und kommentiert von R.Steiner in Kürschners «Deutsche National-Litteratur», 5 Bde. (1884-1897), Nachdruck: Dornach 1975, GA 1 a- e, Bd. 2, GA lb, S.8
b] vgl. Mbl.5
c] Immanuel Kant lehrte in Königsberg.
d] weiteres im »TzN Okt.2009«