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Merkblatt-
Beilage 7b:
Spiritueller Musikpionier
Johannes Greiner
Am 22.September jährt sich der 50.Todestag des österreichischen Komponisten und Musiktheoretikers Josef Matthias Hauer. Auf ihn wies Rudolf Steiner im ‹Toneurythmiekurs›[a] nachdrücklich hin, wie der Musiker Johannes Greiner darstellt. Anlass für Michael Kurtz, Musikbeauftragter der Sektion für Redende und Musizierende Künste, Hauer und seine Musik durch verschiedene Veranstaltungen am 11. und 12. September am Goetheanum näherzubringen.
Was Josef Matthias Hauer (1883-1959) über das Wesen der Musik gedacht hat, kann noch viele Jahrhunderte Leitstern sein. Wie kaum einem anderen Komponisten der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts war ihm die geistige Dimension des Musikalischen bewusst. Sein Gedankenwerk steht wie ein letztes Auflehnen gegen die herannahende Finsternis am Beginn des Jahrhunderts. Er wurde wenig beachtet. Bis heute kennen viele Musiker nicht einmal seinen Namen. Die Geschichte ging eben einen anderen Weg. Er blieb ein einsamer Rufer in der Wüste. Sein Ruf könnte so zusammengefasst werden: ‹Vergesst in der wachsenden Welt der Geräusche den geistigen Ursprung der Musik nicht!›

Verbündeter Kämpfer
Es ist nicht erstaunlich, dass Rudolf Steiner auf Josef Matthias Hauer aufmerksam wurde, sein Schaffen verfolgte und in sympathiegetragener Art den Teilnehmern am ‹Toneurythmiekurs› (‹Eurythmie als sichtbarer Gesang›, GA 278) die Beschäftigung mit dem Musiker, Komponisten und Musikschriftsteller Hauer ans Herzen legte. Er schickte sogar anthroposophische Musiker zu Hauer in die ‹Lehre› (‹Goetheanum› Nr.50/1933).

Hauer wird im ‹Toneurythmiekurs› wie keine andere Persönlichkeit gewürdigt. Neben dem, dass seine Besprechung relativ großen Raum einnimmt (Vortrag vom 23.Februar 1924), steht er, meine ich, mit vielen anderen Äußerungen innerhalb des ‹Toneurythmiekurses› in Verbindung, wenn dies auch nicht direkt ausgesprochen wird. So zum Breispiel mit der Gegenüberstellung von Melodiösem und Akkordlichem (Zeit und Raum in der Musik beziehungsweise Leben und Tod), mit der Tao-Meditation, mit den Konkordanzen und mit dem Melosbegriff, wie ihn Steiner in diesem Kurs verwendet.

Rudolf Steiner, der gewissermaßen immer rief: ‹Vergesst den geistigen Menschen nicht, sondern findet ihn durch die neue Wissenschaft vom Geistigen wieder!›, sah in Hauer wohl einen verbündeteten Kämpfer. Er konnte an ihn anknüpfen.

Geistige Kraft in der Musik
Seine Gedanken über das Musikalische legte Josef Matthias Hauer unter anderem in seinen drei Hauptschriften nieder: ‹Vom Wesen des Musikalischen› (1920), ‹Deutung des Melos› (1923) und ‹Vom Melos zur Pauke› (1925). Die Titel dieser Schriften stehen auch für seine Entwicklung: Er suchte nach dem tiefsten Wesen des Musikalischen (‹Vom Wesen des Musikalischen›) und fand auf dieser Suche die geistige Kraft des Intervalls, die einzelne Töne miteinander verbinden und damit ein Erlebnis hervorrufen kann, das nicht physisch erfassbar ist, sondern nur innerlich-geistig erlebbar. Diese geistige Kraft erkannte er als das Melos. Ob man das nur geistig erlebbare Melos richtig deuten kann, davon hängt nach Hauer die Musikalität des Menschen ab (‹Deutung des Melos›). Wenn es dem Menschen gelingt, sich in die Sphäre des Melos zu erheben, kann er dort die Inspirationen gewinnen, die es dann zu verwirklichen gilt in einer konkreten Komposition und durch eine konkrete Interpretation. Das irdischste Instrument ist für Hauer die Pauke, da sie fast nur Geräusch, kaum Ton produziert. Im Spannungsfeld von geistiger Melosinspiration und irdisch-geräuschhafter Klanglichkeit spielt sich alles Musizieren ab (‹Vom Melos zur Pauke›).
So kann man in Josef Matthias Hauer einen wirklichen Pionier einer spirituellen Musikauffassung sehen, einer Musikauffassung, die ein spirituelles Menschenbild voraussetzt. Darum wies Rudolf Steiner, der für ein spirituelles Verständnis des Menschen kämpfte, so nachdrücklich auf Hauers Ansichten zum Musikalischen hin. Auch 50 Jahre nach Hauers Tod hat das Anliegen, den Geist im Menschen und in der Musik bewusst zu machen, nichts an Dringlichkeit eingebüßt!
Radikaler Ohrenmensch
Michael Kurtz
Die Bedeutung Josef Matthias Hauers, seines Musikdenkens und seines Werkes, erschließt sich nur langsam. Er war kein Augen-, sondern ein radikaler Ohrenmensch, und seine Musik bewegt sich zwischen dem, was er Melos nennt, dem unhörbar Geistigen des Tones, dem Nomos, den Gesetzen, aus denen die Welt gestaltet ist und die sich im Musikalischen widerspiegeln, und dem Ethos. Hier ist sie Zeugnis einer musikalischen Welt, in der das alte Tao [b] neu aufklingt, die Suche nach einer überpersönlichen Musik und Ordnungswelt, wie sie im alten China, wo Musik zur Erziehung und Bildung des Menschen gehörte, lebte.
Im ‹Toneurythmiekurs› wies Rudolf Steiner nachdrücklich auf Hauer und sein Musikdenken hin, auf das Essenzielle des Musikalischen als Unhörbares. Steiner gab dort auch eine eurythmische Tao-Meditation an. Hauers musikalische Werke, von den atonalen Kompositionen der Frühzeit bis zu den späten Zwölftonspielen, sind untrennbar mit seinen Schriften verbunden, in denen er vielfältig über Melos, Nomos und Ethos spricht. In ‹Zwölftontechnik - Lehre von den Tropen› stellt Hauer diese Musik aus einem Kosmisch-Geistigen - im Gegensatz zu Arnold Schönbergs [c] seelisch-expressiven Ansatz - dar.
 
beide in »das Goetheanum« 36·2009; S.13f
Unsere Anmerkungen
a] «GA 278»
b] vgl. H.PFROGNER in «Lebendige Tonwelt»; S.75ff
c] Schönberg entwickelte 1921 in Mödling seine „Methode des Komponierens mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen”, die Dodekaphonie.
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