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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Georg KÜHLEWIND zur
NAIVITÄT
Am besten kennen wir das reine Denken in seiner mathematischen Erscheinungsform. Ohne Bezug auf die Wahrnehmungswelt kann es durch innere Evidenz ausgebildet werden, die im Denken mit einer Sicherheit, die jedes Wahrnehmungserlebnis übertrifft, getragen wird. Wir durchschauen diese Begriffe vollständig in ihrer quantitativen Struktur, und wir versuchen die Wahrnehmungswelt mit ihnen zu durchdringen. Was allgemein nicht bemerkt wird, ist, daß zu dieser Durchdringung noch weitere Begriffe notwendig sind, die ebenso nur rein intuitiv gewonnen werden können wie die mathematischen, ihnen jedoch keineswegs an Klarheit und Durchschaubarkeit gleichkommen. Solche sind z. B. die physikalischen Begriffe von Kraft, Masse, Bewegung, Energie. Weiter kann man einsehen, daß zur Physik schon die ganze »Sprache« erforderlich ist, darunter die aristotelischen Kategorien und andere begriffsartige Gebilde, die das Denken und die Sprache überhaupt ermöglichen, wie Kausalität: »weil«, ich, ja, usw. Niemand kann sie wahrnehmen, definieren, weil sie bei jeglicher Erklärung schon vorausgesetzt werden müssen. Man könnte sagen, wir verwenden sie halbbewußt und hüten uns, sie näher in Frage zu ziehen.
Durch das geschilderte Verhalten entsteht das allgemein verbreitete, halbbewußte Weltbild des naiven Realismus. Man kann es charakterisieren durch das Dogma: Das Erkennen hat keinen Realitätswert, nur das Erkannte. So formuliert, springt die Widersprüchlichkeit ins Auge. Sie wird aber vom Bewußtsein kaum bemerkt, und das ist eben ein Krankheitssymptom: das Bewußtsein schaut auf seine eigenen Erzeugnisse und hält sie für wirklich, während es sich selbst, seine Wirksamkeit gar nicht bemerkt, sich »vergißt« und so aus der Wirklichkeit ausschließt. So entsteht die paranoide Welt der vom Erkennen unabhängigen Wirklichkeit. Obwohl es vom Bewußtsein nicht bemerkt wird, ist diese Welt eine Vergangenheitswelt: eine Welt des Gedachten, des Wahrgenommenen, des Vorgestellten. Eine Gegenwartswelt wäre für das Bewußtsein nur im Erleben des Denk-, Wahrnehmungs-, Vorstellungsaktes möglich. Dann aber würde es auch die Realität dieser Vorgänge erleben.
aus «Die Wahrheit tun»; S.172f