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Zitatensammlung
Teil 2
Zitate von Emil BOCK zum
VATERUNSER
Im 11. Kapitel wird geschildert, wie Christus den Jüngern das Vaterunser gibt. Da lautet in alten Handschriften der Text der zweiten Bitte nicht »dein Reich komme«, sondern »dein Heiliger Geist komme auf uns herab und führe uns durch die Läuterung (Katharsis).« Hier berühren wir den für das ganze Lukas-Evangelium, in welchem so oft vom »Reich Gottes« die Rede ist, bedeutsamen Zusammenhang zwischen dem »Heilgen Geiste« und dem »Reich Gottes«. »Reich Gottes« darf nicht gefühlsmäßig erbaulich genommen werden, sondern exakt geistig. Es ist eine geist-erfüllte Innensphäre der Welt, deren Gloria immer mehr die harte Schale der Sinnenwelt durchdringen soll. Der Heilige Geist ist die »mütterliche Weltseele«. Die beiden Grundbegriffe des Evangeliums begegnen einander.
S.621
Unmittelbar nach der Szene von Maria [~ Bitterwasser] und Martha [~ Herrin] erzählt uns das Lukas-Evangelium, wie die Jünger Jesus bitten, er möge sie beten lehren, und wie Christus ihnen das Vaterunser gibt. Bildhaft hat sich die richtige Gebetshaltung in der Gestalt der Maria kundgetan, wie sie der Gestalt der Martha gegenübergestellt ist. Das Vaterunser soll also hier die Kraft bedeuten, den inneren Weg von Martha zu Maria zu gehen. Nun hat im Lukas-Evangelium das Vaterunser eine ganz eigenartige Form, die nur in den üblichen Bibeln nicht mehr zu erkennen ist, weil man das Lukas-Vaterunser dem Matthäus-Vaterunser angeglichen hat. Eine der Merkwürdigkeiten des Lukas-Vaterunsers ist die, daß es schließt mit der Bitte: »Führe uns nicht in Versuchung!« Diese Bitte ist also im Sinne des Lukas-Evangeliums der Gipfel, das innere Ziel des Betens und der Meditation. Das muß vor allem denen rätselhaft sein, die mit dieser Bitte nicht ohne innere Schwierigkeit zurechtkommen. Es wird z.B. von den Mitgliedern des Tempelritterordens überliefert, daß sie beim Beten des Vaterunsers die Bitte von der Versuchung ausließen, weil sie dachten: Gott führt nicht in Versuchung, er hilft zur Überwindung derselben. Der Teufel ist es, der in Versuchung führt.
Aus dem Bildzusammenhang, den wir hier betrachten und in welchen das Lukas-Evangelium sein Vaterunser hineinstellt, ausdrücklich die Bitte von der Versuchung betonend, fällt Licht auf die tiefe Frage, was »Versuchung« ist.
In jedem Menschen wohnt und waltet ein tiefverborgener Schicksalswille. Das Dichterwort weist auf ihn hin: »Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt.«* Dieser dunkle Drang, als schicksalsbildende Kraft, ist aus unendlichen vorgeburtlichen Tiefen heraus dem Menschenwesen eingepflanzt. Er treibt den Menschen zu den Schicksalsausgleichen, die er braucht. Er ist eigentlich der Drang nach Vollkommenheit. Aber er ist tiefgründiger, als das bewußte Streben des Menschen sein kann. Er wirkt bereits in der sich zur Verkörperung anschickenden Seele als Anziehungskraft zu einem bestimmten Elternpaar, das ihr ein ganz bestimmtes Milieu, eine ganz bestimmte Vererbung entgegenträgt. Jede Unvollkommenheit ist wie der Ruf und Trieb nach einem Ausgleich. Vom Vorgeburtlichen her ist das ganze Erdenleben des Menschen durch diesen inneren Schicksalsausgleichstrieb bestimmt. In der verschiedensten Art wirkt er sich aus. Die innewohnende Unruhe tritt bei dem einen Menschen in einer Krankheit hervor. Dann ist die Krankheit die Schule, in der die Seele die ihr fehlende Kraft und Ruhe verstärken kann. Bei einem anderen tritt sie als bewußtes Höhenstreben auf. Da kann sich dann oft der Mensch nicht genug tun in Hilfeleistungen aller Art. Der Mensch ist dann »Martha«. Es kann aber infolge der Seelendumpfheit oft dieser Trieb auch als Versuchung sich auswirken, durch die der Mensch sich in Irrungen und Wirrungen verstrickt. Der tief unbewußte Trieb nach Vollkommenheit treibt infolge der Dumpfheit den Menschen in Unvollkommenheiten und Abirrungen hinein. Die Unrast der Sinnlichkeit, die sich zur Dämonie steigern kann wie bei Maria Magdalena, die, bevor sie Christus fand, die große Sünderin war, ist nichts anderes als ein verirrtes Streben nach Vollkommenheit. Die Seele sucht den Schicksalsausgleich im falschen Gebiet und macht sich dadurch nur noch mehr ausgleichsbedürftig.
* Goethe »Faust«, I. Teil.
Es mag manchem fremd erscheinen, so verschiedenartige Lebensäußerungen wie hingebungsbeflissenen Tätigkeitsdrang und schweifende Sinnensucht aus einem Quell hervorfließen zu sehen. Beides ist Unruhe. Und gerade das moderne Leben mit der Phrase des Keine-Zeit-Habens zeigt überdeutlich, wie Flucht vor sich selber, Angst vor dem Alleinsein, Mangel an innerem ruhenden Gleichgewicht sowohl in der Geschaftlhuberei als in der Zerstreuungssucht steckt. »Versuchung« ist in beidem, nicht nur in der Sinnlichkeit, sondern auch in der Martha-haften Tatbeflissenheit. »Versuchung« ist das unruhige Treiben der Seele, mag es zum Guten oder zum Bösen führen. Der göttliche Trieb nach Vollkommenheit wirkt sich noch als »Versuchung« aus. Deshalb ist die Bitte nicht nur sinnvoll, sondern unendlich weitreichend: Führe uns nicht in Versuchung!
S.672ff
Christus gibt den Jüngern das Vaterunser und schließt daran eine große Gebets- und Meditationsunterweisung an. Gebet und Meditation, das ist die Kraft der Pfadbeschreitung, das ist die Kraft, die von innen heraus die Knospe sprengt.
Diese Unterweisung ist oft genug mißverstanden worden, insofern man sie auffaßte als Aufforderung zum anhaltenden Bittgebet. Das äußerliche Bittgebet ist allzu leicht Mantel eines gröberen oder versteckteren Egoismus. Das verinnerlichte, zur Meditation werdende Gebet ist Arbeit der Seele an sich selbst, Selbstbereitung für den Empfang der göttlichen Gnade.
S.705
Die Bitte um das tägliche Brot ist, wenn das Vaterunser für sich genommen wird, einfach eine Bitte um äußere Gaben, obwohl von den ersten drei Bitten her doch auf die vierte Bitte bereits ein höheres und erhöhtes Licht fällt. Findet aber das Vaterunser seine Stelle in der Menschenweihehandlung [im Altarsakrament] nach vollzogener Wandlung, so geht der Bitte um das tägliche Brot die Bitte um die Verwandlung des Brotes in den Leib Christi voran. Es ist dann im Bezug auf das Brot ein höheres Niveau erreicht, auf dem auch die Vaterunser-Bitte nicht mehr bloß ein Gebet um äußere Gaben ist. Die Vaterunser-Bitte hat ihre Oktave gefunden.
S.975
aus «Das Evangelium»