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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Ernst MOLL zur
URSPRACHE und URWORT
Die Frage der Ursprache muß in einer dreifachen Schichtung gesehen werden. Erstens im Hinblick auf diejenige Zeit des Menschheitswerdens, in der die Ichentwicklung noch nicht in den Vordergrund tritt, sondern wo die Menschheit sich allmählich herausgebiert aus dem tragenden Götterschoße. In diesen noch primitiven, urtümlichen Verhältnissen, wo die Menschheit sich erst anschickte, Menschheit zu werden, hatte sie eine gemeinsame, wirkliche Ursprache. Die Ursprache war aber in gewissem Sinne noch keine eigentlich menschliche Sprache, sondern, wenn wir uns paradox ausdrücken dürfen, mehr eine Art Tier-Götter-Sprache. (Interjektions- bzw. Mysteriensprache.) Da war noch ein gemeinsamer vorevolutorischer Untergrund vorhanden.
Rein interjektiv antwortete der Mensch in dieser Sprache mit einer tönenden Gebärde von innen auf die Sinneseindrücke von außen. Die Sprache war noch keine bleibende.
"Denn daß die Sprache in verschiedene Sprachen differenziert worden ist, das rührt nur davon her, daß die Sprache etwas Bleibendes wurde. Aber die Sprache war dazumal nicht veranlagt, etwas Bleibendes zu sein ... Von dieser lebendig-flüssigen Sprache ist dasjenige, was sich als Sprache dann ausgebildet hat, nur die irdische Projektion, das Heruntergefallene, das Abgefallene. Und an diese ursprüngliche Sprache, die man spricht mit der ganzen Welt, erinnert der Ausdruck ... von dem 'verlorengegangenen Wort'." An diesen ursprünglichen Geist, den der Mensch noch schaute, "und wo er im Innern seines Atmungsprozesses auf die Wahrnehmung des Auges antwortete mit der tönenden Geste, - an dieses lebendige 'mit dem Geiste zusammen sein' erinnert das Wort: 'Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.'" (15)
Zu dieser Zeit war der Mensch, an sich dem Tiere verwandter, noch dem göttlichen Ursprung näher. Es ist die Zeit des alten Lemurien [a].
"Die Menschen konnten sich zwar Vorstellungen machen von den Dingen und Ereignissen; aber diese Vorstellungen blieben nicht in der Erinnerung haften. Daher hatten sie auch noch keine Sprache im eigentlichen Sinne. Was sie in dieser Beziehung hervorbringen konnten, waren mehr Naturlaute, die ihre Empfindungen, Lust, Freude, Schmerz und so weiter ausdrückten, die aber nicht äußerliche Dinge bezeichneten." (16)
Erst in der nachfolgenden Atlantis [a] können wir vom Entstehen einer eigentlichen Sprache reden. In Lemurien ist das Sprechen noch mehr ein Singen, ein zum Ausdruck bringen unmittelbar erlebter göttlicher Gedankenwirkungen.[b] Das Geistige des heutigen Wortes ist der klare, durchsichtige menschliche Begriffsinhalt. Das Geistige jener Zeit war dynamisch-göttliche Machtwirkung. Der Begriff ist individualisiert. Das Göttlich-Geistige des Wortes wird als Einheit erlebt. Es ist die Sprache des vor-ich-lichen Menschheits-Ursprungs.
Dann folgt die Entwicklung ins Menschheitliche hinein. Die Ichwerdung macht sich geltend. Ihr Ergebnis sind die differenzierten Volkssprachen unserer Zeit. Die Ursprache ist zunächst im Bewußtsein verglommen, wennschon es, wie gesagt, möglich ist, sie in ihren letzten Nachklängen wieder graduell heraufzuheben. Das Streben nach einer Einheit der Sprachen ist aber gerade am stärksten im Augenblick ihrer größten Differenziertheit. Wir stoßen auf die zweite Schichte der 'Ursprache'. Nämlich da, wo man ihre Einheit durch eine abstrakte Konstruktion ersetzen will, um auf diese Weise einen Ersatz für das Verlorene zu gewinnen. Eine abstrakte Einheitssprache in Gestalt eines Esperanto, Volapük oder 'Basic English' über die Welt hin ist das Ideal dieser Zeit. An die Stelle der göttlichen Einheit in der Ursprache trat die abstrakte illusionär-menschliche in der 'Weltsprache'.
Die Zukunft - und damit gelangen wir zur Dritten Schicht - kann nur eine eigentliche Menschheitssprache sein, die aus der Tiefe des Menschenwesens selber geschöpft ist. Sie wird keine konstruierte, sondern eine gewachsene Sprache sein. Gewonnen wird sie aber nicht durch ein Zurückgehen zu den ursprachlichen Wurzeln, sondern umgekehrt durch ein Vorstoßen durch die Differenziertheit der gewordenen Sprachen. Von der 'Ursprache' über die 'Einheitssprache' kommen wir zur 'Menschheitssprache'. [...] Die alte Einheit der Ursprache, selbst in unseren differenzierten Volkssprachen noch erkennbar, wird gefunden durch Abstraktion. Aus der Vielheit der Sprachen wird gleichsam der gemeinsame Wortfaktor herausgezogen. Man gelangt zu einem Stamm von Grundworten und Wurzeln, den mysterienhaften Ausgangspunkten aller Sprachen über die Erde hin. Ihr Vorhandensein ist unverkennbar und kann heute nicht mehr geleugnet werden. Gegenüber dieser historisch-analytischen Methode möchten wir die hier angewandte eine synthetische nennen. Anstatt die Einheit als vergangene durch Abstraktion zu fassen, wird sie als lebendige, höhere Einheit aus der Vielheit entwickelt. Eine Art ideelles Urwort, eine ideelle Ursprache wird erstrebt, ähnlich wie Goethe die Idee der Urpflanze ausgebildet hat.
Diese 'Urpflanze' ist nicht, wie man oft meinte, eine im Raume sichtbare primitive Anfangsform, aus der sich alle späteren komplizierten Pflanzenformen herausentwickelt haben sollen. Die Urpflanze ist vielmehr eine Idee, ein in sich wandelbares Prinzip der Pflanze, das sich in die verschiedensten Untergründe, Umweltsbedingungen hineinverkörpern kann. So kann auch das 'Urwort' nicht ein historisch irgendwie greifbares einfaches Wort im Sinne unserer heutigen Sprachen sein, das man in dieser oder jener ältesten Sprache zu finden vermeint. Es ist vielmehr auch dieses Urwort eine Idee. Und die einzelnen gewordenen Worte sind dann zufallsbedingte Niederschläge der ideellen Wortpotenz, die als die Summe aller ursprachlichen Möglichkeiten sozusagen darüberschwebt. Wie Goethe die Idee der Urpflanze entwickelt hat durch das Anschauen immer neuer natürlicher Pflanzen, so wäre das entsprechende Organ zur Wahrnehmung dieser ursprachlichen Möglichkeiten durch das 'Naturstudium' immer neuer Wortphänomene zu erwerben. Das stete Verfolgen und Beobachten des Schaffens des Sprachgeistes selber würde allmählich dazu führen, seine Gesetze in das bewußte und freie menschliche Wortschaffen hineinzubekommen. Wir würden zum Dichter, zum Künstler.
S.20f
15 Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha 175 [S.243f]
16 Aus der Akasha-Chronik, die lemurische Rasse 11 [S.58]
aus «Die Sprache der Laute»
a] vgl. Mbl.7
b] vgl. GA 11; S.67f