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Zitatensammlung
Teil 2
oser la rose
Zitat von Johann Valentin ANDREAE zu den
TORHÜTERN
Es war aber ein überaus schönes, königliches Portal, in das viel herrliche Bilder und Zeichen gehauen waren, von denen jedes, wie ich nachher erfuhr, seine besondere Bedeutung hatte. Zu oberst war ein ziemlich großes Täfelchen angebracht mit der Inschrift: Procul hinc, procul ite Prophani! (Weichet, weichet von hinnen Unberufene!) und anderes mehr, was mir zu erzählen streng verboten ist. Sobald ich unter dem Portal stand, kam alsbald ein Hüter in himmelblauem Kleid hervor. Ich grüßte ihn freundlich, worauf er ebenfalls dankte, dann aber sogleich meinen Empfehlungsbrief von mir forderte. O wie froh war ich nun, daß ich ihn mitgenommen hatte! Denn wie leicht hätte ich ihn vergessen können, wie es ja auch anderen geschehen war, seiner Erzählung nach. Diesen wies ich eilig vor, und er war damit nicht nur zufrieden, sondern ehrte mich deshalb sehr, was mich höchlich verwunderte, und sprach: «Gehet hin, mein Bruder; ein lieber Gast seid Ihr mir!» Dann bat er mich um meinen Namen, und als ich ihm antwortete, ich sei der Bruder von dem roten Rosenkreuz, da wunderte er sich und freute sich dazu. Dann hob er an: «Mein Bruder, habt ihr nichts bei Euch, ein Abzeichen einzutauschen?» Ich antwortete, mein Vermögen sei gering; wenn er aber etwas von dem, was ich auf mir hätte, gerne haben wolle, so möge er es nur nehmen. Als er mein Fläschlein mit Wasser begehrte und ich es ihm zugebilligt hatte, gab er mir eine goldene Münze, auf der mehr nicht stand als die zwei Buchstaben: S. C. (SANCTITATE CONSTANTIA, SPONSUS CHARUS, SPES CARITAS: Standhaftigkeit in Frömmigkeit, vielgeliebter Bräutigam, Hoffnung und Liebe).
Dabei ermahnte er mich, daß mir dies sehr zum Heil gereichen würde, wenn ich darauf achten wolle. Hierauf fragte ich ihn, wieviele vor mir hineingegangen seien, was er mir auch mitteilte. Schließlich gab er mir aus Güte und Freundschaft ein versiegeltes Brieflein an den zweiten Hüter mit. Da ich mich bei ihm etwas länger aufhielt, brach die Nacht herein.
Unterdessen war über der Pforte eine große Pechpfanne angezündet worden, damit, falls jemand unterwegs wäre, er herzueilen könne. Der Weg aber, der vollends zum Schloß führte, war zu beiden Seiten von hohen Mauern umsäumt und mit schönen Bäumen voll allerlei Früchten bepflanzt. Außerdem standen zu beiden Seiten je drei Bäume, an denen Laternen befestigt waren; darin waren bereits alle Lichter durch eine schöne Jungfrau, ebenfalls in blauem Kleide, mit einer herrlichen Fackel angezündet worden. Das war so prächtig und kunstvoll anzusehen, daß ich mich länger, als ich wollte, aufhielt. Endlich aber, nachdem ich genügend von dem ersten Hüter erfahren hatte, schied ich freundlich von ihm.
Unterwegs plagte mich die Neugierde, was wohl in dem Brieflein stehen möge; da ich aber dem Hüter nichts Unfreundliches zutrauen durfte, mußte ich meinen Vorwitz im Zaum halten und so den Weg zurücklegen, bis ich auch zur zweiten Pforte kam. Diese glich zwar der ersten fast aufs Haar, aber es waren andere Bilder darauf, und sie war voll geheimnisvoller Verzierungen. Auf dem angehefteten Täfelchen stand: Date et dabitur vobis! (Gebet, so wird euch gegeben). Unter dieser Pforte lag an einer Kette ein grausamer Löwe, der sich sofort aufrichtete, als er mich erblickte, und mit lautem Gebrüll nach mir begehrte. Davon erwachte der zweite Hüter, der auf einem Marmorstein gelegen hatte, und hieß mich ohne Furcht und Sorge sein. Darauf trieb er den Löwen hinter sich und nahm das Brieflein, das ich ihm zitternd hinreichte, in Empfang, las es und sprach mit großer Verbeugung: «Nun sei mir Gott willkommen der Mensch, den ich längst gerne gesehen hätte!» Gleichzeitig zog er ebenfalls eine Münze heraus und fragte mich, ob ich sie einlösen könne. Weil ich aber nichts mehr hatte als mein Salz, bot ich ihm dieses an, und er nahm es mit Dank entgegen. Auf der Münze aber standen abermals nur zwei Buchstaben, nämlich: S. M. (STUDIO MERENTIS, SAL HUMOR¹, SPONSO MITTENDUS, SAL MINERALIS, SAL MENSTRUALIS: Dem Würdigen im Studium, ? , Unterpfand des Bräutigams, Mineralsalz, Salz der Reinigung).
Wie ich auch mit diesem Hüter sprechen wollte, fing man im Schlosse an zu läuten, weshalb mich der Hüter ermahnte, mich zu beeilen, da sonst alle meine Mühe und Arbeit umsonst sein möchte; denn man fing oben schon an, die Lichter auszulöschen. Das tat ich so rasch, daß ich vergaß, von dem Hüter Abschied zu nehmen. Es war auch höchste Zeit, denn so schnell konnte ich nicht laufen, daß mich die Jungfrau, hinter der alle Lichter ausgelöscht waren, nicht einholte. Auch hätte ich den Weg niemals finden können, wenn sie mir nicht mit ihrer Fackel noch geleuchtet hätte. So hatte ich alle Mühe, knapp hinter ihr noch hineinzuschlüpfen; denn die (dritte?) Pforte wurde so schnell zugeschlagen, daß noch ein Zipfel meines Rockes eingeklemmt wurde. Diesen mußte ich natürlich zurücklassen, denn weder ich, noch diejenigen, die vor der Türe draußen riefen, konnten den Torwärter dazu bewegen, wieder aufzuschließen. Er beteuerte, er habe die Schlüssel der Jungfrau abgegeben, die sie mit sich in den Hof genommen habe.
Inzwischen schaute ich mich abermals an der Pforte um. Diese war nun so köstlich, daß die ganze Welt nicht ihresgleichen hatte. Neben der Türe waren zwei Säulen; auf der einen stand eine lustige Statue mit der Inschrift: Congratulor (herzlichen Glückwunsch)! Die andere verhüllte ihr Antlitz, war traurig, und darunter stand: Condoleo (herzliches Beileid)! Kurzum, es waren so dunkle, geheimnisvolle Sprüche daran, daß sie auch der Gescheiteste auf Erden nicht hätte deuten können.² An diesem Tor mußte ich abermals meinen Namen angeben. Dieser wurde als letzter in ein pergamentenes Büchlein eingetragen und mit anderen dem hohen Bräutigam zugestellt. Dann wurde mir erst das richtige Gastzeichen gegeben. Dies war etwas kleiner als die andern, doch viel schwerer, und darauf standen die Buchstaben: S. P. N. (SALUS PER NATURAM, SPONSI PRAESENTANDI NUPTIIS: Rettung durch die Natur, bei der Hochzeit des Bräutigams Gast).
2.Tag; S.29ff
¹ Sal humor für S. M. ist schwer deutbar. [mögliche Deutung: Salz der Feuchte, auch des Humors]
² Ergänzung zum Text: Diese sollen alle, falls Gott es mir vergönnt, in Kürze veröffentlicht und ausgedeutet werden.
aus «Die chymische Hochzeit»
Kommentare
Die Vorgänge an den Pforten, die Begegnung mit dem Löwen, das Lesen der Inschriften an den zwei Säulen des Eingangs und anderes von den Vorkommnissen des zweiten Tages wird von dem Bruder des Rosenkreuzes so durchlebt, daß man sieht, seine Seele webt in der gekennzeichneten Stimmung. Er erfährt dies alles so, daß ihm derjenige Teil davon unbekannt bleibt, der zu dem gewöhnlichen an die Sinneswelt gebundenen Verstand spricht, und daß er nur das aufnimmt, was zu den tieferen Gemütskräften in ein geistig anschauliches Verhältnis tritt. - Die Begegnung mit dem «grausamen Löwen» bei der zweiten Pforte ist ein Glied in der Selbsterkenntnis des Geistsuchers. Der Bruder vom Rosenkreuz durchlebt sie so, daß sie als Imagination auf seine tieferen Gemütskräfte wirkt, daß ihm aber unbekannt bleibt, was sie für seine Stellung innerhalb der geistigen Welt bedeutet. Dieses ihm unbekannte Urteil fällt der «Hüter», der sich bei dem Löwen befindet, diesen beruhigt und zu dem Eintretenden gemäß dem Inhalt eines Briefes, der diesem Eintretenden auch unbekannt ist, die Worte spricht: «Nun sei mir Gott willkommen, der Mensch, den ich längst gern gesehen hätte.» Der geistige Anblick des «grausamen Löwen» ist das Ergebnis der Seelenverfassung des Bruders vom Rosenkreuz. Diese Seelenverfassung spiegelt sich in dem Bildekräfteteil der geistigen Welt und gibt die Imagination des Löwen. In dieser Spiegelung ist ein Bild des eigenen Selbstes des Beschauers gegeben. Dieser ist
im Felde der geistigen Wirklichkeit ein anderes Wesen als im Gebiete des sinnenfälligen Daseins. Die im Bereiche der Sinneswelt wirksamen Kräfte formen ihn zum sinnlichen Menschenbilde. Im Umkreis des Geistigen ist er noch nicht Mensch; er ist ein Wesen, das sich imaginativ durch die Tierform ausdrücken läßt. Was im sinnenfälligen Dasein des Menschen an Trieben, an Affekten, an Gefühls- und Willensimpulsen lebt, das ist innerhalb dieses Daseins in Fesseln gehalten durch das an den Sinnesleib gebundene Vorstellungs- und Wahrnehmungsleben, die selbst ein Ergebnis der Sinneswelt sind. Will der Mensch aus der Sinneswelt heraustreten, so muß er sich bewußt werden, was an ihm außer dieser Welt nicht mehr durch die Gaben der Sinneswelt gefesselt ist und durch neue Gaben aus der Geisteswelt auf den rechten Weg gebracht werden muß. Der Mensch muß sich schauen vor der sinnenfälligen Menschwerdung. Dieses Schauen wird dem Bruder vom Rosenkreuz durch die Begegnung mit dem Löwen, dem Bilde seines eigenen Wesens vor der Menschwerdung, zuteil. - Nur um nicht Mißverständnisse hervorzurufen, mag hier angemerkt werden, daß die Daseinsform, in der sich die dem Menschen zugrunde liegende Wesenheit vor der Menschwerdung auf geistige Art erblickt, nichts zu tun hat mit der Tierheit, mit welcher der landläufige Darwinismus die Menschenart durch Abstammung verknüpft denkt. Denn die Tierform des geistigen Anblickes ist eine solche, die durch ihre Wesenheit nur der Bildekräftewelt angehören kann. Innerhalb der Sinneswelt kann sie nur als unterbewußtes Glied der Menschennatur ein Dasein haben. - Daß er mit dem Teil seiner Wesenheit, der durch den Sinnesleib in Fesseln gehalten ist, noch vor der Menschwerdung steht, das drückt sich in der Seelenstimmung aus, in der sich der Bruder vom Rosenkreuz beim Eintritte in das Schloß befindet. Was er zu erwarten hat, dem stellt er sich unbefangen gegenüber und trübt es sich nicht durch Urteile, die noch von dem an die Sinneswelt gebundenen Verstand herstammen.
Rudolf Steiner
aus „Die chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz”
in «GA 35»; S.355ff
Auf diese Weise gelangt er auf einen „hohen Berg”, auf dem er von weitem ein prächtiges Portal erblickt hatte. Diese Beschreibung erinnert an einen Kupferstich aus dem Amphitheatrum Sapientiae Aeternae [«Amphitheater der ewigen Weisheit»] von Heinrich Khunrath, dessen erste Auflage 1602 erschienen war. Das überladene Bild zeigt eine weite Landschaft mit Wäldern und steilen Felsen. Ein Einsiedler betet in seiner Höhle, andere Männer gehen auf dem Weg, der zur Festung der Weisheit hinaufführt und von Gottes Strahlen beleuchtet wird, und ein Schild signalisiert oben das Ziel der peregrinatio, nämlich das Amphitheatrum Sapientiae Aeternae. Christian kommt bei Sonnenuntergang an [vgl. „Die Geheimnisse”], als die Finsternis die Welt zu überschatten beginnt, und er muß drei Pforten durchschreiten, die mit geheimnisvollen Figuren geschmückt sind, um das Licht wieder zu erreichen. Die Aufnahme in das Schloß ist also ein Initiationserlebnis, ein geistiger Übergang von der profanen Nacht zur Erleuchtung, der durch verschiedene, sinnvolle Aufschriften bezeichnet wird, wie: Procul hinc, procul ite profani! (Weichet, weichet von hier, ihr Unwürdigen!), oder zu beiden Seiten des Hauptportals: Congratulor (ich beglückwünsche dich) und Condoleo (ich leide mit dir), die auf die miteinander verbundenen Stufen der christlich-alchemistischen Wandlung der mortificatio [~ Abtötung] und der Wiedergeburt [reincarnatio] anspielen. In der Aurora consurgens aus dem 13. Jahrhundert heißt es: „Der Mensch, der zuvor tot war, ist zu einer lebenden Seele gemacht worden.”
Von jedem Torhüter bekommt Christian eine goldene Münze, und auf der dritten stehen die Buchstaben S. P. N., deren in der Marginalie angegebene zweifache Interpretation auf den doppelschichtigen Sinn der ganzen Erzählung hinweist: das Kürzel wird nämlich zugleich als Salus Per Naturam (Rettung durch die Natur) und als Sponsi Praesentandi Nuptiis (Gast des Bräutigams bei der Hochzeit) enträtselt, wobei die vom Verfasser gewollte Ambivalenz der Chymischen Hochzeit angedeutet wird: einerseits geht es um die Alchemie im „Licht der Natur”, andererseits aber um die „himmlische Kunst” im „Lichte der Gnade”, die von oben herabkommt und die in der Redeweise von Paracelsus aus den Aposteln, Propheten und „Gelehrten von Gott” auch „Künstler” macht. [...]
Roland Edighoffer
aus «Die Rosenkreuzer»; S.38f