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Neudenken:
Denken ohne Geländer
Ich glaube nicht, daß es irgendeinen Denkvorgang gibt, der ohne persönliche Erfahrung möglich ist. Alles Denken ist Nachdenken, der Sache nachdenken. Nicht? Ich lebe in der modernen Welt, und selbstverständlich habe ich in der modernen Welt meine Erfahrungen. Im übrigen ist das ja von vielen anderen auch festgestellt worden. Sehen Sie, die Sache mit dem Nur-noch-Arbeiten-und-Konsumieren, die ist deshalb so wichtig, weil sich darin wieder eine Weltlosigkeit kundtut. Es liegt einem nichts mehr daran, wie die Welt [als der Raum, in dem Dinge öffentlich werden] aussieht.
S.67
Ja, ich glaube, daß das Denken einen Einfluß auf das Handeln hat - auf den handelnden Menschen, weil es dasselbe Ich ist, das denkt und handelt. Aber nicht die Theorie.[a] Die Theorie kann das Handeln nur durch Veränderung des Bewußtseins beeinflussen. Haben Sie jemals über die Zahl der Menschen nachgedacht, deren Bewußtsein Sie zu ändern haben werden?
Und wenn Sie hierüber nicht so konkret nachgedacht haben, dann denken Sie über die Menschheit nach - das heißt über ein Substantiv, das in der Wirklichkeit nicht existiert,[b] das ein Begriff ist. Und immer erfährt dieses Substantiv - sei es nun das Marxsche Gattungswesen, die Menschheit, der Weltgeist oder was immer - eine Auslegung entsprechend dem Bild eines einzelnen Menschen.
S.74f
Was ist der Gegenstand unseres Denkens? Die Erfahrung![c] Nichts anderes! Und wenn wir den Boden der Erfahrung verlieren, dann gelangen wir in alle möglichen Arten von Theorie.
S.79
Und wenn Sie verallgemeinern wollen, dann können Sie sagen, daß diejenigen, die noch sehr fest an alte Werte glaubten, am ehesten bereit waren, ihre alten Werte gegen eine neue Weltordnung einzutauschen, vorausgesetzt, man gab ihnen eine. Und ich fürchte mich davor, weil ich glaube, daß in dem Moment, in dem Sie jemandem eine neue Weltordnung - oder jenes berühmte »Geländer« - geben, dieses sofort ausgetauscht werden kann.[d]
S.86
Sie sprachen vom bodenlosen Denken (»groundless thinking«). Ich habe eine Metapher, die nicht ganz so grausam ist und die ich niemals veröffentlicht, sondern für mich selbst behalten habe. Ich nenne das »thinking without bannister«, auf deutsch: »Denken ohne Geländer.« Das heißt, wenn Sie Treppen hinauf- oder hinuntersteigen, dann gibt es immer das Geländer, so daß Sie nicht fallen. Dieses Geländer ist uns jedoch abhanden gekommen.[e] So verständige ich mich mit mir selbst.
S.110
Was Sie über Unterscheidungen sagen, ist vollkommen richtig. Ich beginne immer alles - ich will nicht allzu genau wissen, was ich tue -, ich beginne also immer alles, indem ich sage: A und B sind nicht dasselbe.[f] Und dies kommt natürlich direkt von Aristoteles. Und für Sie kommt es von Thomas von Aquin, der genauso vorgegangen ist.
S.112
Daß man im guten und bösen dem Wirklichen die Treue halten muß, darauf läuft doch alle Wahrheitsliebe heraus und alle Dankbarkeit dafür, daß man überhaupt geboren wurde. (11. Juni 1965)
S.239
Hannah Arendt
aus «Ich will verstehen»
Unsere Anmerkungen
a] die zuallermeist ideologisch gefärbt (vgl. Ideologiekritik), zumindest jedoch von der Beschränktheit derer durchsetzt ist, die eine Theorie bilden
b] dh. nicht erfasst werden kann
c] Diese kann physisch oder metaphysisch sein.
d] also beliebig bleibt
e] seit dem zweiten Drittel des XX.Jahrhunderts
f] entweder nicht dem Raum nach, oder nicht der Zeit nach, oder nicht dem konkreten Kontext nach - Hier geht es ums Unterscheidungsvermögen, also um die Fähigkeit, diskriminieren zu können.