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Neudenken:
Schicksalsermöglicher
An jenem Tag aber, an dem mir die Tatsache der wiederholten Erdenleben aufging, fügten sich durch meinen das Rundum beleuchtenden Blick sämtliche zuvor ins Auge gefassten dazugehörigen Aspekte zusammen. So begriff ich auch, warum sich vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis jeder Mensch als ein unvergleichliches Individuelles ausnahm. Jedes Ich-Sein war einzigartig aufgrund der Summe seiner ebenso einzigartigen Erfahrungen und Entscheidungen, die es während seiner wiederholten Leben gemacht und getroffen hatte, die es zu dem gemacht hatten, was es heute war. Das bedeutete: Was diese Erfahrungen und Entscheidungen aus ihm, seinem eigentlichen Menschenwesenskern gemacht hatten, trug der Mensch in das neue Erdenleben wieder hinein. - Die Genetik erschien in einem völlig neuen, taghellen Licht. Vieles hatte ich von den Eltern ererbt: die Statur, meine zeichnerische Begabung, mein sportliches Talent. Aber so unendlich Vieles auch nicht. Unter diesem Vielen waren allerlei geistige Neigungen, die ich mir - da ich sie von klein auf hatte - auch nicht durch das vorliegende Leben angeeignet haben konnte. Auch mit bestimmten Qualitäten der Seele war ich ins Erdenleben, in meinen physischen Leib hineingestiegen, die ich in meinen Eltern so nicht wiederfand, die ich mir also bereits in früheren Leben erworben haben musste und welche mir jetzt als reife Früchte scheinbar in den Schoß gefallen waren. Aber auch die weniger erfreulichen Qualitäten meiner Seele ließen sich nicht allein durch die Vererbungsgesetze oder durch frühkindliche Traumata, wie es die herkömmliche Psychologie nahelegt, erklären. Und nicht zuletzt musste mein offenbar nicht alltägliches Verhältnis zur Welt der Wirklichkeit,[a] welches mein inneres Leben ausmachte, auf einem gewissen Fundament aufbauen, das in vergangenen Zeiten gelegt worden war.
Die Gene, die man von den Eltern erhielt, waren eine brilliante Erfindung zur Ermöglichung des vollkommen individuellen Schicksals [b] des jeweiligen Menschen-Ichs! Sie bestimmten nicht das Schicksal des Menschen-Ichs - sie ermöglichten es.[c]
Ich sah jenseits des «Tores», wie der (bewusste oder unbewusste) Impuls der Eltern, ein Kind zu zeugen, in der «Herstellung» einer leiblichen Behausung mündete, die gewissermaßen so lange frei verfügbar blieb, bis sich der entsprechende Menschenwesenskern in der Sphäre der Welt der Wirklichkeit gegen Ende seines rein geistigen Zwischen-Lebens für eine neuerliche Inkarnation, und zwar in der betreffenden leiblichen Hülle entschied.[d] Ich sah, wie in jenem (überzeitlichen) gerade stattfindenden Augenblick unzählige Menschen-Iche sich anschickten, eine bestimmte, soeben auf Erden entstehende Leiblichkeit zu beziehen, und wie die Entscheidung für eine bestimmte Leiblichkeit unter der weisen Führung höherer Wesen [e] gefällt wurde, so dass das jeweilige Menschen-Ich genau diejenige Leiblichkeit beziehen würde, die ihm die Anwendung seiner aus dem Geistgebiet mitgebrachten seelisch-geistigen Errungenschaften und Eigenschaften aus früheren Leben auf Erden am ehesten ermöglichte. Bis in die Physiognomie, bis in die Handlinien hinein wurde so die stofflich-physisch-leibliche Gestalt zum Ausdruck sowohl der mitgebrachten Eigenarten als auch des sich noch zu vollziehenden Schicksals - der physische Leib als selbstgewähltes Werkzeug zur Erfüllung des eigenen vollständig individuellen Schicksals.
So lag etwa die tiefere Ursache dafür, dass Mozart ein begnadeter Pianist und Komponist wurde, nicht darin begründet, dass er das musikalische Talent seines Vaters ererbt hatte, sondern dass der einst im vorgeburtlichen Geistgebiet lebende Menschenwesenskern des späteren Wolfgang Amadeus Mozart sein künftiges Schicksal nur dadurch in der schließlich erfolgten Weise hatte verwirklichen können, dass ihm jene durch Leopold Mozart [f] und dessen Frau gebildeten leiblichen Vorbedingungen zur Verfügung gestellt waren.
Und auch die dem Menschen nicht durch äußere Faktoren entstehenden persönlichen Hemmnisse, die sich aus seinen unersprießlichen Entscheidungen aus vorangegangenen Erdenleben ergaben, mussten durch die von den Eltern vererbte physische Gestalt zum Ausdruck kommen, wie zum Beispiel die Anlage zu einer bestimmten Erkrankung, weswegen aber die Eltern eben keine «Schuld»[g] traf, selbst wenn es sich um eine sogenannte Erbkrankheit handelte.
 
Doch in diesem physischen Leib wurden auch gänzlich neue Entscheidungen getroffen und Umstände in die Wege geleitet, die nicht von der Macht des Schicksals, also von dem «Mitgebrachten», sondern von dem Menschen-Ich selber bestimmt wurden. Denn der eigentliche Menschenwesenskern war mit einer grandiosen Fähigkeit ausgestattet: Er besaß die Freiheit [b] und die Kraft - vielleicht nicht immer in einem ganz und gar bis in die irdischen Verhältnisse hinein äußerlich sichtbar werdenden Maße, aber doch in einem höheren Sinne -, Herr seines Schicksals zu werden! Wie auch immer die Verhältnisse, in die er sich aus schicksalsmäßigen Gründen hineingestellt fand, auch waren, nichts und niemand konnte - wenn er es aus Schwäche oder Faulheit nicht doch zuließ - Verhinderer seines inneren Veredelungsprozesses sein!
Judith v.Halle
aus «Schwanenflügel»; S.344ff
Unsere Anmerkungen
a] So nennt die Verfasserin die geistige Welt, wie sie diese unmittelbar erfährt.
b] vgl. Mbl.9
c] vgl. »TzN Jun.2008«
d] vgl. das Gespräch des Vaters mit seiner vor ihrer Geburt stehenden Tochter in MblB.E: Kap.XII
e] vgl. MblB.E: Abs.29ff
f] Der gebürtige Augsburger Johann Georg Leopold Mozart war Komponist der Vorklassik und Wiener Klassik.
g] im Sinn von „Verantwortung”