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Neudenken:
Europäische Seelenspielarten
Im Kreise der europäischen Volksseelen treten die angedeuteten Seelennuancen [a] u. a. in drei Gruppen hervor: im italienischen und spanischen Volkstum mit dem Empfindungscharakter, im französischen Volk als Verstandes- und Gemütsseele, in der englischen Welt mit ausgeprägtem Bewußtseinsseelencharakter.
In einer analogen Gliederung findet sich die gleiche Skala bei den skandinavischen Völkern wieder, und zwar im schwedischen, im dänischen und im norwegischen Lebensfeld. Innerhalb der slawischen Welt würde ich, ohne mich auf mir bekannte Aussagen von Rudolf Steiner berufen zu können, eine entsprechende Konfiguration in der Reihenfolge Jugoslawien [b], Polen, Tschechoslowakei [c] vermuten, bei letzterer mit einem starken Akzent auf dem Tschechentum.
So wie sich jedes geschichtliche Leitmotiv je nach Ort und Zeit in reichen Andersheiten metamorphosieren kann, so sind auch die genannten Seelennuancen in der Entfaltung durch die Volksseelen zugleich ähnlich und verschieden. Ganz anders ist zum Beispiel bei mancher Verwandtschaft die Empfindungsseelennuance des Italienertums als die der Schweden, die Verstandes- und Gemütskultur der Franzosen als die bei aller Temperamentsverwandtschaft doch ganz eigenartige Seelenwelt des Polentums.[d]
Es ist fast überflüssig zu betonen, daß alle solchen Angaben ihren wahren Wert verlieren, sobald sie durchschematisiert werden. Sie haben den Wert eines Kompasses. Denn selbstverständlich lebt der volle Reichtum aller Seelenfarben in jedem einzelnen Volk ebenso, wie er in jeder Menschenseele, mehr oder weniger latent, anwesend ist. Überall geht in unserem Zeitalter der einzelne seinen Weg. So wahr aber dieses auch ist, so wahr ist anderseits, daß er schon durch die Aufnahme einer bestimmten Muttersprache durch seine Volksseele mitgeprägt wird. In den Sprachen nun aber sind die durch den «Kompaß» gewiesenen Seelenspielarten objektiv faßbar.
Inmitten des mannigfachen Auf und Ab der Seelenentfaltung hat das Ich, von der Mitte des menschlichen Innenlebens her, eine Beziehung zu allen Arten und Abarten zu bilden. Sein wahres Wesen erblüht erst recht, wenn es jede Form der Seelenäußerung mit ebenso aktivem wie selbstlosem Interesse begleitet. Da ihm alles andere zum Problem wird, muß es auch sich selbst in höchstem Maße problematisch sein. Aus dieser Lage heben sich die Not und die Aufgabe des mitteleuropäischen-deutschen Volkes [e] hervor, in dem Rudolf Steiner die Licht- und Schattenseiten der Ich-Anlage erkannte.
In den der Empfindungsseelen-Welt naheliegenden Gaben der russischen Volksseele erkannte er Möglichkeiten, die zu einer reichen Durchgeistigung des Seelischen führen können. Das Geistige, von reifender und wachsender Ichkraft geformt, könnte dann, mit aller Wärme des Seelischen gepaart, als Geistselbst auftreten. Über dieses Geistselbst, das hier nur angedeutet, doch keineswegs definiert ist, finden sich eingehende Ausführungen im gesamten Lebenswerk Rudolf Steiners.
Entfernt nicht alle Volksseelenäußerungen des europäischen, geschweige denn eines größeren Raumes lassen sich auf diese Grundanschauung bringen, doch wirkt sie zweifellos in allem mit. [...] Vom Finnentum könnte vermerkt werden, daß es sich in einer seelisch-geistigen Brückenstellung befindet, eben zwischen dem großen Reichtum der südwest- und mitteleuropäischen Seelen- und Ich-Nuancen und einem im Osteuropäisch-Slawischen aus den Tiefen Aufkeimenden und Werdenden.[f]
Herbert Hahn
aus «Vom Genius Europas 4»; S.390f
Unsere Anmerkungen
a] vgl. Mbl.5 und R.Steiner zu den Volksseelen Europas
b] heute Slowenien, Kroatien, Bosnien, Serbien, Montenegro und Mazedonien, nicht jedoch Albanien und der Kosovo
c] heute Tschechien, dem mehr das Verstandesseelenhafte innewohnt, und die Slowakei, die mehr das Gemütsseelenhafte zeigt
d] Die vor allem im XIX. bis ins XX. Jahrhundert tragende Achse Paris-Warschau gründete eben keineswegs nur auf der Feindschaft gegenüber dem preussischen Deutschen Kaiserreich (1871-1918).
e] eigentl. deutschsprachigen Volksraumes
f] Auch das Ungarische wird eine solche Brückenstellung einnehmen müssen, will es nicht als ein Fremdes immer wieder Ablehnung erfahren.