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zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 1
Zitat von Rudolf STEINER zu den
VOLKSSEELEN EUROPAS
Nun ist in dem Vortragszyklus über die Volksseelen gezeigt, wie das, was als Seelenglieder in uns vorhanden ist - Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele, Bewußtseinsseele, Ich und Geistselbst - verteilt ist auf die europäischen Nationen; wie jede Nationalität im Grunde genommen eine Einseitigkeit repräsentiert. Und weiter ist dort ausgesprochen, daß so, wie die einzelnen Seelenglieder in uns selbst zusammenzuwirken haben, so haben in Wahrheit die einzelnen Nationalitäten zusammenzuwirken zu der gesamteuropäischen Seele. Wenn wir auf die italienische, auf die spanische Halbinsel hinblicken, so finden wir, daß dort das Nationale sich auslebt als Empfindungsseele. In Frankreich lebt es sich aus als Verstandes- oder Gemütsseele. Wenn wir auf die britischen Inseln gehen, so sehen wir, wie es sich als Bewußtseinsseele auslebt. In Mitteleuropa lebt sich das Nationale aus als Ich. Und wenn wir nach dem Osten hinüberblicken, so ist dies die Gegend, wo es sich auslebt - obwohl der Ausdruck nicht ganz richtig ist, wie wir nachher sehen werden - als Geistselbst. Was sich so auslebt, steht im Nationalen darinnen. Aber das, was im Menschen das Ewige ist, das geht über das Nationale hinaus, das sucht der Mensch, wenn er sich geistig vertieft. Dem gegenüber ist das Nationale nur ein Kleid, eine Hülle, und der Mensch erhebt sich um so höher, je mehr er sich zu dieser Einsicht durchringen kann. Insofern aber der Mensch in der physischen Welt lebt, lebt er eben in der nationalen Hülle, in dem, was seiner äußeren Leiblichkeit die Konfiguration gibt, was im Grunde genommen auch gewissen Eigenschaften, Charaktereigentümlichkeiten seiner Seele die Konfiguration gibt.
Und nun sehen wir in Abneigung, in Haß die Angehörigen der verschiedenen Nationalitäten gegeneinander. Ich spreche jetzt nicht von dem, was im Waffenkampfe vor sich geht. Ich spreche von dem, was in den Gefühlen, in den Leidenschaften der Menschenseelen vor sich geht. Da haben wir eine Seele: die hat sich darauf vorzubereiten, nun empfangen zu werden von einer geistigen Welt, durch welche sie nun zwischen dem Tode und der nächsten Geburt durchzugehen hat, und welche sie führen wird zu einer Inkarnation, die einer ganz anderen Nationalität angehören wird als der, welche sie verläßt. Gerade an dieser Tatsache sehen wir am besten, am klarsten, am stärksten, wie sich der Mensch gegen das sträubt, was sein eigenes höheres Selbst in ihm ist. Blicken wir heute auf irgendeinen «Nationalen», auf einen national Fühlenden, der insbesondere seine Antipathie gegen die Angehörigen einer anderen Nationalität wendet, vielleicht sogar in seinem Lande gegen diese andere Nationalität wütet: was bedeutet dieses Wüten, diese Antipathie? Es bedeutet das Vorgefühl: in dieser Nationalität wird meine nächste Verkörperung sein! Schon ist im Unterbewußten das höhere Selbst verbunden mit der anderen Nationalität. Gegen dieses höhere Selbst sträubt sich das, was auf dem physischen Plan eingesponnen ist in die Nationalitäten des physischen Planes. Das ist das Wüten der Menschen gegen ihr eigenes höheres Selbst. Und wo dieses Wüten am stärksten ist, wo am meisten gehaßt und gelogen wird über andere Nationalitäten, da ist für den, der die Sachen nicht mit Maja, sondern mit Wahrheit ansieht, der wahre Grund dafür der, daß bei den Angehörigen jener Nation, die gegen eine andere am meisten wütet, am grausamsten sich benimmt und am meisten lügt, die Tatsache vorliegt, daß ein großer Teil ihrer Angehörigen mit der nächsten Inkarnation überzugehen hat in jene andere Nationalität.
[...]
Okkultistisch angesehen, war es das Gefühl dafür, daß tatsächlich in dem, was im letzten öffentlichen Vortrage gesagt worden ist über den faustischen Seelencharakter, der in Mitteleuropa angestrebt wird, etwas Sichverjüngendes liegt, etwas das Spirituelle Suchendes, etwas zum Spirituellen Vorbereitendes, etwas, zu dem sich ganz Europa hinwenden wird, wirklich hinwenden wird; das wurde in den Zeiten, welche den unsrigen vorangegangen sind, instinktiv erfühlt. Man wollte etwas verstehen von dem, was da in Mitteleuropa vorgeht. Man wird aber, da man im Nationalen steht, ganz verständnisvoll damit verbunden sein können erst im Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Da wird man verständnisvoll damit verbunden sein können; da wird man den Weg hinfinden zu den mitteleuropäischen Lehrern. Es ist sogar unangenehm, dies jetzt zu sagen, weil es von dem Angehörigen Mitteleuropas wie eine Renommisterei aussieht; aber man muß schon die objektiven Wahrheiten sagen. Was aber so instinktiv empfunden wird, was gesucht werden wird im Leben zwischen Tod und neuer Geburt: Die Vereinigung mit Seelen, die so nach dem allgemein Menschlichen gestrebt haben, mit der Goethe-Seele, mit der Schiller-Seele, mit der Fichte-Seele - was da empfunden wurde von der Tatsache, daß man, wenn man durch die Pforte des Todes gegangen ist, aufsuchen wird vor allem die Goethe-Seele, die Fichte-Seele, die Schiller-Seele und andere Seelen, die in Mitteleuropa ihre letzte Inkarnation hatten -, gegen diese Tatsache, die sich so instinktiv ausgesprochen hat, sträubt sich noch ein letztes Mal unendliches nationales Leidenschaftliches. Wenn wir dieses Sträuben in die Worte gekleidet empfinden, die jetzt von Westen und Nordwesten so häufig zu uns herübertönen, so haben wir an die Stelle der Maja, der Täuschung, die verstandene Wirklichkeit gesetzt. Dann verstehen wir, wie der Erdenmensch, der in sich den ewigen Menschen hat, nicht will, was der ewige Mensch in ihm will; wie sich ihm die Liebe, die er im Ewigen empfinden muß, in Haß umwandelt im Zeitlichen.
Wir werden am besten zur verstehenden Liebe, zum liebevollen Verständnis kommen, wenn wir uns in dem Sinne, wie es unsere geistige Wissenschaft uns geben kann, über die Charaktere der europäischen Menschheit unterrichten. Wir dürfen das, denn wir sprechen ja stets zum höheren Selbst des Menschen. Und wer mit uns denken und fühlen will, der anerkennt dieses höhere Selbst und kann daher alles hören, was über die äußere Hülle gesprochen werden muß; denn er weiß, daß die Rede von der äußeren Hülle ist.
Es ist ja im gewissen Sinne jedem Volke eine bestimmte Mission auferlegt. Wir werden einmal, wenn wir den Bau in Dornach betreten, in der Aufeinanderfolge der Säulen, ihrer Kapitäle und der Architrave darüber, in den Formen ausgedrückt finden, was in den europäischen Impulsen zum Ausdruck kommt. Doch darüber will ich jetzt nicht sprechen, weil es gut ist, darüber zu sprechen, wenn man den Bau vor sich hat. Das habe ich vor einigen Tagen dort getan. Wenn wir aber das, was ohne dieses auf unsere Seele Eindruck machen kann, uns vor Augen halten, dann erkennen wir vor allen Dingen in den Bewohnern der südlichen Halbinseln - Italien und Spanien - Völker, die gewissermaßen in ihrer modernen Mission alles wiederkehren lassen, was in alten Zeiten während der dritten nachatlantischen Kulturperiode sich abgespielt hat, in der ägyptisch-chaldäischen Kultur. Sobald wir dies verstehen, blicken wir erst richtig in die Seele des italischen oder spanischen Nationalen. Das läßt sich bis in die Einzelheiten hinein verfolgen. So daß man sagen kann: was sich uns geistig darstellt, wir finden es in der Wirklichkeit. Und was ist denn das Charakteristische - wir haben es so oft besprochen - der ägyptisch-chaldäischen Kultur gewesen? Das war es, daß große, kosmische Astrologie empfunden wurde! Daß man Sterne und Sternbilder nicht in der Weise ansah, wie wir heute dieselben ansehen, sondern daß man geistige Wesen sah, welche in diesen Sternbildern ihre äußeren Verkörperungen hatten; daß man überall Geistiges ausgebreitet sah. Wenn sich das wiederholen soll als nationale Aufgabe in der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha, so muß es sich so wiederholen, daß es seelisch verinnerlicht ist, daß ihm das große kosmische Tableau der Ägypter und Chaldäer wie aus der Seele neugeboren entgegentritt. Wo wäre das klarer der Fall als dort, wo die Kultur der italischen Halbinsel ihren Höhepunkt erreicht hat, in Dantes «Göttlicher Komödie»? Aber bis in die Einzelheiten ist es so, daß, wie aus der Seele herausgeboren, innerlich wiedererstanden das zutage tritt, was in der alten ägyptisch-chaldäischen Kultur vorhanden war.
Was in der griechischen Kultur das Wesentliche war, tritt im französischen Volke zutage, sogar bis in die Charaktere der führenden Persönlichkeiten. Voltaire zum Beispiel wird man nur verstehen, wenn man ihn mit einem wirklichen Griechen vergleicht. Und wenn man sich die Formen der Kunstwerke Corneilles, Racines ansieht, so wird man sehen, wie gerungen wird mit der griechischen Form. Das hat ja eine große kulturhistorische Bedeutung. Das Ringen mit der äußeren Form, mit dem, was Aristoteles über die Form erkundet hat, das lebt in Racine und Corneille fort. Und wenn wir das, was in der vierten nachatlantischen Kulturperiode tonangebend war als Kultur der Verstandes- oder Gemütsseele, wiedersuchen in der französischen Kultur, dann müssen wir dort das finden, was sich in ihr als Größtes ausspricht, was sich, indem sich die Verstandes- oder Gemütsseele hermacht über die Welt, damit gerade befassen kann. Der größte Dichter also, der nicht seinesgleichen finden kann in solcher Form, muß ein solcher sein, daß er aus der Verstandes- oder Gemütsseele heraus gestaltet. Da erreicht ein Volk seine Größe, wo es seine Unvergleichlichen an die Oberfläche bringt. Wer ist in der französischen Dichtung der, der nicht übertroffen werden kann? Das ist Molière! Da erreicht die französische Seele ihre eigentliche, charakterisierte Höhe; da kann sie nicht übertroffen werden. Ein Abglanz davon wirkt noch in Voltaire.
Was nun nicht eine Wiederholung von Altem ist, sondern hereingehört in den fünften nachatlantischen Zeitraum, was gleichsam eine Neuschöpfung dieses Zeitraumes ist, das ist die britische Seele. Dieser fünfte nachatlantische Zeitraum strebt ja vorzugsweise nach der Entfaltung der Bewußtseinsseele; stellt diese heraus. Die Bewußtseinsseele ist besonders ausgeprägt in der britischen Volkseigentümlichkeit. Das Eigentümliche der britischen Seele ist dieses Stehen gegenüber den Ereignissen. Schon vor vierzehn, fünfzehn Jahren, als ich die erste Auflage der «Rätsel der Philosophie» schrieb, habe ich danach gerungen, einen Ausdruck zu finden für die britischen Philosophen; und damals ergab sich mir: Sie sind Zuschauer des Lebens; sie stellen sich hin, wie sich die Bewußtseinsseele als Zuschauer dem Leben gegenüber hinstellt. Und wer ist der größte Schöpfer der britischen Seele, der sich hinstellt und die britischen Charaktereigentümlichkeiten bis in die tiefste Seele hinein zum Ausdruck bringt? Das ist Shakespeare! Da ist die britische Seele unvergleichlich im Zuschauerzustande.
Gehen wir jetzt hinüber nach Mitteleuropa, so finden wir, «was immer wird und niemals ist», wie ich es schon im öffentlichen Vortrage charakterisiert habe: das eigentliche Ich, das Innerlichste des Menschen. Wie verhält es sich zu den Seelengliedern? Es bildet seine einzelnen Beziehungen zur Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und zur Bewußtseinsseele; es zieht die Fäden zu allen hin. Betrachten wir das gleich an Goethe! Wir sehen, wie er sich sehnt nach Italien. Und wie wir es bei ihm sehen, so haben sich die Besten Mitteleuropas immer gesehnt nach Italien, um das zu finden, was das Ich befruchtet und was es empfängt aus der Empfindungsseele heraus. Und mit der Verstandes- oder Gemütsseele tauscht das Ich die Kräfte gegenseitig aus. Versuchen wir im Laufe der Jahrhunderte zu sehen, wie jenes enge Band, welches zwischen Ich und Verstandes- oder Gemütsseele besteht, tatsächlich auch da ist. Beachten wir, wie noch Friedrich der Große, der deutscheste Fürst, eigentlich nur französisch spricht und schreibt, wie er auch besonders die französische Kultur schätzt, was sich zum Beispiel in seinem Verhältnis zu Voltaire zeigt. Ebenso sehen wir, wie der deutsche Philosoph Leibniz seine Werke in der französischen Sprache schreibt. Das ist gerade so, wie es das Ich mit der Verstandes- oder Gemütsseele macht. Und wenn das Ich aus den Tiefen der Seele heraus nach dem sucht, wonach es strebt, da drängt sich etwas aus den Tiefen des Ich, aus unergründlichen Tiefen des Ich herauf: die Bewußtseinsseele sucht es zu erfassen. Wir sehen es an Goethe. Ich habe oft auseinandergesetzt, daß er zu ergreifen sucht, wie die Organismen auseinander hervorgehen; eine große umfassende Lehre der Organismen stellt er auf. Das geht aus der Tiefe des Ich hervor. Doch das kann man nicht gleich verstehen; die Menschheit braucht einen leichteren Verstand; sie braucht die Dinge so, wie sie sich aus der Bewußtseinsseele ergeben. Sie nimmt nicht das, was Goethe gegeben hat, sondern sie nimmt dasselbe in der Übersetzung in die Bewußtseinsseele an, sie nimmt Darwin an. Heute sind wir noch nicht so weit, daß man Goethes «Farbenlehre» anerkennen kann, aber die Übersetzung derselben in die Bewußtseinsseele, die man bei Newton findet, gilt heute allgemein als physikalische Lehre.
Diese Dinge weisen uns hinein in die Art und Weise, wie sich die einzelnen, jetzt aber nationalen Charaktere gegenüberstehen, und wir erheben uns von der äußeren Maja, in welcher die Menschen befangen sind, zur Wahrheit, wenn wir die Dinge geisteswissenschaftlich betrachten lernen, zu jener Wahrheit, die uns zeigen kann, daß so, wie die einzelnen Seelenkräfte im Menschen Krieg führen, auch die einzelnen in den Volksseelen inkorporierten Seelenkräfte miteinander den Krieg führen. Und es ist kein Zufall, daß in unserer Zeit - wo das, was eben gesagt worden ist, als Lehre hervorgetreten ist - der große Lehrmeister, der Krieg auftritt, der auf so blutige, auf so furchtbare Weise zu den Menschen spricht, was wir auch geistig zu den Menschen sprechen. Es ist kein Zufall, daß, während wir dieses hier so besprechen dürfen, draußen vielleicht eines der blutigsten Ringen waltet, und daß es im Grunde genommen denselben Wahrheiten entspricht, die man nur durchdringen muß in der Maja, um sie in der Wirklichkeit zu verstehen.
Wir müssen einmal, um über diese Dinge zu sprechen, von den Worten hinwegfegen alle Empfindungsnuancen von Antipathie und Sympathie und sie nur als Charakteristika gebrauchen, dann werden wir die Sachen in der richtigen Weise verstehen. Denn es handelt sich um Dinge, die das Selbst des Menschen in sich trägt, insofern es eingehüllt ist in das Nationale. Das können wir nun bis in die Einzelheiten verfolgen. Ich will zunächst, um vorzubereiten zu dem, was wir verstehen sollen, eines sagen.
Nehmen wir den Angehörigen Mitteleuropas, der in der Ich-Kultur lebt. In dem öffentlichen Vortrage habe ich gesagt: der Bewohner Mitteleuropas strebt so nach seinem Gott, daß er mit dem Gotte verbunden ist; er will mit seinem Gott Zusammensein. Wenn wir auf das Denken schauen, können wir den allgemeinen Satz aussprechen: der Mensch denkt. Aber mit dem allgemeinen Satze «der Mensch denkt» ist eigentlich ungemein wenig gesagt, ist recht wenig gesagt. Man muß gerade durch die Geisteswissenschaft lernen, genauer zu schauen. Man muß allmählich lernen, an die Stelle desjenigen, was so gedankenlos hingesprochen wird, das Richtige zu setzen. Für die, welche sich nicht besonders um die realen Verhältnisse kümmern, ist es ja richtig, was so hingesprochen wird. Aber richtig ist es, wenn man sagt: der Bewohner Mitteleuropas oder Skandinaviens denkt - «denkt» als Tätigkeit betrachtet, weil es auf die Entfaltung des Denkens ankommt. Daß das Seelenwesen denkt, darauf kommt es in Mitteleuropa bis in die nordischen Länder hinauf an. Das Verbundensein des Menschen mit dem Gedanken ist so, daß dieser Gedanke das ureigenste Tätigkeitsprodukt der Seele ist, daß die Tätigkeit der Seele nichts anderes ist als das Sichverfangen der Seele im Gedanken.
Vom Franzosen in derselben Weise zu sprechen, ist nicht richtig. Da müssen wir sagen: er hat Gedanken. Denn «denken» und «Gedanken haben» ist im feineren Unterschiede nicht dasselbe. Zum Verständnis der Sache kann das helfen, was in den «Rätseln der Philosophie» ausgesprochen ist. Im Westen Europas hat man Gedanken; die Gedanken sind etwas, was kommt, was einem gegeben wird, wie einem auch die Sinnesempfindungen gegeben werden. So ist es auch mit den Gedanken: sie treten herein in die Seele, sie leben sich in ihr aus, man hat sie, man berauscht sich auch an ihnen, man ist beglückt, sie zu haben. Dem Deutschen wirft man sogar vor, daß seine Gedanken etwas Kaltes haben. Das kann vielleicht schon sein, weil er sie erst bilden muß in seiner individuellen Seele; sie müssen erst dort warm gemacht werden, und sie bleiben nur solange warm, als sie in der unmittelbaren Tätigkeit sind.
Das nur zur Vorbereitung. Denn in der Tat: in den einzelnen nationalen Äußerungen nehmen wir überall das Ausleben dessen wahr, was in den Prinzipien der Geisteswissenschaft gegeben ist, welche Sie in den Vorträgen über die Volksseelen finden. Nehmen wir einzelne Äußerungen der nationalen Charaktere.
Der italienische, der spanische Charakter ist bestimmt durch die Empfindungsseele. Bis in die Einzelheiten können wir das im Leben verfolgen. Wir finden überall - das bezieht sich natürlich nicht auf das Leben im höheren Selbst - die Empfindungsseele. Sobald sich der Mensch dieser Länder im Nationalen auslebt, lebt er sich aus in der Empfindungsseele. Diese ist insbesondere anhänglich an alles, was Heimat ist, und empfindet als einen Gegensatz dazu die Fremde. Suchen Sie nun zu verstehen, was zum Beispiel alles im italienischen Nationalen lebt, so werden Sie finden, daß der Italiener den anderen, der Nicht-Italiener ist, als den Fremden empfindet, der in der Fremde lebt. Und alle Kämpfe, welche im neunzehnten Jahrhundert in Italien geführt worden sind, wurden im ausgesprochensten Maße um die Heimat geführt. Das ist die Wiederholung der ägyptisch-chaldäischen Kultur.
Sehen wir jetzt auf den Bewohner Westeuropas, des französischen Gebietes. Wie gesagt, wir müssen dabei alles abstreifen, was Sympathien und Antipathien sind! Er wiederholt die griechische Kultur. Er wird daher den Auswärtigen auch so empfinden, wie ihn der Grieche empfunden hat: er nennt ihn Barbar. - Eine Wiederholung des Griechentums! - Man kann es verstehen, trotzdem es gegossen ist in die wütendsten Antipathiegefühle. Und es ist immer etwas von der Nuance dabei, wie man im alten Griechenland von der nichtgriechischen Menschheit gesprochen hat.
Dem englischen Volke ist besonders übertragen die Pflege der Bewußtseinsseele, die sich auslebt im Materialismus. Da muß man besonders alles abstreifen, was Antipathien sind. Die Pflege des Materialismus bringt hervor, was die Menschen einfach im Räume nebeneinander hinstellt. Darin zeigt sich etwas, was in den Zeiten vorher gar nicht in dieser Weise empfunden wurde: man empfindet den Konkurrenten. Die Bewußtseinsseele empfindet den anderen als Konkurrenten im physischen Dasein.
Wie ist es bei den Bewohnern Mitteleuropas, bis zu den Skandinaviern? Es würde zu anderen Zeiten ungemein verlockend sein, dies in seinen Einzelheiten durchzuführen. Was empfindet der Deutsche, wo er dem anderen gegenübersteht, da, wo der Italiener den Fremden, der Franzose den Barbaren, der Engländer den Konkurrenten empfindet? Man muß überall die prägnanten Worte dafür finden: der Deutsche hat den Feind, dem man gegenübersteht, zum Beispiel auch im Duell, wobei gar nichts damit verbunden zu sein braucht von irgendeiner Antipathie sogar, sondern wo man kämpft um die Existenz oder um etwas, was mit der Existenz zusammenhängt. Der Feind braucht nicht in der geringsten Weise herabgemindert zu sein. Es läßt sich dies wieder bis in die Einzelheiten verfolgen. Gerade dieser Krieg zeigt, daß der Deutsche dem Feind gegenübersteht wie im Duell.
Blicken wir nun nach Osten. Wir haben davon gesprochen, daß auf den südlichen zwei Halbinseln die Empfindungsseele sich auslebt, bei den Franzosen die Verstandes- oder Gemütsseele, auf den britischen Inseln die Bewußtseinsseele; in Mitteleuropa bis hinauf nach Skandinavien lebt das Nationale sich aus im Ich, wobei es sich in den einzelnen Gebieten differenziert, aber im ganzen von dem, was man Ich-Seele nennt, empfunden wird. Als Geistselbst, sagte ich, lebt es sich aus im Osten. Was ist der Charakter des Geistselbst? Es kommt heran an den Menschen, senkt sich auf ihn herunter. Im Ich strebt man; in den drei Seelengliedern strebt man auch; das Geistselbst senkt sich herunter. Es wird schon einmal über den Osten als wirkliches Geistselbst sich heruntersenken. Die Dinge sind wahr, die wir oft betont haben. Aber dazu gehört Vorbereitung, Vorbereitung von der Art, daß die Seele empfängt, daß sie sich einarbeitet in dem Empfangen. Was hat denn das russische Volk bis jetzt im Grunde genommen anderes getan als empfangen? Wir haben innerhalb unserer Bewegung den größten russischen Philosophen, Solowjow, übersetzen lassen. Wenn wir uns in ihn hineinvertiefen - es ist alles westeuropäisches Geistesleben, westeuropäische Kultur. Es ist etwas anderes dadurch, daß es aus der russischen Volksseele herausgeboren ist. Aber was schwebt da, im Gegensatz zur westeuropäischen Kultur, im russischen Volke heran? Italien, Spanien ist die Wiederholung der dritten nachatlantischen Kulturepoche, das französische Volk die Wiederholung der Kultur des alten Griechenland. Der Brite zeigt das, was neu hinzugekommen ist, aber was man ganz gewiß auf dem physischen Plan erwirbt. In Mitteleuropa ist es das Ich, das aus sich herausarbeiten muß. In Rußland haben wir das Empfangende. Empfangen worden ist zunächst das byzantinische Christentum, das sich wie eine Wolke niedergelassen hat und sich dann ausbreitete; und empfangen worden ist schon unter Peter dem Ersten die westeuropäische Kultur. Erst das Material, möchte man sagen, ist da zum Empfangen. Das, was da ist, ist Spiegelung des Westeuropäischen, und die Arbeit der Seele ist Vorbereitung zum Empfangen. Erst dann wird das Russentum in seinem rechten Elemente sein, wenn es so weit ist, daß es erkennt: es muß das, was in Westeuropa ist, empfangen werden, wie etwa die Germanen das Christentum empfangen haben, oder wie die Germanen in Goethe das Griechentum in sich aufgenommen haben. Das wird noch eine Weile dauern. Und weil sich gegen das, was der Mensch im Osten aufnehmen muß, sein Physisches sträubt, so sträubt sich noch der Osten gegen das, was zu ihm kommen muß. Das Geistselbst muß herunterkommen. Nun ist das, was da von dem Westen herüberkommt, zwar nicht das Geistselbst. Aber die Seele verhält sich so dazu, bereitet sich gleichsam schon vor, um zu empfangen. Als was sieht daher der Russe den anderen an? Als den, der «gegenübersteht», als den auf sein Bewußtsein Herabschwebenden. Daher ist der andere, der beim Italiener der Fremde, beim Franzosen der Barbar, beim Briten der Konkurrent, beim Deutschen der Feind ist, er ist dort der Ketzer. Daher hatte bis jetzt der Russe im Grunde genommen nur Religionskriege! Alle Kriege sind bisher nur Religionskriege gewesen. Alle Völker sollten befreit werden oder zum Christentum gebracht werden, die Balkanvölker und so weiter. Und jetzt auch empfindet der russische Bauer den anderen als das «Böse». Er empfindet den anderen als den Ketzer; er glaubt immer, Religionskriege zu führen. Jetzt auch! Diese Dinge gehen bis in die Einzelheiten hinein, und man lernt sie verstehen, wenn man den guten Willen dazu hat, wirklich in die Dinge hineinzuschauen. [...]
Der Mensch ist gewissermaßen, wie er im physischen Leben dasteht, ungerecht gegen sein eigenes höheres Selbst. Wer in der Verstandes- oder Gemütsseele lebt, bei dem sich insbesondere die Phantasie ausbildet, der «hat» die Gedanken, dem stellt sich das, als was er sich selber vorkommen muß, insofern er ein Nationaler ist, hin vor sein höheres Selbst. Das empfindet er als seine Glorie, als das, was gleichsam ein drittes Selbst ist, ein nationales Selbst, das sich zwischen ihn, wie er als höheres Selbst ist und als nationaler Mensch, hineinstellt. Aus dem heraus kämpft er. Und nach dem Tode hat er zunächst dies zu überwinden, wenn er es nicht schon vorher durch die Geisteswissenschaft überwunden hat. Er muß durch das hindurch, was sich ihm zunächst vor die Seele stellt wie die Inspiration desjenigen, als was er sich selber vorstellt.
Und der, welcher als Nationaler in der Bewußtseinsseele lebt? Er hat vor allem den Hang zu dem, was sich die Bewußtseinsseele in der physischen Welt aneignet. Das steht da wie eine wehtuende Erinnerung in der Welt, die sich ausbreitet im Leben zwischen Tod und neuer Geburt.
Der Bewohner Mitteleuropas sucht. Das tritt sogar zutage, wo er von den Gegnern abfällig besprochen wird, wenn gesagt wird, er sei nur dazu da, den Acker zu pflügen und in den Wolken zu suchen. Mag er immer wie weit gekommen sein: er sucht schon hier das geistige Selbst. Daher sucht er in gewissem Sinne schon in seinem Streben während der Erdenlaufbahn das hinwegzuschaffen, was immer hinweggeschafft werden muß, wenn man durch die Pforte des Todes eintritt in die geistige Welt.
Wer seine letzte Inkarnation in einem Russenleibe durchgemacht hat, hat zunächst, wenn er die Pforte des Todes durchschreitet, das Bewußtsein eines Angelos anzunehmen, wie in den Schoß eines Angelos einzugehen - wenn er sich nicht durch Geisteswissenschaft anders vorbereitet hat -, hat in das sich einzuleben, was von den nächsten Stufen der höheren Hierarchien herunterkommt.
Aus allen diesen Gründen können wir sagen: Schauen wir nach Westen, so finden wir es natürlich, daß aus dem Wesen der Menschen, sofern sie Nationale sind, Kampf entsteht, denn der Nationale ist dort verbunden mit dem, was eben die äußere Hülle ist. Es ist ganz natürlich, daß Kampf entsteht. In der geistigen Welt kann das, was in dieser berechtigt ist, sich ungehindert ausbreiten. Das, als was man sich selber in seiner Phantasie erscheint, muß sich durch äußere Mittel geltend machen. Das bedarf, um hervorzutreten, daß es sich ausbreiten kann. Was die Konkurrenz sucht, muß sich selbstverständlich ausbreiten wollen. Wir finden es nicht unverständlich, daß von den Vertretern der Bewußtseinsseele Kampf herüberkommt. Wenn wir wirklich in Mitteleuropa das Ich suchen, so wollen wir sehen, ob die Eigenschaften des Ich schon anwendbar sind. Ich habe zum Beispiel schon hervorgehoben, daß das Ich jeden Morgen von neuem angefacht werden muß. Wenn wir in die Schlafenssphäre mit dem Ich hineingehen, so ist es in derselben unangefacht; jeden Morgen beim Aufwachen muß es aufs neue angefacht werden. (Wenn ich von Österreich sprechen darf: schon in meiner Jugend wurde davon gesprochen, daß Österreich einmal bei dieser oder jener Gelegenheit zerfallen werde. Wir haben etwas anderes gewußt: es mag in sich noch so viel Zentrifugalkraft haben, es wird von außen zusammengehalten, es konnte nicht auseinanderfallen.) Sehen wir auf Deutschland. Hat es einen Ich-Charakter in seinem Äußeren, in seiner Form? Es ist doch eine weithin sprechende Tatsache, daß durch einen großen Teil des Jahrhunderts die Deutschen getrieben haben zur Einigung. Im Innern haben sie dieselbe nicht geschaffen. Durch einen äußeren Anstoß, ja sogar nicht einmal in Deutschland, sondern im Äußeren, mitten in Frankreich, ist das heutige Deutschland zustande gekommen, wie es dem Ich-Charakter entspricht. Man versteht die Welt nur, wenn man sie geisteswissenschaftlich versteht. Das Ich hat im Grunde genommen nicht die Tendenz, um sich zu schlagen; denn die überschüssigen Kräfte des physischen Planes gehen dann über in das Geistige. Dieses könnte ja an der deutschen Geschichte, an der Geschichte Österreichs, an der Geschichte der skandinavischen Völker immer und immer wieder nachgewiesen werden. Daher das Bewußtsein ein richtiges ist: der Deutsche oder der Bewohner Mitteleuropas muß zum Kriege erst sozusagen herausgeholt werden; er kann ihn im Grunde genommen nicht aus sich selbst heraus beginnen. Wenn er einen Krieg aus Initiative führt, dann macht er es so, wie die Initiative es im Ich macht, und diese Kriege sind ja auch genügend im Innern geführt worden. So muß man das empfinden, was das Verhältnis Mitteleuropas zum Kriege ist.
Aber was bildet sich für den, der Volkscharaktere empfinden kann, denn dann im Osten? Das ist überhaupt das Allerunnatürlichste, wenn der Russe Krieg führt. Und würde er sich selbst erkennen, so würde er es auch als das Allerunnatürlichste empfinden, Krieg zu führen. Wir im Westen, wenn wir auch alles Russische noch so gut verstehen, wir können keine Tolstoianer werden. Aber dem Russen ist es unnatürlich, Krieg zu führen. Ihm muß erst der Krieg aufgedrängt werden, denn er ist etwas für den tiefsten Volkscharakter Unnatürliches. Der Russe steht dem Krieg so gegenüber wie einem Religionskrieg, wie etwas, was von außen kommt. Man kann ihm den Krieg nicht plausibel machen; denn vielmehr möchte er erbeten, was an ihn herankommen soll. Daher ist es ganz selbstverständlich, daß man gar nicht im innersten russischen Volkscharakter die Motive zum Kriege sucht, sondern in dem, was ihm von außen als solche aufgedrängt wird. Und mehr als irgendwo anders muß in diesem Falle gesagt werden: dort ist es nicht das Volk, das den Krieg macht - das Volk ist es nur äußerlich und nur seinem Glauben nach -, aber es ist das, wogegen sich das Volk am meisten wenden muß. In Rußland ist ein Krieg immer im ärgsten Sinne eine Maja, eine Täuschung. Aus diesem Grunde ist es, daß man so klar und präzise sagen kann, was ich im öffentlichen Vortrage als Frage aufwarf: Wer hätte den Krieg verhindern können? - wenn man überhaupt davon sprechen will, daß er hätte verhindert werden können. Den Franzosen war der Krieg seit dem Jahre 1871 natürlich, und davon zu sprechen, daß sie ihn hätten verhindern können, wäre nicht natürlich. Wem ein Konkurrenzkampf aufgedrungen ist, der hat selbstverständlich kein Recht, darüber entrüstet zu sein, wenn irgendwo eine Neutralitätsverletzung stattgefunden hat, und man muß in diesem Falle die Entrüstung umdeuten in das nationale Element hinein; aber daß er den Krieg führt, ist selbstverständlich. Das kann ihm nicht verübelt werden. Da ist der Krieg ebensowenig von der Hand zu weisen, wie man, wenn man die Natur der Lebewesen interpretiert, aus dem Element der Bewußtseinsseele heraus ein anderes Wort finden muß als vom Ich-Standpunkte aus, und deshalb vom Kampf ums Dasein spricht. Goethe hat dieses Wort nicht geprägt, weil es vom Ich-Standpunkte aus nicht anwendbar ist. Aber wo es sich darum handelt, daß der Krieg eine Unwahrheit ist, daß er sogar erst uminterpretiert werden muß in einen Religionskrieg, da ist zu sagen, daß er, weil er äußerlich aufgetreten ist, auch äußerlich hatte verhindert werden können. Wenn man in alle Tiefen blickt, in die man blicken kann - es ist nun der Krieg selbstverständlich eine Notwendigkeit gewesen, aber das ist eine andere Sache -, so muß gesagt werden: Wahr ist es, Rußland hätte Zuschauer bleiben können, und der Krieg hätte verhindert werden können. Wäre es Zuschauer geblieben, so hätte der Krieg verhindert werden können. Denn hier ist der Krieg aufgepfropft auf einen Volkscharakter, wo er im Grunde genommen ganz unnatürlich ist.
[...]
Ich habe versucht, das was man bei den einzelnen Völkern gegenüber dem Kriege empfinden kann, auf die prägnante Formel zu bringen, und habe gesagt: Der Russe glaubt Krieg zu führen um die Religion, der Engländer um die Konkurrenz, der Franzose um die Glorie, der Italiener und Spanier um die Heimat, der Deutsche führt den Kampf um die Existenz. Und wir werden nun sagen können: Italien will die Heimat bewahren; Frankreich empfängt seine eigene [Glorie-]Vorstellung als das nationale Ideal; der Engländer handelt; der Deutsche strebt; der Russe betet - und das ist natürlich. Ich meine nicht das äußere Gebet, sondern die Herzensstimmung. Was sagt denn Mereschkowski am Schlüsse des Buches, das ich vorgestern angeführt habe? «Die Hagia Sophia - hell, traurig und durchflutet von bernsteinklarem Lichte des letzten Geheimnisses - hob meine gefallene, erschreckte Seele. Ich blickte auf zum Gewölbe, das dem Himmelsdome gleicht, und dachte: da steht sie, von Menschenhand erschaffen, sie - die Annäherung der Menschen an den dreieinigen Gott auf Erden. Diese Annäherung hat bestanden, und mehr noch wird dereinst kommen. Wie sollten, die an den Sohn glauben, nicht zum Vater kommen, der die Welt bedeutet? Wie sollten die nicht zum Sohne kommen, die die Welt lieben, welche auch der Vater also liebte, daß er seinen Sohn für sie hingab? Denn sie geben ihre Seele hin für ihn und für ihre Freunde; sie haben den Sohn, weil sie die Liebe haben, nur den Namen kennen sie nicht.» Den ganzen Zusammenhang haben sie nicht! Und dann schließt er: «Und es trieb mich, für sie alle zu beten, in diesem zur Stunde heidnischen, aber einzigen Tempel der Zukunft zu beten um die Verleihung jener wahren, sieghaften Kraft an mein Volk: um den bewußten Glauben an den dreieinigen Gott.» Nun, da haben Sie das Gebet! Da haben Sie die ganze Unnatur eines Kampfes, der von Ost nach West geht!
Berlin, 31.Okt.1914/SA
aus «GA 157»; S.30ff