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Antikes Stadtschicksal
Ephesos war im 2. Jahrtausend v.Chr. eine Siedlung des ägäischen Kulturkreises, die vielleicht den hethitischen Namen "Apašaš" trug (Stadt der Bienengöttin?). Im 14. Jahrhundert existierte hier vermutlich eine mykenische [a] Handelsniederlassung.
Um 1000 v.Chr. landeten ionische Griechen, nachdem sie von Athen aus die Ägäis überquert hatten, unter Führung des mythischen Königssohnes Androklos in der Bucht von Ephesos, wo sie eine Siedlung der Karer [b] und Leleger und das Heiligtum einer lokalen Muttergottheit vorfanden, die später zur Artemis [c] Ephesia wurde. Am Nordhang des Panayirdag [d] gründeten sie eine neue Stadt. Schon im 9. Jahrhundert schlossen sich die Ionier, die längst die Führung über die anderen griechischen Stämme in Kleinasien übernommen hatten, zu einer Amphiktionie, einem Bündnis, zusammen, an dessen Spitze der Basileus, der Wahlkönig stand. Im Lauf der Zeit wurde seine Macht jedoch mehr und mehr beschränkt, so daß schließlich die tatsächliche Gewalt in Händen der Aristokratie lag. Um die Mitte des 7. Jahrhunderts zerstörten die Kimmerier, ein iranisch-thrakisches Reitervolk,[e] das Heiligtum der Artemis. Am Ende des 7.Jahrhunderts riß Pythagoras [f] die Macht an sich und führte die Tyrannis in Ephesos ein. Der Lyderkönig Kroisos [g] eroberte 560 die Stadt, ließ jedoch Milde walten und stiftete für den Bau des ersten kolossalen Tempels der Artemis [h] skulpierte Säulen. Die Bewohner zwang er, vom Panayirdag in das Gebiet um das Artemision zu übersiedeln. 546 unterlag Kroisos den Persern. Ephesos unterstand nun der Befehlsgewalt persischer Satrapen, die Stadt selbst wurde wieder von Tyrannen regiert.
Plan von Ephesos
Den ersten kulturellen Höhepunkt erreichten Ionien und Ephesos in der archaischen Epoche des 7. und 6. Jahrhunderts v.Chr. Ionische Großtempel entstanden auf Samos, in Ephesos und Didyma, die Lyrik hatte bedeutende Vertreter in Ionien, hier begann die Naturphilosophie den Mythos und das Wunderbare auf physikalischer Grundlage zu erklären. Heraklit [i] ist in Ephesos geboren, der um 500 v.Chr. seine Lehre vom immerwährenden Wandel aller Dinge, von der aus Gegensätzen entstehenden Harmonie und vom Logos als dem göttlichen Gesetz verkündete.
Während Athen die Demokratie einführte und in Griechenland die Perserkriege tobten, brach in Ionien eine Revolte gegen die persische Herrschaft aus, die blutig niedergeschlagen wurde. Erst 480/79 brachte der Sieg der mutterländischen Griechen über den persischen Erzfeind auch Ionien die Befreiung. Ephesos gewann seine Unabhängigkeit zurück; die Regierungsform wurde demokratisch. Unter Perikles strebte Athen dem kulturellen Höhepunkt, der Klassik, zu; die Vorherrschaft Ioniens war gebrochen; für längere Zeit erlahmte hier die schöpferische Kraft. Aber auch politisch kündigte sich die Hegemonie Athens an, nachdem Ephesos 467 dem Attischen Seebund beigetreten war.
Während des Peloponnesischen Krieges [k] schloß sich die Stadt dem Gegenspieler Athens, Sparta, an, wechselte zu Beginn des 4. Jahrhunderts zu Athen über, trat wieder auf die Seite Spartas; schließlich wurde die Stadt von den Persern eingenommen. Zur politischen kam 356 eine religiöse Katastrophe: um seinen Namen unsterblich zu machen, steckte Herostrat das Artemision, das Allerheiligste der Ephesier, in Brand.[l] 334 vertrieb Alexander d.Gr. die Perser. Der Artemistempel und sein Opferaltar wurden in der gleichen Größe prunkvoll wieder aufgebaut. Um 300 geriet Ionien in den Machtbereich des Diadochen Lysimachos, der Ephesos wegen der fortschreitenden Verlandung des Hafens einerseits und wegen der häufigen Überschwemmungen andererseits an die Hänge der beiden Stadtberge Panaryirdag und Bülbüldag [m] und in die Ebene davor verlegte. Er baute die Stadt großzügig aus und umschloß sie mit einem 12 km langen Mauergürtel. Nach seinem Tod waren Seleukiden und Ptolemäer die Herrscher in Ephesos, bis schließlich Rom eingriff und das ephesische Gebiet dem pergamenischen Reich einverleibte, das im Jahr 133 durch das Testament Attalos' III. dem römischen Reich zufiel. [...]
Kurt Gschwantler
aus «Funde aus Ephesos ...»; S.11
Unsere Anmerkungen
a] Die festlandgriechische Kultur der späten Bronzezeit wird mykenisch genannt.
b] nichtgriechische Bevölkerung im Hinterland von Milet (Karien)
c] siehe lexikalisch Artemis und R.STEINER zu Ephesus - "Die Amazonenkönigin Hippolyte trägt einen besonderen Gürtel, der die ätherischen Kräfte der Keuschheit vor ihrem Sturz in die zerstörerischen Leidenschaften bewahrt. Solange die Amazone ihren Gürtel behält, kann sie eine Priesterin der großen Göttin sein. Damit liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei den mythischen Kriegerinnen ursprünglich um einen Mysterienorden handelt, der für den Schutz des Artemisheiligtums zuständig war. Der Überlieferung nach sollen sich in der weitläufigen Asylzone des Tempels von Ephesos auch immer Amazonen aufgehalten haben." K.-H.Tritschler in »Das Goetheanum« Nr.1/2-2011
d] altgr. Píon (150m)
e] Die Kimmerer waren auch im österreichischen Donauraum direkt oder indirekt wirksam.
f] nicht der Philosoph und Mathematiker Pythagoras von Samos
g] der berühmte Krösus (vgl. »TzN Mai 2012«)
h] Dieses Artemision galt dann als eines der sieben antiken Weltwunder.
i] Herákleitos legte hier sein <pánta rheî> (~ Alles fliesst) dar.
k] 431v-404v zwischen dem Attischen Seebund (Athen) und dem Peloponnesischen Bund (Sparta)
l] dem Mythos nach in der Nacht, da Alexander der Grosse geboren worden war
m] altgr. Lepre (355m)