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Nachdenken:
En-Soph
«Am Anfang,[a] als der Wille [b] des Königs zu wirken begann, grub er Zeichen in die himmlische Aura,[c] die Ihn umstrahlte. Eine dunkle Lohe entsprang im allerverborgensten Bereich aus dem Geheimnis des Unendlichen, En-Sof [אן־סוף],[d] wie ein Nebel, der sich im Gestaltlosen bildet, eingelassen in den Ring jener Aura, nicht weiß und nicht schwarz, nicht rot und nicht grün, ja von keinerlei Farbe. Als jene Flamme jedoch Maß annahm und Ausdehnung, brachte sie leuchtende Farben [e] hervor. Ganz im Innersten der Flamme nämlich entsprang ein Quell, aus dem Buntheit sich auf alles Untere ergoß, verborgen in der geheimnisvollen Stille des En-Sof. Der Quell durchbrach die ihn umgebende Ätheraura und durchbrach sie dennoch nicht ganz. Völlig unerkennbar war er, bis dank der Wucht seines Durchbruchs ein verborgener höchster Punkt aufleuchtete. Über diesen Punkt hinaus ist nichts erkennbar, und darum heißt er Reschith [ראשית], Anfang, das erste Wort der Schöpfung von allem⁴⁷.»[f]
Dieser Urpunkt wird auch vom Sohar, wie von den meisten anderen kabbalistischen Autoren, mit der Weisheit Gottes,[g] Chochma [חכמה],[h] identifiziert. Gottes «Weisheit» stellt den Idealgedanken der Schöpfung dar, aufgefaßt als der ideale Punkt, der selbst dem Impuls des unergründlichen Willens entspringt. Dieser Punkt aber, so führt der Autor sein Bild weiter aus, ist der mystische Same, der in die Schöpfung ausgesät ist⁴⁸, wobei der Kern des Gleichnisses, wie es scheint nicht nur auf der Subtilität beider, sondern auch auf der Tatsache beruht, daß in beiden, dem Punkt und dem Samen, die Möglichkeiten weiteren Seins noch unentfaltet verborgen liegen.
Insoweit als Gott durch die Manifestation der Chochma erscheint, ist er als weise erkennbar und das ideale Sein aller Dinge ist in dieser seiner «Sophia» beschlossen; wenn auch noch unentwickelt und undifferenziert, stammt doch die Weisheit alles Seienden von seiner «Sophia» her⁴⁹. Zwischen dieser Urform allen Seins in Gottes Gedanken und der konkretesten Ausprägung in der Wirklichkeit besteht kein weiterer kritischer Übergangspunkt, keine weitere «Schöpfung» aus dem Unerschaffenen im Sinne des theologischen Schöpfungsbegriffs.
Gerschom Scholem
47. Der Autor spielt auf ein Talmud-Wort an, wonach auch das erste Wort der Tora selber eines der zehn Schöpfungsworte Gottes gewesen sei, Megilla 21b.
48. Sohar I, 15a/b.
49. Der Sohar I, 2a, sagt vom göttlichen Gedanken, der mit der Weisheit identifiziert wird: «Er bildete in ihr alle Formen, grub in sie alle Prägungen ein.» Vgl. Asriel in seinem Kommentar zu den talmudischen Aggadas (ed. Tishby, p. 84): «Chochma, ,Weisheit', bedeutet die Potenz alles dessen, was Seinsmöglichkeit hat»; des weiteren sagt er aber auch (dort, p. 87-88), daß die Wesenheiten aller Dinge in der göttlichen Weisheit enthalten seien.
aus «Die jüdische Mystik»; S.238f
Wenn jemand fragt: ›Warum sollte ich an En-Sof glauben?‹, sage ihm: Du solltest wissen, daß alles dem Herzen Sichtbare oder Wahrnehmbare endlich ist. Alles Begrenzte hat ein Ende und alles Endliche ist nicht vollkommen. Deshalb muß es jenes geben, das ohne Grenzen ist und das En-Sof heißt. Es ist absolut vollkommen in vollständiger Einheit, die sich nicht ändert. Wenn es ohne Grenze ist, gibt es nichts außer ihm. Da es erhaben ist, ist es die Wurzel alles Sichtbaren und Unsichtbaren. Da es verborgen ist, ist es die Grundlage von Glaube und Unglaube. Die Meister der Theorien gestehen, daß wir unfähig sind, es zu begreifen, außer indem wir sagen, was nicht ist.¹¹
Asriel da Gerona
11. Zit. nach David S. Ariel: Die Mystik des Judentums, S.112.
aus «Kabbala»; S.22
Unsere Anmerkungen
a] vgl. Mbl.15
b] כתר (KETHER ~ Krone, die den Willen manifestiert); siehe auch Mbl.14: Anm.5
c] vgl. Akad.d.WfGW: SCR.III
d] Athanasius Kircher nannte es horizon æternitatis (~ Horizont der Ewigkeit).
e] vgl. WfGW-MblB.E: Abs.6}
f] aus dem «Sepher ha-Sohar» (Buch des Glanzes)
g] vgl. Mbl.5: Anm.2
h] Die zweite SEPHIRAH der zehn SEPHIROTH, CHOCHMAH, steht in Wechselwirkung mit der dritten, בינה (BINAH ~ „das, was zwischen den Dingen scheidet”, Intelligenz). Darüber thront die erste, KETHER (vgl. R.STEINER in «GA 353»; S.210ff); darunter entfalten sich die übrigen sieben.
i] der Pentateuch (die fünf Bücher Moses)