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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Michael LIPSON zu
AUFMERKSAMKEIT und ÜBUNG
Es gibt ein gewisses Extra in der menschlichen Seele. In uns steckt mehr als genug und vielleicht zu viel. Während der Granit, das Gras und die Möwe sich mehr oder minder an die gewohnten Wege ihres Daseins halten, haben die Menschen die Fähigkeit zu endloser Kreativität (und Verzerrung). Wir sind von allen Gliedern der Schöpfung am wenigsten vorhersehbar. Überraschung macht unser eigentliches Wesen aus.
Menschliche Sprachen und Kulturen enthalten vieles, was «nutzlos» genannt werden könnte: Künste, Religionen, Fiktionen, Erfindungen, Spiel. Sie gehen über das hinaus, was wir zum Aufrechterhalten unseres biologischen Lebens benötigen. Wir sind freier von den Zwängen der Nützlichkeit als alle unsere Freunde auf dem Planeten. Auch unser inneres Leben fließt über von Extras, wobei sich neben Neuem auch alte Hüte finden: Versöhnlichkeit, Groll, Hingabe, Nostalgie, Erfindungsgeist. Ich erinnere mich, wie ich als Sechsjähriger aus der rückwärtigen Scheibe unseres Ford Kombi starrte und mich fragte: «Worüber soll ich nachdenken?» Ich hatte - wie es Kindern bei ihrem langsamen Fall aus der Anmut oft geht - bemerkt, dass dieses irgendwie geartete Extra, dieses Überflüssige in der menschlichen Seele, eine Aufgabe braucht.
[...]
Wenn wir erwachsen werden, finden wir es normalerweise schwierig, uns in eine Aufgabe ganz einzubringen. Das völlige Einswerden im Spiel und beim Spracherwerb, das kleine Kinder zeigen, macht in der späteren Kindheit und im Erwachsenenalter nach und nach einem Inneren voller Zerstreutheit, Assoziationen und Sorgen Platz. Doch verschwinden unsere Kräfte der Hingabe niemals völlig. Wir können immer ein wenig Aufmerksamkeit aufbringen. Diese fundamentalste menschliche Fähigkeit - die Fähigkeit, Acht zu haben - ist das menschliche Extra. Sie kann gestärkt werden, sodass wir uns der gewählten Arbeit und dem Spiel schöpferischer widmen und etwas von der vollständigen Hingabe des kleinen Kindes zurückgewinnen können.
In der westlichen Tradition ist oft auf die Notwendigkeit hingewiesen worden, die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit zu stärken. Im Phaidon deutet Platon in diese Richtung, wenn er Sokrates über das «Sammeln» der Seelenkräfte durch Philosophie sprechen lässt.¹
[...] sechs Aspekte der Aufmerksamkeit [...] Bisher waren sie bekannt als Gedankenkonzentration, Willensinitiative, Gleichmut, Positivität, Unvoreingenommenheit und Versöhnlichkeit.² Ich habe diesen sechs Übungen neue Namen gegeben: denken, handeln, fühlen, lieben, sich öffnen, danken - und sie unserer Zeit entsprechend ausgearbeitet.
Das sind viele Tätigkeitsworte. Ich benutze sie anstelle von Hauptworten wie «Gedankenkonzentration», um das Strömen der Aufmerksamkeit, ihren Verlaufscharakter hervorzuheben. Wie die Musik sind diese sechs Kategorien keine bleibenden Besitztümer oder Dinge. Sie existieren nur im Tun, im Moment ihrer Ausführung. In seinem kürzlich erschienenen Buch erklärt Rabbi David Cooper: «Gott ist ein Tätigkeitswort.»³ Nun, die genannten menschlichen Kategorien sind ebenfalls Verb-ähnlich und lebendig.
Wie das Spielen eines Musikinstrumentes erfordern auch diese Seelenkräfte Übung, wenn sie Bedeutung gewinnen sollen. Denken Sie bitte bei dem, was hier zu lesen ist, eher an ein musikalisches Notenbild als an eine Sammlung von Informationen. [...] Wenn die Kunstfertigkeit des Spielers wächst, tritt die Musik mehr zu Tage. Es liegt an uns, nicht nur aufzunehmen, sondern selbst und jedes Mal aufs Neue solche Übungen zu erfinden.
In gewissem Sinne sind die sechs Kräfte und die Übungen zu ihrer Förderung nur Steigerungen innerer Funktionen, von denen wir alle wissen, dass wir sie weiterentwickeln sollten. Wir alle könnten besser denken mit weniger Zerstreutheit, mehr Konzentration und mehr Erfindungsgabe. Wir alle haben Schwierigkeiten, unsere Absichten auszuführen (handeln). Wir alle hätten Vorteile, wenn wir unsere auf uns selbst bezogenen Gefühle nach außen lenken und die Welt fühlend verstehen könnten. Wenn wir aufrichtig sind, müssen wir uns eingestehen, dass wir stärker lieben könnten, um so das Gewicht unserer Aufmerksamkeit auf die Seite des Guten zu verlagern. Durch das Sich-Öffnen bzw. Unvoreingenommensein würden wir uns als empfänglicher erleben für die Intuitionen, die dieser Welt zugrunde liegen, und für jene, die noch darauf warten, von uns verwirklicht zu werden. Schon empfinden wir, dass danken uns mit der Quelle von allem Gegebenen vertraut macht.
¹ Platon, Phaidon, 67 C. Platon, Sämtliche Werke, hrsg. v. E. Loewenthal, Heidelberg: Lambert Schneider 1982.8. Bd. 1, S.744.
² Die 6 «Nebenübungen» [vgl. Mbl.21] hat Rudolf Steiner mehrfach dargestellt. Siehe dazu vor allem folgende Bände der im Rudolf Steiner Verlag, Dornach, erschienenen Rudolf Steiner Gesamtausgabe (= GA): Anweisungen für eine esoterische Schulung, Kapitel I «Allgemeine Anforderungen» Nebenübungen, Sonderausgabe GA 245 und Seelenübungen, GA 267, Band I.
³ David A. Cooper, God Is a Verb: Kabbalah and the Practice of Mystical Judaism, New York: Riverhead 1997.
aus «Finde dich neu»; S.7ff