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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Michael RÖSSNER zur
ERINNERUNGSKULTUR
STANDARD: Einer der wesentlichen Schwerpunkte des Instituts [a] ist Erinnerungskultur. Kürzlich haben junge Burschen in Ebensee gezeigt, dass Gedenken an die Vergangenheit auch heute noch provozieren kann. Was läuft falsch?
Rössner: Diese Aktionen sind ja absolut nichts Neues. Auch Hakenkreuzschmierereien hat es immer wieder gegeben. Das Problem ist, dass eine dominante kulturelle Erinnerungskultur immer zu einem gewissen Widerspruch verlockt, das hat auch mit dem Generationenproblem zun tun. Beispielsweise wird den Kindern in der Schule heute gesagt, welche rassistischen und sexistischen Bezeichnungen man nicht verwenden darf, mit dem Ergebnis, dass sie irgendwann absichtlich diese Ausdrücke benutzen. Das ist tatsächlich ein Problem der Erinnerungskultur. Das heißt, man muss überlegen, wie man antirassistisches und Shoah-Gedächtnis so transportieren und übersetzen kann, damit es nicht totalitär vereinnahmend wirkt und damit bei einer anderen Generation genau die Reaktion hervorruft, die man nicht haben will.
STANDARD: Wie kann man das erreichen?
Rössner: Wir hatten zum Beispiel ein Shoah-Projekt, bei dem man versuchte, zu verfolgen, was aus arisierten Alltagsgegenständen geworden ist. Oder Grätzelinitiativen, die sich fragen, wer aus ihren Wohnungen vertrieben wurde. Ich glaube nicht, dass wir die Problematik, dass rechte Netze heute viel einfacher aufgebaut werden können als früher und mittlerweile Sympathisanten dieser Bewegung in politischen Gremien sehr gut vertreten sind, mit einer verordneten Erinnerungskultur in den Griff kriegen können. Eher schon mit einer Art geistigem Guerillakrieg, mit kleinen Aktionen, mit Dingen, die in den Nahebereich gehen, die menschlich individuell identifizierbar sind und in einem konkreten Kontext stehen.
in »Der Standard« Mittwoch, 27.Mai 2009; S.14
a] Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte