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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Lera BORODITSKY zu
SPRACHTRICKS
Die Sprache beeinflusst auch, wie Menschen Ereignisse beschreiben - und wie gut sie sich daran erinnern, wer was getan hat. Vorgänge darzustellen ist stets kompliziert, selbst wenn sie nur Sekundenbruchteile dauern, denn wir müssen sie rekonstruieren und deuten. Nehmen wir als Beispiel den Jagdunfall, bei dem der frühere US-Vizepräsident Dick Cheney seinen Freund Harry Whittington verletzte. Man könnte sagen »Cheney schoss auf Whittington«, wobei Cheney die unmittelbare Ursache ist, oder »Whittington wurde von Cheney angeschossen«, wodurch Cheney etwas in den Hintergrund tritt, oder »Whittington bekam eine Schrotladung ab«, wobei Cheney ganz aus dem Spiel bleibt. Der Vizepräsident selbst sagte: »Letztlich bin ich derjenige, der den Abzug betätigte, welcher die Ladung abfeuerte, die Harry traf.« Damit stellt er eine lange Ereigniskette zwischen sich und das Resultat. Eine noch raffiniertere Reinwaschung gelang Präsident George Bush mit dem Ausspruch: »Er hörte eine Wachtel auffliegen, drehte sich um, drückte ab und sah, dass sein Freund verwundet war.« Der Satz verwandelt Cheney vom Täter zum bloßen Zeugen.
Unsere Öffentlichkeit läßt sich von solchen sprachlichen Tricks allerdings kaum beeindrucken, denn Passivkonstruktionen wirken ausweichend - typisch für Drückeberger und Politiker. Wir bevorzugen sogar für ein Missgeschick meist aktive Transitivkonstruktionen wie »Hans zerbrach die Vase«. Hingegen erwähnt man im Japanischen oder Spanischen den Verursacher eher ungern. Auf Spanisch sagt man lieber »Se rompió el florero«, was übersetzt heißt: »Die Vase zerbrach sich.«
in »Spektrum der Wissenschaft« 4/2012; S.32