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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Lera BORODITSKY zu
SPRACHE und DENKEN
Aber rufen nun Sprachunterschiede unterschiedliches Denken hervor - oder ist es eher umgekehrt? Wie sich zeigt, trifft beides zu: Unsere Denkweise prägt die Art, wie wir sprechen, aber der Einfluss wirkt auch in der Gegenrichtung. Bringt man Menschen zum Beispiel neue Farbwörter bei, verändert dies ihre Fähigkeit, Farben zu unterscheiden. Lehrt man sie, auf eine neue Weise über Zeit zu sprechen, so beginnen sie, anders darüber zu denken.
Man kann sich der Frage auch anhand von Menschen nähern, die zwei Sprachen fließend sprechen. Nachweislich ändern bilinguale Personen ihre Weltsicht je nachdem, welche Sprache sie gerade verwenden. Wie zwei Studien 2010 zeigten, hängen sogar grundlegende Vorlieben und Abneigungen von der Sprache ab, in der danach gefragt wird. [...]
[...] Anscheinend spielt die Sprache eine viel größere Rolle für unser geistiges Leben, als die Wissenschaftler früher annahmen. Selbst wenn Menschen einfache Aufgaben lösen - etwa Farbflecken unterscheiden, Punkte auf einem Bildschirm zählen oder sich in einem kleinen Raum orientieren -, brauchen sie die Sprache. Wie meine Kollegen und ich herausgefunden haben, sinkt die Fähigkeit, solche Aufgaben auszuführen, wenn man den Zugriff auf die Sprachfertigkeit einschränkt. Dies läßt sich bewerkstelligen, indem man die Versuchsperson zugleich mit einer anspruchsvollen verbalen Aufgabe wie dem Wiederholen einer Nachrichtensendung konfrontiert.
All diesen Forschungsergebnissen zufolge wirken die Kategorien und Unterscheidungen, die in speziellen Sprachen existieren, stark auf unser geistiges Leben ein. Was die Forscher »Denken« nennen, ist offenbar in Wirklichkeit eine Ansammlung linguistischer und nichtlinguistischer Prozesse. Demnach dürfte es beim Erwachsenen kaum Denkvorgänge geben, bei denen die Sprache keine Rolle spielt.
Ein Grundzug menschlicher Intelligenz ist ihre Anpassungsfähigkeit - die Gabe, Konzepte über die Welt zu erfinden und so abzuändern, dass sie zu wechselnden Zielen und Umgebungen passen. Eine Folge dieser Flexibilität ist die enorme Vielfalt der Sprachen. Jede enthält eine Art und Weise, die Welt wahrzunehmen, sie zu begreifen und mit Bedeutung zu füllen - ein unschätzbarer Reiseführer, den unsere Vorfahren entwickelt und verfeinert haben. Indem Wissenschaftler erforschen, wie die Sprache unsere Denkweise formt, enthüllen sie, wie wir Wissen erzeugen und die Realität konstruieren. Diese Erkenntnis wiederum hilft uns zu verstehen, was uns zu Menschen macht.
in »Spektrum der Wissenschaft« 4/2012; S.33
Die Götter der Sprache
«Das Menschlichste, was wir haben, ist doch die Sprache» schreibt Theodor Fontane. Tatsächlich: Was den Menschen groß macht, ist, dass er das Übersinnliche ins Sinnliche zu tragen vermag, und das geschieht nirgends so umfassend wie in der Sprache. Sie sei «die Kleidung des Geistes» schrieb der englische Dichter Samuel Johnson - «der Leib des Denkens» notierte Friedrich Hegel.
Was als Idee, Inspiration oder Ahnung jenseits von Raum und Zeit im Kopf ist - in der Sprache wird es zeitlich. Es beginnt, in die Zeit zu treten, zu leben, denn Leben bedeutet Zeitlichkeit. Sprechen ist eine fortwährende Geburt, eine Geburt des Geistigen in die Zeit. Das kann die Sprache, weil sie alles enthält, was Zeit ausmacht: Melodie und Rhythmus, Fluss und Pause, Ruhe und Geschwindigkeit. Und sie bezahlt all dieses Können nicht anders als der Granit, die Rose oder das Pferd mit Altwerden.
Zur Sprache gehört, dass sie sich abnutzt, mit jedem Mal etwas weniger vermag, den Geist zu bannen. Mit Wörtern wie ‹sehr› und ‹für immer›, ‹zutiefst› und ‹hoch› versuchen wir, diese Erosion aufzuhalten, und entdecken das Menschlichste an der Sprache selbst: Wir Menschen vermögen, das Alt- und Blasswerden der Worte, ihren langsamen Tod durch den unentwegten Gebrauch zu wenden:
Mal ist es das Glück des Augenblicks, mal das Gewicht eines langen Lebens, mal ein Schmerz und am häufigsten eine Zeit sprachlicher Abstinenz, eine Zeit des Verstummens, aus der es gelingt, einem so alt und müde gewordenen Wort frisches Leben einzuhauchen. Dann wird die Sprache, die so oft den Geist zur Welt brachte, selbst zur Welt gebracht.
Wolfgang Held
in »Das Goetheanum« 10·2013; S.16