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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Wolfgang HELD zur
FREUNDSCHAFT
Mit der Flächenformel a² + b² = c² [eigentl. 3²+4²=5²], dem berühmten «Satz des Pythagoras», hat sein Namensgeber einen der elementarsten und wohl auch schönsten Sätze der Mathematik aufgestellt - und es gibt wohl niemanden, der in seiner Schullaufbahn diesem Zusammenhang von Dreieck und Quadrat nicht begegnet wäre.
Als «Satz des Pythagoras» sollte aber vermutlich ein anderer Gedanke des großen Gelehrten gelten, denn das ganze Werk, von dem nichts Schriftliches erhalten blieb, ist von einer Idee durchzogen: dem harmonischen Miteinander der Dinge und Wesen.
Pythagoras gilt als einer der Gründungsväter der [abendländischen] Philosophie, der Kunst des Denkens, und es gehört zur Entwicklung des menschlichen Geistes, dass gerade in dem Moment, in dem das Denken seinen Aufstieg feierte, als analytisches und wissenschaftliches Kalkül den inneren Bruch in die Welt herbeiführte, Pythagoras von der Harmonie philosophierte. Und ebenso gehört zur geheimnisvollen Struktur der geistigen Entwicklung des Menschen, dass 800 Jahre später einer der letzten griechischen Philosophen, Jamblichos, ein Lebens- und Ideenbild von Pythagoras entwirft und somit Morgen- und Abendröte des griechischen Denkens mit der Idee der Harmonie verbunden sind.
Nicht weit von Aleppo, der geschichtsreichen Handelsstadt in Syrien, die jetzt im syrischen Krieg in Schutt und Asche gelegt wird, lebte Jamblichos und schrieb auf, was über Pythagoras erzählt wurde, stimmte zum Ausklang der griechischen Kultur einen Hymnus auf deren pythagoräischen Anfang. Es ist ein Hymnus, der zugleich ein Hymnus auf die Freundschaft ist, auf die Freundschaft als universelles Prinzip des Daseins: «In herrlicher Klarheit lehrte Pythagoras die Freundschaft aller mit allen: Freundschaft der Götter mit den Menschen durch Frömmigkeit und wissende Verehrung, Freundschaft der Lehren untereinander und überhaupt Freundschaft der Seele mit dem Leibe, Freundschaft des Vernunftbegabten mit den Arten des Vernunftlosen durch Philosophie und die ihr eigene geistige Anschauung, Freundschaft der Menschen untereinander, Freundschaft unter Mitbürgern durch Gesetzestreue, die den Staat gesund erhält, Freundschaft Verschiedenstämmiger durch richtige Naturerkenntnis, Freundschaft zwischen Mann und Frau, Kindern, Geschwistern und Hausgenossen, Freundschaft des sterblichen Leibes in sich selbst, Befriedung und Versöhnung der einander entgegenwirkenden Kräfte, die in ihm verborgen sind. Dass in all diesen Dingen der Name ‹Freundschaft› ein und derselbe ist, hat Pythagoras entdeckt und festgelegt.»
So wenig man heute «Frömmigkeit» und «Gesetzestreue» mit Freundschaft verbindet, weil Freundschaft immer gegenseitige Freundschaft ist, so ist die pythagoräische Freundschaftsidee doch ein weiter Wurf. Eine Freundschaft mit Göttern durch «wissende Verehrung» führt zu einer Theologie der Freundschaft. Eine Freundschaft der Lehren untereinander ist eine Philosophie der Freundschaft durch wechselseitiges Anerkennen und Erkennen der Ideen. Und schließlich ist eine «Freundschaft Verschiedenstämmiger durch richtige Naturerkenntnis» eine Ökologie der Freundschaft. Die heutige Ökologie hat längst begonnen, sich von dem Diktum Charles Darwins, dass der Kampf ums Dasein das Leben bestimme, zu befreien und Kooperation und Zusammenarbeit als evolutionäre Kraft zu entdecken.
Dieser andere, dieser eigentliche Satz des Pythagoras, dass Freundschaft als die geistige Form der Beziehung das Leben bestimmt, sollte deshalb nicht anders als seine geometrische Entdeckung in die ersten Kapitel der Schulbücher kommen.
in »a tempo« märz|2014; S.23