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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Robert MENASSE zu
EUROPA HEUTE
Europäisches Bewusstsein bedeutet heute genau das nicht: eine radikal kollektive Identität zu haben: gemeinsame Sprache, Ethnie, Religion, und der Glaube daran, Teil einer Schicksalsgemeinschaft zu sein, die sich gegen andere behaupten müsse. Europäisches Leben und europäische Entwicklung ist vielmehr die Befreiung von diesen letztlich vormodernen Selbstdefinitionen, die im Grunde ein Wir-Gefühl herstellen, das andere ausgrenzt und jederzeit aggressiv werden kann: Ich bin Christ, kein Jude und kein Moslem. Oder: Ich bin Deutscher und kein Franzose oder Grieche. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass just diese Definition von Identität zu den brutalsten Kriegen und zu den größten Menschheitsverbrechen geführt hat. Das Europa, das aus dieser Erfahrung heraus entsteht, ist ein Angebot an die Menschen, Unterschiede und Vielfalt als Reichtum anzuerkennen und als Vermehrung von Lebenschancen zu erleben, auf der Basis von Gemeinsamkeiten, auf die sich wirklich alle vernünftigerweise einigen können: Anerkennung der Menschenrechte, Demokratie, Rechtszustand, Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit.
So abstrakt das klingt, es hat doch sehr konkrete Auswirkungen auf das Leben jedes Einzelnen. Allerdings haben Sie recht: Ein Deutscher fühlt sich als Deutscher und nicht als Grieche. Andererseits kann mir kein Deutscher erklären, welche Erwartungen, Ansprüche und Hoffnungen in Hinblick auf ein geglücktes Leben er als Deutscher haben kann, die sich gänzlich von denen eines Menschen vom Peloponnes oder aus dem Alentejo unterscheiden - so, dass er sagen kann: Das will ich vom Leben, und das kann ein Grieche oder ein Portugiese nicht verstehen. Lebenschancen? Sicherheit? Rechtszustand? Politische Partizipationsmöglichkeiten? Wir können alle menschlichen Ansprüche durchgehen, wir werden kein nationales Spezifikum finden, das eine deutsche Sonderverfassung legitimieren würde. Sprache? Nimmt ihm ja keiner. Kultur? Mentalität? Wird ihm ja nicht verboten. Er will Anerkennung, Würde, Wohlstand? Mache es mit deiner Mentalität! Aber akzeptiere, dass Menschen mit anderer Sprache, anderer Mentalität genau dasselbe wollen. Diese Anerkennung ist heute die europäische Idee! Darauf kann man sich doch ohne alle Ressentiments einigen! Das wiederum klingt so simpel, aber genau das ist in einer Welt der aggressiven Nationalstaaten heute die europäische Revolution.
Utopie heißt Nirgendwo. Aber das Europäische Projekt entwickelt sich, wenn auch in kleinen Schritten und gegen mannigfaltige Widerstände und mit vielen Fehlern, ganz real seit über sechzig Jahren an einem konkreten Ort, nämlich auf unserem Kontinent. Und diese Entwicklung macht etwas mit uns, mit jedem Einzelnen. Die Generation, die mit den offenen Grenzen des Schengen-Raums aufwächst, mit dem Binnenmarkt und dem Euro, tickt anders als die Generationen davor. Es ist, wie gesagt, ein Prozess, aber er ist konkret. [...] In den USA wurde ich definitiv zum Europäer. Ich fand Amerika so rückständig. Fortschritt definiert sich ja nicht nur über technologische Entwicklungen, sondern wesentlich über den Fortschritt im Geist der Freiheit. Freiheit ist in den USA eine schöne Ideologie, aber sie ist einbetoniert in Nationalismus, religiöse Bigotterie und formal freundliche Ignoranz gegenüber einer Welt, über die Hegemonie beansprucht wird. Dort ist mir auch aufgefallen: Europa ist der einzige selbstkritische Kontinent.
[...]
Ja, und zu unserer Geschichte, die auf die ganze Welt ausgestrahlt hat, gehören eben die größten Verbrechen und Kriege, aber andererseits auch die Aufklärung, die Idee der universalen Menschenrechte, die Demokratiegeschichte. Die EU ist die Konsequenz, die aus den Kriegen und Verbrechen gezogen wurde, zugleich der Anspruch, das Uneingelöste der Aufklärung endlich einzulösen. Europäer verarbeiten Geschichte. Das gehört zur europäischen Identität. Europäer müssen ja nicht stolz darauf sein. Kollektiver Stolz hat doch etwas Gespenstisches. [...] Die historische Lehre war: Wenn wir nachhaltigen Frieden auf diesem kriegsverwüsteten Kontinent schaffen wollen, dann nützen Friedensverträge nichts. Wir müssen den Nationalismus überwinden. Wie machen wir das? Wir bringen die Nationen dazu, nationale Souveränitätsrechte nach und nach an supranationale Institutionen abzugeben, bis die Nationen irgendwann einmal absterben. Das ist eine kühne, radikal aufgeklärte Idee. Das und nichts anderes ist die Idee der EU! [...] Was als Lehre aus der Geschichte hier entstanden ist, ist nicht nur sinnig im Licht der Geschichte, sondern heute auch die beste Reaktion auf die globalen Anforderungen: Alles, aber wirklich alles, was heute unser Leben bestimmt, geschieht transnational: die Wertschöpfung, die Finanzströme, die Kommunikation, die Kultur, die Ökologie als Problem und als Wirtschaftsfaktor, alles. Das heißt: Europa garantiert heute nicht nur Frieden zwischen ehemals verfeindeten Nationen, Europa hat auch nach sechzigjähriger Erfahrung mit transnationaler Entwicklung einen globalen Wettbewerbsvorteil gegenüber allen Nationalstaaten, auch wenn diese sogenannte Weltmächte sind.
in »a tempo« januar|2014; S.7ff